1 || Kyren || Gegenwart | Eis, Stahl und Geschwindigkeit

Mich beim Skaten auszupowern, hat mir schon immer gegen jede Art von Kummer und Sorgen geholfen. Gegen Wut. Gegen Minderwertigkeitsgefühle, Schuldbewusstsein, Einsamkeit und all den destruktiven Mist.
Selbst wenn mir kein Stadion der Welt jemals das Gefühl geben kann, das mir der zugefrorene Teich in Silvery Falls damals vermittelt hat, ist die frisch bearbeitete Platte doch alles, was ich mir an diesem eisigen Dezembermorgen wünschen kann. Eine letzte, kurze Zuflucht vor dem, was mir in den nächsten Tagen bevorsteht. Mehr als Eis, Stahl und Geschwindigkeit braucht es nicht, um meinen Kopf leerzufegen und zu mir selbst zu finden. Leider hilft es nur für eine Weile.
Das Eis knirscht unter meinen Kufen, das graue Licht des Wintermorgens fällt durch die hohen Fenster im oberen Teil der Halle und wirft helle Streifen auf die mit blauen und roten Linien bemalte weiße Fläche. Ich treibe mich härter an, jage den Puck vor mir her, als wären es all die schlechten Gefühle, die der Gedanke an meine Heimatstadt und gewisse Teile meiner Familie in mir auslösen. Ich schieße, doch das schwarze Scheibchen hämmert genau gegen die Latte und klatscht zurück auf den Boden. In der Leere hallt das Geräusch sekundenlang nach.
Eiskristalle spritzen auf, während ich scharfe Kurven ziehe. Die Anstrengung treibt mir den Schweiß auf die Stirn, die kalte Luft brennt in meinen Lungen. Ein weiterer Schuss. Diesmal geht der Puck knapp am Tor vorbei und prallt von der Bande ab. Ich fange ihn mit der Schaufel auf. Der Bewegungsablauf ist reiner Reflex, so tief in meinem Muskelgedächtnis verankert wie das Atmen.
Ich fluche leise, als sich mein Knie mit diesem dumpfen, tiefsitzenden Ziehen bemerkbar macht, das mich dummerweise immer wieder daran erinnert, dass mein Körper nicht unzerstörbar ist. Dass meine Karriere, mein Sport, die einzige Sache, in der ich wirklich gut bin, in letzter Zeit auf ziemlich wackligen Grundmauern steht. Ich beiße die Zähne zusammen und ignoriere das Problem für heute. Ignorieren kann ich verdammt gut. Man muss sich nur auf andere Dinge konzentrieren. Auf das rhythmische Geräusch der Kufen, auf den brennenden Schmerz in den Oberschenkeln, auf einfach alles, nur nicht auf diesen schwachen Punkt, diese Verletzlichkeit.
Die Gummimatten federn bei jedem meiner Schritte unter meinen Kufen, während ich mit glühenden Muskeln aus der Kälte der Halle in die leere Umkleidekabine stapfe.
Es ist niemand da, was den ungewöhnlich zitronig-frischen Duft erklärt, denn normalerweise hängt nach den Trainings oder den Spielen ein überwältigender Geruch von Schweiß, Leder und überbeanspruchten Deos schwer in der Luft. Ich lasse mich auf die Holzbank fallen und strecke die Beine vor mir aus.
»Du bist ja auch noch da.« Marcus steht wie angewurzelt in der Tür zur Kabine, seine Sporttasche geschultert, und mustert mich mit einem kritischen Blick.
»Da bin ich anscheinend nicht der Einzige.«
Ich grinse unseren Kapitän an, der nachdenklich mit der Hand durch sein immer schütterer werdendes Haar fährt. So langsam sollte er darüber nachdenken, ob er sich ein Beispiel an Vin Diesel nimmt und sich die kläglichen Reste abrasiert.
»Gibt’s Probleme zu Hause? Oder warum bist du noch nicht in den Weihnachtsurlaub gestartet?« Seine Augen verengen sich zu forschenden Schlitzen, und wieder einmal verfluche ich den Umstand, dass er mir als einer der wenigen meine Gefühlslage mit einem Blick vom Gesicht ablesen kann. Egal, für wie wasserdicht ich meine Maske halte.
Ich wische mir mit dem Unterarm über die Stirn. »Das Gepäck ist schon im Auto. Geht gleich los, sobald ich geduscht habe.« Ich versuche, wenigstens einen Hauch von Begeisterung in meine Stimme zu legen, doch das misslingt. Es stimmt, das Gepäck ist im Wagen, nur die Motivation, loszufahren, fehlt mir gründlich. »Und bei dir so? Warum bist du nicht zu Hause bei Frau und Kids und den letzten Weihnachtsvorbereitungen?«
Mein Ablenkungsversuch ist kläglich, dennoch steigt Marcus darauf ein und verdreht die Augen, was mir verrät, dass die Laune unseres Centers noch schlechter ist als ich angenommen habe. Er lässt sich nur selten zu solchen Gefühlsausbrüchen hinreißen. Erneut rauft er sich die Haare, und mir kommt ein Verdacht, was ein Grund für seine schwindende Haarpracht sein könnte.
»Das reinste Irrenhaus, glaub mir. Seit meine Schwiegereltern gestern Abend angekommen sind, ist es zu Hause nicht mehr auszuhalten. Herzensgute Leute, echt, aber sie mischen sich überall ein. Ob die Kinder warm genug angezogen sind, ob wir den richtigen Bio-Truthahn bestellt haben, ob der Christbaum die optimale Nadeldichte aufweist ... Ich bin geflüchtet, mit der Ausrede, dass ich noch ein paar Besorgungen machen muss. Aber ehrlich gesagt brauche ich einfach ein bisschen Abstand, und den kriegt man nirgends besser als auf dem Eis.«
Ich nicke bestätigend. Der Mann weiß einfach, wovon er spricht.
Er zieht seine Tasche von der Schulter und lässt sich auf seinen Platz auf der Bank fallen. »Was macht das Knie, Kensington?«, fragt er beiläufig, während er seine Ausrüstung zutage fördert, dann den Kopf hebt und mir mit seinem durchdringenden, röntgenartigen Analyseblick aufmerksam in die Augen sieht.
»Alles bestens, Captain.« Ich weiche seinem Blick nicht aus. Wenn du lügst, muss das Pokerface perfekt sitzen, und meines passt schon seit langer Zeit wie angegossen. »Und du? Was macht die Schulter?«, frage ich gleich darauf, um allen möglichen Rückfragen zuvorzukommen.
»Alles bestens.«
Wir grinsen uns an. Marcus und ich sind beide gute Lügner, weshalb wir uns gegenseitig auch so leicht durchschauen. Vielleicht funktionieren wir deshalb so perfekt zusammen auf dem Eis.
»Cool.«
Ich stelle einen Fuß auf die gummibezogene Bank, entwirre meine Schnürsenkel und befreie meine schwitzigen Füße aus ihrem Gefängnis. Die Haarsträhnen, die in meiner Stirn kleben, wische ich mit dem Handrücken beiseite. Eigntlich müsste ich mich beeilen, wenn ich pünktlich zum Abendessen in Silvery Falls sein will.
»Du bist nicht sehr scharf darauf, nach Hause zu fahren, oder?«
Fuck. Offensichtlich habe ich ein paar Momente zu lange teilnahmslos ins Leere gestarrt, denn der Mann mir gegenüber hat mich direkt durchschaut. Wie immer. Ich zucke mit den Schultern.
»Der andere kommt dieses Jahr auch.«
Er nickt langsam. »Aha, daher weht der Wind. Mommys und Daddys Liebling kommt nach Hause.«
Scheiße. In einer schwachen, alkoholgeschwängerten Stunde nach einer Niederlage habe ich ihm mal etwas von der Rivalität mit meinem Bruder erzählt. Mehr, als ich je zuvor jemandem erzählt habe. Und er hat sich jedes einzelne Wort gemerkt. Innerlich verfluche ich mich für diesen Moment der Schwäche.
Marcus gibt ein tiefes Seufzen von sich. »Wie viele Millionen hat er denn mittlerweile mehr auf seinem Konto als du? Zwanzig? Dreißig?«
Dass Marcus Salz in eine Wunde streut, über deren Ausmaße er keine Ahnung hat, ist okay. Was jedoch nicht okay ist, ist die Tatsache, dass das Gefühl der Eifersucht auf den großen Kellan Kensington auch nach vierundzwanzig Jahren nichts an seiner Schärfe verloren hat. Außer mir ist sich in meiner Familie niemand darüber bewusst, in welchem Schatten ich mein Leben lang gestanden habe.
»Kellan ist keine Konkurrenz für mich«, lüge ich in mein Schulterpolster, dessen Klettverschluss ich gerade löse. »Völlig egal, ob er den Stanley-Cup gewonnen hat und mehr verdient als ich.«
Meine Worte sind so falsch, dass mir fast schlecht wird. Solange ich zurückdenken kann, war Kellan meine Messlatte. Der Grundpfeiler all meiner Selbstzweifel. Schon als ich acht Jahre alt war und mit den anderen auf dem Teich hinter dem Haus übers Eis gejagt bin, haben die Erwachsenen ihre Sprüche geklopft.
Kyren ist gut. Der Junge kann skaten. Aber er hat nicht die Gabe seines Bruders.
Solche und ähnliche Sätze kamen immer. Und sie waren nie leise genug, um sie zu überhören. Egal, wie sehr ich es versucht habe, egal, wie gut ich im Laufe der Jahre wurde, die Leute sagen es noch heute.
Mein Bruder ist und bleibt der perfekte Sohn. Er war in der Schule immer bei den Besten, hat nie Dummheiten gemacht, ist nie ausgerastet, hat makellose Manieren und sagt immer das Richtige. Ich bin der andere. Der, der Schlägereien suchte, auf dem Eis oder sonst wo, der zu wenig für die Schule machte und immer gerade so versetzt wurde, und der die Regeln brach, nur um zu sehen, wie weit er gehen konnte. Während mein Vater Kellan mit stolzem Leuchten in den Augen und wohlwollendem Lächeln bedachte, traf mich immer nur sein eisiger, abschätziger Blick. Ich konnte niemals gut genug sein. Bis heute nicht.
»Reiß dich für die paar Tage bloß zusammen und tu ihm nichts an, Kensington. Warte einfach ab, bis wir wieder auf dem Eis auf ihn treffen. Da kannst du ihm zeigen, wo der Hammer hängt. Hinter Gittern nützt du uns nichts.« Marcus grinst ein breites Fieslingsgrinsen.
Das ist Marcus’ Lösung für alles. Es auf dem Eis ausfechten. Und meistens hat er damit recht. Auf dem Eis bin ich jemand anderes. Da bin ich stark. Da habe ich die Kontrolle. Da kann ich Kellan besiegen. Zumindest manchmal.
»Keine Gefahr. Trotz allem ist der Kerl immer noch mein Bruder.«
Abgesehen davon habe ich in dieser einen wichtigsten Sache den Vorzug vor ihm bekommen. Wahrscheinlich war das das einzige Mal in meinem Leben, dass mein Bruder mich beneidet hat. Und vielleicht hat es ihn sogar dazu gebracht, mich zu hassen, falls er das nicht ohnehin schon getan hat.
Allein der Gedanke daran versetzt mir einen fiesen Stich in der Herzgegend, und meine Schultern sacken nach vorn. Eigentlich weiß ich ganz genau, weshalb ich mir strengstens verboten habe, jemals wieder an sie zu denken. Zuhause ist das immer besonders schwierig. In den nächsten Tagen wird es sich also kaum vermeiden lassen.
»Alter, geht’s dir gut?«
»Klar.« Ich schüttle den Kopf, um die schmerzhaften und unnützen Erinnerungen an etwas zu vertreiben, das ich niemals haben kann. Langsam wie ein alter Mann stehe ich auf, um meine Montur im Spind zu verstauen. »Ich geh duschen.«
Marcus verzieht das Gesicht zu einer seltsamen Grimasse. »Du solltest das endlich klären, Kyren. Deine vertrackten Familienverhältnisse. Auf Dauer spielt man nicht gut mit ständiger Wut und Enttäuschung im Bauch.«
»Du vielleicht. Mich heizt Ärger erst richtig an«, blaffe ich, angefasster, als mir lieb ist. Es gibt keine Chance, da irgendetwas zu klären. Das, was mich wirklich seit Jahren belastet, ist verdammt noch mal nicht zu ändern.
Marcus runzelt die Stirn, sagt aber nichts mehr dazu. Vielleicht, weil er weiß, dass ich recht habe. Man braucht ein gewisses Level an Aggression und Adrenalin, um sich in den Zweikämpfen auf dem Eis zu behaupten. Um richtig einzusteigen und den Gegner fertigzumachen. Das ist vielleicht das Eine, was mich trotz des ewigen zweiten Platzes in der familieninternen Rangliste zu einem der besten Verteidiger der Liga macht.
»Ja, geh duschen, Kensington. Du kannst es nicht ewig rauszögern.«
Ausgepowert schlurfe ich zum Duschraum, und er wirft mir ein »Frohe Weihnachten« hinterher. Ich hebe die Hand, ohne mich umzudrehen.
»Dir auch, Cap.«
Als ich aus der Dusche komme, ist Marcus bereits auf dem Eis und erspart uns damit rührselige Abschiedsworte. Auf dem Weg zum Ausgang schiebe ich einen Hunderter in die Jackentasche unseres Hausmeisters Stan, der auf einer Leiter im breiten Flur steht und an einem Notausgangsschild herumschraubt. Diesmal bleiben mir die guten Wünsche nicht erspart, aber womöglich kann ich sie ja ganz gut gebrauchen.
Eiskalte Luft schlägt mir entgegen und während ich zu meinem schwarzen Jeep marschiere, der einsam und verlassen auf dem Parkplatz steht, bilden sich bereits kleine Kristalle in meinen noch leicht feuchten Haaren. Ich klettere auf den Fahrersitz und bin froh, nicht lange genug im Stadion gewesen zu sein, um jetzt auch noch das Auto freikratzen zu müssen.
Es ist bereits nach zehn Uhr, und die Chancen, dass ich pünktlich zum Abendessen in Silvery Falls eintreffe, liegen bei unter zwanzig Prozent. Gut, wozu sich selbst belügen? Eigentlich gehen sie eher gegen null.
Einen Moment lang sitze ich nur da, die Hände auf dem Lenkrad, und starre auf das Stadion vor mir, ohne es wirklich zu sehen. Dann starte ich den Wagen, und das Radio springt an. Die wütende Stimme irgendeines Sängers füllt den Innenraum.»I’m the evil that lurks in the night, afraid of nothing, ’cept the light ...«
Wie verdammt passend.