The Girl Beneath the Sea
Sie wachte auf und musste sich vor Salz übergeben.
Einen schrecklichen Moment lang dachte sie, sie würde immer noch ertrinken. Sie fuhr ruckartig hoch und hustete heftig, während sie sich eine Hand auf die Brust presste und mühsam nach Luft rang. Alles tat weh. Ihr Hals, ihre Rippen, ihr Hinterkopf. Ihr Kleid klebte an ihr, vollgesogen mit Meerwasser und so kalt, dass sie am ganzen Körper zitterte.
Dann sah sie auf.
Und vergaß, wie man atmet.
Ein Ozean hing über ihr.
Dunkles Salzwasser drückte gegen eine gewölbte Decke aus dickem Glas und verwandelte den Tunnel über ihr in einen schwarzen, wogenden Himmel. Bernsteinfarbene Lichter leuchteten schwach an den Wänden und dem Boden; ihre Spiegelungen zitterten in der See über ihr. Schatten glitten durch das Wasser – große, lautlose Formen, die verschwanden, bevor sie begreifen konnte, was sie waren.
Sie erstarrte.
Der Tunnel zog sich in beide Richtungen, lang und dämmrig, seine Wände glatt vor Feuchtigkeit. Rostige Rohre verliefen an einer Seite. Irgendwo vor ihr tropfte stetig Wasser. Die Luft roch nach Salz, Metall und nassem Stein.
Wo bin ich?
Die Frage kam zuerst.
Die zweite war schlimmer.
Wer bin ich?
Sie suchte nach einer Antwort und fand nichts.
Kein Name. Kein Gesicht. Keine Erinnerung an ein Zuhause. Kein Grund, warum sie unter einem Ozean in einem Glastunnel lag. Ihr Verstand bot ihr nur Leere, und unter dieser Leere, Panik.
Dann sah sie eine Bewegung.
Am anderen Ende des Tunnels tauchten drei Gestalten in gelben wasserdichten Anzügen aus dem schummrigen Licht auf. Ihre Gesichter waren hinter dunklen Visieren verborgen. Sie bewegten sich mit der ruhigen, geübten Gelassenheit von Leuten, die ihre Arbeit nur zu gut kannten.
Sie schleppten lange Bündel, die in schwarzes Tuch gewickelt waren.
Zuerst weigerte sich ihr Verstand zu begreifen, was sie da sah.
Dann stieß eines der Bündel gegen eine Fuge im Boden und rollte leicht.
Das Tuch spannte sich eng über die Form darunter.
Eine Schulter.
Die stumpfe Wölbung eines Schädels.
Ein menschlicher Körper.
Ihr Schrei hallte durch den Tunnel.
Die Taucher hielten inne.
Der Größte von ihnen ließ das Seil in seiner Hand los und sah sofort auf. Selbst aus der Entfernung, gesichtslos hinter dem schwarzen Visier, wirkte seine Aufmerksamkeit scharf und unmittelbar.
Dann kam er auf sie zu.
Langsam. Vorsichtig.
Sie rannte.
Ihre nackten Füße klatschten auf den kalten Metallboden. Ihr nasses Kleid verhedderte sich um ihre Knie, aber sie zwang sich vorwärts. Die bernsteinfarbenen Lichter verschwammen. Über ihr wogte das Meer in langsamen, erdrückenden Wellen.
Hinter ihr erklang das stetige Aufstampfen von Stiefeln.
Nicht gehetzt.
Nicht panisch.
Sicher.
„Bleibt weg von mir!“, schrie sie mit brüchiger Stimme. „Fasst mich nicht an!“
Es kam keine Antwort.
Nur die Stiefel, die den Abstand verringerten.
Der Tunnel machte unerwartet eine Kurve. Sie rutschte auf dem nassen Boden aus und knallte mit der Schulter gegen die Wand. Schmerz schoss durch ihren Arm. Sie stieß sich ab und lief weiter, nun halb stolpernd.
Eine behandschuhte Hand packte ihr Handgelenk.
Sie schrie auf und wand sich heftig, kratzte an dem dicken Gummihandschuh und versuchte, sich loszureißen. Der Taucher hielt sie mühelos fest, stark genug, um sie ohne Anstrengung zu stoppen, aber er warf sie nicht zu Boden und zerrte sie nicht zurück. Er hielt sie nur aufrecht, während sie kämpfte.
„Lass mich los!“
Er hob seine freie Hand, die Handfläche nach außen.
Beruhig dich.
Das konnte sie nicht.
Er sagte etwas, doch die Worte drangen nur dumpf durch seinen Helm, leise und verzerrt. Sie verstand kein Wort.
Dann blickte er über die Schulter zurück und gab den anderen ein Zeichen.
Einer der anderen Taucher eilte an ihnen vorbei zu einer Stahltür, die in der Tunnelwand eingelassen war. Ein Tastenfeld leuchtete grün. Das Schloss öffnete sich mit einem Zischen und warme Luft strömte in den Korridor.
Der große Taucher lockerte seinen Griff und legte die Hand an ihren Ellbogen.
Kein Zerren.
Ein Führen.
Das machte ihr auf eine andere Art Angst.
Sie riskierte einen Blick zurück.
Da lagen nun vier Leichensäcke auf dem Boden des Tunnels, dunkel vor Meerwasser. Einer hatte sich so verschoben, dass man die Form eines Kopfes unter dem Stoff deutlich erkennen konnte. Ein anderer war über der Brust dunkler verfärbt. Als ein Sack zur Seite gezogen wurde, rollte das tote Gewicht im Inneren mit einer grauenhaften Schlaffheit hin und her.
Ihr Magen drehte sich um.
Der Taucher hielt inne und wartete, bis sie wieder stehen konnte.
Dann führte er sie durch die offene Tür.
Sie hasste es, dass sie es zuließ.
Der Raum dahinter war hell, was nach dem Tunnel in den Augen schmerzte. Stahltische standen unter Hängelampen. Bänke, Seile, Laternen und Tauchausrüstung säumten die Wände. Wasser floss durch Abflüsse im Boden ab.
Und auf der anderen Seite des Raumes lagen noch mehr Körper.
Einige waren in schwarze Stoffbeutel versiegelt, wie die im Tunnel. Andere waren geöffnet worden. Sie sah einen blassen Fuß, grau vor Kälte. Nasses Haar, das aus zerrissenem Stoff quoll. Eine Hand, die still dalag, mit halb eingerollten Fingern.
Sie blieb wie angewurzelt stehen.
Der Taucher neben ihr fing sie auf, bevor ihre Knie nachgaben.
Über den Tragen hingen Reihen dunkler Holztafeln, in die Namen geschnitzt waren.
Dutzende.
Vielleicht Hunderte.
Ein Ort für die Toten.
Eine Frauenstimme ertönte tiefer aus dem Raum. „Ist sie wach?“
Einen Moment später trat eine Frau mittleren Alters in einem Ölzeugmantel in ihr Blickfeld. Ihr Gesicht war von Falten und vom Wetter gezeichnet; es war die Art von Gesicht, die gelernt hatte, Kummer zu tragen, ohne viel davon zu zeigen. Sie sah zuerst den Taucher an.
Dann sah sie zu dem Mädchen.
Etwas in ihrem Gesichtsausdruck veränderte sich.
Kein Schock.
Eher so etwas wie Entsetzen.
„Sie sollte nicht stehen“, sagte die Frau.
Das Mädchen fand ihre Stimme wieder. „Was ist das hier für ein Ort?“
Die Frau antwortete nicht. Sie kam näher, langsam und vorsichtig, als würde sie sich einem verletzten Tier nähern.
„Kannst du mir deinen Namen sagen?“
Die Frage traf sie wie ein Schlag.
Das Mädchen öffnete den Mund.
Nichts kam heraus.
Kein Name. Nicht einmal ein Anhaltspunkt.
Das Gesicht der Frau spannte sich an. „Du erinnerst dich nicht.“
Es war keine Frage.
Das Mädchen schüttelte den Kopf.
Die Angst stieg wieder in ihr auf, schärfer als zuvor, weil sie nun Konturen bekam. Leichen. Fremde Menschen. Ein Raum unter dem Meer. Keine Erinnerung.
„Wer seid ihr?“, fragte sie fordernd. „Warum bin ich hier?“
Bevor die Frau antworten konnte, ertönte über ihnen ein Horn.
Tief. Langgezogen. Klagend.
Der ganze Raum veränderte sich augenblicklich.
Einer der Taucher fluchte und griff nach frischen Laternen. Die Frau drehte sich zu einem Regal um und zog Handschuhe an. Der große Taucher neben dem Mädchen ließ ihren Arm los und wandte sich zur Tür.
„Was ist das?“, fragte das Mädchen.
„Das Bergungshorn“, sagte die Frau.
Das Mädchen runzelte die Stirn. „Bergung von was?“
Die Frau zog den zweiten Handschuh an. „Einem weiteren Leichnam.“
Die Worte schienen den Raum leer und kalt werden zu lassen.
Ein weiterer Leichnam.
Das bedeutete, dass das oft vorkam.
Das Mädchen sah sich wieder um – die Krankentragen, die Schilder, die Leichensäcke, das Meerwasser, das immer noch durch die offene Tür tropfte.
„Das ist ein Leichenschauhaus“, flüsterte sie.
„Nein“, sagte die Frau. „Eine Bergungsstation. Die Taucher bringen die Ertrunkenen durch die unteren Tunnel. Dann bringen wir sie nach Hause.“
Hause.
Das Wort drehte sich schmerzhaft in ihrem Inneren um.
Der große Taucher hatte sich halb zur Tür gedreht, als sie das Blut an seinen Handschuhen bemerkte, das dunkel in den Nähten des gelben Gummis eingetrocknet war.
Er folgte ihrem Blick.
Zum ersten Mal zögerte er.
Dann hob er die Hände und öffnete die Verschlüsse an seinem Hals.
Die Frau sah ihn scharf an. „Arin –“
Zu spät.
Er nahm den Helm ab.
Nasses, schwarzes Haar klebte an seiner Stirn. Er war jünger, als sie erwartet hatte, vielleicht nur ein paar Jahre älter als sie selbst. Sein Gesicht war schmal und blass, gezeichnet von einer dünnen Narbe durch eine Augenbraue. Seine Augen waren grau-blau, wie Meerwasser unter Gewitterwolken, und schwer vor Erschöpfung.
Er sah nicht grausam aus.
Er sah völlig fertig aus.
„Du wurdest im unteren Glastunnel gefunden“, sagte er. Seine Stimme klang ohne den Helm tief und rau. „Alleine.“
Sie starrte ihn an.
„Über dem Graben gab es Wrackteile“, fuhr er fort. „Holz von einem Mast. Zerbrochene Kisten. Segeltuch.“
Etwas riss in ihrem Geist auf.
Dunkles Wasser.
Splitterndes Holz.
Wind, der über die Wellen heulte.
Eine Stimme, die schrie –
Sie japste nach Luft und taumelte rückwärts; eine Hand schoss zu ihrer Schläfe. Die Bilder verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren, und ließen nur Schmerz zurück.
Arin machte einen Schritt auf sie zu, hielt dann aber inne. „An was hast du dich erinnert?“
„Ich weiß es nicht“, flüsterte sie. „Ich weiß es nicht.“
Das Horn ertönte erneut.
Arins Kiefer spannte sich an. Die Pflicht rief ihn. Die anderen Taucher waren bereits mit Tragen und Laternen zur Tür unterwegs.
Trotzdem sah er noch einmal zu ihr zurück, bevor er sich abwandte.
„Ich bin Arin“, sagte er. „Bleib in diesem Raum.“
„Warum?“
Diesmal antwortete die Frau.
„Weil niemand den Strudel überlebt.“
Der Satz traf sie hart.
Niemand überlebt.
Warum war sie dann hier?
Ihr Blick schweifte ab, ziellos, bis er an etwas hängen blieb, das auf einem Stahltisch nahe der Wand lag. Jemand hatte es dort hingelegt, damit es unter einer Lampe trocknen konnte.
Ein Anhänger.
Silbern. Halbmondförmig. Er hing an einer gerissenen Kette.
Sie erstarrte.
Der Raum schien um sie herum zu verschwinden. Die Leichen, das Horn, die Taucher, das Meer über ihr – alles verblasste vor der Wucht der plötzlichen Erkenntnis.
Sie kannte diesen Anhänger.
Sie wusste immer noch nicht, wie sie hieß.
Aber sie kannte diesen Anhänger.
Die Hände einer Frau, die den Verschluss schlossen.
Eine warme Stimme.
Ein Lächeln, an das sie sich fast erinnern konnte –
Die Erinnerung riss ab, bevor sie sich vollständig formen konnte.
Das Mädchen stieß einen kleinen, gequälten Laut aus.
Er hatte ihrer Mutter gehört.
Kälte durchströmte sie.
Draußen im Tunnel war das Scharren eines weiteren Leichensacks zu hören, der über Metall gezogen wurde. Stimmen wurden über das Geräusch hinweg laut, dringlich und angespannt.
Ein Wort drang klar in den Raum.
„Trader!“
Ihre Knie gaben beinahe nach.
Wenn der Anhänger aus dem Wrack stammte –
Dann könnten die Toten, die sie gerade hereinbrachten, ihre Familie sein.