Die Nacht, in der die Wölfe kamen
Kapitel 1 - Die Nacht, in der die Wölfe kamen
In der Nacht, als die Wölfe kamen, roch das Dorf nach Regen, Kaminrauch und Äpfeln, die in ihren Fässern weich geworden waren. Sarah Stone erinnerte sich zuerst daran, nicht an das Schreien, nicht an das Blut... an die Äpfel. Sie lagen in aufgebrochenen Kisten unter dem Dachvorsprung von Old Marrens Lagerhaus. Ihre Schalen leuchteten im Mondlicht in Gold und Rot. Sie erfüllten die Luft mit diesem schwachen, überreifen Duft des Herbstes, der sich dem Verfall hingab. Der Wind hatte Zähne, scharf und feucht vom Fluss. Er schlüpfte durch die schmalen Gassen zwischen den Häusern, rüttelte an den Fensterläden und zerrte an den Röcken, die zu lange auf der Leine hingen. Irgendwo hinter dem schwarzen Band der Bäume bewegte sich der Donner tief über den Hügeln. Er war noch nicht nah genug für ein Gewitter, er versprach es nur.
Das Dorf war so still geworden, wie kleine Orte es nach dem Abendessen sind. Die Feuer waren heruntergebrannt, die Türen verriegelt, die Stimmen zu Flüstern hinter Wänden, die so dünn waren wie alte Knochen. Bernsteinfarbenes Licht schien durch die Vorhänge der Fenster. Die Öfen der Bäckerei hauchten noch ihre letzte Wärme auf die Straße hinaus. Ein Hund bellte einmal und überlegte es sich dann anders.
Sarah stand am Brunnen auf dem Dorfplatz. Ihre Ärmel waren bis zu den Ellbogen hochgekrempelt und ein Weidenkorb hing ihr in der Armbeuge. Sie blickte zum Mond hinauf. Er war zu hell. Er ergoss sich in silbernen Bahnen über die Strohdächer und verwandelte jede Pfütze in poliertes Metall und jedes Fenster in eine Klinge. Das Dorf sah in diesem Licht wunderschön aus. So schön, dass es sie beunruhigte. Ihre Mutter sagte immer, manche Nächte seien zu klar. Wenn die Welt so scharf leuchtete, versuchte immer etwas, zurückzublicken.
Sarah korrigierte ihren Griff am Korb und sagte sich, sie solle nicht albern sein. Es gab Wäsche zu falten, Kräuter zu binden und der kleine Eisenriegel an der Hintertür war immer noch locker genug, um bei starkem Wind zu klappern. Morgen würde sie ihn reparieren. Morgen würde sie den Lavendel fertig trocknen, der an den Dachbalken hing. Morgen würde sie— Ein Heulen durchschnitt die Nacht. Es stieg so plötzlich und gewaltsam auf, dass das Brunnenseil durch Sarahs Finger glitt und klatschend gegen den steinernen Rand schlug. Für einen Moment schien der Ton von überall gleichzeitig zu kommen – von den Bäumen, vom Himmel, aus dem Mark der Erde unter ihren Stiefeln. Es war nicht der einsame Schrei eines wilden Tieres. Es war etwas Tieferes. Etwas Schwereres. Ein Ton voller Hunger, Anspruch und einer uralten, schrecklichen Intelligenz.
Der Hund, der vorhin gebellt hatte, fing an zu schreien. Sarahs Kopf fuhr zum nördlichen Rand des Dorfes herum. Der Wald stand dort wie eine harte, schwarze Mauer. Kiefern, Eschen und Dornen standen so dicht beieinander, dass kein Mondlicht den Boden berührte. Sie sah Bewegung am Waldrand – zu groß, zu schnell – und dann erlosch eine der Wachtfeuer, als hätte eine riesige Hand es zerquetscht... noch ein Heulen, näher. Eine Tür schlug auf. Jemand rief ihren Namen. Eine andere Stimme brüllte nach Laternen, nach den Männern, nach dem Speergestell vor dem Gemeindehaus, das für Wölfe gedacht war, die im Winter zu hungrig waren.
Doch das waren keine Winterwölfe. Sarah wusste das, bevor der erste aus den Bäumen brach. Er schlug am Rand des Platzes auf, ein verschwommener Fleck aus schwarzem Fell und blitzenden Zähnen. Er war so massiv, dass ihr Verstand sich weigerte, daraus etwas Reales zu machen. Ein normaler Wolf war schon Schrecken genug. Dieses Ding hatte die Größe eines Ponys, seine Schultern rollten mit einer obszönen, muskulösen Anmut, und seine Augen leuchteten wie Glut in der Dunkelheit. Sein Fell war wie Mitternacht, glänzend vom silbernen Mondlicht. Er landete lautlos auf dem Kopfsteinpflaster, die Lippen zogen sich von weißen Fängen zurück, die schon blutrot gefärbt waren, bevor er sie überhaupt erreicht hatte.
Dann explodierte der Platz. Die Menschen rannten in alle Richtungen. Eine Laterne zersplitterte und verteilte Feuer auf dem nassen Stein. Old Marren stolperte mit einem Fleischermesser in der Hand rückwärts. Tomas Weaver stürzte aus der Gasse mit einer Heugabel und wurde so hart zu Boden geschmettert, dass Sarah das Knacken der Knochen über das Schreien hinweg hörte.
„Rein mit euch!“, rief jemand.
Sarahs Körper löste sich aus der Starre. Sie ließ den Korb fallen und rannte zum Haus der Weavers, wo die kleine Lila erstarrt im Türrahmen stand. Das Kind war zu geschockt, um zu weinen, und klammerte sich mit beiden Händen an eine Stoffpuppe. Der helle Zopf des Mädchens leuchtete wie Stroh im Mondlicht. Hinter ihr schrie ihre Mutter aus dem Haus heraus, gefangen im Gedränge und der Panik in der Gasse.
Sarah erreichte sie, gerade als der Wolf sich umdrehte. Sein Blick war auf das Kind gerichtet. In Sarah wurde alles kalt. „Lila.“ Ihre Stimme klang dünn und seltsam. „Komm her. Sofort.“
Das Mädchen bewegte sich nicht. Der Wolf kauerte sich nieder. Sarah dachte nicht nach. Sie stürzte vor, packte Lila um die Mitte und warf sich zur Seite. Zähne schnappten dort zu, wo das Kind gerade noch gestanden hatte. Die Wucht der Bewegung ließ Sarah mit der Schulter gegen den Türrahmen krachen. Schmerz schoss durch ihren Arm. Lila schrie endlich auf, hoch und rau und entsetzlich lebendig. *Gut. Lebendig war gut.*
„Rein“, keuchte Sarah und stieß das Mädchen in das Dunkel des Hauses. „Verriegel es. Riegel es ab und mach für niemanden auf, außer für deine Mutter.“
Das Kind stolperte rückwärts. Ein Paar Hände – die ihrer Mutter – zerrten sie ins Haus. Die Tür knallte zu. Der Wolf schwenkte seinen massiven Kopf zu Sarah. Für eine unmögliche Sekunde hatte sie den wahnwitzigen Gedanken, dass er genervt aussah – nicht geistesgestört, nicht tollwütig – einfach gereizt. Dann sprang er.
Sarah hastete durch den glitschigen Schlamm und das verstreute Reisig zurück, ihre Stiefel rutschten. Seine Krallen schlugen Funken aus dem Stein. Sie griff nach dem Ersten, was sie finden konnte – einem zurückgelassenen Schüreisen aus Eisen – und holte mit beiden Händen aus. Der Schlag traf die Seite seiner Schnauze. Die Erschütterung fuhr ihr bis in die Arme, als hätte sie gegen einen Eichenstamm geschlagen.
Der Wolf knurrte, tief und seismisch. Sein Atem traf ihr Gesicht, heiß und beißend vor Blut. Bevor er erneut springen konnte, rammte sich ein Speer in seine Rippen. Nicht tief genug, um ihn zu töten, aber tief genug, um ihn abzulenken. Tomas’ ältester Sohn stand mit bleichem Gesicht und zitternd am Straßenrand, die Hände leer, wo die Waffe gewesen war. Der Wolf riss den Schaft mit einem heftigen Ruck heraus und stürmte auf ihn zu.
Sarah wartete nicht ab, was passierte. Sie rannte nach Hause. Ihr Haus lag am anderen Ende des Platzes, halb versteckt hinter einer niedrigen Steinmauer, die mit Moos bewachsen war. Sie spürte, wie das Dorf um sie herum zusammenbrach, während sie rannte – die Luft erfüllt von Rauch und Terror, das Stampfen von Füßen, die schrecklichen nassen Geräusche des Kampfes. Türen schlugen zu. Glas zersplitterte. Ein weiteres Heulen stieg auf, dann noch eines, bis die Nacht davon überrannt schien.
Mindestens drei Wölfe – nein... mehr. Zu viele! Ihre Brust brannte. Ihr Zopf hatte sich halb gelöst, dunkles Haar peitschte über ihren Mund. Sie sprang über die Steinmauer, rutschte fast im Kräuterbeet aus und warf sich mit solcher Wucht gegen die Hintertür, dass sie sich blaue Flecken holte. Der Riegel klemmte. Sie fuchtelte herum, fluchte und stieß erneut dagegen. Mit einem splitternden Knall gab er nach.
Drinnen war das Haus schwarz, abgesehen vom roten Glühen der Glut im Kamin. Sarah schlug die Tür zu und ließ den Riegel mit zitternden Händen herab. Für einen Moment konnte sie nichts tun, außer dazustehen und ihrem eigenen Atem zuzuhören.
Der Raum roch nach Rosmarin, Asche und sauberer Wäsche. Vertraut. Klein. Menschlich. Ihr Zuhause. Auf dem Tisch lag noch das Tuch, das sie gerade ausgebessert hatte. Ein Kanten Brot lag in verblichenem blauem Leinen gewickelt nahe dem Schneidebrett. Der Umhang ihrer Mutter hing an seinem Haken an der Wand, obwohl sie seit drei Wintern tot war. Sarah hatte es nie übers Herz gebracht, ihn wegzuräumen.
Draußen schrie jemand. Das Geräusch zerriss die Stille des Hauses wie ein Messer. Sarah presste den Handballen auf ihren Mund und schluckte die Panik so hart hinunter, dass es wehtat. Es gab keine Männer mehr in diesem Haus, nach denen sie rufen konnte. Kein Vater. Kein Bruder. Niemand außer ihr. Der kleine Vorratskeller unter den Dielen würde sie nicht retten, wenn diese Dinger einbrechen sollten.
Dann schien der Boden unter ihren Füßen zu summen – nicht zu beben, zu summen. Ihr Blick senkte sich. Die alten Dielen vor dem Kamin waren von jahrelangem Gehen und Fegen glatt geschliffen, aber eine Diele nahe dem Stein war dunkler als der Rest. Ihre Maserung wurde durch einen schwachen Eisennagel unterbrochen, der schief hineingeschlagen worden war. Ihre Mutter hatte ihr die Stelle einmal gezeigt, als Sarah zwölf war und vor Fieber von einer Vision halluzinierte, die sie noch nicht verstand.
„Wenn sie jemals wegen mehr als nur dem Vieh kommen“, hatte ihre Mutter geflüstert, während sie im Dunkeln kniete und das Kerzenlicht Gold über ihr Gesicht warf, „dann darfst du nicht zulassen, dass sie dies zuerst finden.“ Sarah starrte nun auf die Diele, während ihr Puls in ihrem Hals schlug. Nein! Nein, das konnte nicht deswegen sein. Niemand wusste es. Niemand hier wusste davon, außer ihre Mutter, und die lag auf dem Friedhof unter sechs Fuß kalter Erde.
Draußen schlug etwas so hart gegen die vorderen Fensterläden, dass das ganze Haus erzitterte. Sarah fiel auf die Knie. Ihre Finger zitterten, als sie das Schüreisen in die Fuge der Diele stieß und nach oben hebelte. Sie hob sich mit einem trockenen Knarren und ließ einen Hauch von abgestandener Erde und altem Stoff frei. Darunter, eingewickelt in Ölzeug, das vor Alter steif geworden war, lag ein schmales Bündel, nicht länger als ihr Unterarm.
Das Relikt. Sie hatte es noch nie mit bloßen Händen berührt. Ihre Mutter hatte es verboten. Nicht weil es verflucht war – obwohl es das vielleicht war –, sondern weil manche Dinge nicht sanft schliefen und Blut auf eine Art nach Blut rief, die Leben ruinierte.
Ein weiterer Krach von der Vorderseite des Hauses, Holz splitterte. Sarah schnappte sich das Bündel. Das Ölzeug war feucht und kalt wie altes Fleisch. Sie wickelte es mit hastigen Rucken aus. Mondlicht, das durch die Ritzen der Fensterläden fiel, glitt über einen Stein, der auf den ersten Blick so dunkel war, dass er schwarz aussah. Dann fing er das Licht tief in seinem Inneren ein, auf silbernen Adern, die wie gefangener Blitz durch ihn verliefen.
Es war nicht groß, zu klein für das Gewicht, das es innehatte. Ein Splitter, vielleicht. Ein zerbrochenes Stück von etwas, das einmal ganz war. An den Kanten war der Stein vor langer Zeit durch Berührungen geglättet worden, aber eine Seite war gezackt, scharf genug, um zuzubeißen. Seltsame Markierungen waren in seine Oberfläche geritzt – geschwungene Linien und uralte Knotenmuster, die ihre Augen schmerzen ließen, wenn sie zu lange darauf blickte. Das Summen im Boden drang bis in ihre Knochen.
Die Vordertür gab nach. Sarah fuhr herum. Mondlicht ergoss sich durch den zersplitterten Rahmen, versilberte Rauch und aufwirbelnden Staub. Ein Schatten füllte die Öffnung. Riesig. Falsch. Augen, die brannten. Der Wolf stieg über die gebrochene Schwelle. Ihre Hand verkrampfte sich unwillkürlich um den Stein. Die abgebrochene Kante schnitt in ihre Handfläche. Ein Schmerz blitzte hell und sauber auf. Blut lief warm über den schwarzen Fels. Und die Welt riss auf.
Sarah fiel nicht, sie verschwand eher. In einem Moment war sie in ihrem Haus mit einem Wolf vor der Tür und Blut an der Hand. Im nächsten war sie an einem Ort, der nicht für Menschen gemacht war. Wind raste um sie herum, heiß und voller Asche. Der Himmel über ihr war gar kein Himmel, sondern eine blutende Wunde aus Karmesin und Schwarz. In der Ferne brannte ein Wald, dessen Bäume so hoch waren wie Kathedralensäulen und deren Zweige Funken wie sterbende Sterne abwarfen. Unter ihren Füßen lag Stein, glitschig vor Blut, gewaltig und uralt und mit Symbolen graviert, die sich wanden, als wären sie noch am Leben.
Dort war ein Thron. Nein – ein Altar. Nein – beides. Etwas Silbernes leuchtete über ihm, in der Dunkelheit schwebend, und schlug wie ein Herz. Und dort, am Fuß dieser blutverschmierten Stufen, kniete ein Mann. Er trug Schwarz. Nicht das grobe Schwarz der Trauer oder einfacher Färbungen, sondern etwas Reicheres, Härteres – Leder, dunkel wie nasse Mitternacht, ein Mantel, der eng an einem Körper anlag, der wie Gewalt in Eleganz gebaut war. Sein Kopf war zuerst gesenkt, eine Hand auf den blutverschmierten Stein vor ihm gestützt, als ob das Knien ihn mehr kostete, als es jeder Kampf je getan hatte.
Dann hob er das Gesicht. Sarah vergaß das Atmen. Er war schön auf die Art, wie Stürme schön waren – schrecklich deshalb, geschaffen, um Dinge zu zerstören. Dunkles Haar fiel ihm wild über die Stirn, als ob die Zurückhaltung in jedem Teil von ihm lebte, nur nicht dort. Sein Mund war hart, eine Linie, die wie geschaffen für Grausamkeit und gefährliche Zärtlichkeit aussah. Scharfe Wangenknochen. Ein brutales, aristokratisches Gesicht, von einem Gott mit einem Faible für den Ruin gemeißelt.
Aber es waren seine Augen, die sie ruinierten. Silber. Nicht grau. Nicht blau. Silber wie Mondlicht auf einer gezogenen Klinge. Silber wie Winterflüsse unter Eis. Silber wie etwas, das nicht für Menschen gemacht war. Sie fixierten die ihren mit einer solchen Wucht, dass die Welt auf diesen einen Blick zu schrumpfen schien. Zuerst kam die Angst. Dann etwas anderes, Dunkleres und noch Verwirrenderes. Ein Sog. Eine Hitze tief in ihrem Körper. Ein schreckliches, schmerzhaftes Gefühl der Wiedererkennung, das absolut keinen Sinn ergab, weil sie ihn noch nie gesehen hatte, ihn nicht kannte – und doch wurde ein verborgener, verräterischer Teil von ihr augenblicklich still, als diese Augen sie fanden.
*Mein*, schien etwas Uraltes durch das Rauschen von Blut und Feuer zu murmeln, nicht gesprochen... gefühlt.
Der Mann stand auf. Blut floss an einer Seite seines Halses hinunter. Seine Hände waren bis zu den Handgelenken rot. Um ihn herum bewegten sich Schatten – Wölfe, vielleicht, oder Männer, die zu Wölfen wurden, ihre Formen nie zur Ruhe kommend. Macht strahlte in Wellen von ihm aus, so dicht, dass sie Eisen auf ihrer Zunge schmecken konnte.
Er machte einen Schritt auf sie zu. Ihr ganzer Körper antwortete, als wäre es Gefahr. Als wäre es Verlangen. Sein Mund öffnete sich. „Sarah.“ Er kannte ihren Namen.
Die Vision zersplitterte. Sie krachte mit einem Schrei, der aus einer tiefen, hilflosen Stelle kam, zurück in sich selbst auf den Boden ihres Hauses. Der Stein fiel aus ihrer Hand und schlug mit einem Klang wie eine Glocke auf die Dielen. Ihre verletzte Handfläche brannte. Blut strömte über ihre Finger.
Der Wolf war immer noch da, aber jetzt winselte er – ein tiefes, unwohles Geräusch, fast ehrfürchtig. Sarah holte einen rauen Atemzug, dann noch einen. Rauch verdickte die Luft. Irgendetwas im hinteren Teil des Hauses hatte Feuer gefangen – ein Vorhang, vielleicht, oder die getrockneten Kräuter, die am Kamin hingen. Oranges Licht leckte an der Wand empor. Draußen brüllte das Dorf vor Panik und Flammen.
Der Wolf in ihrer Tür wich zurück, nicht aus Angst... wegen etwas hinter ihr. Sarah drehte sich um. Die Nacht jenseits der zersplitterten Tür war zu einem Wirbel aus Rauch und Funken geworden, silbernes Mondlicht, zerschnitten von aufsteigendem Schwarz. Stiefelgeräusche erklangen in der Gasse – langsam, bedächtig, unbeeilt inmitten des Chaos. Nicht rennend. Sich nähernd.
Der Wolf duckte sich, die Ohren flach anlegend, um nachzugeben. Jeder Instinkt, den Sarah noch hatte, schrie sie an, aufzustehen, zu fliehen, den Stein zu verstecken, irgendetwas zu tun, außer in Blut und Rauch auf den Knien zu bleiben und darauf zu warten, welche Macht ein Tier wie dieses dazu bringen konnte, sich zu verbeugen. Aber sie war zu betäubt. Zu schwindelig. Zu erschüttert von der Vision und dem Brennen in ihrer Hand und der unmöglichen Gewissheit, die durch ihre Adern hämmerte.
Eine Gestalt tauchte aus dem Rauch auf, groß, breitbeugig, in Schwarz gekleidet. Das Feuerlicht fing die Gesichtszüge ein, das dunkle Haar, die tödliche Stille seines Körpers. Dann sah er sie an. Silberne Augen. Genau wie sie sie gesehen hatte. Sarahs Hand schloss sich fester um den blutigen Stein. Und auf dem Boden ihres brennenden Zuhauses, während Schreie durch das Dorf hallten und das Mondlicht durch die kaputte Tür schien, starrte sie in das Gesicht des Mannes aus ihrer Vision. Er starrte zurück, als hätte er die ganze Zeit nach ihr gesucht.