Valenos Segnung
Königreich Talvoria
Pinienwald hinter Portavella
18. Tag des Haernis im Jahre 1111
Später Abend des Skalwen
Die Uillichán und ihre Verwandten, die Cairán, hatten sich inmitten der hoch gewachsenen Pinien versammelt, die einzeln oder in lockeren Gruppen diesen Ausläufer des Waldes beherrschten. Ein Ring aus Fackeln erhellte nahezu die gesamte Lichtung. Mitten drin stand Gualtiero Narvardo, der Ritenmeister der hiesigen Sippe, neben ihm der Silberreiher. Der hochbeinige Vogel mit den silberweißen Federn ging dem Ältesten bis zur Schulter. Außerhalb der Fackeln bildeten die anderen einen weiteren Kreis. Die Nacht war warm, hell und klar. Die anwesenden Männer trugen Hosen und die Frauen Röcke aus dünnem Leinen oder Baumwolle. Unter ihren nackten Füßen kitzelte das Gras. Ihre Oberkörper waren geschmückt mit farbigen Symbolen, die für ihre Abstammungen, die Mondphasen und den Stamm standen. Auch auf dem Fell der Wölfe glänzten die Zeichen im Fackelschein.
Sie heulten. Menschen und Wölfe. Ein Lied, das weit durch die Nacht in den Wald und bis über das Meer klang. Mit dem Heulen erschienen ihre Seelentiere. Große und klein, mit Federn, Fell oder Schuppen, auf zwei oder vier Beinen oder mit gar keinen. Sie nahmen den Raum zwischen den Einzelnen ein, dicht neben ihrem Gefährten, auf dessen Schulter oder gar auf dem Kopf. Die ersten Uillichán verwandelten sich, ließen ihr haarloses Kleid hinter sich, wuchsen in die Höhe, gewannen an Masse, Fell, Klauen und Zähnen. Nicht nur die Menschen, auch die Wölfe nahmen eine andere Form an, wuchsen über sich hinaus, ließen die wilden Bestien hinter sich. Das Lied wurde wilder, urtümlicher und kein einziger Uillichán konnte sich gegen seinen Sog wehren. Bald standen sie alle in ihrer heiligen Form, wie sie ihnen von der Mondengöttin geschenkt worden war, zwischen ihren menschlichen und wölfischen Geschwistern, die winzig klein und schmächtig wirkten.
Das Heulen scholl gar bis in die Welt der Geister hinein. Von dort kamen sie. Zuerst die Ratte, silberweiß leuchtend und um ein Vielfaches größer als ihre Vettern der realen Welt. Sie sprang aus dem Nichts von einem Fleck zum anderen und wo sie aufkam, entstand eine Wolke aus Nebel, die wieder verschwand, kaum dass das Geistwesen den Platz verlassen hatte. Sie umrundete das freie Zentrum der Gemeinschaft und blieb gegenüber des Zeremonienmeisters gut sichtbar für alle in der Luft sitzen.
Aus dem Licht der beiden Monde klang ein doppeltes Brüllen in das vielstimmige Heulen. Aus dem gelben Schein Ithars trat ein mächtiger, goldweißer Löwe. Seine gewaltige Mähne wirkte, als wäre sie aus fließendem Licht und Rauch zugleich. Seine Augen leuchteten wie zwei Sonnen, warm und durchdringend. Sein Brüllen drang durch die Leiber der heulenden Uillichán und Cairán und brachte die Luft selbst zum Vibrieren.
Ihm folgte aus dem roten Schein Rothars der Bär. Mit dunklem, moosbedecktem Fell, das wie Rinde aussah, überragte er den Löwen und sein Grollen drang tief bis in die Erde. Seine Augen leuchteten wie flüssiger Bernstein. Der Löwe und der Bär umrundeten den inneren Kreis der Versammelten und während das urtümliche Tier einen Schritt vor den anderen setzte, konnte man den Eindruck gewinnen, der Wald selbst bewegte sich.
Ein Kreischen drang in das Heulen der Uillichán und vom Himmel herab, glitt der geisterhafte Silberreiher, ein perfektes Ebenbild des Vogels, der neben Gualtiero stand und doch anders – erhabener. Er kreiste über die Anwesenden, badete in ihrem Geheul und hinterließ feuchten Tau in Fell und auf Haaren, ehe er seinen Platz im inneren Kreis fand.
Das Heulen verstummte und die meisten Uillichán verwandelten sich zurück in ihre ursprüngliche Gestalt.
Gualtiero hob die Arme zu einer allumfassenden Geste. Obwohl seine Haut faltig und schlaff von den Oberarmen hing, strahlte er die Energie der Jugend aus.
„Es gibt keinen schöneren Ort auf der weiten Welt, als mitten in Mórah Talens Schoß“, drang seine raue Stimme in die Nacht. „Hier hören und riechen wir das nahe Wasser. Wir spüren den Wind, der uns umschmeichelt, das wärmende Feuer und die Erde unter unseren Füßen. Vollkommenheit geschützt und bewacht unter den Augen Narayas.“ Lächelnd wies er hinauf zu den beiden halben Monden und dann zu den geisterhaften Kreaturen im inneren Kreis. „Und von unseren geistigen Führern.“
„Und uns vergisst er wieder einmal“, erklang es vorwitzig im Kreis der Menge. Gualtiero schmunzelte: „Und unseren Seelentieren, die uns zu jeder Zeit begleiten.“ Er machte eine Pause, atmete durch und für einen Moment schien es, es würde selbst der Wald einen tiefen Atemzug nehmen. „Es ist die perfekte Nacht, ein Kind willkommen zu heißen.“
Der Ritenmeister winkte die jungen Eltern zu sich heran. Der Kreis der Umstehenden schloss sich sofort wieder, als Kharenna und Mavaro di Caerano zwischen den Fackeln hindurchtraten. Die Mutter wurde von ihrer Füchsin begleitet. Mit einem Lächeln auf den Lippen legte sie ihren in Decken gehüllten Sohn in die Arme des Alten. Aufmerksam beobachtete die Füchsin, wie das Kind weiter gereicht wurde.
Verzückt betrachtete Gualtiero das kleine Wesen in seinen Armen, dass genau vierzehn Tage zuvor unter ähnlichen Halbmonden, wie sie jetzt über ihnen zu sehen waren, das Licht der Welt erblickt hatte. Während zur Geburt des Kindes der gelbe Mond Ithar und der rote Mond Rothar zunehmend gewesen waren, standen sie nun beide abnehmend am Himmel.
Gualtiero Seelenfenster glitten über den offenen, zahnlosen Mund und die klaren, blauen Augen, die seinen Blick voller Neugier erwiderten.
„Ich heiße dich willkommen, Valeno di Caerano. Du bist ein besonderes Kind.“
Mit einem Finger zeichnete er die Stirn und den Nasenrücken des Neugeborenen nach.
„Du bist nicht nur ein Talvorianer. In dir schlummert das Blut der Caerwyn’sair. Eines Tages wird es in dir erwachen. In deinen Augen erkenne ich das Erbe der di Caeranos und ich sage dir, du bist zu großen Taten bestimmt.“
Wie um seine Worte zu unterstreichen, sprang Naeryskor, die schimmernde Ratte, zwischen den Eltern heran. Schwebend glitten ihre Schnurrhaare aus Silberfäden über den Körper des Kindes und wo sie ihn berührten, hinterließen sie dunkle Tupfen. Naeryskor sprang durch die Luft, umrundete den Ritenmeister und die Eltern und nahm ihren Platz wieder ein.
Gualtiero hob den Kopf und betrachtete die Schemen der Umstehenden durch den Fackelschein. „Wer ist der Pate des Knaben?“
„Ich“, rief eine Stimme und eine Frau mit drahtiger Gestalt und rundlichem Bauch trat in den Kreis. „Selvara di Valtena, Schwester des Vaters.“
Gualtiero sah sie mit ebenso ernstem, wie feierlichem Blick an, als er weiter sprach: „Und schwörst du, die du dich Patin nennst, im Namen der göttlichen Schwestern? Schwörst du, diesen Knaben zu schützen, ihn zu wärmen, zu nähren, zu trösten und ihm deine bedingungslose Liebe zu geben? Schwörst du, den Platz seiner Eltern einzunehmen, sollten sie ihre Aufgaben nicht erfüllen können?“
„Ich schwöre im Namen Mórah Talens und Narayas“, antwortete Selvara.
Der Älteste nickte zufrieden, hob den Blick dann wieder zu den Umstehenden und fragte: „Wer ist der Mentor des Knaben?“
„Das bin ich, Valkiro di Caerano, der Großvater des Knaben“, erklärte dieser, während er vortrat, eine Waldohreule auf dem Arm.
Der Ritenmeister betrachtete den Uillichán kritisch, ehe er fortfuhr: „Du bist Caevron, geboren unter der halben Ithar, wie sie über uns steht. Schwörst du im Namen der göttlichen Schwestern? Schwörst du, diesen Knaben zu lehren, unsere Legenden an ihn weiter zu geben, seine Talente zu wecken und zu fördern? Schwörst du, ihm den Weg zu weisen, wie er allen Caevron bestimmt ist?“
„Ich schwöre im Namen Mórah Talens und Narayas“, antwortete der Wolfsmensch.
Mit seinem Schwur traten Solaryn Caevrah, der Löwe, und Thuran Vathkar, der Bär, zum Kind. So sanft, wie man es bei diesen riesigen Geistgestalten kaum für möglich gehalten hätte, berührten sie das Baby mit ihren Pranken und hinterließen winzige Abdrücke auf seinem Körper. Dann traten sie zurück an ihren Platz im Kreis.
Ehrfürchtig sahen die Uillichán und Cairán rund um den Knaben den Totems nach.
Gualtieros raue Stimme erklang erneut in der Nacht: „Valeno, als Airthan hast du das Licht erblickt. Wie Naraya es wünscht, sind deine Eltern Uillichán und Cairán, beides selbst Airthan.“
Während der Alte sprach starkste Caerthyn, der Silberreiher, näher.
„Kharenna, Mavaro, schwört ihr im Namen der göttlichen Schwestern eurem Sohn die Lebensweisen der Menschlichen unter den Uillichán nahe zu bringen, ihn zu leiten und zu schützen, bis er euren Schutz nicht mehr braucht?“
Mutter und Vater sahen sich lächelnd an, blickten auf ihren Sohn und gaben ihren Schwur ab. Mit ihren Worten hob Caerthyn einen Flügel und hinterließ feinen Tau auf den fast haarlosen Kopf des Knaben.
Der Junge reckte sich und streckte die Hände, versuchte, nach den Federn zu greifen, und zauberte den Umstehenden ein Lächeln auf die Lippen.
Dann trat der Silberreiher zurück in den Kreis der Totems.
Gualtiero schaute lächelnd zu dem Neugeborenen hinab, der seine winzige Hand um den runzligen Zeigefinger des Alten gelegt hatte.
„Fast euch an den Händen. Bildet einen Kreis“.
Er wartete, bis die Eltern, die Patin und der Mentor seinen Anweisungen ebenso folgten, wie die Zeugen im äußeren Rund.
Die Waldohreule erhob sich von Valkiros Arm und fand einen Platz in den unteren Ästen der nächsten Pinie.
„In euren Händen ruht die Verantwortung für ein Leben. So viele Hände, verschiedene Erfahrungen, unterschiedliche Wege mit anderen Gedanken. Welcher wird der wahre sein?“, war Gualtieros raue Stimme zu hören. Den Jungen im Arm wiegend drehte sich der Alte langsam um sich selbst, fixierte die Vier nacheinander aufmerksam.
„Es gibt ihn nicht. Jeder von euch kann nur sein Bestes geben. Es kann nicht immer das Richtige in euer aller Augen sein. Wie kann eine Kriegerin verstehen, wenn sein Blut nach Frieden sucht? Versteht ein Cairán das Erbe der Uillichán? Begreift ein alter Mann alle Wege der Jugend?“ Gualtiero schüttelte den Kopf. „Ihr könnt nicht alles bedenken. Es ist gut, dass ihr verschieden seid, denn nur so, könnt ihr eurem Schützling eure wertvollsten Erfahrungen mitgeben, ihm dadurch eine Fülle an Wissen vermitteln. Daran denkt immer, wenn ihr euch nicht einig seid. Nicht der Weg steht im Mittelpunkt, sondern das Kind, das ihr zu schützen und zu lehren geschworen habt.“
Gualtiero ließ seine Worte einen Moment wirken, ehe er lächelnd weiter sprach: „Genug der Mahnungen. Lasst mich euch etwas über unser Kind erzählen.“
Er senkte den Blick in die blauen Augen des Babys auf seinem Arm und atmete tief durch. Die Umstehenden hinter den Fackeln begannen mit einem monotonen Singsang, der sich über die plätschernden Wellen und den rauschenden Wind erhob. Versunken in den Fenstern zur Seele klang Gualtiero Stimme zugleich langsam und kräftiger.
„Valeno di Caerano, du bist gesegnet von Caerthyn, dem Silberreiher der Airthan, von Solaryn Caevrah, dem Löwen der Ithar-Caevron, von Thuran Vethkar, dem Bären der Rothar-Caevron und von Naeryskor, der Ratte der Caerwyn’sair. Du wirst ihre Zeichen auf ewig tragen und sie stehts ehren. Du bist unter zwei Halbmonden geboren. In dir schlummert ein Richter. Wirst du ein Vermittler oder suchst du stets das Detail in der Wahrheit? Vielleicht beschreitest du die Wege des Friedens? Ganz gewiss folgst du deinem eigenen Kopf. Wer sollte dich auch in Schranken weisen, wo du den Starrsinn deines Vaters und die Eigensinnigkeit deiner Mutter in dir trägst? Du wirst ein Schützender, du suchst den idealen Weg. Und Zweifel werden dich finden. Dich zieht es hinaus in die Welt, fern von der Heimat wirst du dir einen Namen machen. Kummer wird dir folgen und dich wachsen lassen. Stark wirst du werden, unter Narayas Augen dein Schwert schwingen. Unser Erbe trägst du in deinem Samen.“
Vielstimmiges Heulen beendete die Rede, als Gualtiero den Knaben in die Höhe, in das Licht der halben Monde und der Totems, hielt. Diese erhoben sich lautlos und folgten ihren Pfaden. Außerhalb des Fackelkreises standen die Uillichán riesig in der Gestalt des Draegarth. Narayas Streiter hatten die Köpfe zurückgeworfen. Heulend dankten sie der Göttin für ihren Segen für das Kind in ihrer Mitte.