Going Home
Isolde Hart war an jenem elenden Abend auf dem Heimweg von der Arbeit. Sie spürte diese Erschöpfung, die bis tief in die Knochen ging und die man nur nach acht Stunden gnadenloser Plackerei im Corps de ballet verspürte. Das Royal Ballet mag das Publikum zwar mit ätherischer Anmut blenden, aber hinter dem schweren Samtvorhang gab es nichts als schmerzende Füße, blaue Zehen und den ständigen Zwang, zu lächeln, als wäre jedes Plié ein Privileg. Ihre Waden brannten, ihre Schultern fühlten sich an, als hätte man mit kleinen Hämmern darauf eingeschlagen. Der Gedanke an ihre kleine Wohnung in Covent Garden – warm, still und glücklicherweise ganz in der Nähe – zog sie wie ein Magnet vorwärts.
Sie konnte die Tasse Tee, die auf sie wartete, fast schon schmecken. Der Nebel hatte sich zu einem dichten „pea-souper“ verdichtet, so wie ihn London an kalten Aprilabenden immer noch hervorbrachte. Ihr Atem bildete sichtbare Wolken, die kurz in der Luft hingen, bevor sie von der Feuchtigkeit verschluckt wurden. Die Stadtluft roch nach nassem Stein und Diesel, nach gebratenen Zwiebeln von einem weit entfernten Kebab-Wagen und dem schwachen, säuerlichen Geruch der Themse irgendwo hinter den Gebäuden. Straßenlaternen leuchteten matt orange; ihr Licht war gebrochen und durch den Nebel gedämpft. Sie war jetzt so nah an ihrem Zuhause – eine kleine Abkürzung durch die enge Gasse hinter dem alten Theater hätte ihr fünf Minuten gespart. Ein Fehler, wie sich herausstellen sollte.
Das erste Geräusch kam von hinten: das leise Scharren eines Stiefels auf Kopfsteinpflaster, dann ein weiteres. Zwei Männer, wurde ihr zu spät klar. Ihre Schritte waren schnell und zielgerichtet, das nasse Klatschen von Gummisohlen auf glattem Asphalt. Bevor sie sich umdrehen konnte, packten sie raue Hände von hinten. Eine Hand presste sich auf ihren Mund, die andere drückte ihre Arme an ihren Körper. Der Stoff seines Mantels war aus grober Wolle, feucht vom Nebel, und er roch nach abgestandenem Zigarettenrauch und etwas Schärferem – billigem Aftershave, das sauer geworden war. Sein Atem, heiß und stoßweise an ihrem Ohr, roch nach dem hefigen Gestank von Lagerbier und Zwiebeln. Ihr drehte sich der Magen um, während sie sich wehrte.
Sie war zwar klein, aber jahrelanges Ballett hatte sie täuschend stark gemacht. Sie wand sich, stieß ihren Ellbogen hart in den weichen Bauch hinter ihr und hörte ein befriedigendes Grunzen vor Schmerz. Der zweite Mann fluchte leise – ein tiefes, bösartiges Grollen, das den Nebel durchschnitt. Seine behandschuhte Hand – Leder, rissig und kalt – krallte sich in ihr Handgelenk, die Finger gruben sich wie Eisen hinein. Sie trat aus, und ihr Ballettschuh traf ein Schienbein. Der Mann zischte einen Fluch, der die Luft zwischen ihnen erzittern ließ. Für ein paar heftige Sekunden glaubte sie, sich befreien zu können; ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen, und ihr eigener Atem war laut und verzweifelt in ihren Ohren.
Dann legte sich das Tuch über ihr Gesicht – dick, vollgesogen mit Chemikalien. Der krankhaft süßliche Gestank von Chloroform flutete ihre Nasenlöcher. Sie zappelte noch einmal, aber die Welt neigte sich bereits, die orangen Straßenlaternen verschwammen zu goldenen Streifen. Ihre Glieder wurden schwer, der kalte Nebel drückte sich wie feuchte Seide gegen ihre Haut. Das Letzte, was sie spürte, war der raue Stoß, als sie sie in den hinteren Teil eines Wagens wuchteten. Der Metallboden fühlte sich durch den dünnen Stoff ihres Mantels kalt an, und der Motor begann unter ihr zu brummen.
Sie schlief längst, als der Wagen in die Nacht davonfuhr und sie in Richtung der Auktion brachte – und dem dunklen Schicksal, das der Collector vorbereitet hatte.
Isolde erwachte bei dem dumpfen Grollen von Stimmen und dem scharfen Brennen kalter Luft auf ihrer nackten Haut. Sie lag auf einer dünnen Matratze in einer schwach beleuchteten Zelle; ihre Glieder waren schwer von der Nachwirkung des Chloroforms. Der raue Stoff eines einfachen weißen Kittels klebte an ihrem Körper. Jemand hatte sie im Schlaf umgezogen und ihr ihren Mantel und ihre Alltagskleidung weggenommen. Ihre Spitzenschuhe und ihr Trainings-Trikot waren weg. Das dünne Kleidungsstück ließ wenig der Fantasie übrig und endete kaum bis zur Mitte ihrer Oberschenkel. Ein Metallhalsband umschloss ihren Hals, kühl und unnachgiebig, befestigt an einer kurzen Kette, die an der Wand verschraubt war.
Der Raum roch nach feuchtem Stein, teurem Parfüm und dem schwachen, metallischen Geruch von Angstschweiß derer, die vor ihr hier gewesen waren. In der Ferne klang Musik herein – klassische Streicher, elegant und unpassend –, während das leise Murmeln gepflegter Konversation wie Wellen auf- und abschwoll. Sie war nicht mehr in London. Der Wagen hatte sie weit weg von den nebligen Straßen gebracht, und nun wartete sie in den Eingeweiden eines großen, abgelegenen Anwesens, eine von mehreren „Lots“, die für die private Auktion vorbereitet worden waren.
Stunden verschwammen in einem Dunst der Angst. Begleiter – schweigsame Männer in dunklen Anzügen – brachten ihr Wasser und eine leichte Mahlzeit, die sie kaum herunterbekam. Sie untersuchten sie wie Vieh: Finger betasteten ihr Fußgewölbe, die Linie ihres Rückens, die Definition ihrer Waden, die durch jahrelanges Ballett gestählt waren. Einer machte sich Notizen auf einem Tablet und murmelte etwas von „außergewöhnlicher Flexibilität“ und „zartem Knochenbau“. Sie versuchte zu kämpfen, als man sie für Fotos auf eine kleine Bühne führte, doch das Halsband verpasste ihr einen warnenden Stromschlag, der sie in die Knie zwang. Danach leistete sie mit taubem Gehorsam Folge. Ihre Tänzerhaltung blieb kerzengerade, auch wenn Scham in ihren Wangen brannte.
Als es so weit war, führten sie sie durch einen mit Vorhängen abgetrennten Korridor. Die Luft wurde wärmer, duftete nach Zigarrenrauch und gealtertem Whisky. Hinter schweren Samtvorhängen lag der Auktionssaal: ein umgebauter Ballsaal, der in gedämpftes goldenes Licht getaucht war. Kristallleuchter warfen gebrochene Lichtreflexe an die mit dunklem Eichenholz vertäfelten Wände. Vielleicht dreißig Männer – und eine Handvoll Frauen – saßen in plüschigen Samtsesseln, die in einem Halbkreis angeordnet waren. Sie trugen maßgeschneiderte Dinnerjackets und schwarze Krawatten; ihre Gesichter waren halb im Schatten, ihre Augen leuchteten vor raubtierhaftem Interesse. Namen wurden nicht genannt; Anonymität war Teil des Rituals.
Orion Urban leitete die Auktion von einem erhöhten Podium aus. Er war eine große, hagere Gestalt in einem mitternachtsblauen Anzug, dessen Stimme einen leichten Anflug eines nicht zuzuordnenden europäischen Akzents hatte. Er beaufsichtigte das Geschehen mit sanfter, kultivierter Autorität; seine scharfen Augen entginge nichts.
Ein eleganter Auktionator in einem knackig weißen Hemd nahm das Pult ein. Der Prozess begann mit klinischer Präzision.
„Lot Dreiundzwanzig“, kündigte er mit geschliffenem, unbeteiligtem Ton an. „Isolde Hart, vierundzwanzig Jahre alt. Material für eine Primaballerina aus dem Corps des Royal Ballet. Außergewöhnliche Anmut, Ausdauer und Flexibilität. Zertifiziert gesund, unberührt von jeglichem Vorbesitz. Ausgebildet im klassischen Tanz, mit der Disziplin und Schmerztoleranz, die dieser Beruf verlangt. Ideal für private Aufführungen, Gesellschaft oder für… speziellere Vorlieben.“
Isolde wurde auf die kleine runde Plattform in der Mitte des Raumes geführt. Scheinwerfer wärmten ihre Haut und betonten die zarte Kurve ihrer Schultern und das feine Zittern ihrer Hände. Sie stand barfuß auf dem polierten Holz; das Kleidchen raschelte leise an ihren Oberschenkeln. Das Publikum lehnte sich leicht vor; sie spürte, wie ihre Blicke wie Insekten über sie krochen. Ein Mann in der ersten Reihe, mit silbernem Haar und breiten Schultern, betrachtete sie besonders intensiv, die Finger unter dem Kinn gefaltet. In diesem Kreis war er nur als Sebastian bekannt – der Collector.
Die Gebote begannen bei zweihundertfünfzigtausend Pfund.
Die Zahlen kletterten mit ruhiger, fast gelangweilter Effizienz. Schilder hoben sich in gemessenen Schritten – dreihundert, vierhundert, fünfhundertfünfzig. Die Stimme des Auktionators blieb unerschütterlich, während er ihre „ätherischen Linien“, ihre „Kapazität für ausgedehnte Ausdauer“ und die Seltenheit, eine echte Künstlerin des Balletts zu erwerben, anpries. Einige Bieter stiegen früh aus; andere blieben dabei, ihre Gesichtsausdrücke waren undurchdringliche Masken von Reichtum und Anspruch.
Sie versuchte, ihnen nicht in die Augen zu sehen, und fixierte stattdessen einen Punkt hoch an der fernen Wand, wo sich das goldene Licht wie verschütteter Honig sammelte. Ihr Atem kam flach und war in den kühleren Luftzügen, die durch den Raum zogen, sichtbar. Das Halsband fühlte sich mit jedem Gebot schwerer an – eine ständige Erinnerung daran, dass sie keine Person mehr war, sondern Ware: wunderschön, zerbrechlich und nun sehr teuer.
Sebastian hob bei achthunderttausend erneut sein Schild. Ein Rivale konterte mit neunhunderttausend. Die Spannung in der Luft wurde dichter; ein leises Glucksen ging durch die Menge, als der Auktionator einen Witz über „die Anmut, mit der sie knien wird“, machte. Das Bieten verlangsamte sich, dann stieg es noch einmal an.
Schließlich beendete ein scharfer Hammerschlag die Auktion.
„Verkauft“, erklärte der Auktionator, während Zufriedenheit in seiner Stimme mitschwang, „an Sebastian für eine Million zweihundertfünfzigtausend Pfund.“
Höflicher, zurückhaltender Applaus folgte. Sebastian erhob sich und rückte mit bewusster Ruhe seine Manschettenknöpfe zurecht. Er lächelte nicht, doch seine dunklen Augen hielten die ihren zum ersten Mal fest und versprachen Besitz mit einem einzigen, unverwandten Blick.
Isoldes Knie drohten nachzugeben, als Begleiter sie von der Plattform führten. Die Transaktion war schnell: Papiere wurden in einem Nebenraum unterzeichnet, die Zahlung elektronisch mit der stillen Effizienz von altem Geld transferiert. Sie gehörte nun ihm – Sebastian dem Collector, ihrem neuen Besitzer.
Als sie sie zu einem privaten Ausgang führten, legte sich das Gewicht dieser endgültigen Zahl auf sie wie der Nebel, den sie in London zurückgelassen hatte. Die Auktion war vorbei. Ihr neues Leben, in welcher dunklen Form auch immer es sich entfalten würde, hatte gerade erst begonnen.