LUNA DER SCHWARZEN DORNEN

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Zusammenfassung

Lyra Bennett dachte, ihr Leben sei schon kompliziert genug – unbezahlte Rechnungen, der Druck der Familie und eine Zukunft, die sich einfach nicht für sie entscheiden wollte. Doch eine schreckliche Nacht auf einer einsamen Straße verändert alles. Als Schatten sie durch die Dunkelheit jagen, wird sie von Rowan Hale gerettet, einem mächtigen Alpha mit goldenen Augen, einer gefährlichen Vergangenheit und einem Anspruch auf sie, den sie partout nicht akzeptieren will. Lyra ist nur ein Mensch, und doch flüstern die Wölfe ihren Namen, als würde er Krieg bedeuten. Verborgene Feinde beobachten sie bereits. Uralte Gesetze beginnen zu erwachen. Und Rowan – kühl, besitzergreifend und unmöglich zu ignorieren – ist der einzige Mann, der sie beschützen kann … während er gleichzeitig droht, das Leben, das sie für ihres hielt, zu zerstören. Während das Band zwischen ihnen heißer brennt, wird Lyra in eine brutale Welt voller Pack-Politik, verbotenes Verlangen, blutige Geheimnisse und tödliche Feinde hineingezogen, die glauben, dass sie weit mehr als nur ein menschliches Mädchen ist. In einer Welt, in der man sich Macht nimmt, Loyalität auf die Probe gestellt wird und Liebe zur Waffe werden kann, muss Lyra entscheiden: Flieht sie vor dem Alpha, der sie beansprucht – oder wird sie die Luna, die das Schicksal für ihn bestimmt hat? Er fand sie in der Dunkelheit. Jetzt will die gesamte Welt der Wölfe sie besitzen.

Genre:
Fantasy
Autor:
MITHUN
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
360
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

Kapitel 1 — Der Nachtbus

Der Bus ruckelte, als er die letzte beleuchtete Straße in Greybridge verließ und auf den dunklen Abschnitt außerhalb der Stadt rollte.

Lyra drückte ihre Stirn für einen Moment gegen das kalte Fenster und zog sie schnell zurück, als die Scheibe einen feuchten Fleck auf ihrer Haut hinterließ. Draußen war die Straße schmal und leer. Sie durchschnitt Felder, die sich unter der Nacht bereits schwarz gefärbt hatten. Ein paar kahle Bäume bogen sich im Wind, als wollten sie sich verstecken.

Sie rieb sich die Arme durch ihre dünne Jacke und sah auf den Umschlag in ihrem Schoß.

Letzte Mahnung.

Die Worte waren so fest mit roter Tinte aufgedruckt, dass sie das Papier beinahe zerrissen hätten.

Ihre Brust zog sich zusammen, doch sie faltete den Brief einmal, dann zweimal und stopfte ihn in ihre Tasche. Nicht jetzt. Sie konnte später in Panik geraten, wenn sie zu Hause war und Noah schlief und ihre Mutter die Angst in ihrem Gesicht nicht sehen musste.

Wenn sie zu viel darüber nachdenken würde, würde sie zusammenbrechen.

Und sie durfte nicht zusammenbrechen.

Der Bus ratterte über einen Huckel. Ein schlafender Mann zwei Reihen vor ihr schnarchte in seinen Kragen. Eine Frau weiter vorne hielt eine Einkaufstasche an ihre Brust gedrückt und starrte starr geradeaus – mit diesem leeren Gesichtsausdruck, den Menschen trugen, wenn sie zu müde waren, um mit jemandem zu reden. Der Fahrer behielt beide Hände am Lenkrad und das Radio leise; ein altes Lied knackte im Rauschen.

Lyra prüfte erneut ihr Handy.

Ein Prozent.

Na klar.

Mara hatte schon dreimal geschrieben.

Bist du schon zu Hause?

Schreib mir, wenn du da bist.

Wenn dein Chef wieder mies zu dir war, beiße ich ihn.

Lyra lächelte fast. Fast.

Sie tippte mit den Daumen.

Bin im Bus. Fast da.

Dann fügte sie nach einer Pause hinzu: Mir geht’s gut.

Das war die Lüge, die sie am besten beherrschte.

Sie steckte das Handy weg, bevor der Akku komplett den Geist aufgab, und starrte auf ihr Spiegelbild in der Scheibe. Blasses Gesicht. Müde Augen. Dunkle Haare, die schlecht zurückgebunden waren, weil sie heute Morgen keine Zeit hatte, sie ordentlich zu machen. Sie sah aus wie jemand, der den ganzen Tag damit verbracht hatte, so zu tun, als hätte er keine Angst.

Vielleicht hatte sie das auch.

Der Bus schwankte um eine Kurve und ihr Magen machte einen Satz. Die Luft im Inneren roch nach nassen Mänteln, alter Heizung und dem schwachen Beigeschmack von Diesel. Sichere Gerüche. Menschliche Gerüche. Alltägliche Gerüche.

Lyra klammerte sich ans Alltägliche, wann immer sie konnte.

Ihr kleiner Bruder Noah hatte ihr heute Morgen vor der Schule einen Wolf in die Ecke ihres Notizbuchs gezeichnet. Er hatte die Ohren zu groß und den Schwanz krumm gemacht und sie dann angegrinst, als wäre es ein geheimer Witz.

Was ist das? hatte sie gefragt.

Ein Wachhund, hatte er gesagt. Falls es schlimm wird.

Er war zehn. Er sollte eigentlich an Spiele und Cartoons denken und daran, wie man beim Murmelspielen gewinnt. Stattdessen beobachtete er die Welt mit dieser seltsamen, stillen Schärfe, die er manchmal an sich hatte, als könnte er Ärger spüren, bevor er eintrat.

Lyra hatte sein Haar geküsst und ihm gesagt, er wäre albern.

Jetzt, im Bus, presste sie die Finger in ihre Handflächen und versuchte nicht daran zu denken, wie wenig Gas noch in der Wohnung war, oder wie ihre Mutter den Stapel Rechnungen ohne ein Wort angesehen hatte, oder wie der Vermieter gestern gelächelt hatte, als er sagte: „Ich brauche den vollen Betrag bis Freitag, Lyra.“

Als wäre der Freitag ein Gefallen.

Sie atmete langsam ein und sah wieder nach draußen.

Die Lichter der Stadt waren jetzt weg. Die Straße erstreckte sich als ein blasser Streifen unter dem wolkenlosen Himmel. Felder drängten sich an beiden Seiten heran. Zäune huschten in abgebrochenen Linien vorbei. Weit weg stand eine Ansammlung von Bäumen dunkel und schwer am Horizont.

Ein Schauer lief ihr über den Rücken, der nichts mit der Busluft zu tun hatte.

Lyra runzelte die Stirn und zog ihre Jacke fester.

Für eine kurze Sekunde fühlte es sich an, als würde sie jemand anstarren.

Sie sah schnell auf und musterte den Bus.

Niemand.

Der schlafende Mann schlief immer noch. Die Frau vorne hatte sich nicht bewegt. Die Schultern des Fahrers waren steif, aber das mochte an der Straße liegen.

Lyra stieß einen leisen Atemzug aus, verärgert über sich selbst.

Müde. Einfach nur müde.

Der Bus geriet in eine weitere Senke und das Deckenlicht über ihr flackerte.

Dann flackerte es wieder.

Ein leichtes Unbehagen schlich sich in den Bus und veränderte die Atmosphäre. Die Frau vorne hob den Kopf. Der Fahrer blickte in den Spiegel.

Das Licht summte einmal, laut, und beruhigte sich dann.

Der schnarchende Mann wachte mit einem Schnauben auf und blinzelte umher, als hätte er vergessen, wo er war. Lyra richtete sich auf ihrem Sitz auf und bemerkte, dass der Fahrer langsamer geworden war.

Nicht viel. Nur ein bisschen.

Die Straße war hier schmaler geworden. Keine Häuser. Keine anderen Autos. Nur die schwarze Linie des Asphalts, die sich Richtung Bäume zog.

Lyra sah nach vorne und entdeckte das Schild für die South Road, das halb in Unkraut am Straßenrand versteckt war.

Einen Moment später ruckte der Bus.

Alle zuckten zusammen.

Die Frau vorne packte ihre Tasche. „Was war das?“

Der Kiefer des Fahrers spannte sich an. „Etwas auf der Straße.“

Er ließ den Bus ein paar Meter vorrollen und bremste dann wieder ab.

Lyras Puls beschleunigte sich.

Der Bus fühlte sich nicht mehr richtig an.

Es war nicht der Motor. Es war nicht die Straße. Es war die Stille draußen, eine Stille, die zu tief war, um leer zu sein. Sogar der Wind war seltsam still geworden. Die Felder auf beiden Seiten schienen den Atem anzuhalten.

Dann roch sie es.

Nicht Diesel. Nicht nasse Wolle.

Etwas anderes.

Wild. Scharf. Rein, auf eine Art, die ihr die Kehle zuschnürte.

Lyra erstarrte.

Ihr Körper reagierte, noch bevor ihre Gedanken es taten; ein kurzes, hartes Ziehen tief in ihrem Magen. Sie wusste nicht warum. Sie wusste nur, dass der Geruch einen verborgenen Nerv in ihren Knochen getroffen hatte.

Der Bus rollte langsamer.

Der Geruch kam wieder, diesmal stärker, als hätte die Nacht selbst sich geöffnet und ihn eingelassen.

Lyra drehte den Kopf ein wenig und sah aus dem Fenster in die Dunkelheit.

Nichts.

Nur Straße. Nur Bäume.

Trotzdem kribbelte die Haut an ihrem Nacken.

Der Fahrer fluchte leise vor sich hin und tippte auf die Bremse. „Nein, nein. Nicht jetzt.“

Der Bus gab ein tiefes Stöhnen von sich und kam zum Stehen.

Die Frau vorne stand halb aus ihrem Sitz auf. „Was ist passiert?“

Der Fahrer antwortete nicht sofort. Er starrte durch die Windschutzscheibe nach vorne, sein Gesicht blass im Licht des Armaturenbretts.

Lyra beugte sich vor, um am Sitz vor ihr vorbeizusehen.

Die Straße vor ihnen war leer.

Aber etwas hatte den Fahrer zum Anhalten gezwungen.

Eine Sekunde später flackerten die Lichter des Busses so heftig, dass alle zusammenzuckten.

Dann kam ein Geräusch von draußen.

Kein brechender Ast.

Kein Tiergeschrei.

Ein tiefes, langes Knurren, das vom Rand der Bäume zu kommen schien.

Jeder Muskel in Lyras Körper spannte sich an.

Die Frau vorne stieß ein kurzes Keuchen aus. Der schlafende Mann war jetzt völlig wach, die Augen weit und leer. Der Fahrer griff unter den Sitz neben sich.

Lyras Finger krallten sich in den Rand ihres eigenen Sitzes.

Ein weiteres Knurren folgte, diesmal näher.

Der Bus schwankte einmal leicht, als ob etwas Großes dagegen gestreift wäre.

Die Frau weiter vorne stieß einen scharfen kleinen Schrei aus. „Was ist das?“

Der Fahrer riss an den Türhebeln, hielt dann aber inne, sein Gesicht veränderte sich. „Nein.“

Das Wort war leise, aber Lyra hörte die Angst darin.

Er blickte über die Schulter zurück. „Bleiben Sie alle sitzen.“

Das war das Falscheste, was er sagen konnte.

Der schlafende Mann stand sofort auf, viel zu schnell, und stieß sich das Knie am Sitz. „Ich steige aus. Lassen Sie mich raus.“

„Setzen Sie sich“, fuhr der Fahrer ihn an.

Etwas prallte gegen die Seite des Busses.

Hart.

Das ganze Fahrzeug bebte.

Lyra stockte der Atem. Die Frau vorne schrie auf und ließ ihre Einkaufstasche fallen. Dosen rollten unter die Sitze. Der Mann strauchelte und wäre fast hingefallen.

Draußen bewegten sich Schatten zwischen den Bäumen.

Nicht nur ein Schatten. Mehrere.

Der Geruch erreichte Lyra wieder – dieser wilde, saubere Duft – und darunter war jetzt etwas Kälteres, etwas Gefährliches, etwas, das ihr Herz mit der seltsamen Gewissheit hämmern ließ, dass das, was da draußen war, nicht menschlich war.

Ihr Mund wurde trocken.

Nein. Das war unmöglich.

Natürlich hatte sie die Geschichten gehört. Jeder in Greybridge kannte sie. Geschichten, die anfangs noch unter lautem Lachen erzählt wurden, aber nach Mitternacht immer leiser klangen. Geschichten über fremde Männer in den Wäldern, über alte Familienwarnungen und darüber, dass man manche Wege besser nicht allein gehen sollte.

Dumme Geschichten.

Kindermärchen.

Doch die Angst im Bus war echt.

Der Fahrer versuchte es erneut mit der Zündung. Der Motor hustete.

Das Licht erlosch.

Die Dunkelheit brach so schnell über sie herein, dass Lyra nach Luft schnappte und sich am Vordersitz festkrallte. Für einen Herzschlag gab es nur schwarzes Glas, schwarze Sitze und schwarzen Atem.

Dann begannen die Notbeleuchtungsstreifen am Boden schwach rot zu glühen.

Der Bus verwandelte sich in einen langen, engen Tunnel aus mattem Licht.

Jemand flüsterte: „Oh Gott.“

Lyra konnte ihren eigenen Puls hören.

Der Fahrer fluchte leise und versuchte ein drittes Mal, den Motor zu starten. Er keuchte, sprang kurz an und starb dann mit einem erstickten Rasseln wieder ab.

„Nein, nein, komm schon“, sagte er, und jetzt brach die Panik durch. Er schlug mit der Hand auf das Lenkrad. „Komm schon!“

Etwas kratzte an der Außenseite des Busses entlang.

Ein langes, langsames Geräusch.

Metall auf Metall.

Die Frau ganz vorne fing an zu weinen. Der Mann auf dem Sitz vor Lyra kauerte sich wie ein Kind zusammen.

Lyra zwang sich zum Atmen.

Denk nach.

Es musste einen Grund geben. Ein Tier, das den Weg versperrte. Männer mit Messern. Ein Streich. Irgendetwas, das in ihre bekannte Welt passte.

Doch der Geruch. Das Knurren. Und die Art, wie die Dunkelheit immer näher drückte.

Ihre Haut kribbelte erneut, und damit kam die plötzliche, heftige Erinnerung an Noah, der in ihrer Küche gestanden hatte. Er sah so ernst aus, als er fragte, ob die Straßen bei Nacht sicher seien.

Damals hatte sie gelacht.

Jetzt wünschte sie, sie hätte es nicht getan.

Der Fahrer beugte sich zum Funkgerät und klopfte dagegen. Rauschen antwortete ihm. Er fluchte erneut. „Bleiben Sie ruhig. Ich mache die Tür auf und sehe nach.“

„Nein!“, rief die Frau.

Er ignorierte sie und griff nach dem Hebel.

Lyra stand auf, bevor sie es wollte. „Nicht.“

Jedes Auge im Bus richtete sich auf sie.

Das gefiel ihr nicht. Sie wollte nicht bemerkt werden. Doch die Worte waren bereits heraus.

Der Fahrer starrte sie an. „Was?“

„Öffnen Sie sie nicht.“

„Lady, wenn Sie keine bessere Idee haben –“

Ein schwerer Schlag traf die Seite des Busses weiter hinten.

Der Mann im hinteren Teil schrie auf und duckte sich.

Da spürte Lyra die ganze Dimension ihrer Angst. Keine Geschichte. Kein Witz. Irgendetwas da draußen kreiste sie ein und wusste genau, wo sie waren.

Dem Fahrer wich die Farbe aus dem Gesicht. Er öffnete die Tür nicht.

Gut.

Lyra schluckte schwer und sah zur Frontscheibe.

Das schwarze Glas spiegelte das rote Licht im Innenraum wider, doch dahinter war nur Dunkelheit. Die Scheinwerfer des Busses leuchteten zu schwach, um die Straße zu erhellen.

Ein weiteres Kratzen zog sich langsam und gezielt an der Seite entlang.

Lyras Fingernägel bohrten sich in ihre Handflächen.

Ihr Herzschlag hatte sich verändert. Er war zu laut. Zu schnell. Und unter der Angst, unter dem Schock, stieg dieser wilde Geruch im Bus auf – jetzt stärker, fast unmöglich zu ignorieren.

Der Duft ließ ihren Nacken brennen.

Ihr Kopf wandte sich, bevor sie begriff, warum.

Zum linken Fenster.

Zu den Bäumen.

Zuerst sah sie nur schwarze Stämme und eine Wand aus Schatten. Dann bewegte sich etwas zwischen zwei Ästen.

Kein Mensch.

Eine Gestalt.

Groß. Aufrecht.

Ihr Atem blieb so stark weg, dass es schmerzte.

Die Gestalt bewegte sich erneut und fing für einen Sekundenbruchteil einen Streifen des roten Notlichts ein.

Eine Schulter. Eine Hand.

Nein. Ein Mann?

Aber die Bewegung war zu geschmeidig. Zu schnell.

Dann war er weg.

Lyras Puls hämmerte so stark, dass sie ihn in den Ohren hören konnte.

Sie hätte wegsehen sollen. Sie hätte sich hinsetzen sollen. Sie hätte schreien sollen wie die anderen. Stattdessen starrte sie weiter in die Bäume, als wüsste ein Teil von ihr, dass die Dunkelheit zurückstarrte.

Eine weitere Gestalt bewegte sich im Hintergrund, fast verborgen.

Dann noch eine.

Ein tiefes Grollen rollte wieder durch die Finsternis, nun noch tiefer, und die Haare auf ihren Armen stellten sich auf.

Der Fahrer schlug mit dem Handballen gegen das Armaturenbrett. „Warum springt er nicht an?“

„Vielleicht, weil da draußen etwas ist“, flüsterte die Frau.

Der Mann ganz hinten stieß ein gebrochenes Geräusch aus und schleppte sich nach vorne, als könnte ihn die Nähe zu anderen retten. Der Bus war für diese ganze Angst zu klein geworden.

Lyras Atem ging flach. Sie wurde sich plötzlich jedes Zentimeters ihres Körpers bewusst, wie ihr Herz gegen die Rippen hämmerte und wie ihr kalter Schweiß am unteren Ende der Wirbelsäule herunterlief.

Dann, durch das rote Licht, sah sie etwas am anderen Ende des Busses.

Ein Mann war zugestiegen.

Lyra erstarrte.

Er war eben noch nicht da gewesen. Sie hätte ihn sehen müssen.

Er stand direkt neben der hinteren Tür, groß und unbeweglich. Eine Hand stützte er gegen den Metallrahmen, als wäre er direkt aus der Dunkelheit heraus entstanden. Das Notlicht schnitt in Stücken über sein Gesicht. Dunkles Haar. Ein harter Kiefer. Breite Schultern unter einem schwarzen Mantel, der an den Rändern feucht aussah.

Für einen wahnsinnigen Moment dachte Lyra, er sei die Gefahr.

Dann hob er den Kopf, und sie spürte, wie sich die Atmosphäre im Bus veränderte.

Die Luft wurde schwerer.

Der Geruch traf sie wie ein Schock.

Wild. Scharf. Rein.

Derselbe Duft.

Er kam von ihm.

Er betrachtete die Menschen im Bus wie ein Soldat einen Raum, der bereits verloren war. Ruhig. Aufmerksam. Beherrscht.

Doch als seine Augen Lyra fanden, veränderte sich etwas in seinem Gesicht.

Nicht viel.

Nur ein wenig.

Sein Körper wurde starr, und das rote Licht betonte die harte Linie seines Mundes.

Lyra konnte sich nicht bewegen.

Sie wusste nicht, warum sich ihre Brust plötzlich so zuschnürte. Sie wusste nur, dass der Fremde sie so ansah, als hätte er endlich gefunden, wonach er schon sehr lange gejagt hatte.

Nicht die anderen.

Sie.

Die Angst im Bus schien zurückzuweichen und machte einer anderen Stille Platz. Schwer. Elektrisierend.

Der Blick des Mannes hielt ihren für einen langen Moment fest.

Dann sagte er, tief und rau: „Steigen Sie nicht aus diesem Bus aus.“

Lyras Mund öffnete sich, doch kein Ton kam heraus.

Der Fahrer drehte sich um. „Wer zur Hölle sind Sie?“

Der Fremde sah ihn nicht an. Seine Augen blieben auf Lyra gerichtet, als wäre der Rest der Welt in diesem Augenblick verschwunden.

„Bleiben Sie sitzen“, sagte er, die Stimme nun scharf. Befehlend. „Alle von Ihnen.“

Der Mann ganz vorne stieß ein nervöses Lachen aus, das fast wie Weinen klang. „Sie können nicht einfach –“

Der Fremde bewegte sich.

So schnell, dass Lyra es kaum sehen konnte.

Er überquerte den Gang mit zwei Schritten und legte eine Hand auf den Fahrersitz. Der Fahrer zuckte zurück, als wäre er geschlagen worden.

„Halten Sie die Türen geschlossen“, sagte der Fremde. „Und wenn Sie draußen irgendetwas hören, suchen Sie nicht danach.“

Der Fahrer starrte ihn schwer atmend an.

Lyra starrte ebenfalls, ihre Haut kribbelte auf eine Weise, die sie nicht verstand. Er war nun nah genug, dass sie die blasse Narbe an seiner Schläfe sehen konnte und die Anspannung unter seinem Mantel – wie eine lauernde Klinge.

Er roch nach kalter Nachtluft und etwas anderem, Tiefgründigerem, Dunklerem, das unter der Schärfe fast warm wirkte.

Ihr Magen drehte sich um.

Der Fremde sah zum Fenster hinter ihr.

Sein Ausdruck änderte sich erneut, nur für eine Sekunde.

Warnung.

Lyra folgte seinem Blick.

Draußen, in der Dunkelheit hinter dem Glas, öffneten sich zwei leuchtend gelbe Augen zwischen den Bäumen.

Dann ein zweites Paar.

Dann noch eines.

Der Bus verstummte völlig.

Und die Dunkelheit begann sich auf sie zuzubewegen.