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„Was sagst du dazu?“, fragte Susan Jordan – bei Familie und Freunden eher als Suzy bekannt – ihre Mutter, während sie mit einem breiten Grinsen durch das Wohnzimmer wirbelte.
Elizabeth Jordan sah sofort, wie aufgeregt ihre Tochter war. Wie hätte sie da etwas Negatives sagen können? Außerdem fiel ihr beim besten Willen nichts ein, das an der Wohnung, die ihre Tochter ausgesucht hatte, auszusetzen gewesen wäre.
Die Wohnung war perfekt. Sie war nicht zu teuer, sodass es bei der nächsten Mietzahlung keine Probleme geben würde. Sie war zwar nicht riesig, bot aber genug Platz für Susans Bedürfnisse und lag nur eine Stunde vom Elternhaus entfernt. Sie wusste, dass Susan schon immer in den belebteren und aufregenderen Teil der Stadt ziehen wollte, und nun war die Zeit endlich gekommen.
Susan starrte ihre Mutter an, doch ihr Lächeln wich einer skeptischen Miene. „Was stimmt nicht damit?“, fragte sie sichtlich verwirrt über das Schweigen ihrer Mutter. „Ich dachte, sie würde dir gefallen.“
„Das tut sie auch“, entgegnete Elizabeth hastig. Sie ging auf ihre Tochter zu und nahm ihre Hand. „Ich verspreche es dir. Ich war nur kurz in Gedanken versunken. Hast du eine Ahnung, wie sehr ich dich vermissen werde? Erst dein Bruder und jetzt du … Ich freue mich für dich, aber ich darf dich doch vermissen, oder?“
Erleichterung huschte über Susans Gesicht und ihr Lächeln kehrte zurück. „Ich werde dich auch vermissen, Mom, aber ich werde dieses Jahr siebenundzwanzig. Ich denke, es ist Zeit für mich, auszuziehen. Wir beide wissen, dass ich das schon vor Jahren hätte tun sollen.“
Susan musste das ihrer Mutter eigentlich nicht erklären. Sie beide wussten, dass Susan nach dem College nur deshalb wieder eingezogen war, weil sie ihre Mutter nach dem schrecklichen Autounfall ihres Vaters nicht allein lassen wollte. Da sie wusste, wie sehr ihre Eltern einander geliebt hatten, machte sie sich Sorgen um ihre Mutter und war deshalb geblieben. Fünf Jahre später wagte sie nun endlich diesen großen Schritt. Es geschah zwar viel später als bei ihren Freunden, aber das war Susan egal. Sie bereute ihre Entscheidung, bei ihrer Mutter geblieben zu sein, nicht.
„Außerdem“, fügte Susan hinzu und zwinkerte ihrer Mutter zu, „glaube ich nicht, dass du mich so sehr vermissen wirst. Du hast jetzt Mr. Williams, der dir Gesellschaft leistet.“
Sie grinste, als ihre Mutter verlegen wegah. Ihre Mutter hatte Luke Williams vor vier Monaten kennengelernt, und zwei Monate später hatten sie angefangen, sich zu daten. Luke Williams war ein netter, älterer Herr Anfang sechzig, der viel lächelte und darauf bestand, dass sie ihn beim Vornamen nannte. Anfangs war es seltsam für Susan, ihre Mutter mit jemand anderem als ihrem Vater zu sehen, aber sie hatte sich daran gewöhnt, sobald sie Luke besser kannte. Ihre Mutter war glücklich, und das war das Wichtigste.
„Es ist völlig in Ordnung, dass du datest, Mom“, fuhr sie fort, als sie den Gesichtsausdruck ihrer Mutter sah. „Dad ist jetzt seit fünf Jahren tot, und ich glaube, er möchte, dass du dein Leben lebst und glücklich bist. Ich freue mich wirklich für dich, aber ich denke, das ist auch ein Grund mehr, warum ich ausziehen muss.“
„Ich glaube nicht, dass dein Bruder das genauso sieht“, sagte ihre Mutter. „Er scheint Luke nicht besonders zu mögen.“
„Er ist eben Sam“, antwortete Susan. „Du kennst ihn, daher überrascht mich das nicht. Er regt sich immer über irgendetwas auf, aber das wird sich legen. Es wird spät, warum fährst du nicht langsam nach Hause? Um den Rest der Kisten kümmere ich mich alleine.“
Nachdem ihre Mutter gegangen war, saß Susan in ihrem neuen Wohnzimmer und starrte auf die restlichen Kartons, die überall auf dem Boden verstreut waren. Sie fing praktisch ein neues Leben an und freute sich darauf. Es war beängstigend und aufregend zugleich, aber so sollte es doch sein, oder? Was konnte schon schiefgehen?
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Susan Jordan arbeitete als Immobilienmaklerin – nicht unbedingt, weil es ihr Traumjob war oder sie ihn liebte, sondern weil sie ihre Rechnungen bezahlen musste. Die meisten Leute glauben zwar, dass man den Beruf, den man ausübt, lieben muss, aber Susan sah das anders.
Sie hasste ihren Job nicht, machte sich aber auch nichts vor. Der einzige Grund, warum sie diesen Job hatte, war, dass sie erwachsen war. Erwachsene hatten Rechnungen zu bezahlen, und da sie nun endlich alleine wohnte, bedeutete das, dass sie noch mehr Ausgaben hatte.
Hätte sie die Zeit für einen Zweitjob gehabt, hätte sie ihn angenommen. Aber sie arbeitete fast jeden Tag der Woche, und zwischen der Arbeit im Büro und den Besichtigungsterminen mit Kunden blieb ihr einfach keine Zeit. Die Wochenenden und ihre freien Tage waren für sie selbst reserviert, und die verbrachte sie mit Besorgungen, Lesen und dem Fitnessstudio.
An diesem Abend war sie auf dem Heimweg von der Arbeit, machte aber zuerst einen Abstecher zum Haus ihres Bruders. Samuel Jordan war drei Jahre älter als Susan, und nach dem Tod ihres Vaters hatte er die Rolle des Familienoberhaupts übernommen. Samuel wusste, dass es in seiner Verantwortung lag, sich um seine Mutter und seine Schwester zu kümmern, und das tat er nach besten Kräften.
Doch vor einigen Monaten begann Susan zu ahnen, dass mit ihrem Bruder etwas nicht stimmte. Er kam kaum noch zu Besuch, und meistens erreichten sie ihn nur telefonisch. Selbst jetzt, eine Woche nachdem sie in ihre neue Wohnung gezogen war, hatte Samuel noch nicht vorbeigeschaut. Er hatte ihr nur eine Nachricht geschickt, und das war absolut nicht seine Art.
Während sie nun zu der Zweizimmerwohnung fuhr, in der er wohnte, wusste sie, dass es ihm nicht gefallen würde, dass sie unangemeldet kam, aber das war ihr egal. Sie hatte ihren Bruder seit Wochen nicht gesehen, und ihre Mutter fing auch schon an, sich Sorgen zu machen.
Als sie ankam, stand sein Auto in der Einfahrt, doch dort stand noch ein weiteres schwarzes Auto, das sie nicht kannte. Susan sah sofort, dass es ein teures Modell war. Sie fragte sich, wen ihr Bruder da zu Besuch hatte, stieg aus und ging auf die Haustür zu.
Die Tür öffnete sich, gerade als sie die Hand zum Klopfen heben wollte, und Susan blickte in die Augen eines Mannes, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Er war riesig, trug die Haare zu einem Dutt zusammengebunden und sah so aus, als würde er viel Zeit im Fitnessstudio verbringen. Sein Outfit machte ihn nur noch einschüchternder. Er trug eine schwarze Hose und eine schwarze Lederjacke und starrte sie an, als hätte sie eine sehr wichtige oder geheime Besprechung gestört.
Susan hielt seinem Blick stand und schluckte schwer. Sie wusste allein durch das Ansehen dieses Mannes, dass er Ärger bedeutete. Er war niemand, in dessen Nähe sie sein wollte, und sie wollte ihn auch nicht in der Nähe ihres Bruders haben. Doch er war nun einmal hier, in Samuels Haus, und sie musste sichergehen, dass es ihrem Bruder gut ging.