EINS - Unbekannt
Die Tür zum Keller gab ein haarsträubendes Knarzen von sich, als ich den kühlen Raum betrat. Der Geruch von feuchtem Beton und Metall hing in der Luft. Vorsichtig stieg ich die hölzerne Kellertreppe hinab. Es dauerte, bis sich meine Augen an die spärlichen Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, denn bis auf das Flackern der Glühbirne, die von der niedrigen Decke baumelte, war es dunkel.
Die drei Kellerfenster hatte ich mit Pappkarton und Paketband abgeklebt, sodass weder jemand von innen, noch von außen hindurchlugen konnte.
Obwohl, wenn ich so darüber nachdachte, hätte ich mir die Sicherheitsvorkehrungen auch sparen können. In einer rücksichtslosen Welt voller Ausbeutung, Ignoranz und Eigensucht sah die Nachbarschaft nur das, was sie auch sehen wollte.
Mrs. Ebstein hätte ihren Ehemann in der Mittagsstunde im Vorgarten verscharren können und die alte Bakersfield von nebenan wäre trotzdem zum Kaffeekränzchen vorbeigekommen. Kam hingegen eine Belohnung mit ins Spiel, würde sich die Geschichte um 180 Grad wenden und die Cops würden sich vor falschen Hinweisen kaum retten können.
Wie ich bereits sagte - die Gesellschaft war verkorkst.
Meine Rückkehr in das kleine Vorstädtchen war noch nicht allzu lange her und dennoch hatten mich die Nachbarn der Maple Street bei meinen täglichen Spaziergängen durch die Allee weder erkannt, noch mir die geringste Aufmerksamkeit geschenkt.
Obwohl ich das Glück in dieser Hinsicht auf meiner Seite hatte, ging ich lieber auf Nummer sicher. Für mein eigenes Grab war es definitiv noch zu früh!
Im Grunde war die Maple Street eine idyllische und angenehme Gegend... dieser Eindruck wurde zumindest vermittelt, wenn man die mit Ahornbäumen bewachsene Allee von der Hauptstraße aus passierte. Die Hälfte der Häuser wurde von Senioren bewohnt, die nie weiter als bis zu ihren Briefkästen liefen. Eigentlich schade – ich liebte neue Bekanntschaften.
Neben dem Vogelgezwitscher, dem Fauchen verfeindeter Katzen und dem Gelächter der alten Leute – was vorwiegend an das Grunzen von Schweinen erinnerte – zog eine friedvolle Stille durch die Maple Street.
Und falls es doch mal etwas lauter werden sollte, hatte ich immer ausreichend Paketband dabei. Das lag wohl daran, dass ich es nur selten benutzte. Die Meisten brauchten Ewigkeiten, bis sie nach einer Dosis Isofluran die Beweglichkeit ihrer Zungenmuskulatur wiederfanden. Und wenn es dann soweit war, litten sie bereits, aufgrund aufgeschlitzter Halsschlagadern und Bauchspeicheldrüsen unter Blutverlust. Eine wahrlich faszinierende und zugleich „mordsmäßige Sauerei” – ich zitiere mein Wohnzimmer nach der Aktion mit Mariah Younes.
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Oh ja, Mariah-Jocelyn Allen Younes – meine Regina George in der Highschool.
Das kleine Miststück hatte mir 48 kostbare Stunden meines Lebens geraubt! Ich hätte sie einfach gleich in ihren eigenen Vier Wänden erwürgen sollen, als ich die Gelegenheit dazu hatte. Doch ich dachte mir, ein bisschen Spaß und eine Flasche Gin Tonic, um die Stimmung aufzulockern und auf die guten alten Zeiten anzustoßen, würde uns beiden ganz gut tun. Aber nachdem sie ganz plötzlich von Panik übermannt wurde und mir nicht nur ihr Knie schmerzvoll in die Seite gerammt, sondern auch noch zwei Flaschen meines Bombay Sapphire London Dry Gins vom Regal gefegt hatte, wurde die Sache echt persönlich.
Nach einer beinahe 10-minütigen Runde „Tom und Jerry” durch mein Haus, bekam ich das Mäuschen endlich im Wohnzimmer zu fassen. Während ich ihre rechte Hand an das Bein des massiven Mahagonieschreibtisches festkettete, schrie sie, wie besessen und flehte mich an, sie gehen zu lassen. Dabei rannen ihr die Tränen, wie Sturzbäche über ihre sommersprossenbesetzten Wangen.
In diesem Moment wirkte Mariah so verletzlich und mitleidserregend, dass ich es zutiefst bereute kein Foto für mein „Die Schönsten Erinnerungen”-Album gemacht zu haben.
Es traf mich noch immer mit quälender Wucht, wenn ich daran zurückdachte, wie sie mich damals, ohne jegliches Gefühl der Reue, vor versammelter Mannschaft zum Narren gehalten hatte und mit einem Blick, der vor Genugtuung und Arroganz nur so trotzte, dabei zusah, wie mein Herz anschließend in tausend Teile zerschellte.
Doch nun war er endlich da – der Moment auf den ich solange gewartet hatte: Der Augenblick, in dem ich Mariah Younes leiden sah!
Wie mein Stiefvater früher immer zu sagen pflegte: „Wenn der letzte Strohhalm, an den man sich klammert, in einem Gin Tonic steckt, geht’s eigentlich.” Nur in seinem Fall war der Gin Tonic eher eine Rotweinflasche und an den meisten Abenden blieb es nicht nur bei einer...
„Weißt du, was ich mich schon immer gefragt habe, Mariah?” Ein Grinsen stahl sich auf meine Lippen, während ich mich auf Mariahs Becken niederließ und mich über ihren, vor Schluchzern erschauderten Oberkörper beugte. „Ob dein Herz genauso dunkel und kalt ist, wie deine Taten.”
Die junge Frau hatte vor Schreck die Luft angehalten, während ihr Herzschlag ordentlich an Fahrt aufnahm. Ich genoss jeden noch so kleinsten Funken Angst in ihren kastanienbraunen Augen, die sich vor Entsetzen weiteten, als ich ein Taschenmesser aus meiner linken hinteren Hosentasche zog und es ihr vor das tränenreiche Gesicht hielt.
„Wir sollten der Sache auf den Grund gehen!”
Oh, ich liebte es, wenn sie sich wehrten!
Die Macht, die sich in einem aufstaute.
Die Überlegenheit.
Das Adrenalin.
Zu wissen, dass die Wahl zwischen Leben und Tod einzig und allein in meinen Händen lag – das war ein Gefühl, wie... Pop Rocks mit Vanilleeis: Prickelnd, explosiv und unfassbar süß.
Nur in Mariahs Fall hätte ich tatsächlich ein wenig mehr Ruhe gebrauchen können. Immerhin erforderte dieser Eingriff eine extrem hohe Präzision und Feinmotorik. Ich wollte ihr Herzchen ja nicht beschädigen, bevor ich es überhaupt zu Gesicht bekommen hatte – vorausgesetzt sie besaß überhaupt eins...
Ich hatte Mariah zig Mal gesagt, sie solle aufhören mit Zappeln und stillhalten. Doch das Biest war zäh. Schon immer.
Ich wollte gerade zwischen ihren wohlgeformten Brüsten ansetzen, als sie schließlich mit ihrer linken freien Hand ausholte, woraufhin ihre Faust gegen meinen rechten Wangenknochen krachte. Ich rutschte mit dem Messer ab, das mit einem schmatzenden Geräusch in Mariahs Kehlkopf eindrang. Dabei musste ich eine Arterie getroffen haben, denn der Blutfluss, aus Mariahs Hals glich einem „Springbrunnen”, der nicht nur mein T-Shirt, sondern auch die helle Wand hinter dem Mahagonieschreibtisch, die beigen Vorhänge, sowie mein kuscheliges Ecksofa in Mitleidenschaft zog.
Die junge Frau unter mir bewegte sich plötzlich nicht mehr.
Frustriert krauchte ich von ihrem leblosen Körper, während ich das Messer aus der triefenden Wunde zog. Ein paar Tropfen von Mariahs noch warmen Blut lösten sich und spritzten mir geradewegs ins Gesicht.
Mit meiner blutverschmierten Hand fuhr ich mir von meiner glühenden Stirn hinauf, durch mein kurzes Haar, während ich mich mit dem Rücken an den Schreibtisch lehnte und die Leiche vor mir betrachtete. Mariah Younes’ rosiges Gesicht war angstverzerrt und in ihren braunen Augen spiegelte sich die blanke Panik. Genauso würde ich sie in Erinnerung behalten.
Ich hielt mir die Hände vors Gesicht, während ich versuchte ruhig zu atmen.
So eine verdammte Scheiße...
Ich konnte ihr nicht mal ins Gesicht sagen, was für ’ne verfickte Schlampe sie gewesen war.
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Bei dem blonden Engel vor mir - mit den Handgelenken ans Heizungsrohr gefesselt – würde ich alles anders machen, denn mit ihr hatte ich andere Pläne...
Nachdem ich die hölzerne Kellertreppe hinter mir gelassen hatte und nähertrat, erkannte ich ihre rotunterlaufenen Augen, aus denen sie mich teils entsetzt, teils ängstlich anstarrte. Sie hatte geweint.
„Du bist ja wach.“, stellte ich leicht überrascht fest. Nachdem ich es etwas zu gut mit dem Anästhetikum gemeint hatte, hätte ich nicht gedacht, dass sie so schnell wieder ansprechbar sein würde. Umso fröhlicher stimmte es mich, als ich bemerkte, dass die schlafende Schönheit bereits nach drei Stunden wieder erwacht war.
„Das ist gut. Wir haben einiges zu klären.”
Euphorisch schlenderte ich zur Werkbank hinüber. Ein Hammer, dutzende von Schraubendrehern, eine stumpfe Säge... Du meine Güte! Den Sinn von Ordnung hielt der hübsche Sonnenschein offenbar für überflüssig – wann hatte sie zuletzt hier aufgeräumt?! Das musste ich gerade sagen, immerhin war ich keinen Deut besser...
Zum Glück hatte ich immer ein Ass im Ärmel... oder besser gesagt, im Hosenbund.
Ein Lächeln breitete sich auf meinen Lippen aus, während ich ein exklusives und handgeschmiedetes Damastmesser aus meinem hinteren Hosenbund zog, woraufhin sich die Augen der blonden Schönheit entsetzt weiteten. Es teilte einfach alles – das selbstgebackene Krustenbrot, frisch aus dem Ofen oder die stahlharte Schale der Wassermelone im Sommer. Sogar dem zähen billigen Fleisch aus dem Supermarkt war es überlegen. Das gute Stück erfüllte seine Funktion.
Bis zur letzten Sehne.
Mit einem breiten Grinsen ließ ich mich neben der jungen Frau nieder, die mit einem Schlag unfassbar nervös wurde. Sie versuchte sich aufzurichten, um von mir wegzurutschen, doch das Leinenband umschloss ihre Handgelenke zu fest. Eine Flucht für sie war unmöglich. Ein Wimmern verließ ihre zartrosa Lippen, während die Tränen erneut den Weg über ihre Wangen fanden.
Ein merkwürdiges und zugleich ungewohntes Gefühl machte sich in mir breit. Ich glaubte, ich empfand sowas, wie... keine Ahnung... Mitleid? Am liebsten hätte ich mir meinen ganzen Frust laut aus dem Leibe gebrüllt.
Ich wollte nicht, dass es so weit kam – ich wollte nicht, dass sie Angst vor mir hatte. Wir hatten uns doch immer so gut verstanden.
Die ganze Aktion war so überhaupt nicht geplant. Ich kam einzig und allein zurück, um ein paar meiner Dämonen aus der Vergangenheit loszuwerden. Und wen treffe ich ausgerechnet im erstbesten Walmart der Stadt?! Ich hatte ja nicht mal die geringste Ahnung, dass sie jetzt hier wohnte.
Zufall? Von wegen... Wohl eher ein perfider Arschtritt von einer gewissen Bitch namens Schicksal!
Doch anders als erwartet, schien sie mich nicht zu erkennen. Weder, als ich mich an der Supermarktkasse hinter sie gestellt, noch als sich mein frischgebrühter Kaffee auf ihrer weißen Bluse verewigt hatte – aus Versehen natürlich.
Zunächst dachte ich noch, sie ghostete mich aus Vorsicht. Doch als ich sie zu einem anschließenden Wiedergutmachungs-Latte-Macchiato einlud und sie plötzlich, wie wild drauf los quasselte, als gäbe es keinen Morgen, wurde mir bewusst, dass sie es ernst meinte – sie hatte keinen blassen Schimmer, wen sie da vor sich sitzen hatte! Nicht einmal, als ich ihr meinen Namen nannte, der auf meinem gefälschten Ausweis stand, viel bei ihr der Groschen.
Ich wollte es gut sein lassen, ehrlich. Je weniger Leute von mir wussten, umso einfacher würde es für mich laufen. Doch als sie mich an einem nass-kalten Januartag dabei beobachtete, wie ich Mariah Younes anbot, sie in meinem Auto mitzunehmen und diese zwei Tage darauf, von ihrer Tante als vermisst gemeldet wurde, wusste ich, dass ich sie nicht so einfach gehen lassen konnte. Dafür hatte sie zu viel gesehen.
Ich dachte mich trifft der Schlag – nachdem ich ihr einen halben Tag, einmal queer durch die ganze Stadt gefolgt war, staunte ich nicht schlecht, als ich das kleine Häuschen erreichte, das sie ihr Zuhause nannte. Das Haus 102 der Maple Street hatte sich kein bisschen verändert. Sogar die Trauerweide im Vorgarten war noch immer da. In den vergangenen neun Jahren war sie enorm gewachsen, mit einer schweren Krone und den langen, herabhängenden Ästen, die beinahe den Boden berührten... als wollten sie etwas verbergen.
Doch noch mehr verwunderte es mich, dass sie mich einfach so hineingebeten hatte und das, obwohl ihr die Unsicherheit geradezu aus ihren wunderschönen Augen triefte. Hatte sie denn wirklich all die Jahre nicht begriffen, wie gefährlich die Welt war?! Entweder war es reine Naivität oder bloße Dummheit. Vielleicht auch ein Mix aus beidem. Ich wusste schon immer, dass sie einfach zu gut für die Welt war. Sie hatte ein zu großes Herz, was dafür sorgte, dass sie den falschen Menschen vertraute – unter anderem mir.
Dieser Fehler schien ihr bewusst geworden zu sein, als ich ihr das isoflurangetränkte Tuch vor ihr hübsches Gesicht gehalten und sie anschließend in den Keller unter der Küche gezerrt hatte.
„Hey, hey.” Langsam hob ich meine Hand und berührte sanft ihre glühende Wange. „Lass dich hiervon nicht verunsichern.” Ich deutete auf das Messer in meiner linken Hand. „Wir reden nur, okay. Lass uns... einfach reden.”
Die Blonde mied meinen Blick. Dennoch spürte ich, wie unwohl sie sich in diesem Moment fühlte.
„Ich kann es gerne zur Seite legen, wenn es dann besser geht?“, fragte ich unschuldig, woraufhin sie kurz in meine Richtung blinzelte und schließlich mit einem knappen Nicken einwilligte.
Ich erhob mich und legte das Messer auf der alten Werkbank ab.
Als ich zurückkehrte, starrte die Blonde gegen die bröckelnde, heruntergekommene Kellerwand. Offensichtlich konnte sie mir nicht in die Augen sehen. Sie hatte also Gewissensbisse – sehr gut.
Vorsichtig, um sie nicht zu erschrecken, griff ich nach ihrem Kinn und drehte ihren Kopf in meine Richtung. Doch sie dachte gar nicht daran mich anzusehen. Stattdessen starrte sie Löcher in die Luft, was mich nur noch mehr dazu ermutigte ihr provokant ins Gesicht zu blicken. Das belustigte Grinsen konnte ich mir dabei nicht verkneifen. Dieses Spiel hatte ich bereits dutzendmal gespielt – und früher oder später gewann ich immer!
Das Mädchen schluckte schwer. Ich ahnte, dass in ihrem Inneren die blanke Panik wütete. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie unter meinem stechenden Blick zusammenbrechen würde.
Diese Zeit nahm ich mir, um in aller Ruhe ihr Gesicht zu studieren. Sie war noch genauso schön, wie ich sie in Erinnerung hatte. Das natürlich blonde Haar umschloss ihre leicht molligen Wangen. Die blauen Augen waren voller Unschuld. Dazu die süße Nase, die sich immer so niedlich kräuselte, sobald sie lachte.
Sie war immer so stark und aufrichtig gewesen – mein Fels in der Brandung... bis sie sich von heute auf morgen einfach aus dem Staub gemacht hatte.
Mein Grinsen war mit einem Mal, wie weggewischt. Stattdessen brachte ich nur noch ein trauriges Lächeln zu Stande, als ich an den Tag zurückdachte, an dem mich die grausame Wahrheit gepackt hatte.
„Wieso... wieso hast du das gemacht?”
Ich kam nicht drum herum kräftig zu schlucken, während ich dem Engel vor mir liebevoll eine blonde Strähne hinter das Ohr schob.
„Hast du in den letzten Jahren auch nur ein einziges Mal an mich gedacht, hm?”
Natürlich hatte sie an mich gedacht. Während sie bewusstlos im Keller gelegen hatte, hatte ich mich ein wenig in dem trauten Heim umgesehen und in der hintersten Ecke der Speisekammer einen alten Pappkarton entdeckt. Wäre ich ihr wirklich so egal gewesen, hätte sie den ganzen Schrott darin, bereits vor neun Jahren einfach entsorgt.
Doch ich wusste, wie talentiert ich darin war, den Leuten ein schlechtes Gewissen einzureden... und ganz nebenbei interessierte es mich tatsächlich, wieso sie damals, ohne ein Wort des Abschieds verschwunden war.
Also richtete ich meine Frage erneut an die hübsche Blonde vor mir, wobei ich plötzlich lauter sprach als sonst und meine Stimme einen schneidenden Unterton annahm.
“Wieso?!”
Wenigstens hatte ich jetzt ihre volle Aufmerksamkeit, denn ihre blauen Augen, die durch die salzigen Tränen nur noch heller wirkten, streiften verängstigt die meinen.
Sie nuschelte ein paar Worte, die unter ihren leisen Schluchzern völlig untergingen.
„Was?”
„Ich...ich konnte...” Ihr Wimmern wurde lauter, doch schließlich setzte sie erneut zum Sprechen an, sodass ich sie, trotz ihres brüchigen Tons besser verstand. „Ich konnte einfach nicht mehr.”
Für einen kurzen Moment zog eine erdrückende Stille durch den Keller. Beinahe so, als wäre die Zeit stehen geblieben. Bis auf das leise Tropfen eines undichten Rohres in der Ecke war nichts weiter zu hören.
Zitternd stieß ich die Luft aus meinen Lungen, während mein rechter Mundwinkel kaum sichtbar zuckte. Meine Stimme war eisig, ja fast tonlos, als ich langsam ihre Worte wiederholte: „Du konntest nicht mehr...”
Wie ein Echo hallten sie in meinem Kopf wider, während ich Stück für Stück versuchte die Bedeutung hinter ihnen zu erahnen. Plötzlich regte sich etwas in mir. Es glich einem Tsunami, der mit seinen riesigen Wassermassen ganze Landstriche verwüstete, Häuser zerstörte, Straßen flutete und Menschen mit sich riss - ein Welle aufgestauter und blanker Wut, die nur darauf wartete endlich auszubrechen.
Ich drehte mich zur Werkbank, holte mit der Faust aus und schlug mit voller Wucht gegen die Utensilien, sodass Hammer, Schrauben und unzählige weitere Werkzeuge scheppernd zu Boden fielen. Der laute Aufprall erfüllte den Raum, woraufhin die hübsche Blonde erschrocken zusammenzuckte.
„DU KONNTEST NICHT MEHR?!” Meine Stimme überschlug sich, als ich mich zu ihr umdrehte, meine Augen funkelnd vor unbändiger Wut. „SAG MAL, WILLST DU MICH EIGENTLICH VERARSCHEN!”
Ich stürzte auf die junge Frau zu, beugte mich so dicht über sie, dass sich unsere Nasen beinahe berührten.
„Hast du je daran gedacht, dass ich vielleicht auch nicht mehr konnte?! Dass ich vielleicht jemanden gebraucht hätte?!”
Tränen strömten ihr über das Gesicht, ihr ganzer Körper bebte unter den aufwallenden Schluchzern und sie schien kaum noch richtig Luft zu bekommen. Sie hatte Angst, das spürte ich.
Bei jedem anderen wäre es mir egal gewesen. Bei ihr tat es mir hingegen leid. Aber das brauchte sie nicht zu wissen. Ich wischte mir so unauffällig, wie nur möglich mit meinem Ärmel über das nasse Gesicht – die intensive, emotionale Reaktion hatte mir doch tatsächlich Tränen in die Augen getrieben -, bevor ich ihre Handgelenke vom Heizungsrohr löste und ein wenig Abstand zwischen uns brachte.
„Hier,“, ich zog eine Urlaubskarte aus meiner rechten Jackentasche und legte sie der blonden Frau auf den Bauch, „die wollte ich dir eigentlich mit der Post schicken... aber ich hatte deine Adresse ja nicht.”
Sie brauchte ein paar Minuten, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Schließlich holte sie tief Luft und griff nach der Karte, die den warmen Sandstrand von Waikiki bei Sonnenuntergang zeigte. Ihre roten verweinten Augen inspizierten das Bild, ehe sie die Karte neben sich legte und anschließend erneut auf die graue Betonmauer starrte – ein Zeichen dafür, dass sie ganz offensichtlich nicht weiter mit mir reden wollte.
„War wirklich schön dort.“, plauderte ich drauf los und ignorierte die Tatsache, dass sie mir gerade die kalte Schulter zeigte. „War das erste Mal in meinem Leben, dass ich das Gefühl hatte, irgendwo angekommen zu sein. Ich bin mit Schildkröten geschwommen, habe lange Spaziergänge am Strand unternommen. Hey, ich hab’ sogar Surfen gelernt!”
Die junge Frau blinzelte kurz in meine Richtung, als ich erfreut auflachte.
„Mein 17. Geburtstag war der schönste Tag meines Lebens... also, zumindest hatte ich das gehofft.” Ich kaute nervös auf meiner Unterlippe.
„Ich habe mit einem Freund in einer Bucht gefeiert, weißt du. Beau. Also, ich glaube jedenfalls, dass er Beau hieß... nachdem ich ihm den Schädel eingeschlagen hatte, konnte ich ihn ja nicht mehr fragen.”
Ich beobachtete das Mädchen neben mir, das ganz plötzlich von einem Schauer erfasst wurde und kräftig schluckte.
„Ich wollte ihm nichts tun. Ehrlich.“, versuchte ich die Sache zu retten, weil ich wirklich keine Lust hatte, dass sie mir auf den Schoß kotzte.
„Aber dann ging auf einmal alles so schnell...” Wieder biss ich mir auf die Unterlippe. Dieses Mal jedoch so doll, dass ich Blut schmeckte.
„Ich kam gerade vom Angeln. Es war schon spät. Da war dieses Mädchen auf diesem... abgelegenen Rastplatz, kaum älter als ich. Sie hat ihn angefleht aufzuhören, aber... er hat einfach... weitergemacht.” Ich musste kurz innehalten, um Luft zu holen, während ich unauffällig meine zitternden Finger knetete.
„Dann hab’ ich mit dem Gaff zugeschlagen. Einmal. Zweimal. Dreimal. Vielleicht auch noch’n viertes Mal. Ich weiß nicht mehr so genau.”
Ich fuhr mir mit der Zunge über meine blutige Lippe, während mein Blick erneut die hübsche Blonde neben mir streifte. Stumme Tränen rannen ihr über die Wangen. Doch bevor ich auch nur die Hand heben konnte, um sie ihr aus ihrem schönen Gesicht zu wischen, drehte sie ihren Kopf in meine Richtung und sprach mit gebrochener Stimme: „Und das Mädchen?”
Ich zuckte nur die Schultern und entgegnete: „Wir haben meinen Geburtstag gefeiert – es gab Gin und Pizza.”
Plötzlich hörte ich es oben an der Haustür läuten.
„Wenn man vom Teufel spricht.” Ein Grinsen stahl sich auf meine, noch immer roten Lippen. „Die Pizza ist da. Ich habe mörderischen Hunger! Wie steht’s mit dir?”
Ohne eine Antwort von der blonden Schönheit abzuwarten, griff ich nach den Stofffetzen, um sie mit ihren Händen wieder ans Heizungsrohr zu fesseln. Anschließend zog ich eine Rolle Paketband aus meiner linken Jackentasche.
Die blauen Augen, die auf mich gerichtet waren, weiteten sich und ich konnte nicht anders als zu lachen. „Sorry Süße, nimm’s mir nicht böse, aber du müsstest doch schließlich am besten wissen, dass uns diejenigen, die uns am nächsten stehen, völlig unvorhergesehen in den Rücken fallen können. Ich will nur auf Nummer Sicher gehen.”
Mit diesen Worten klebte ich der jungen Frau ein großes Stück Tape über den Mund.
„Wenn die ganze Sache hier vorüber ist, wer weiß, vielleicht gehe ich zurück nach Hawaii.” Ich lehnte mich ein Stück weiter vor, sodass sich unsere Nasen beinahe berührten und flüsterte: „Vielleicht tauche ich ja nach Beaus Leiche...”
Ihr entsetzter Blick ließ nicht von mir ab, als ich die hölzerne Treppe hinaufstieg.
„Und wenn du ganz still bist, teile ich sogar meine Pizza mit dir. Ich hoffe nur, der Kerl hat diesmal die verflixten Pilze weggelassen.” Ein kehliges Lachen entwich meinen Lippen, als ich mich noch ein letztes Mal dem Kellerraum zu wandte. „Du weißt ja, von Pilzen muss ich kotzen!”