DIE SCHATTEN-LUNA

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Zusammenfassung

Jahrelang hat sie im Stillen überlebt und sich inmitten der Menge versteckt, als wäre sie ein Niemand. Dann begannen die Schatten, ihren Namen zu flüstern. Als Mara durch ein Dorf gejagt wird, das niemals wirklich sicher war, greift ein brutaler Alpha namens Kael ein – doch die Gefahr wächst nur noch weiter. Uralte Feinde erkennen sie, verbotene Symbole erwachen in ihrem Blut zum Leben und die Wahrheit kommt langsam ans Licht: Sie ist nicht nur irgendein vergessenes Mädchen. Sie könnte die verlorene Erbin einer furchteinflößenden, uralten Macht sein … die Schatten-Luna.

Genre:
Fantasy
Autor:
MITHUN
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
30
Rating
4.5 2 Bewertungen
Altersfreigabe
16+

CHAPTER 1

Das Erste, was Mara darüber lernte, wie es ist, gejagt zu werden, war, dass Angst einen Geruch hatte.

Nicht den scharfen, metallischen Gestank, den die Leute im Dorf Blut nannten. Nicht Schweiß. Nicht Regen.

Angst roch nach zerriebenen Kiefernnadeln und kaltem Stein, wie die Dunkelheit vor der Morgendämmerung, wenn selbst die Wölfe verstummten.

Sie lag nun in der Luft und kroch durch die Gasse hinter dem Marktplatz, als drei Männer den Ausgang versperrten und ein weiterer vor sie trat.

Mara behielt ein ausdrucksloses Gesicht.

Ihre Hände waren voll mit Broten vom Bäckerstand. Wenn sie sie zittern ließe, wenn sie sie spüren ließe, wie stark ihr Puls schlug, würden sie es wissen.

Das Dorf tat gerne so, als würde es Dinge nicht bemerken. Es bemerkte alles.

Besonders, wenn es um sie ging.

„Wieder zu spät“, sagte Tomas, der breitschultrige Kerl in der Mitte. Er lehnte eine Hand gegen die Wand und lächelte, als würde ihm die ganze Gasse gehören. „Man sollte meinen, ein Mädchen, das unter dem Schutz des Rudels lebt, würde Dankbarkeit lernen.“

Schutz.

Das Wort ließ etwas Bitteres in Maras Hals aufsteigen.

Sie rückte die Brote in ihren Armen höher. „Ich gehe nur nach Hause.“

„Du gehst jetzt schon zehn Minuten nach Hause“, sagte der Typ links, ein blonder Junge, nicht älter als zwanzig, mit einem grausamen Mund und einem hübschen Gesicht, das durch seine Überheblichkeit verdorben war. „Schon komisch, wie du dich immer verläufst, wenn die Sonne untergeht.“

Sie lachten.

Mara sagte nichts.

Das war das Einzige, was sie die meisten Nächte rettete. Stille. Regungslosigkeit. Die Kunst, so auszusehen, als würde man zu niemandem gehören und von niemandem etwas erwarten.

Aber heute Abend hatte sie den Fehler gemacht, nach Einbruch der Dunkelheit allein zu sein.

Die Schatten waren über die gepflasterte Straße gewachsen, und der Markt leerte sich. Mütter brachten ihre Kinder eilig nach drinnen. Alte Männer zogen die Fensterläden herunter. Niemand wurde langsamer, wenn er an der Gasse vorbeiging.

Das tat nie jemand.

Mara schaute an Tomas vorbei und suchte in der Gasse dahinter nach einer Lücke. Ihr Häuschen war nur drei Straßen weiter. Wenn sie nur an ihnen vorbeikommen könnte, könnte sie rennen.

Nicht, dass das viel helfen würde.

„Komm schon, Mara“, sagte Tomas und seine Stimme wurde sanft. „Mach es uns nicht schwer. Wir wollen dir doch nur helfen.“

„Ich brauche keine Hilfe.“

Der Blonde schnaubte. „Genau das macht es ja so lustig.“

Maras Kiefer spannte sich an.

Sie wusste, was sie wollten. Sie machten sich nicht einmal die Mühe, es zu verbergen. Erst die Neckereien, dann die Hände. Dann würde das Gelächter lauter werden, und am Morgen würde jeder darüber reden, wie sie wieder einmal in Schwierigkeiten geraten war und es irgendwie verdient hatte.

Sie hatte sechs Jahre damit verbracht, dieses Rudel zu überleben, und Demütigung war so zur Routine geworden, dass sie kaum noch weh tat.

Aber heute Abend war es anders.

Heute Abend fühlte sich die Luft falsch an.

Sie konnte es auf ihrer Haut kribbeln spüren, winzig und scharf wie Nadeln. Die Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf.

Jemand beobachtete sie.

Mara blickte zum Eingang der Gasse.

Dort bewegte sich eine Gestalt, gleich hinter dem Schein des Laternenlichts vom Platz. Groß. Still.

Für einen Herzschlag sah sie nichts als Dunkelheit in der Umrissform eines Mannes.

Dann war er weg.

Ihr Mund wurde trocken.

Tomas bemerkte das Flackern in ihrem Ausdruck und folgte ihrem Blick. „Suchst du jemanden?“

„Nein.“

„Oh?“, er stieß sich von der Wand ab und trat einen Schritt näher. „Warum siehst du dann aus, als hättest du einen Geist gesehen?“

Die anderen kicherten.

Mara umklammerte das Brot fester. Die Laibe waren warm in ihren Armen, der Duft von Hefe und Asche stieg um sie herum auf, absurd gewöhnlich. Das ließ die Gasse nur noch unwirklicher wirken.

„Geht weg“, sagte sie.

Tomas lachte leise in sich hinein. „Oder was?“

Oder was.

Die Worte trafen sie wie eine Klinge im Dunkeln. Wie das Letzte, was ihr Bruder vor dem Blut gesagt hatte. Wie jedes Versprechen, das sie sich seitdem selbst gegeben hatte.

Sie hätte einfach weitergehen sollen. Sie hätte den Kopf senken, ihren Stolz runterschlucken und auf eine Lücke warten sollen.

Stattdessen hob sie das Kinn und sah Tomas direkt in die Augen.

Er lächelte, als sie zuschlug.

Ihr Handballen schlug mit genug Wucht gegen seine Nase, dass er fluchend zurücktaumelte. Das Brot rutschte ihr aus den Armen und landete mit einem weichen, schmutzigen Schlag auf den Steinen.

Für eine halbe Sekunde herrschte Stille.

Dann stürzte sich der Blonde auf sie.

Mara duckte sich, spürte, wie seine Hand ihren Ärmel streifte, und rammte ihm ihren Ellbogen fest in die Rippen. Er stöhnte. Ein dritter Mann packte sie von hinten am Handgelenk.

Die Gasse drehte sich in einem Wirbel aus Wolle, Leder und schwerem Atem. Mara wand sich, nutzte den Schwung, um sich mit der Schulter gegen die Wand zu werfen und loszureißen. Ihre Fingerknöchel schürften am Stein auf. Schmerz blitzte weiß in ihrem Arm auf.

„Haben wir da einen wunden Punkt getroffen?“, knurrte Tomas, während Blut über seine Lippe lief.

Mara wich einen Schritt zurück, dann noch einen.

Zu viele.

Drei von ihnen kreisten sie bereits ein. Tomas hatte den Blick eines Mannes, der es genoss, an allem ein Exempel zu statuieren, was weich genug war, um zu zerbrechen. Der Blonde erholte sich schon wieder. Der Vierte, ein stummer Grobian mit einer Narbe über der Augenbraue, knackte mit dem Hals und beobachtete sie, als würde er überlegen, wo er anfangen sollte.

Maras Puls hämmerte so stark, dass sie es in den Zähnen spürte.

Lauf.

Sie stürmte zum Ausgang zum Platz.

Eine Hand packte ihr Haar und riss sie zurück.

Schmerz explodierte an ihrer Kopfhaut. Mara schrie auf und schlug blind um sich, wobei ihre Knöchel gegen einen Kiefer stießen. Der Griff in ihre Haare lockerte sich, aber nicht genug. Sie stolperte und ihre Schulter prallte gegen ein Fass.

Der Deckel sprang auf.

Etwas Saures ergoss sich über ihre Stiefel.

Lachen hallte von den Steinen wider.

„Ganz ruhig“, sagte Tomas schwer atmend. „Wir wollen nur reden.“

Mara starrte ihn an, ihre Brust hob und senkte sich.

Ihr Blick schärfte sich auf die Art, wie es immer geschah, wenn die Welt zu weit in Richtung Gefahr kippte. Jedes Detail schnitt sauber und grausam: der Dreck in den Ritzen der Gasse, der nasse Glanz von Blut auf Tomas’ Mund, der nervöse Blick des Blonden zur Straße hinüber.

Sie waren nicht allein.

Mara spürte es wieder.

Dieses Gefühl, beobachtet zu werden.

Nicht von diesen Idioten.

Von etwas anderem.

Von etwas Geduldigem.

Ihr Blick huschte zum dunklen Eingang der Seitenstraße, und dieses Mal sah sie ihn.

Kein Geist.

Ein Mann.

Er stand genau außerhalb des Laternenlichts, dort, wo die Gasse zur Waldstraße führte, halb verborgen im Schatten, als wäre er damit verwachsen. Groß genug, um die enge Gasse noch kleiner wirken zu lassen. Breitschultrig. Still wie eine Klinge, die auf einem Tisch liegt.

Sie konnte sein Gesicht nicht klar erkennen, nur die Kieferpartie, das dunkle Haar an seinen Schläfen, die schwere Art seiner Körperhaltung.

Aber sie wusste mit der gleichen instinktiven Gewissheit, die Beute spürt, wenn ein Wolf die Lichtung betritt, dass er nicht zu ihnen gehörte.

Er war Rudel.

Schlimmer.

Er war die Art von Mann, vor der die anderen strammstehen würden, wenn er nah genug käme, um erkannt zu werden.

Maras Magen drehte sich um.

Tomas bemerkte die Veränderung ihrer Aufmerksamkeit und sah über die Schulter. Sein Ausdruck änderte sich sofort.

„Alpha“, sagte er, und das Wort klang rau.

Die Gasse wurde still.

Sogar der Blonde ließ von Maras Ärmel ab und wich einen schnellen Schritt zurück.

Alpha.

Mara hatte den Mann nicht klar genug gesehen, um zu wissen, ob es stimmte, aber die Körperhaltung der anderen verriet ihr alles. Angst. Unterwürfigkeit. Diese spröde, instinktive Vorsicht, die Männer Mächtigen gegenüber zeigten, wenn sie so tun wollten, als hätten sie keine Angst.

Die Gestalt im Schatten bewegte sich nicht.

Dann trat er vor.

Ein Streifen Laternenlicht fiel auf ihn.

Mara stockte der Atem.

Er war nicht alt. Jedenfalls nicht nach Wolfsstandards. Vielleicht Anfang dreißig, vielleicht jünger. Sein Gesicht war hart, auf die Art, wie Männer es werden, wenn sie zu lange daran gewöhnt waren, dass man ihnen gehorchte. Ein Schnitt schwarzer Brauen. Ein Mund ohne Weichheit. Augen, so dunkel, dass sie im fahlen Licht fast farblos wirkten, fixiert auf die Szene vor ihm mit einer kalten, unlesbaren Intensität.

Und dann landeten sie auf ihr.

Mara war von vielen Männern in diesem Rudel angestarrt worden.

Lust. Mitleid. Belustigung. Abscheu.

Das war nichts davon.

Sein Blick traf sie wie eine Hand, die sich um ihren Nacken schloss.

Ihre Haut wurde heiß.

Etwas in ihr, tief und wild und tückisch, antwortete darauf.

Nein.

Mara spannte sich gegen den Zug an, als hätte ihr Körper ihn erkannt, noch bevor ihr Verstand es tat, und sie hasste sich dafür.

Weil er auf die Art schön war, wie Messer schön sind. Auf die Art, wie Stürme aus sicherer Entfernung schön sind.

Und weil er, was auch immer er war, sie ansah, als wüsste er genau, wo er schneiden musste.

Tomas neigte den Kopf. „Alpha Kael. Wir wussten nicht, dass Sie hier durchkommen.“

Kael.

Der Name rief bei Mara eine scharfe, alte Erinnerung wach, die sie nicht ganz greifen konnte. Geflüster im Dorf. Befehle, die in abgehackten Stimmen gegeben wurden. Ein neuer Alpha, nachdem der letzte in den Kriegen an der südlichen Grenze verschwunden war. Rücksichtslos. Jung. Gefährlich.

Das Rudel hatte sich unter ihm verändert.

Das sagten alle.

Kael sah Tomas nicht an, als er antwortete. Seine Augen blieben auf Mara gerichtet.

„Geh weg von ihr.“

Seine Stimme war tief. Aber man hörte sie trotzdem deutlich.

Die Männer bewegten sich sofort. Tomas protestierte nicht, aber das Röten unter dem Blut auf seiner Nase wurde noch deutlicher.

Mara hätte eigentlich Erleichterung spüren müssen.

Stattdessen spürte sie etwas Schlimmeres.

Aufmerksamkeit.

Wahrgenommen zu werden.

Jahrelang hatte sie überlebt, indem sie unscheinbar wurde. Ein Schatten, der für jeden sichtbar war. Das Mädchen, das Netze flickte, Brot trug und sich nicht beschwerte, wenn ihr Türen vor der Nase zugeschlagen wurden. Das Mädchen, durch das die Leute einfach hindurchsahen.

Jetzt war Kael wie erstarrt. Er musterte sie, als wäre sie eine Bedrohung.

Oder ein Rätsel.

Oder ein Fehler.

„Mara“, sagte Tomas schnell und erzwang ein Grinsen, das in seinem Gesicht krank wirkte. „Das ist nicht das, wonach es aussieht.“

Mara stieß ein bitteres Lachen aus. „Wirklich?“

Kaels Augen wanderten zu Tomas. „Du blutest auf meiner Straße.“

Die Direktheit ließ Tomas zusammenzucken.

„Ich wollte nur –“

„Verschwinde.“

Das Wort hallte scharf durch die Gasse.

Die Männer erstarrten.

Kael hob nicht einmal die Stimme. Er musste es auch nicht. Seine Autorität strahlte von ihm aus wie Hitze von einem Stein.

Tomas schluckte. Sein Blick huschte zwischen Kael und Mara hin und her; Demütigung und Wut kämpften unter seiner Haut. „Ja, Alpha.“

Das Trio wich hastig zurück, rempelte sich an und murmelte Ausreden. Der Blonde stolperte in seiner Eile fast über das heruntergefallene Brot. Tomas zögerte nur einen Moment, gerade lang genug, um Mara einen warnenden Blick zuzuwerfen.

Kein Zorn.

Nicht direkt.

Etwas Kälteres.

Ein Versprechen.

Dann war er fort, und die Gasse schien aufzuatmen.

Mara stand allein mit Kael in dem schmalen Lichtkegel der Lampe.

Sie bemerkte zu spät, dass sie immer noch Blut an ihren Knöcheln hatte.

Er hatte es gesehen.

Sein Blick fiel auf ihre Hand.

„Du schlägst hart zu“, sagte er.

Das war das Letzte, was sie erwartet hätte.

Mara sah ihn ausdruckslos an. „War das deine einzige Beobachtung?“

Ein Mundwinkel zuckte.

Kein echtes Lächeln.

Nicht einmal annähernd.

Aber es verursachte etwas Seltsames in ihrer Brust – wie ein gefangener Vogel, der einmal gegen ihre Rippen schlug.

Kael sah an ihr vorbei auf das Brot, das am Boden verstreut lag. „Sie haben dich belästigt.“

„Nein.“

Er hob eine dunkle Augenbraue.

Mara spürte, wie ihr die Hitze in den Nacken stieg. Sie hasste es, dass er alles gesehen hatte, und noch mehr hasste sie, dass er es so ruhig ausgesprochen hatte, als wäre ihre Demütigung eine einfache Tatsache wie das Wetter.

„Ich habe das geregelt“, sagte sie.

Kaels Augen kehrten zu ihrem Gesicht zurück. „Das sehe ich.“

Etwas in seinem Tonfall klang wie eine Herausforderung.

Mara bückte sich und sammelte die Brote von den Steinen auf. Eines war aufgeplatzt; das helle Innere lag frei und war mit Staub bedeckt. Ihr Magen zog sich zusammen.

Natürlich. Schon wieder eine Mahlzeit verschwendet.

Sie nahm zusammen, was sie konnte, und weigerte sich, ihn ihren Schmerz sehen zu lassen. Sie weigerte sich, ihn irgendetwas sehen zu lassen.

„Danke, dass du sie verscheucht hast“, sagte sie, denn Höflichkeit war ihre Rüstung, und sie war heute Abend zu müde, um noch einen Kampf zu führen.

Kael schwieg einen Moment.

Dann: „Gern geschehen.“

Die Worte hätten alles beenden sollen.

Das taten sie nicht.

Die Gasse blieb zu still. Die Luft war in einer Weise aufgeladen, die nichts mit der untergehenden Sonne zu tun hatte. Mara wurde schmerzlich bewusst, wie nah er stand – nah genug, dass sie ihn über den Geruch von feuchtem Stein und verschüttetem Bier aus dem Markt riechen konnte.

Rauch. Zedernholz. Etwas Wildes darunter, wie Regen auf Rinde während eines Gewitters.

Ihr Wolf, der in ihren Knochen normalerweise ein fernes, vorsichtiges Etwas war, regte sich bei diesem Duft und ging sofort in Verteidigungshaltung.

Mara versteifte sich.

Kael bemerkte es. Natürlich bemerkte er es.

Sein Blick wurde schärfer. „Du hast Angst vor mir.“

Es war keine Frage.

Mara klammerte sich fester an das Brot. „Ich habe Angst vor Leuten, die glauben, sie könnten Frauen in Gassen zerren.“

Sein Gesichtsausdruck änderte sich nicht, aber in seinen Augen lag plötzlich eine neue Tiefe.

„Du musst keine Angst vor mir haben.“

Die ruhige Sicherheit in seiner Stimme ließ Wut hell und heiß in ihr aufflackern.

„Das entscheidest nicht du.“

Das war es endlich, was eine Reaktion auslöste. Er fixierte sie völlig, und das Gewicht seines Blickes ließ ihre Haut prickeln.

„Nein“, sagte er. „Das stimmt wohl.“

Sie starrten einander an.

Eine seltsame, gefährliche Stille dehnte sich zwischen ihnen aus.

Mara hasste es, wie ihr Körper auf ihn reagierte. Sie hasste es, wie sich ihre Atmung verändert hatte, flach und vorsichtig, als würde sie versuchen, den Duft nicht zu tief einzuatmen. Sie hasste den winzigen Puls an ihrem Hals, dieses verräterische Wissen, dass er stark genug war, sie in Stücke zu reißen, und sie dennoch irgendwie dazu brachte, einen Schritt näher kommen zu wollen.

Es war keine Anziehung.

Sie weigerte sich, es so zu nennen.

Es war Instinkt.

Raubtier und Beute.

Nicht mehr.

„Warum bist du hier?“, fragte sie.

Kaels Blick glitt noch einmal über ihr Gesicht, diesmal langsamer, als wollte er sich jedes Detail einprägen. Den kleinen Riss an ihrer Unterlippe. Die Schürfwunde an ihrem Handgelenk. Den Schmutz auf ihrem Ärmel. Die sture Haltung ihrer Schultern, die selbst dann nicht nachgegeben hatten, als sie in die Enge getrieben wurde.

Dann blieben seine Augen an ihrem Hals hängen.

Mara hob die Hand, bevor sie es verhindern konnte, und berührte den kleinen Anhänger, der unter ihrem Kragen verborgen war. Ein Stück Knochen, das durch jahrelanges Tragen glatt poliert war. Alt. Vertraut. Das Einzige, was ihr von früher geblieben war.

Kaels Ausdruck änderte sich so fein, dass sie es beinahe übersehen hätte.

Wiedererkennen?

Ihre Hand fiel sofort herab.

Er sah zuerst weg.

„Ich bin die Grenze abgelaufen“, sagte er. „Ich habe Lärm gehört.“

Mara hätte fast gelacht. Natürlich lief der Alpha des Rudels „die Grenze ab“, genau in dem Moment, in dem sie wie ein Stück Wild gegen eine Wand gedrückt wurde.

„Bequem.“

„Das war es.“

Seine Antwort war so ruhig, dass sie nicht wusste, ob sie beleidigt oder verunsichert sein sollte.

Der Marktplatz hinter der Gasse war still geworden. Zu still. Die letzten Kunden zogen sich zurück, Türen wurden geschlossen, Läden verriegelt. Das Dorf leerte sich, während der erste echte Schatten der Nacht zwischen die Häuser kroch.

Mara sollte gehen.

Jeder Instinkt sagte ihr, dass sie sich bewegen sollte, bevor dieses seltsame Gespräch in etwas Schlimmeres umschlug.

Sie bückte sich, um das letzte Brot aufzuheben.

Kaels Stimme hielt sie auf.

„Du lebst allein.“

Mara sah scharf auf. „Das weiß jeder im Dorf.“

„Ich habe gefragt, weil ich es von dir hören wollte.“

Die Worte landeten mit einer seltsamen Hitze.

Mara richtete sich langsam auf. „Warum?“

Sein Blick hielt ihren fest.

Einen Moment lang dachte sie, er würde antworten.

Stattdessen sagte er: „Weil du nach Einbruch der Dunkelheit vorsichtig sein solltest.“

Eine bittere Note schnitt durch ihre Überraschung. „Das ist ja wohl ein Witz, wenn es aus dem Mund eines Alphas kommt.“

Seine Augen verengten sich – nicht aus Wut, sondern aus Aufmerksamkeit. „Wie meinst du das?“

Dass Männer wie er der Grund waren, warum Frauen lernten, die Nacht zu fürchten.

Dass das Rudel sie nicht beschützt hatte, als ihre Familie verbrannte.

Dass „vorsichtig“ das war, was Leute sagten, wenn sie freundlich klingen wollten, während sie die Wölfe trotzdem vor der Tür ließen.

Aber nichts davon würde ihr helfen.

Mara neigte das Kinn. „Nichts.“

Kael studierte sie eine lange Sekunde, und sie hatte das absurde Gefühl, dass er die Dinge las, die sie nicht aussprach.

Dann beben seine Nasenflügel.

Sein Blick schärfte sich mit plötzlicher Warnung.

Mara spürte es eine Sekunde später.

Den Geruch.

Verbranntes Fell.

Ein hoher, dünner Ton der Angst.

Und noch etwas anderes.

Rauch.

Nicht von einem Herd. Nicht von den Feuern auf dem Markt.

Echter Rauch.

Sie drehte den Kopf zum Ende des Platzes, wo schwarze Schwaden über den Dächern aufstiegen.

Der