DIE LUNA, DIE ER NICHT BERÜHREN DURFTE

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Zusammenfassung

Sie war einem anderen versprochen … Doch der Mann, den sie niemals berühren durfte, ist der Alpha, der die Finger nicht von ihr lassen kann. Jahrelang wurde Mira wie eine schwache, gescheiterte Luna behandelt, die in Blackridge keinen wirklichen Platz hat. Doch als ihre erzwungene Bindungszeremonie unterbrochen wird, kommen vergrabene Lügen ans Licht – und die Wahrheit ist weitaus gefährlicher, als irgendjemand zugeben will. Denn Mira ist nicht machtlos. Sie stammt aus einer alten Luna-Blutlinie, wird von Leuten gejagt, die ihre erwachenden Kräfte kontrollieren wollen, und steht Damon Black viel zu nahe – dem Alpha, den sie nicht begehren durfte.

Genre:
Fantasy
Autor:
MITHUN
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
30
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

KAPITEL 1

Mira hatte gelernt, sich klein zu machen.

Klein genug, um nicht aufzufallen, wenn der Rat tagte. Klein genug, um hinter den Dienern zu verschwinden, die Tabletts mit silbernen Bechern und gebratenem Fleisch trugen. Klein genug, um ein Rudel zu überleben, das sie nie gewollt hatte, und eine Zukunft, die bereits von Männern mit sauberen Händen und kalten Augen bestimmt worden war.

Heute Abend reichte „klein“ nicht aus.

Die Halle von Blackridge Keep erstrahlte im Licht von Fackeln und wolffire, dessen Flammen an den Rändern blau leuchteten, wo alte Magie im Stein wohnte. Adlige und Krieger füllten den großen Saal, ein verschwommener Anblick aus dunklem Samt, poliertem Leder und blitzenden Zähnen. Von der Galerie oben drang Musik herab, doch unter dem leisen Gemurmel der Stimmen und dem Scharren von Stiefeln auf dem Boden klang sie fern.

Jeder starrte auf das Podest in der Mitte.

Jeder starrte sie an.

Mira hielt das Kinn gerade und ihre Hände in der Taille gefaltet, auch wenn ihr Puls so heftig gegen ihre Rippen hämmerte, dass es wehtat. Das Silberarmband an ihrem Handgelenk fühlte sich zu eng an. Nicht weil es auf die Haut drückte, sondern weil es sie markierte.

Eigentum des Silvermoon Accord.

Mit sechzehn einem Mann versprochen, dem sie kaum begegnet war und an den sie die letzten drei Jahre versucht hatte, nicht zu denken.

Auf der anderen Seite des Raums stand Lord Aldren Vale neben dem Ratstisch in feierlichem Schwarz. Er war gutaussehend auf die Art, wie kalte Klingen gutaussehend sind: glatt, präzise und gefährlich, wenn man die falsche Seite berührte. Sein Mund verzog sich, als er sie ansah, doch das Lächeln erreichte seine hellen Augen nie.

Er hatte auf diese Nacht gewartet.

Sie ebenfalls.

„Tritt vor“, sagte der High Seer.

Mira bewegte sich.

Der Saum ihres hellen Kleides raschelte über den Steinboden, als sie die Halle durchquerte. Sie spürte, wie sich die Stimmung im Raum veränderte; die Aufmerksamkeit zog sich wie eine Schlinge zusammen. Einer der jüngeren Krieger warf ihr einen Blick zu und sah schnell weg. Ein anderer grinste hinter seinem Becher hervor. Sie alle wussten, was sie war.

Das Mädchen ohne Wolf.

Die gescheiterte Blutlinie.

Die versprochene Luna, die noch nicht gewandelt war, obwohl jede Frau in Blackridge es vor ihrem zwanzigsten Winter getan hatte.

Sie erreichte das Podest und blieb an der markierten Linie im Stein stehen, direkt unter der Ratsbank. Über ihr saßen fünf Älteste auf ihren geschnitzten Stühlen. Ihre Gesichter wurden vom Feuerlicht angestrahlt und wirkten älter, als sie waren. In der Mitte saß Elder Marrow, derjenige, der ihren Verlobungsvertrag unterzeichnet hatte. Seine Finger trommelten einmal gegen die Stuhllehne.

„Mira vom Haus Thorne“, verkündete er, und seine Stimme trug durch die gesamte Halle. „Am Vorabend deines einundzwanzigsten Namenstages wirst du das Bindungsmal erhalten und formell in den Schutz von Lord Aldren Vale entlassen.“

Schutz.

Bei diesem Wort drehte sich ihr der Magen um.

Lord Aldren trat vor, seine Stiefel waren trotz ihres Gewichts lautlos. „Es ist mir eine Ehre“, sagte er, und seine Augen glitten über ihr Gesicht, als würde er ein Pferd für den Verkauf begutachten, „die Verantwortung für das zu übernehmen, was schon lange geschuldet ist.“

Ein leises Raunen der Belustigung ging durch den Saal.

Mira zuckte nicht mit der Wimper. Zumindest nicht nach außen hin.

In ihrem Inneren drückte etwas Rohes und Heißes gegen ihre Rippen.

Geschuldet. Als wäre sie eine Schuld, die von einem Mann eingetrieben wurde, den sie nie geliebt hatte.

Der High Seer hob eine silberne Klinge von einem Samtkissen. „Knie nieder.“

Der Befehl traf sie härter, als er sollte. Jedes Instinkt in ihrem Körper spannte sich an. In einem Raum voller Wölfe war Knien nicht bloß ein Symbol. Es war Unterwerfung.

Ihre Fingerspitzen krümmten sich.

Auf der anderen Seite der Halle bewegte sich einer der Ratswachen, wobei das Leder seines Schulterriemens knarrte. Sie sah nicht zu ihm hin. Das musste sie nicht. Sie wusste, wer an der fernen Wand im Schatten zwischen zwei Feuerbecken stand.

Damon Black.

Alpha von Blackridge.

Der Raum veränderte sich, sobald er ihn betrat, auch wenn die meisten Leute so taten, als würden sie es nicht bemerken. Er hatte nicht auf dem Podest gesessen. Er hatte nicht gesprochen. Er hatte weder Segen noch Zustimmung erteilt.

Er hatte nur zugesehen.

Das war fast noch schlimmer.

Mira hatte seinen Blick gespürt, bevor sie ihn sah – ein Druck im Nacken, dunkel und beständig. Sie hatte Jahre damit verbracht, so zu tun, als würde sie die Art nicht bemerken, wie ihr Körper auf seine Anwesenheit reagierte. Die Art, wie ihr Atem stockte. Die Hitze, die sich in ihrem Unterleib ausbreitete, wann immer er ihr zu nahe kam.

Verboten. Lächerlich. Gefährlich.

Er war nicht ihrs. Konnte nie ihrs sein.

Er war der Alpha, der sie einst aus einem Aufstand gezogen hatte, als sie dreizehn war, mit Blut an den Knöcheln und einer Schnittwunde an der Wange, und sie dann mit einem Ausdruck angesehen hatte, der so unlesbar war, dass er sie jahrelang verfolgt hatte.

Er war zudem der einzige Mann in diesem Saal, der sie mit einem einzigen Wort vernichten konnte.

„Knie nieder“, wiederholte der High Seer, diesmal schärfer.

Es war so still im Saal geworden, dass Mira das Knistern des wolffire in den Wandleuchtern hören konnte. Ihr Herz setzte einmal heftig aus. Sie ließ sich langsam auf ein Knie sinken.

Ein Murmeln ging durch die Menge.

Nicht genug. Das wusste sie. Sie wollten sie tiefer. Sie wollten sie demütig. Sie wollten sie dankbar.

Der High Seer senkte die Klinge in Richtung ihres linken Handgelenks.

Bevor der Stahl die Haut berühren konnte, flogen die Tore der großen Halle auf.

Der Aufprall dröhnte wie Donner durch den Raum.

Jeder Kopf ruckte herum.

Kalte Luft strömte herein und brachte den Duft von Schnee, Eisen und etwas weitaus Gefährlicherem mit sich.

Damon Black stand in der Tür.

Nicht in feierlicher Kleidung. Nicht im Schwarz des Rates. Er trug Reiseleder, das vom Regen dunkel geworden war, und einen Umhang, der über eine breite Schulter zurückgeworfen war, als käme er vom Ende der Welt und hätte es nicht für nötig gehalten, für irgendwen langsamer zu werden. Sein Haar war an den Schläfen feucht. Sein Kiefer war fest zusammengepresst. Seine Augen, ein wildes Bernstein im Fackelschein, waren auf das Podest gerichtet.

Auf sie.

Mira vergaß das Atmen.

Er sollte nicht hier sein.

Der Alpha war nicht angekündigt worden. Nicht eingeladen. Nicht erwartet. Das allein jagte einen Schauer durch den Raum. Wölfe neigten instinktiv die Köpfe. Einige der älteren Krieger richteten sich misstrauisch auf. Aldrens Mund wurde zu einem schmalen Strich.

„Alpha Black“, sagte Elder Marrow mit kaum unterdrücktem Ärger, „das Bindungsritual ist in vollem Gange.“

Damon bewegte sich nicht von der Schwelle. Er verneigte sich nicht. Er warf den Ältesten nicht einmal einen Blick zu.

„Das sehe ich.“

Seine Stimme war tief. Rau. Sie rollte durch die Halle und legte sich wie Hitze auf Miras Haut.

Der High Seer fing sich als Erster. „Dann weißt du, dass du eine heilige Zeremonie unterbrichst.“

„Ich weiß“, sagte Damon.

Sein Blick wich nicht von ihr ab.

Miras Hals schnürte sich schmerzhaft zu. Sie hasste es, dass sich seine Aufmerksamkeit anfühlte, als würde man in einem Sturm gefangen und gleichzeitig von ihm gewärmt werden.

Lord Aldren stieg vom Podest herab, sein Ausdruck kühlte zu höflicher Beleidigung ab. „Wenn es Bedenken bezüglich des Vertrags gibt, Alpha, sollten diese privat geklärt werden.“

Damons Augen wanderten endlich zu ihm.

Der Blick, den er Aldren zuwarf, war so eiskalt, dass Mira fast Mitleid mit ihm hatte.

Fast.

„Es gibt viele Dinge, die ich privat klären würde“, sagte Damon, „wenn dein Haus es sich nicht zur Gewohnheit gemacht hätte, sie in der Öffentlichkeit zu verbergen.“

Ein scharfes Einatmen ging durch den Saal.

Miras Puls setzte aus. Verbergen? Wovon redete er?

Elder Marrows Finger klammerten sich an die Armlehne. „Sprich dich klar aus.“

Damon überquerte schließlich die Schwelle.

Die Halle schien um ihn herum zu schrumpfen. Er bewegte sich wie ein Raubtier, das jeden Schwachpunkt in einem Raum voller Beute kannte und es nicht eilig haben musste. Krieger nahe dem Gang wichen automatisch zurück. Das Fackellicht glitt über sein Gesicht, über die harte Linie seines Halses, die breiten Schultern unter dem dunklen Leder, die dicke Narbe, die sich entlang eines Knöchels zog.

Mira konnte nicht aufhören, ihn anzustarren.

Er blieb am Fuß des Podests stehen, direkt vor ihr, und für eine schwebende Sekunde fühlte sich die Luft zwischen ihnen aufgeladen an. Zu sehr aufgeladen. Sie wurde sich jeder Kleinigkeit bewusst: dem Herzschlag in ihrem Hals, dem Schauer in ihrem Handgelenk, wo das silberne Armband saß, und der Tatsache, dass er sie berühren könnte, wenn er wollte.

Er tat es nicht.

Aber die Zurückhaltung sah beinahe schmerzhaft aus.

„Was ist das hier?“, fragte er, ohne den Blick von ihr abzuwenden.

Die Frage galt nicht den Ältesten.

Mira schluckte. „Eine Zeremonie.“

Sein Mund zuckte, aber es lag kein Humor darin. „Ist es das, was sie es nannten, als sie dir befahlen, für einen Mann niederzuknien, der gar nicht hier war?“

Ihre Wangen brannten heiß. Die ganze Halle hatte jedes Wort gehört.

Lord Aldrens Stimme wurde schärfer. „Vorsicht, Alpha.“

Damon drehte sich endlich ganz zu ihm um. „Du zuerst.“

Die Stille, die darauf folgte, war absolut.

Miras Scham wandelte sich und brach auf, bis nur noch eine andere Art von Angst übrig blieb. Nicht um sie selbst. Sondern um das, was kommen würde. Die Ältesten waren starr vor Empörung, doch darunter spürte sie etwas anderes – Unbehagen.

Damon Black war nicht ohne Grund in den Saal gestürmt.

Er griff unter seinen Umhang und zog ein gefaltetes Paket hervor, das mit schwarzem Wachs versiegelt war. Er hielt es zwischen zwei Fingern in die Höhe.

Das Gesicht von Elder Marrow wurde bleich.

Mira bemerkte es. Alle anderen auch.

„Was ist das?“, fragte sie, bevor sie sich zurückhalten konnte.

Damons Blick huschte so schnell zu ihrem Mund und wieder weg, dass es sie beinahe den Verstand kostete. „Dein Vertrag.“

Ein erschrockenes Gemurmel ging durch den Raum.

„Nein“, sagte Aldren sofort. Viel zu schnell. Viel zu scharf.

Damons Augen verengten sich. „Nein?“

Der Alpha brach das Dokument mit einer einzigen, brutalen Bewegung auf und ließ das Pergament entrollen. Schwarze Schrift schimmerte im Fackelschein. Mira konnte sie von ihrem Knien aus nicht lesen, doch sie sah genug, um zu wissen, dass es wichtig war.

Die Art, wie die Ältesten wegsahen.

Die Art, wie Aldren erstarrt war.

Damons Stimme klang wie Eisen. „Dieses Band wurde unter falscher Zeugenaussage ratifiziert.“

Mira riss den Kopf hoch. „Was?“

Das Wort kam dünn und ungläubig über ihre Lippen.

Elder Marrow sprang auf. „Du bezichtigst den Rat des Betrugs?“

„Ich beschuldige euren Rat“, sagte Damon, „eine Blutlinie gebunden zu haben, die ihr nicht verstanden habt.“

Ein Aufschrei ging durch den Saal.

Mira starrte ihn an, während in ihrem Kopf alles durcheinandergeriet. Falsche Zeugenaussage? Blutlinie? Wovon redete er? Ihr Vater war gestorben, als sie noch klein war. Ihre Mutter hatte nie von der Verlobung gesprochen, außer zu betonen, dass Pflicht eben Pflicht sei. Sie hatte Gehorsam wie ein Gebet gelernt. Sie hatte das Warten, das Getuschel und die Demütigung, nicht wandeln zu können, ertragen, weil sie geglaubt hatte, dass es zumindest eine Sache in ihrem Leben gab, die feststand.

Nun riss Damon diese Gewissheit vor aller Augen in Stücke.

Lord Aldrens Beherrschung begann zu bröckeln. „Du hast kein Recht, dich einzumischen.“

„Ich habe genug Recht“, sagte Damon, „um dich davon abzuhalten, eine Frau anzurühren, die mit einer Lüge markiert wurde.“

Das letzte Wort traf wie ein Schlag.

Markiert mit einer Lüge.

Mira fühlte das Armband plötzlich schwer und hässlich, wie eine Kette.

Der Hohe Seher erhob sich und breitete die Hände aus. „Das ist ein Skandal. Das Mädchen gehört rechtmäßig zum Haus Vale.“

„Dann legt die Zeugenliste vor“, sagte Damon, „und erklärt, warum ein toter Mann darauf steht.“

Ein Schock der Stille.

Mira stockte der Atem. Ein toter Mann?

Sie blickte von Damon zu den Ältesten, und zum ersten Mal seit Jahren sah sie die winzigen Risse in der glatten Geschichte, die man ihr aufgetischt hatte. Marrow wich ihrem Blick aus. Der Mund des Sehers war zusammengepresst. Aldrens Ausdruck war von Wut in etwas Kälteres umgeschlagen.

Angst.

Nicht um sie.

Sondern um sich selbst.

Miras Magen drehte sich um.

„Verlass das Podium“, sagte Aldren mit gepresster Stimme. „Du erregst Aufsehen.“

Stattdessen machte Damon einen Schritt auf sie zu.

Der Abstand zwischen ihnen schwand.

Mira hätte wegschauen sollen. Sie konnte es nicht. Seine Präsenz füllte den Raum am Fuße des Podiums aus, pure harte Kanten und kontrollierte Gewalt, und jeder Instinkt in ihr wollte sich ihm zuwenden, während ihr Verstand sie anbrüllte, zurückzuweichen.

„Aufsehen?“, murmelte Damon. „Ihr habt eine Frau in die Knie gezwungen und es eine Zeremonie genannt.“

Seine Stimme war tiefer geworden, rau von etwas Dunklerem.

Mira spürte es wie eine Hand an ihrem Rücken.

Aldrens Nasenflügel bebten. „Sie gehört mir durch die Abmachung.“

Damons Blick traf ihn mit tödlicher Ruhe. „Sie steht auf geliehenem Boden, während du über die Bedingungen lügst. Damit gehört sie niemandem.“

Es war so still im Saal, dass Mira das Zischen der Fackeln hören konnte.

Dann bewegte sich einer der Ratswachen im Hintergrund, viel zu laut. Metall scharrte. Sie sah Bewegung nahe der Seitengalerie, sah zwei fremde Gestalten in grauen Umhängen zwischen den Säulen verschwinden.

Kein Rudel.

Ihre Instinkte schrien, noch bevor ihr Verstand es begriff.

„Damon –“, begann sie.

Zu spät.

Ein Pfiff zerriss die Luft.

Etwas schlug mit einem metallischen Knall neben dem Podium ein und explodierte in einer Wolke aus dunklem Pulver.

Ein Keuchen erscholl. Wölfe knurrten. Die Wolffire-Fackeln leuchteten grün auf und erloschen dann.

Gift.

Miras Sicht verschwamm, als im Saal das Chaos ausbrach. Jemand schrie nach den Türen. Eine andere Stimme forderte, die Ältesten zu schützen. Stühle flogen um. Die Musik endete mitten im Ton mit einem schrecklichen, schrillen Quietschen.

Eine Hand schlug um ihre Taille und riss sie zurück.

Mira prallte gegen eine harte Brust, als die Welt sich drehte.

Damon.

Er hatte sie vom Podium geholt, noch bevor sie die Bewegung erfassen konnte. Ein Arm lag fest um ihre Körpermitte, der andere schob sie hinter seinen Körper, während er sich dem Saal zuwandte. Sein Umhang wehte um ihre Beine und hüllte sie in Hitze und den Geruch von Regen und Rauch.

Ein weiterer Knall zerriss die Luft nahe der Ratsbank. Einer der Ältesten schrie auf, als schwarzes Glas durch die Luft sprühte.

Miras Puls raste so heftig, dass sie kaum etwas anderes hören konnte.

„Bleib unten“, befahl Damon.

Der Befehl hätte sie eigentlich ärgern müssen.

Stattdessen glitt er über ihre Haut, die durch die Angst und das unmögliche Gefühl, gegen ihn gepresst zu sein, überempfindlich geworden war. Er war überall fest, unnachgiebig und lebendig. Ihr Rücken drückte gegen die harte Linie seiner Brust. Sein Arm lag wie Eisen um ihre Taille.

Viel zu nah.

Viel zu nah.

Und doch hatte ein verräterischer Teil ihres Körpers bereits beschlossen, dass dies Sicherheit war.

Nein. Nein, das dachte sie nicht.

Eine grau gewandete Gestalt stürzte aus den Schatten nahe der Seitenwand hervor, den Dolch erhoben. Damon wirbelte mit einer Geschwindigkeit herum, die Mira den Atem raubte. Er stieß sie hinter den geschnitzten Sockel des Podiums und stellte sich dem Angreifer frontal entgegen.

Stahl blitzte auf.

Der Saal wurde zu einem Wirbel aus Bewegung – Schreie, Knurren, umgeworfene Becher, das Krachen kollidierender Körper. Mira schlug so hart auf dem Boden auf, dass ihr die Luft aus den Lungen gepresst wurde. Sie schmeckte Staub und Blut, wo sie sich auf die Lippe gebissen hatte. Für eine schreckliche Sekunde sah sie nur Stiefel, Schatten und das Blitzen von Silber.

Dann schloss sich eine Hand um ihr Handgelenk.

Sie zuckte vor Panik zusammen.

Ein Fremder zerrte sie in den Seitengang.

Mira schrie und trat um sich, bis sie etwas Festes traf. Der Griff wurde schmerzhaft fester.

„Ruhe, Mädchen“, zischte eine Stimme.

Kein Rudel.

Ihr Herz blieb stehen.

Sie kratzte nach der Hand, die sie festhielt. Der Fremde fluchte. Im Chaos sah es niemand. Niemand –

Ein tiefes Knurren grollte durch den Saal, so tief, dass es vom Boden selbst zu kommen schien.

Der Griff verschwand.

Der Fremde prallte mit solcher Wucht gegen die Wand, dass der Putz riss.

Mira robbte keuchend zurück und blickte auf.

Damon stand über dem Mann, eine Hand fest in den grauen Umhang an seinem Hals vergraben, und hob ihn vom Boden. Die Beine des Angreifers strampelten nutzlos. Damons Gesichtsausdruck war nun frei von jeder Zurückhaltung, von jeder Politik, von jeder Zeremonie. Er wirkte wie etwas Uraltes und Gnadenloses.

„Wer hat dich geschickt?“, fragte er.

Der Mann spuckte Blut.

Damons Kiefer mahlte, und in derselben Bewegung knallte er den Mann so hart gegen den Stein, dass der ganze Raum bebte.

Mira zuckte trotz sich selbst zusammen.

Er hob den Kopf. Sein Blick fand ihren inmitten des Chaos sofort und bohrte sich so intensiv in sie, dass es sich unmöglich anfühlte zu atmen.

„Bist du verletzt?“

Es hätte nicht wichtig sein dürfen, dass er fragte.

Doch das war es.

Ihre Lippen öffneten sich, doch kein Ton kam heraus.

Um sie herum brach der Saal zusammen. Der Rat zerstreute sich. Wachen zogen ihre Waffen. Jemand hatte die Notverriegelung an den Seitentüren ausgelöst, und eiserne Riegel fielen mit einem ohrenbetäubenden Krachen in ihre Halterungen.

Falle.

Mira sah es in einem Anflug von entsetzter Klarheit.

Das Gift war nicht der eigentliche Angriff.

Es war nur das Ablenkungsmanöver.

Damons Gesicht veränderte sich, als er das Gleiche begriff. Er stieß den bewusstlosen Angreifer beiseite und wandte sich scharf dem Podium zu.

Zu ihr.

„Mira“, sagte er, und jetzt lag ein neuer Unterton in seiner Stimme.