CHAPTER 1
Der erste Schlag kam von hinten.
Lyra schlug so hart auf dem gefrorenen Boden auf, dass ihr der Atem wegblieb. Der eisige Geschmack von Blut füllte ihren Mund. Schnee knirschte unter ihrer Wange. Für eine kurze Sekunde drehte sich die Welt nur noch um den Schmerz und das bittere Gefühl der Demütigung, das heißer brannte als die Winterluft.
Dann brandete Gelächter über sie hinweg.
„Steh auf, du kleine Rejected.“ Die Stimme eines Jungen. Zu eifrig, zu grausam.
Lyra drückte sich mit zitternden Armen hoch, ihre Finger sanken in den verkrusteten Schnee. Ihr Wolf kratzte schwach unter ihrer Haut – nicht direkt vor Angst, sondern vor einer Wut, die so scharf war, dass sie an Hilflosigkeit grenzte. Ihre Knie bebten. Ihre Rippen schmerzten. Die Kälte war schon vor Stunden durch ihren dünnen Umhang gekrochen, hatte ihren Körper betäubt und ihren Stolz wundgescheuert.
Um sie herum bildete das Rudel einen lockeren Kreis auf dem Übungsplatz. Manche schauten gelangweilt zu, andere mit offener Feindseligkeit. Niemand trat vor.
Das tat nie jemand.
„Sag es noch einmal“, murmelte jemand.
„Rejected“, antwortete ein anderer, gefolgt von erneutem Gelächter.
Lyra hielt den Blick auf den Boden gerichtet, als sie aufstand. Sie würde ihnen nicht das Vergnügen bereiten, sie zusammenzucken zu sehen. Nicht hier. Nicht vor den versammelten Kriegern, Dienern und unverpaarten Wölfen, die sie so gerne daran erinnerten, was sie war.
Ein Fehler.
Eine Schande.
Der Wolf, der eigentlich meiner hätte sein sollen, hat mich vor fünf Wintern vor dem ganzen Rudel zurückgewiesen. Die Grausamkeit dieser öffentlichen Wunde hat nie wirklich aufgehört zu bluten.
Ihre Brust zog sich bei der Erinnerung noch immer zusammen. Eine Hand an ihrem Kinn, eisblaue Augen, die kühle Endgültigkeit seiner Stimme.
Ich weise dich zurück.
Sie war sechzehn gewesen. Er war der zukünftige Alpha. Und sie war nichts weiter als die Tochter der Heilerin mit dem falschen Duft und viel zu viel Hoffnung.
„Nochmal“, kam der Befehl.
Lyra hob den Kopf.
Am anderen Ende des Platzes stand derjenige, der den Befehl gegeben hatte. Seine Stiefel standen breit im Schnee, als wäre die ganze Welt dazu da, ihm zu gehorchen. Alaric Blackthorn. Beta des North Ridge Pack. Ranghöchster nach dem Alpha und doppelt so gnadenlos, wenn er ein Exempel statuieren wollte.
Seine silbernen Augen fixierten sie mit kühler Verachtung.
„Nimm die Deckung hoch“, sagte er.
Sie bewegte ihre geprellten Finger und tat, was ihr gesagt wurde. Denn Widerspruch bedeutete Strafe, und Strafe bedeutete mehr als nur Schmerz. Sie bedeutete Arbeitsschichten, die niemand sonst wollte, ausgelassene Mahlzeiten und das Flüstern, das ihr wie Geister durch die Flure folgte.
Ihr Sparringspartner – einer von Alarics bevorzugten Kriegern – grinste, während er mit den Schultern kreiste.
Er war größer als sie, stärker, und das wusste er.
„Du solltest einfach aufgeben“, sagte er so leise, dass nur sie es hören konnte. „Das ist nichts für Mädchen wie dich.“
Mädchen wie du.
Rejected-Mädchen. Mädchen mit zerbrochenem Band. Wölfe, die kein Gefährte beanspruchen würde.
Lyra biss die Zähne zusammen. „Dann hör auf zu jammern und schlag zu.“
Das Lächeln des Kriegers wurde schärfer.
Er stürzte vor.
Lyra duckte sich unter dem ersten Schlag weg und drehte sich, doch ihre Balance war durch die Kälte gestört und ihre Muskeln vor Hunger steif. Seine Faust streifte ihre Schulter und ließ sie stolpern. Ein Raunen ging durch die Menge.
Sie hasste das Geräusch mehr als den blauen Fleck.
Er griff wieder an. Sie blockte einen Schlag, nahm einen anderen an der Seite ein, und der Aufprall ließ weiße Blitze vor ihren Augen tanzen. Ihr Wolf knurrte und kratzte von innen gegen ihre Haut, er bettelte darum, freigelassen zu werden.
Nicht hier.
Nicht vor ihnen.
Nicht, wenn ihre Wandlung nie sauber, nie vollständig und nie auf Befehl funktioniert hatte wie bei jedem anderen Wolf im Rudel. Ihr Körper war schon immer auf eine Weise falsch gewesen, die kein Heiler erklären konnte und die kein Ältester lösen wollte. Zu empfindlich. Zu instabil. Zu viel Mondkrankheit, zu wenig Kraft. Ein halb zerbrochenes Ding mit dem Herzschlag eines vollen Wolfes.
Der Krieger täuschte links an und rammte ihr dann seine Schulter in die Brust.
Lyra flog nach hinten und knallte in den festen Schnee.
Dieses Mal war das Gelächter lauter.
Ihre Handflächen brannten. Ihre Kehle schnürte sich vor Demütigung zusammen. Für eine wilde Sekunde überlegte sie, einfach liegen zu bleiben. Sollen sie doch lachen. Sollen sie es genießen. Sollen sie sehen, dass sie sie besiegt hatten – auch wenn es nur für einen Moment war.
Dann hörte sie Alarics Stimme wieder.
„Armselig.“
Das Wort schnitt tiefer als der Schlag.
Lyra rollte sich auf die Seite und drückte sich auf die Knie. Schnee klebte an ihren Wimpern. Ihr dunkler Zopf hatte sich gelöst und hing in feuchten Strähnen über eine Schulter. Sie wischte sich mit dem Handrücken das Blut vom Mundwinkel und traf Alarics Blick durch den Schleier ihres Schmerzes.
Er sah nicht weg.
Er sah nie weg, wenn er sie an ihren Platz verwies.
Etwas in seinem Ausdruck veränderte sich – so leicht, dass ein anderer Wolf es vielleicht übersehen hätte. Kein Mitleid. Keine Freundlichkeit.
Ärger.
Als würde ihn ihre Weigerung, zu zerbrechen, beleidigen.
„Nochmal“, sagte er.
Der Krieger ließ die Fingerknöchel knacken und kam auf sie zu.
Lyra erhob sich langsam und atmete tief ein, was ihre Lungen kratzen ließ. Sie schmeckte Schnee, Eisen und die bittere Schärfe ihrer eigenen Wut. Na gut. Wenn sie ein Spektakel wollten, konnte sie ihnen eines bieten.
Er schlug mit rechts zu. Sie fing sein Handgelenk ab, trat in seine Reichweite und rammte ihm den Ellenbogen in die weiche Stelle unter den Rippen. Er stöhnte überrascht auf. Sie setzte mit einem Knie gegen seinen Oberschenkel nach. Sein Gleichgewicht wackelte für einen halben Herzschlag.
Das reichte.
Lyra fegte ihm die Beine weg.
Er ging mit einem Fluch und rudernden Armen zu Boden und landete flach auf dem Rücken im Schnee.
Auf dem Übungsplatz wurde es still.
Für einen köstlichen Herzschlag lachte niemand.
Lyra stand über ihm, ihr Brustkorb hob und senkte sich, ihre Finger waren fest geballt, das Blut hämmerte in ihren Ohren. Der Krieger starrte zu ihr hoch, fassungslos und wütend. Ein paar Wölfe bewegten sich unbehaglich. Jemand hustete.
Alarics Blick wurde scharf.
Dann knurrte der Krieger und schnellte zu schnell auf die Füße. Seine Faust schnitt mit einer Wucht durch die Luft, die eigentlich für ihr Gesicht bestimmt war.
Lyras Körper reagierte, bevor ihr Verstand es konnte.
Sie duckte sich, aber nicht schnell genug.
Eine Hand schloss sich um ihren Oberarm und riss sie zurück.
Der Schlag verfehlte ihre Wange nur um Zentimeter.
Die Wucht des Griffs schickte ein Zittern durch ihren ganzen Körper.
Alles blieb stehen.
Der Platz, das Gelächter, der Winterwind – alles war in einem Augenblick verschwunden, unter dem Schock der Hand auf ihrer Haut.
Lyra blickte auf.
Und starrte in das Gesicht des zukünftigen Alpha von Blackthorn.
Damon Blackthorn stand so nah, dass sie den Frost an seinem dunklen Stoppelbart an der Kieferpartie sehen konnte. Die silbernen Narben, die an einer Schläfe entlangliefen und im Haaransatz verschwanden. Die harte Linie seines Mundes, die kälter wirkte als Wut. Sein Duft traf sie wie eine Erinnerung, die sie fünf Jahre lang versucht hatte zu vergraben.
Kiefer. Rauch. Ein wilder Sturm.
Ihr Wolf erhob sich so plötzlich in ihr, dass es schmerzte.
Nein.
Der Gedanke kam zuerst als Panik, dann als Ablehnung, dann als ein hilfloser, verräterischer Schmerz, so tief, dass ihre Knie weich wurden.
Damons Hand zog sich einmal fester, nicht grausam, aber genug, um sie festzuhalten. Seine Augen – dasselbe unmögliche Winterblau, an das sie sich erinnerte – wanderten zu ihrer aufgeplatzten Lippe.
Für eine unmögliche Sekunde verschwand der Übungsplatz.
Sie war wieder sechzehn. Barfuß im Schnee hinter dem Haus der Heilerin, ihr Herz hämmerte vor törichter Hoffnung, weil er sie am Abend zuvor über den Festsaal hinweg angelächelt hatte. Weil Vollmond war. Weil sich jedes Zeichen wie Schicksal angefühlt hatte.
Dann zerbrach die Erinnerung wie Eis.
Ich weise dich zurück.
Die Worte flackerten so lebhaft in ihrem Geist, dass sie beinahe schwankte.
Damons Kiefer spannte sich an. „Genug.“
Der Krieger, der den Schlag geführt hatte, wich sofort mit gesenktem Kopf zurück.
Alaric trat vor. „Mein Alpha, ich wollte nur –“
„Ich sagte genug.“
Der Befehl traf sie wie eine Peitsche.
Der Platz war nun auf eine andere Weise still, angespannt und hellwach. Damon Blackthorn war es nicht gewohnt, seine Stimme zu erheben. Er musste es nicht. Wenn er sprach, hörte das Rudel zu.
Lyra stand erstarrt unter seinem Griff, jeder Nerv in ihrem Körper war wach bei dem unmöglichen Bewusstsein seiner Nähe. Selbst nach all dieser Zeit erkannte ihr Wolf ihn zuerst. Nicht als den Jungen, der sie zerstört hatte. Nicht als das Männchen, das sie mit einer öffentlichen Zurückweisung zurückgelassen hatte und einem Rudel, das sie wie beschädigte Ware behandelte.
Als Gefährte.
Diese Erkenntnis traf sie so hart, dass ihr schwindelig wurde.
Ihr Magen verkrampfte sich in hilfloser Wut.
Nein. Nicht jetzt. Niemals.
Damons Daumen strich über ihren Arm. Die bloße Berührung seiner Haut reichte aus, und ihr stockte unwillkürlich der Atem.
Sein Blick huschte zu ihr, doch sein Gesicht blieb ausdruckslos. Einen kurzen, wilden Moment lang wollte sie sich einfach losreißen, nur um zu beweisen, dass sie es konnte.
Stattdessen blieb sie wie angewurzelt stehen, festgehalten von der kältesten Berührung, die sie je gespürt hatte.
„Was macht sie hier auf dem Hof?“, fragte Damon.
Die Frage galt Alaric, doch die Antwort fühlte sich für Lyra an wie eine Klinge an ihrer Kehle.
Alarics Miene wurde zu der sorgfältig aufgesetzten Maske eines Mannes, der nicht zu viel preisgeben wollte. „Training, mein Alpha.“
„Training.“ Damon wiederholte das Wort, als würde es ihm nicht schmecken. „Mit ihm?“
Lyras Verlegenheit brannte heiß. Sie konnte spüren, wie alle Augen auf ihr ruhten und sich am Rande des Kreises Geflüster ausbreitete. Damons Hand umklammerte noch immer ihren Arm. Einige Wölfe hatten den Anstand, wegzusehen. Andere starrten mit hungrigem Interesse, als hätten sie Blut gewittert.
Damons Blick wanderte tiefer, diesmal zu dem leichten blauen Fleck, der sich bereits an ihrem Kiefer abzeichnete.
Sein Geruch veränderte sich.
Nicht viel. Aber genug.
Die Luft zwischen ihnen wurde schwer, geladen und gefährlich auf eine Weise, bei der Lyras Haut prickelte. Ihr innerer Wolf wurde unruhig, verwirrt und gierig, als hätten die Jahre zwischen ihnen nie existiert. Als wäre die Zurückweisung nur ein blauer Fleck in ihrer Erinnerung gewesen und nicht die Wunde, die ihr ganzes Leben geprägt hatte.
Sie hasste diese Reaktion. Sie hasste sie mit einer Wut, die sie am liebsten auf ihre eigene Zunge beißen ließ.
Damons Augen verengten sich leicht, als spürte er es auch.
„Wer hat sie verletzt?“, fragte er.
Die Stille, die darauf folgte, war fast komisch.
Lyra stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus, bevor sie sich beherrschen konnte.
Alle Köpfe auf dem Hof drehten sich schockiert zu ihr um.
Damons Blick schnellte zu ihrem Mund. „Findest du das etwa amüsant?“
„Nein“, sagte sie mit flacher Stimme. „Ich finde es vorhersehbar.“
Ein Zucken ging über sein Gesicht. Überraschung vielleicht. Oder Ärger. Er lockerte seinen Griff an ihrem Arm, nicht aus Sanftmut, sondern weil er sich gerade erst erinnerte, wo er war.
Dieses kleine Loslassen löste einen Verlustschmerz in ihr aus, den sie augenblicklich verfluchte.
Sie trat sofort einen Schritt zurück und schaffte Distanz, bevor ihr Körper sie noch mehr verraten konnte.
Ohne seine Berührung fühlte sich die Luft kälter an.
„Ich kann für mich selbst antworten“, sagte sie.
Alarics Mund wurde zu einem schmalen Strich. „Dir wurde befohlen, den Mund zu halten.“
Lyra hob das Kinn, bevor sie es sich anders überlegen konnte. „Und doch spreche ich noch.“
Einige Wölfe bewegten sich wieder. Unruhe verbreitete sich in dem Kreis. Es war eine Sache, gegenüber dem gewählten Krieger eines Betas unverschämt zu sein. Es war eine ganz andere, so vor dem zukünftigen Alpha zu sprechen.
Alarics Augen blitzten auf. „Wisse deinen Platz.“
„Meinen Platz?“, wiederholte Lyra leise. „Wurde mir der nicht schon sehr deutlich klargemacht?“
Diese Worte waren kälter als das Wetter.
Noch bevor sie zu Damon sah, wusste sie, dass er sie gehört hatte. Die Stille um ihn herum schien fast greifbar.
Als sie sich schließlich umdrehte, fixierte er sie mit einer Intensität, die ihren Puls ins Stolpern brachte.
Da war es wieder. Dieses unmögliche Ziehen. Ein Druck unter ihren Rippen, tief und instinktiv, wie ein verborgener Faden, der zwischen ihnen gespannt war. Sie hatte sich jahrelang eingeredet, es sei nur Erinnerung. Nur ein Trauma. Nur die Demütigung, von dem ersten Männchen zurückgewiesen worden zu sein, das ihr Wolf je gewollt hatte.
Doch während sie jetzt vor ihm stand, mit der Hand, die noch immer schwach warm auf ihrer Haut nachwirkte, wusste sie, dass Erinnerung damit nichts zu tun hatte.
Damon machte einen Schritt auf sie zu.
Lyra rührte sich nicht.
Er musterte sie eine lange, gefährliche Sekunde lang. „Du bist Lyra Vale.“
Ihre Kehle schnürte sich zu, als sie ihren Namen aus seinem Mund hörte. Es hätte nichts sein sollen. Es hätte nichts bedeuten dürfen.
„Ja“, sagte sie.
„Du wurdest hierher nicht gerufen.“
„Ich lebe hier.“
Das provozierte eine kleine Pause.
Er sah an ihr vorbei, über den Hof, über die niedrigen Steingebäude und den eisernen Zaun hinweg bis zur Reihe karger Kiefern dahinter. Sein Ausdruck verriet nichts, doch in ihm war etwas vollkommen still geworden.
Lyra spürte die Veränderung vor allen anderen.
Die Wölfe im Kreis hielten den Atem an.
Dann drehte der Wind.
Ein langer, beißender Windstoß fegte über den Hof und wirbelte den Schnee in einem weißen Bogen um ihre Stiefel. Die Fackeln an den Trainingspfosten flackerten heftig, die Flammen peitschten zur Seite. Mehrere jüngere Wölfe stolperten.
Lyras Wolf hob den Kopf.
Der Geruch traf sie zuerst.
Kein Winter. Kein Rauch.
Blut.
Ein scharfer, metallischer Geruch, bei dem ihr Magen sich vor Kälte zusammenzog.
Jemand schrie vom Wachturm.
Der Laut zerriss die Stille.
„Durchbruch an der Nordmauer!“
Alle Köpfe schnellten zum äußeren Zaun. Ein weiterer Schrei ertönte, dann das plötzliche, panische Läuten der Alarmglocken. Der Trainingshof brach in Bewegung aus. Krieger stießen aneinander vorbei. Die Frauen sammelten die jüngeren Wölfe und zogen sie zurück. Alaric fluchte und zog mit einer geschmeidigen Bewegung seine Klinge.
Damon bewegte sich bereits.
Lyras Puls raste. Instinktiv drehte sie sich zur Mauer, gerade rechtzeitig, um eine Gestalt über den äußeren Zaun springen zu sehen – ein Schatten aus schwarzem Fell und schnappenden Kiefern.
Nicht nur eine.
Drei.
Der erste Wolf landete mit erschreckender Schnelligkeit auf dem Hof, die Augen im Fackelschein fiebrig gelb. Sein Fell war vor Blut dunkel verklebt. Der zweite folgte, dann der dritte, alle mit irrem Blick und völlig falsch.
Rogue.
Lyra stockte der Atem.
Rogues griffen die Grenzen nicht bei Tageslicht an.
Sie bewegten sich nicht in Rudeln.
Und sie verströmten ganz sicher nicht diesen kranken, verdrehten Geruch, der von diesen Kreaturen ausging wie Fäulnis unter frischem Schnee.
Einer von ihnen fixierte sie sofort.
Lyras Blut gefror zu Eis.
Der Wolf senkte den Kopf und knurrte – ein tiefer, ehrfürchtiger Laut, der die Haare auf ihren Armen aufstehen ließ.
Nein.
Es war kein Hunger.
Es war Wiedererkennen.
Der Rogue stürmte vor.
Lyra hatte kaum Zeit, sich zu bewegen, bevor die Welt nur noch aus Krallen, Schreien und Gewalt bestand.
Damon stieß sie hart zur Seite und schleuderte sie in den Schnee, gerade als der erste Rogue in die Stelle raste, an der sie einen Herzschlag zuvor gestanden hatte. Die Zähne schnappten ins Leere. Alaric stellte sich dem Wolf direkt entgegen, die Klinge blitzte silbern. Der zweite Rogue wandte sich der Gruppe junger Wölfe nahe dem Zaun zu, und Panik brach auf dem Hof aus.
Lyra rappelte sich auf, das Herz hämmerte so heftig, dass es wehtat.
Wieder stürmte ein Rogue auf sie zu, schneller als irgendeine vernünftige Kreatur sich hätte bewegen können. Sie erhaschte einen Blick auf sein Maul – vernarbt, schäumend, das Zahnfleisch schwarz verfärbt – und dann war er über ihr.
Zu schnell.
Zu stark.
Sie warf sich zur Seite. Die Krallen streiften ihre Schulter, rissen Stoff und Haut auf. Schmerz flammte heiß und unmittelbar auf. Ihre Schulter schlug auf dem gefrorenen Boden auf. Schnee wirbelte um ihr Gesicht.
Der Wolf wirbelte knurrend herum und griff erneut an.
Lyras innerer Wolf bäumte sich mit einem Ausbruch roher Instinkte in ihr auf. Diesmal gab es keine Zeit für Angst, keine Zeit, an Zurückweisung, Scham oder all die Wege zu denken, wie das Rudel sie gelehrt hatte, sich klein zu halten.
Sie fletschte die Zähne.
Und der Rogue hielt inne.
Mitten im Sprung blieb er wie angewurzelt stehen, die Ohren zuckten nach vorne, als hätte er etwas Unmögliches gehört.
Lyra starrte ihn an.
Der gelbe Blick des Biests verengte sich auf ihr Gesicht. Die Lippen zogen sich zurück. Nicht aus Warnung.
Sondern aus etwas wie Furcht.
Hinter ihr durchschnitt Damons Stimme das Chaos wie eine Klinge.
„Lyra, beweg dich!“
Aber der Rogue sah nicht zu Damon.
Er sah sie an.
Und dann sprach er.
Nicht in Worten. Nicht genau.
Eine Stimme schabte durch ihren Geist, feucht und uralt und voller Hunger.
Endlich.
Lyra durchfuhr ein eiskalter Schauer.
Denn der Rogue war nicht hier, um sie zu töten.
Er war wegen ihr gekommen.
Und als er seinen blutverschmierten Kopf senkte, wie in Anbetung, begriff sie mit einem krankmachenden Ruck, dass er ganz genau wusste, wer sie war.