Selene 6th body
Selene bewegte sich mit wohlüberlegter Ruhe. Wer sich hetzte, verlor die Kontrolle.
Die Gasse war ein schmaler Durchgang zwischen zwei alten Backsteingebäuden. Die Stadt vernachlässigte sie schon seit Langem und erinnerte sich nur dann an sie, wenn Probleme auftauchten. Der Regen zuvor hatte Schmutzstreifen an den Wänden hinterlassen, und nun war das Pflaster von flachen Pfützen übersät. Jede von ihnen spiegelte ein verzerrtes Fragment einer Straßenlaterne wider.
Der Mann lag dort, wo sie ihn platziert hatte. Er lag halb auf der Seite, ein Arm war unnatürlich angewinkelt, um einen Kampf vorzutäuschen, falls jemand genauer hinsehen sollte. Doch Selene wollte nicht, dass es wie ein Kampf aussah. Kämpfe waren chaotisch. Sie erregten Aufmerksamkeit.
Sie ging in die Hocke, hielt das Gleichgewicht auf den Fußballen und lauschte konzentriert.
Sie lauschte nicht nur mit den Ohren, sondern mit ihrem ganzen Wesen. Sie spürte die feinen Druckveränderungen am Eingang der Gasse, das ständige Rauschen des entfernten Verkehrs und das leise, mechanische Summen eines Abluftventilators weit oben. Die Stadt hatte immer etwas zu sagen, doch die meisten Menschen waren zu sehr mit ihrem eigenen Lärm beschäftigt, um es zu bemerken.
Mit ihren eng anliegenden schwarzen Nitrilhandschuhen stellte Selene sicher, dass sie alles fühlen konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Akribisch untersuchte sie ihre Umgebung: die Positionierung, was sichtbar sein könnte und jedes Detail, das sie verraten könnte. Sie rückte den Kragen seiner Jacke ein wenig zurecht, sodass es wirkte, als wäre er nur zufällig verrutscht. Sie schob sein Handy ein paar Zentimeter von seiner Hand weg – nah genug, um so auszusehen, als wäre es ihm heruntergefallen, aber weit genug weg, um anzudeuten, dass er kalt erwischt worden war.
Selene ließ einen langsamen, stetigen Atemzug durch ihre Nase entweichen.
Sechs.
Sie zählte sie nicht als Trophäen wie Männer ihrer Art. Sie zählte sie wie eine Chirurgin ihre Stiche – nicht mit Stolz, sondern mit einem Gefühl der Vollendung. Es war ein Abschluss, eine Abfolge, die beendet werden musste. Es unvollständig zu lassen, fühlte sich an wie ein Jucken unter der Haut, das niemals aufhören würde.
Regentropfen fielen von der verrosteten Feuertreppe und klopften rhythmisch in eine Pfütze neben ihr. Selene stand auf, kreiste mit den Schultern, um die Anspannung zu lösen, und griff in die Innentasche ihres Mantels. Sie holte ein provisorisches Reinigungsset heraus, zusammengestellt aus Fundstücken aus dem Laden um die Ecke: Feuchttücher, eine Plastiktüte und ein kleines Fläschchen Desinfektionsmittel. Sie brauchte sie eigentlich nicht, sie war gründlich gewesen, aber das Ritual war wichtig. Es erdete sie und erinnerte sie daran, dass sie nichts Besonderes war.
Selene wischte methodisch über jede Oberfläche, die sie berührt hatte: den Metallknopf, den Rand ihres Handys und den glatten Stoff seiner Jacke. Mit jedem Wischen legte sich eine vertraute Ruhe über sie. Die Welt um sie herum schien zu schrumpfen und ließ nur ihre Gedanken zurück, die nun wie messerscharfe Linien waren.
Dann
Ein Licht bewegte sich.
Nicht die Straßenlaterne. Straßenlaternen bewegten sich nicht. Es sei denn, sie waren kurz vor dem Ausgehen.
Ein fahler Schein erhellte kurz den Eingang der Gasse, wie das sanfte Licht eines Handydisplays oder der flüchtige Schein von Autoscheinwerfern, die zwischen den Gebäuden hindurchblitzten.
Selene hielt inne, das Tuch noch behutsam zwischen den Fingern. Ihr Puls blieb ruhig – das war die erste Regel. Lass deinen Körper später reagieren; sei jetzt vollkommen präsent. Panik war etwas für Leute, die glaubten, die Welt würde sie vorwarnen.
Sie lauschte noch einmal, diesmal schärfer.
Schritte? Keine.
Atem? Nur ihrer.
Ein Fahrzeug? Das ferne Zischen von Reifen auf nassem Asphalt, ein tiefes Motorengeräusch, das nicht so recht abklingen wollte, wie es eigentlich sollte.
Sie drehte den Kopf nicht sofort. Sich umzudrehen war ein Zugeständnis. Sich umzudrehen bedeutete: „Ich habe dich gehört.“
Mit wohlüberlegter Ruhe beendete sie ihre vorherige Handlung, so als wäre das Licht belanglos gewesen. Sie legte das benutzte Tuch in eine Plastiktüte, verschloss sie und steckte sie in ihre Tasche. Unter den Handschuhen ballte sie ihre Finger zur Faust, um sich ihrer Grifffestigkeit und Kontrolle zu vergewissern.
Erst dann hob sie den Blick, nicht zum Eingang der Gasse, sondern zu der spiegelnden Pfütze vor ihren Füßen.
Im Spiegelbild der Pfütze erschien die Straße dahinter verzerrt und durch Wellen zerstückelt. Doch es enthüllte auch eine neue Anwesenheit: eine dunkle Gestalt, unbeweglich, am Eingang der Gasse.
Ein Mensch.
Selene ließ ihre Gedanken durch die Möglichkeiten wandern, mit der Präzision eines Schlosses, bei dem die Stifte einrasten.
Betrunken? Nein, dafür war er zu still.
Obdachlos? Nein, dafür wirkte er zu gefasst.
Ein Zeuge? Vielleicht. Aber Zeugen schnappten nach Luft. Zeugen flüsterten in ihre Handys. Zeugen wichen zurück.
Dieser hier nicht.
Sie ließ ihre Schultern locker, eine berechnete Geste, die für jeden Beobachter aus der Ferne belanglos wirken musste. Nur eine Frau allein in einer Gasse, zur falschen Zeit am falschen Ort. Jemand, der einfach einen unglücklichen Fehler begangen hatte.
Schließlich drehte sich Selene um, langsam genug, um zögerlich zu wirken, nicht strategisch.
Am Eingang der Gasse, im Schatten, den die Straßenlaterne nicht ganz erreichte, stand eine Gestalt mit Händen in den Taschen. Groß. Gebaut wie jemand, der keine unnötigen Bewegungen machte. Das Gesicht war schwer zu erkennen – entweder absichtlich verborgen oder einfach nur durch den Lichteinfall verloren –, doch Selene spürte seine Aufmerksamkeit wie ein Gewicht auf ihrem Brustbein.
Kein Handy in der Hand. Keine glimmende Zigarette. Kein nervöses Herumzappeln.
Er sah sich nicht nur die Leiche an.
Er sah sie an.
Selene neigte den Kopf, ließ ihr Haar ein wenig nach vorne fallen und ihre Haltung in etwas Kleineres zusammenfallen. Beutehaltung. Eine lautlose Frage. Die Maske, die die Leute erwarteten.
„Sind Sie ...“, begann sie und ließ den Satz abbrechen, als hätte die Angst ihr die Worte geraubt.
Die Gestalt antwortete nicht.
Ein paar Sekunden lang gab es in der Gasse nur das Tropfen des Wassers von der Feuertreppe und den fernen Puls des Verkehrs. Selene konnte nassen Backstein riechen, alten Müll und den metallischen Hauch von Regen auf Beton.
Sie machte einen Schritt auf den Ausgang zu, achtete darauf, dass es so aussah, als wollte sie gehen, als wollte sie ohne Ärger an ihm vorbeikommen. Ihre Hände hingen an ihren Seiten, offen, harmlos.
Die Gestalt bewegte sich leicht – gerade genug, damit Selene sehen konnte, dass die Bewegung kontrolliert und ökonomisch war, wie ein Scharnier.
Kein Erschrecken. Keine Unsicherheit.
Sie spürte mit plötzlicher Klarheit, dass dies keine Unterbrechung war.
Das war eine Auswahl.
Selene wurde kälter, nicht aus Angst, sondern aus Erkenntnis. Das Gefühl, bewertet zu werden. Gemessen. Eingeordnet.
Ihre Augen verfolgten das beschattete Gesicht. Sie versuchte, ein Detail zu erhaschen – Augenfarbe, eine Narbe, irgendetwas, um ihn in der Realität zu verankern.
Die Straßenlaterne flackerte einmal, und für einen kurzen Moment sah sie die Linie seines Kiefers und die flache Ruhe seines Mundes.
Dann beruhigte sich das Licht, und er war wieder nur ein Schatten.
Selene hielt ihren Gesichtsausdruck sanft. Verwirrt. Verängstigt. Normal.
In ihrem Inneren schärfte sich alles zu einer Klinge.
Denn sie konnte es jetzt spüren, unmissverständlich.
Sie war mit ihrem sechsten Körper nicht allein.
Sie wurde beobachtet.
Und wer auch immer am Eingang der Gasse stand, reagierte nicht wie ein Zeuge.
Er reagierte wie ein Jäger, der gerade etwas Interessantes gefunden hatte.
Selene hielt ihre Beute-Maske fest, während ihr Verstand ihn aufnahm und katalogisierte, denn das Gefährlichste in der Gasse war nicht die Leiche zu ihren Füßen. Es war der Mann, der gerade leise entschied, was er als Nächstes mit ihr tun würde.