Fang mich, Drache!

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Zusammenfassung

FANG MICH, DRACHE *Sie ist ein Kind des Waldes. Er wurde geboren, um den Himmel zu beherrschen.* Als Kind ausgesetzt, wuchs Sable wild in den Baumwipfeln auf – sie überlebte durch Instinkt, sprach die Sprache der Drachenjungen und traute keinem Menschen. Bis Drachenwandler ihren Wald überfallen und ihr König sie mit goldenen Augen und einem einzigen, vernichtenden Wort fixiert: *Mein.* König Vexian hat Imperien erobert. Was er jedoch nicht besiegen kann, ist seine Besessenheit von der wilden Frau, die ihn biss, zerkratzte und floh, ohne sich einmal umzusehen. Entschlossen, sich zu holen, was sich ihm widersetzt, jagt er sie durch Wald und Himmel, fängt sie mit Klauen aus Obsidian und Feuer und sperrt sie in einen Palast voller unvorstellbarem Luxus. Der Käfig hat eine Tür. Sie läuft immer wieder davon. Er jagt sie weiter. Keiner von beiden kann ignorieren, was in ihnen entbrennt, jedes Mal, wenn er sie einholt – rau und verzweifelt, ein Kampf, der in etwas gefährlich Ähnliches wie Verlangen umschlägt. Doch Vexian ist nicht das einzige Raubtier an seinem Hof. Sables Wildheit könnte die einzige Waffe sein, die sie beide retten kann. Nun muss sie sich entscheiden: für immer im Wald verschwinden oder höher klettern, als sie es je gewagt hat – und einen Drachen lehren, was es bedeutet, selbst gefangen zu werden. **Eine steamy Romantasy mit bratty banter, besitzergreifenden Drachenwandlern und einer Heldin, die lieber beißt, als zu knien.** --- **Content Warnings (18+):** - Explizite sexuelle Inhalte mit detaillierten Szenen und hoher Frequenz an Intimität - Captor/Captive-Dynamik mit anfänglich zweifelhaftem Konsens, der sich zu enthusiastischem, ausgehandeltem Konsens entwickelt - Rougher Sex, Besitzergreifendes Verhalten/Beißen/Markieren während intimer Szenen - Körperliche Gewalt/Kampf zwischen den Love Interests, die in sexuelle Situationen übergehen - Früheres Aussetzen als Kind und Trauma (wird erwähnt, nicht dargestellt) - Eifersucht und obsessives Verhalten des männlichen Love Interests - Attentat durch Vergiftung und damit verbundene medizinische Notlage Die ersten Interaktionen weisen ein erhebliches Machtgefälle auf. Vorsicht beim Lesen empfohlen.

Genre:
Romance
Autor:
Ember Wilds
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
32
Rating
5.0 3 Bewertungen
Altersfreigabe
18+

Kapitel 1

Sable

Die Rinde fühlte sich rau unter meinen Fingern an, als ich den Ast umklammerte. Meine Zehen krallten sich in den Stamm, während ich mich hochzog. Ich richtete mich auf. Der Wind fuhr durch mein Haar und peitschte die Strähnen um mein Gesicht. Durch das zitternde Laub erspähte ich die vertraute Umgebung: das endlose Meer aus Bäumen, ein Mosaik aus Grün und Braun.

Ich zog mich auf einen höheren Ast. Meine Finger und Zehen fanden mühelos Halt in den Rissen der Rinde. Dann stand ich auf und rannte flink über den Ast. Am Ende angekommen, stieß ich mich ab und sprang in die Luft, wo ich mühelos den nächsten Ast zu fassen bekam. Ich schwang meinen Körper herum, landete hockend auf einem weiteren breiten Ast und lief sofort wieder los.

Ich konnte das Geräusch von Eichhörnchen in den Bäumen um mich herum hören und das Scharren kleiner Tiere auf dem Waldboden unter mir. Ich atmete tief durch die Nase ein. Kiefernharz. Feuchte Erde. Und darunter, ganz schwach, die zuckrige Schärfe reifer Beeren. Das Eisenholz war in der Nähe.

Ich schwang mich durch einen Vorhang aus hängendem Moos nach unten, ließ mich drei Körperlängen fallen und fing einen krummen Ast mit den Zehen ab. Der alte Baum ragte vor mir auf wie ein Berg; seine Rinde war silbergrau und von tiefen Falten durchzogen. Die Morgensonne traf die Ostseite und wärmte das Holz. Dort würden sie sein. Perfekt. Bereit.

Ich kletterte nun langsamer, geduldig. Die Schattenbeeren wuchsen nur hier, und nur, wenn die Hitze sie zu purpurschwarzer Süße lockte. In der Sonne gespeicherte Kraft. Vor drei Tagen waren sie noch hart und bitter gewesen. Heute würden sie nachgeben.

Ein schnatterndes Pfeifen durchschnitt die Luft über mir.

Ich schnalzte zweimal mit der Zunge gegen den Gaumen, hier, sicher, und pfiff leise durch meine Zähne.

Zwei Gestalten spiralierten durch die Blätter nach unten. Smaragdgrün und Kupfer; ihre Schuppen fingen das flackernde Licht ein. Das smaragdgrüne landete auf einem Ast mir gegenüber, den Kopf schief gelegt, der Kamm aus winzigen Hörnern vor Neugier gesträubt. Das kupferne kreiste, die Flügel schlugen schnell und lautlos, bevor es sich weiter oben niederließ, den Schwanz um das Holz gewickelt.

Ich schnalzte erneut, diesmal leiser. Essen. Teilen.

Der smaragdgrüne Dracling trillerte, ein ansteigender Ton, der bedeutete: zeigen, zeigen, zeigen.

Ich griff in meinen Beutel und holte die letzten Kiefernkerne von gestern heraus. Ich warf sie. Das kupferne schnappte sie aus der Luft – ein bisschen Angeberei – und das smaragdgrüne stieß ein wütendes Zwitschern aus, das fast wie ein Fluch klang. Ich lachte, rau und leise. Das Geräusch fühlte sich fremd in meiner Kehle an. Ich benutzte es nicht oft.

Ich kletterte höher zu den Beerenbüscheln. Die Draclings folgten mir, huschten von Ast zu Ast und stritten sich mit Pfeifen und Klicken. Mein Alarmsystem. Meine Schatten. Sie hatten mich gefunden, als ich klein war und weinte. Sie hatten mich zum Wasser geführt und warnend geschrien, wenn Distelkatzen zu nah herangeschlichen waren. Wir brauchten keine Worte. Wir verstanden uns auch ohne.

Die Beeren hingen schwer, schwarz-violett wie blaue Flecken. Ich pflückte vorsichtig, füllte meinen Beutel und ließ genug für die Vögel und den Baum übrig. Gleichgewicht. Man nimmt nie alles. Der Wald gibt, aber er beobachtet. Er merkt es sich, wenn du gierig bist.

Der kupferne Dracling versteifte sich plötzlich, sein Kamm legte sich flach gegen seinen Schädel.

Meine Hand erstarrte, halb nach einer weiteren Beere ausgestreckt. Jeder Muskel wurde starr, mein Atem flachte fast bis zum Stillstand ab. Das smaragdgrüne Wesen gab ein Geräusch von sich, scharf, hoch, durchdringend wie zerbrechendes Glas. Kree-ik, kree-ik.

Ich kannte diesen Ruf. Eindringling. Boden. Falsch. Kein Raubtier, nicht die Warnung vor den roten Zähnen, vor denen ich aufgewachsen war. Eine andere Art von Gefahr. Die Draclings wussten, wie man Jäger von Beute unterscheidet, und sie wussten, wenn Kreaturen sich falsch durch den Wald bewegten.

Ich dachte nicht nach. Ich handelte.

Lautlos wie ein Flüstern ließ ich mich auf den Bauch fallen und schlängelte mich wie eine Schlange den Ast entlang. Ich drückte meinen Rücken gegen den rauen Stamm, bis ich nur noch ein weiterer Schatten zwischen den Ästen war. Die Beeren in meinem Beutel drückten gegen meine Hüfte, ich hatte sie ganz vergessen.

Die Draclings verschwanden nach oben, weit weg, verloren sich im hohen Blätterdach, wo sie beobachten und warten würden.

Ich atmete durch den Mund, schmeckte Eisenholz und altes Moos und lauschte.

Schwere Stiefel. Ungeschickt zertraten sie Zweige unter einem Gewicht, dem Stille egal war. Lachen, rau und arrogant. Männergeräusche. Der Wald wurde still um sie herum, Vögel verstummten, Insekten hielten inne, als würde der ganze Wald vor ihrem Lärm zurückweichen.

Ich beobachtete den Waldboden unter mir und wartete darauf, dass sie aus den Bäumen auftauchten.

Drei Gestalten stolperten auf die Lichtung. Sie sahen aus, als wären sie tagelang gelaufen; ihre Kleidung war zerrissen und schmutzig, das Haar zerzaust und voller Zweige. Sie achteten nicht darauf, was sie zertraten. Zweige knackten unter ihren Stiefeln wie brechende Knochen.

„Bist du sicher, dass hier was ist?“, fragte der Erste. Seine Stimme klang rau wie verrostetes Metall.

„Klar“, antwortete der Zweite und lachte. Der Dritte sagte nichts, sah sich nur mit Augen um, bei deren Anblick sich mein Magen zusammenzog.

Sie trugen sich mit dieser faulen Selbstverständlichkeit von Männern, die es genossen, kleineren Wesen wehzutun. Sie traten nach den Farnen auf ihrem Weg, schlugen nach Insekten und sprachen mit ihren rauen, lauten Stimmen. Sie waren wie eine Infektion in der Stille des Waldes. Laut. Verschwenderisch. Völlig deplatziert.

Ich presste mein Gesicht fester gegen den Stamm, mein Herz hämmerte gegen die Rinde. Ich wusste nicht, wen sie jagten, aber ich kannte solche Männer. Sie gingen nicht so tief in die Wildnis, wenn sie nichts Böses im Schilde führten.

„Was glaubst du, hat das ein Hirsch gemacht?“ Die Worte trafen mich wie ein Stein in der Brust.

Ich kannte diesen Wasserschlauch. Lohgegerbtes Leder, dreifach vernäht mit Sehnen von dem Reh, das ich letzten Herbst erlegt hatte, verschlossen mit einem Korken aus dem Holz des Schwarzerlenbaums. Mein Zeichen war darauf: drei Kratzer, Klauenspuren, versteckt in der Naht. Mein Versteck. Sie hatten mein Versteck gefunden. Sie hatten meine Sachen berührt.

Nicht nur Hausfriedensbruch. Nicht nur laut. Sie waren also auf der Jagd.

Sie jagten mich.

Die Kälte begann in meinen Fingerspitzen und breitete sich in meinen Armen aus, bis meine Zähne davon schmerzten. Mein Wald. Mein Zuhause. Mein Bau. Und sie dachten, sie könnten darin herumwühlen wie Schweine auf Trüffelsuche, nehmen, was mir gehörte. Und dann – die Art, wie der Dritte die Bäume betrachtete, berechnend, abwägend. Er verfolgte eine Spur.

Ich würde in meinem eigenen Wald kein Geist sein.

Drei Äste weiter hing ein Hornissennest, papierartig und grau wie der Schädel eines Toten. Ich hatte es vor Wochen markiert und auf das Summen geachtet, das bedeutete, dass sich dort Wut zusammenbraute. Ich bewegte mich auf meiner Baum-Autobahn entlang, meine Füße fanden Halt auf den von jahrelangem Gebrauch glatten Stellen, bis ich direkt darüber hockte.

Das papierne Birkenholz bog sich unter meinen Fingern, spröde und trocken. Ich brach den Ast nicht ganz ab. Ich bog ihn nur. Ließ ihn nachgeben. Das Nest fiel graziös wie ein Versprechen, langsam, sich drehend, die papiernen Seiten fingen das Licht ein.

Es schlug in der Nähe der Stiefel des Anführers auf mit einem Geräusch, als würde ein Herz zerbrechen.

Für einen Atemzug passierte nichts.

Dann: das Schreien des Stocks.

Die Luft verwandelte sich in goldenen schwarzen Rauch, die Hornissen kochten in einer Wut aus Flügeln und Stacheln hervor. Die Männer schrien hoch und mädchenhaft und fuchtelten mit den Armen, was den Schwarm nur noch mehr erzürnte. Einer wollte wegrennen und stolperte über seine eigenen Füße. Ein anderer schlug sich ins Gesicht und kassierte zur Belohnung drei Stiche.

Ich sprang nicht einfach. Ich fiel, wie ein Falke, der seine Beute verfolgt. Ich kontrollierte den Abstieg bis zum letzten Moment, die Knie gebeugt, der Aufprall rollte durch meine Fußsohlen bis in meine Wirbelsäule. Die Erde war weich von Fäulnisgeruch und altem Laub. Ich hockte darin, spürte die Nässe in meine Knie ziehen, und als ich mich erhob, waren meine Lippen bereits von meinen Zähnen zurückgezogen.

Sie erstarrten. Sogar derjenige, der immer noch nach den Hornissen schlug, blieb stehen und starrte auf das Ding, das zwischen ihnen gelandet war.

Der Anführer erholte sich als Erster und wischte sich über eine anschwellende Beule am Kiefer. Seine Augen wanderten über meine nackten Arme, mein verfilztes Haar und das scharfe Steinmesser, das ich ohne nachzudenken gezogen hatte. Er lächelte und zeigte dabei zu viele Zähne.

„Na, na“, sagte er. „Schau mal, was der Wald da ausgespuckt hat. Verloren, kleines Mädchen?“

„Das meins.“ Die Stimme kam tief aus meiner Brust, aus Rost und Stein und jahrelanger Stille. Ich zeigte auf den Wasserschlauch, der an seinem Gürtel baumelte. „Du nicht anfassen. Du gehen.“

Der zweite Mann lachte atemlos, während er immer noch vor einer hartnäckigen Hornisse tänzelte. „Der Wald gehört niemandem. Wir nehmen, was wir wollen.“ Er trat einen Schritt vor und streckte die Hand aus. „Einschließlich...“

Ich wartete nicht, bis er den Satz beendet hatte.

Der Laubhaufen war knietief und trocken wie alte Knochen. Ich trat kräftig zu, und eine Wolke aus Braun und Gold explodierte in seinem Gesicht. Er hustete und taumelte, die Augen fest zusammengekniffen. Ich bewegte mich bereits, tief geduckt unter dem Schwung der Faust des dritten Mannes – er hatte sich schneller erholt, als ich gedacht hatte. Meine Nägel bohrten sich tief in seinen Unterarm und rissen die Haut auf. Blut quoll hervor, schwarz im Licht des Waldes. Er heulte auf.

Der Ast war Eiche, Totholz, so schwer wie ein Oberschenkel eines Mannes. Ich schnappte ihn mir, die raue Rinde schnitt in meine Handflächen, das Gewicht legte sich in meine Schulter, und ich schwang ihn gegen das Knie des zweiten Mannes. Kein Kampfkunst-Move. Kein Drehpunkt, keine Eleganz. Nur Fleisch und Holz mit voller Wucht.

Knack.

Nicht sauber. Nass. Das Geräusch, wenn ein grüner Ast bricht, nur schwerer. Er sackte schreiend zusammen, der Ton wurde hoch und dünn wie ein Kaninchen in der Schlinge.

Der Anführer hatte mich, bevor ich zurückspringen konnte. Seine Hand war wie ein Schraubstock an meinem Oberarm, die Finger gruben sich in meine Muskeln. Er riss mich nah zu sich heran; sein Atem war heiß und verrottet wie altes Fleisch.

„Dachtest, du hättest uns erwischt, was, kleine Höllenkatze?“, knurrte er.

Ich riss mich nicht los. Das war es, was er erwartete, worauf er sich eingestellt hatte. Ich ließ jeden Muskel erschlaffen, ein totes Gewicht, das aus seinem Griff rutschte. Überraschung öffnete seine Augen, sein Kiefer klappte nach unten, und ich schlug meinen Kopf so hart ich konnte zurück. Ich spürte das Knacken meines Schädels gegen sein Gesicht mehr, als ich es hörte.

Knorpel gab nach. Er brüllte auf und ließ mich los, während beide Hände zu seiner Nase flogen. Blut lief über sein Kinn, hell und schockierend auf seiner schmutzigen Haut.

Ich wirbelte herum, den Ast erhoben, ein Knurren riss aus meiner Kehle – ein Geräusch, das ich von Distelkatzen gelernt hatte, von Draclings, die Rivalen warnten, vom Wald selbst, wenn er wütend war.

Er sah seinen Mann am Boden an, der sein zertrümmertes Knie hielt und wimmerte. Er sah den Dritten an, der aus vier tiefen Kratzern blutete, bleich und zitternd.

Dann sah er mich an. Und endlich sah ich es: den Riss in seinem Selbstvertrauen. Die Angst, roh und animalisch, starrte mir aus seinen Augen entgegen. Die Erkenntnis, dass er hier nicht das Raubtier war. Dass der Wald kein verlorenes kleines Mädchen ausgespuckt hatte.

Er hatte seine Zähne gezeigt.

Er stolperte rückwärts, fiel über seine eigenen Stiefel und landete hart auf dem Hintern. Er blieb nicht liegen. Er rappelte sich auf, rannte los und schleifte seine Verwundeten mit sich, während er wie das gejagte Wesen, das er war, durch das Unterholz krachte. Das Geräusch ihrer Flucht verblasste, bis nur noch die Hornissen übrig blieben, verwirrt und wütend, und sich langsam beruhigten.

Ich stand auf der Lichtung, meine Brust hob und senkte sich, der Ast schwer in meinen Händen. Mein Puls dröhnte in meinen Ohren. Der Wald war wieder still und beobachtete.

Der kupferne Dracling landete auf einem niedrigen Ast, den Kopf schief gelegt, der Kamm halb erhoben. Er zwitscherte, drei Töne, aufsteigend. Verletzt? Jetzt sicher?

Ich schnalzte zweimal mit der Zunge, sanft, dann pfiff ich tief und lang. Sicher. Müde. Jäger weg.

Er neigte zustimmend den Kopf, kam aber nicht näher. Das war seltsam. Normalerweise wollten sie Beute teilen, wollten hinter dem Kamm gekratzt werden. Ich merkte es mir und fing an, mein Versteck neu zu sortieren.

Die Männer hatten ein Chaos hinterlassen. Sie hatten meine getrockneten Beeren wie Müll verstreut und Stiefelabdrücke in meinem Schlafmoos hinterlassen. Ich holte zurück, was ich konnte, meine Finger bewegten sich mechanisch.

Dann fing es an.

Kein Geräusch. Das Gegenteil von Geräusch. Das Hintergrundsummen des Waldes, das Summen der Insekten, die Rufe der Vögel, das Flüstern der Blätter – es verstummte schlagartig, wie ein Kiefer, der zuschnappt. Im einen Moment Leben. Im nächsten eine Stille, so vollkommen, dass ich meinen eigenen Herzschlag hören konnte.

Die Haare auf meinen Armen stellten sich auf. Nicht vor Kälte.

Ich erstarrte, ein Streifen Wildfleisch halb in meinen Beutel gestopft. Langsam, Wirbel für Wirbel, hob ich den Kopf.

Das Blätterdach schwankte, aber ohne Wind. Die Blätter hingen still – falsch, als würden sie den Atem anhalten. Den Bergrücken abscannen. Den Himmel abscannen. Nichts. Blau zwischen den Ästen, leere Luft.

Aber das Gefühl wuchs. Uralt. Schwer. Hungrig. Die Luft vor einem Blitzeinschlag, der Moment, wenn der Himmel grün wird und du weißt, dass etwas kommt, aber nicht was. Druck gegen meine Trommelfelle. Druck gegen meine Gedanken, als würde etwas Massives an die Ränder meines Verstandes drücken und testen.

Ich stand langsam auf, das Gefühl des Sieges verdampfte zu kalter Angst.

Ein Schatten fiel auf die Lichtung.

Nicht allmählich. Plötzlich. Die Sonne flackerte wie eine ausgeblasene Kerze, die Welt stürzte in die Dämmerung. Ich sah nach oben, und mein Blick füllte sich mit...

Flügeln. Schuppen, obsidianartiger Schatten. Ein Körper so riesig wie ein Gebirgszug, der den Himmel verdeckte.

Der kupferne Dracling auf dem Ast stieß einen einzigen, entsetzten Schrei aus – nicht den Alarmruf, nicht das Warnpfeifen, sondern den Schrei von etwas Kleinem, das seinem Gott gegenübersteht. Er tauchte ab in die dichteste Deckung und verschwand in Blatt und Schatten.

Ich hörte auf zu atmen.

Der Schatten zog vorbei. Das Licht kehrte zurück, zitternd und schwach. Ich blieb wie eingefroren stehen, den Hals zurückgebeugt, den Mund offen. Jeder Instinkt schrie lauf, lauf, lauf, aber meine Beine waren wie festgewachsen.

Zum ersten Mal in meinem Leben verstand ich, wie sich Beute fühlt. Wahre Beute. Nicht das Wild, das ich jagte. Nicht die Herausforderung einer Distelkatze. Das hier war das Kaninchen im Schatten des Falken. Die Maus in der Stille der Eule.

Terror überflutete mich nicht. Er kristallisierte. Meine Finger fühlten sich meilenweit von meinem Körper entfernt an. Mein Herzschlag hämmerte in meiner Kehle, in meinen Ohren, in meinen Fingerspitzen. Ich konnte den Blick nicht von dem leeren Himmel abwenden, wo das Ding gewesen war.

Etwas hatte mich gesehen.

Etwas hatte mich gefunden.

Und es war noch nicht fertig mit mir.