Chapter 1
Das Blackthorn-Anwesen glich weniger einer Villa als vielmehr einem Königreich für Sünder.
Luxusautos säumten die riesige, kreisförmige Auffahrt. Unter den gewaltigen schwarzen Säulen standen bewaffnete Wachen, ihre Blicke im Regen kalt und wachsam.
Im Inneren des Anwesens glühten Kristallleuchter über hunderten gefährlichen Menschen, die so taten, als würden sie lächeln.
Mafia-Bosse.
Politiker.
Dealer.
Killer in Designeranzügen.
Und irgendwo unter ihnen—
Lucien Blackthorn.
Aurelia Vale stieg neben ihren Eltern aus dem Wagen und strich ihr schwarzes Seidenkleid glatt. Der Regen küsste ihre nackten Schultern, bevor Wachen mit Regenschirmen herbeieilten.
Ihr Vater rückte nervös seine Manschettenknöpfe zurecht.
„Bleib heute Abend bei mir“, warnte er leise.
Aurelia hätte fast gelacht.
„Seit wann sind Mafia-Partys Familienfeiern?“
Der Gesichtsausdruck ihrer Mutter verhärtete sich sofort.
„Senk deine Stimme.“
Aurelia verdrehte die Augen, gehorchte aber.
In dem Moment, als sie das Blackthorn House betraten, veränderte sich die Atmosphäre.
Leise Musik hallte durch die Marmorflure. Teures Parfüm vermischte sich mit Zigarrenrauch. Spiegel bedeckten die Wände vom Boden bis zur Decke und reflektierten Diamanten, Waffen, falsches Lächeln und versteckte Drohungen aus jedem Winkel.
Aurelia hasste es sofort.
Zu viele Spiegelbilder.
Zu viele Augen.
Doch die Spiegel waren nicht der Grund, warum heute Abend so eine Anspannung im Raum lag.
Es war er.
Jeder spürte es.
Lucien Blackthorn war noch nicht einmal erschienen, doch das gesamte Haus gehörte bereits ihm.
Die Leute sprachen hier leiser.
Sie bewegten sich vorsichtig.
Sie hatten Angst, falsch zu atmen.
Denn anders als die anderen Mafia-Familien—
herrschten die Blackthorns.
Aurelia schnappte Flüstern auf, je tiefer sie hineingingen.
„Hast du gehört, was in Mailand passiert ist?“
„Man sagt, Lucien hat ihn persönlich umgebracht.“
„Niemand überlebt es, Blackthorn zu hintergehen.“
„Wo ist er?“
„Oben, wahrscheinlich beobachtet er alles.“
Beobachten.
Bei diesem Wort wurde ihr unbehaglich.
Ihr Vater blieb plötzlich stehen, als ein anderer Mafia-Boss auf sie zukam.
„Sebastian Vale“, grüßte der ältere Mann mit einem Nicken.
„Roman“, erwiderte ihr Vater.
Die beiden Männer schüttelten sich die Hände, während Aurelias Aufmerksamkeit zur großen Treppe abdriftete.
Ein riesiger Spiegel stand dahinter und reichte fast bis zur Decke.
Und in diesem Spiegelbild—
sah sie ihn.
Ein großer Mann, ganz in Schwarz gekleidet, schritt langsam die Treppe hinunter, eine Hand lässig in der Tasche.
Die Gespräche im Ballsaal verstummten augenblicklich.
Macht folgte ihm wie Rauch.
Lucien Blackthorn.
Gutaussehend.
Kalt.
Furchteinflößend.
Sein Ausdruck blieb ruhig, während Dutzende Mafia-Bosse respektvoll den Kopf senkten, als er an ihnen vorbeiging.
Doch Lucien ignorierte alle.
Sein Blick schweifte träge über den Ballsaal, bis—
er bei ihr hängen blieb.
Aurelias Magen zog sich unerwartet zusammen.
Er sah nicht weg.
Er blinzelte nicht einmal.
Er beobachtete sie nur durch die Reflexion des Spiegels hinter ihr.
Als hätte er etwas Interessantes gefunden.
Etwas Gefährliches.
Ihr Vater bemerkte es auch.
Und zum ersten Mal den ganzen Abend lang—
wirkte Sebastian Vale nervös.
„Aurelia“, sagte er leise und packte ihren Arm fester als nötig. „Erreg heute Abend nicht seine Aufmerksamkeit.“
Zu spät.
Denn auf der anderen Seite des Ballsaals starrte Lucien Blackthorn immer noch direkt ihr Spiegelbild an.
Und langsam—
lächelte er.