1
Der Regen prasselte wie Steine auf ihn herab.
Caelan Veyr rannte durch den dörflichen Matsch. Er hatte Blut an der Lippe, ein Schuh fehlte ihm, und hinter ihm brüllten drei Jungen.
„Lauf schneller, Ratte!“
Ein Stein traf ihn an der Schulter.
Er stolperte, fing sich am Schuppen des Bäckers ab und rannte weiter.
Er sah nicht zurück.
Sich umzudrehen, machte alles nur noch schlimmer.
Caelan war dreizehn, dünn wie ein Besenstiel, mit dunklem Haar, das ihm an der Stirn klebte, und Augen, die für einen Jungen in seinem Alter viel zu still waren. Er hatte keinen Vater, der stark genug war, um irgendwen das Fürchten zu lehren. Keine Mutter, die mit einem warmen Feuer auf ihn wartete. Keinen älteren Bruder, der sich vor ihn stellte und sagte: Es reicht.
Also ließen die Jungen aus dem Dorf all ihre Grausamkeit an ihm aus.
Wenn ein Fenster zu Bruch ging, war es Caelan.
Wenn Brot verschwand, war es Caelan.
Wenn der Sohn eines reichen Bauern sich mächtig fühlen wollte, suchte er sich Caelan.
Heute Abend hatten sie ihn beschuldigt, einen silbernen Talisman aus dem Schrein gestohlen zu haben.
Caelan hatte ihn nicht angerührt.
Doch die Wahrheit wiegt leicht, wenn die Lügner stärker sind.
„Dieb!“, schrie Bran hinter ihm. Bran war der Größte von ihnen, mit breitem Gesicht und vor Aufregung knallrot im Kopf. „Nur zu, versteck dich im Wald! Vielleicht zieht dir die alte Hexe das Fell über die Ohren!“
Die anderen Jungen lachten.
Caelans Atem riss in seiner Brust.
Vor ihm, hinter den letzten krummen Zäunen des Dorfes, wartete der verbotene Wald.
Niemand ging dorthin, wenn die Sonne untergegangen war.
Die Alten sagten, unter den schwarzen Bäumen lebe eine Hexe. Sie sagten, sie würde Schatten mit Schalen voller Blut füttern. Sie sagten, sie könne deinen Namen hören, wenn du ihn in einem Traum flüstertest.
Caelan glaubte nicht jede Geschichte.
Aber an die Angst glaubte er.
Und in diesem Moment fürchtete er die Jungen mehr als den Wald.
Ein weiterer Stein flog an seinem Ohr vorbei.
Caelan brach durch die letzte Reihe der Dornenbüsche und stürzte in den Wald.
Die Welt veränderte sich augenblicklich.
Die Geräusche des Dorfes verstummten.
Der Regen wurde kälter.
Äste krallten sich in sein Gesicht und seine Arme, während er tiefer und tiefer lief, bis die Lichter der Laternen hinter ihm verschwanden und nur noch der Sturm blieb.
„Caelan!“, schrie Bran von irgendwo weit hinten. „Komm raus, du Feigling!“
Caelan presste sich eine Hand auf den Mund und versteckte sich hinter einer alten Eiche.
Sein ganzer Körper bebte.
Die Jungen kamen immer noch näher.
Er konnte hören, wie sie durch das Unterholz krachten. Sie lachten jetzt, weil sie wussten, dass sie ihn an einen Ort getrieben hatten, an den er niemals hätte gehen dürfen.
Ein Blitz zerriss den Himmel.
Für eine weiße Sekunde sah Caelan es.
Eine Hütte.
Klein, krumm und halb von Efeu und schwarzem Moos verschlungen. Das Dach bog sich unter dem Regen. Über der Tür hingen Knochenamulette. Blauer Rauch kringelte aus einem Schornstein, der bei diesem Wetter eigentlich nicht hätte brennen dürfen.
Caelan rutschte das Herz in die Hose.
Die Hütte der Hexe.
Er hätte in die andere Richtung rennen sollen.
Doch Brans Stimme kam näher.
„Da! Ich habe ihn gesehen!“
Caelan tat das Einzige, was ein verängstigter Junge tun konnte.
Er rannte zur Hütte, drückte die Tür auf und schlüpfte hinein.
Zuerst schlug ihm Wärme entgegen.
Dann der Geruch.
Getrocknete Kräuter. Rauch. Altes Holz. Etwas Bitteres und Süßes, wie Blumen, die zu lange auf einem Grab gelegen haben.
Caelan stand wie angewurzelt neben der Tür und tropfte den Regen auf den Boden.
Die Hütte war leer.
Zumindest sah sie leer aus.
Ein kleines Feuer brannte schwach im Herd. Regale bedeckten jede Wand, vollgestopft mit Gläsern, Knochen, Bündeln von Wurzeln, Kerzen, kleinen Tonpuppen und seltsamen Glasflaschen, in denen sich Dinge bewegten, wenn der Blitz zuckte.
Caelans Herz hämmerte so stark, dass er dachte, die Hexe müsse es hören, wo auch immer sie war.
„Es tut mir leid“, flüsterte er, obwohl ihn niemand gefragt hatte.
Dann bewegte sich etwas im Regal über dem Herd.
Caelan schaute nach oben.
Eine schwarze Katze beobachtete ihn.
Sie saß zwischen zwei Schädeln, den Schwanz um ihre Pfoten gewickelt. Ihr Fell war so dunkel, als wäre es aus der Nacht selbst geschnitten.
Aber ihre Augen waren hell.
Nicht grün.
Nicht gelb.
Silbern.
Mondhell.
Caelan schluckte.
„Hallo“, flüsterte er.
Die Katze blinzelte langsam.
Sie fauchte nicht. Sie rannte nicht weg. Sie starrte ihn nur an, als hätte sie auf ihn gewartet.
Draußen erreichten die Jungen die Hütte.
Caelan hörte ihre Stiefel im Matsch.
„Dort ist Rauch“, sagte einer von ihnen.
Bran lachte, aber jetzt nicht mehr so laut. „Er ist reingegangen.“
„Bist du wahnsinnig? Das ist Mavras Hütte.“
„Und?“, sagte Bran. „Dann kann sie ihn vielleicht behalten.“
Caelan wich von der Tür zurück.
Sein Ellbogen stieß gegen einen Tisch. Ein Glas rollte herunter, schlug auf dem Boden auf und zerbrach. Eine dicke, rote Flüssigkeit verbreitete sich zwischen den Dielen.
Die Ohren der Katze zuckten.
„Es tut mir leid“, flüsterte Caelan erneut, und seine Stimme zitterte nun noch mehr.
Ein Stein schlug durch das Fenster.
Glas explodierte nach innen.
Caelan schrie auf und schützte seinen Kopf.
Die schwarze Katze sprang vom Regal und landete sanft auf dem Boden.
Draußen schrie Bran: „Komm raus, Dieb!“
„Ich habe es nicht gestohlen!“, schrie Caelan, bevor er sich zurückhalten konnte.
Ein weiterer Stein flog herein.
Dieser traf die Laterne, die an einem Haken in der Nähe des Fensters hing.
Für eine schreckliche Sekunde schwang die Laterne hin und her.
Caelan sah es wie in Zeitlupe geschehen.
Der Haken riss aus.
Die Laterne fiel.
Öl ergoss sich über den Vorhang.
Ein Feuer erblühte.
Zuerst war es klein.
Dann gierig.
Oranges Licht leckte nach oben, erfasste den trockenen Stoff und leckte am alten Holz um das Fenster herum.
Die Katze fauchte.
Caelan starrte wie gelähmt.
Nein.
Nein, nein, nein.
Er griff nach dem nächsten Tuch und schlug auf die Flammen ein. Rauch füllte seinen Mund. Hitze schlug ihm ins Gesicht. Das Tuch fing in seinen Händen Feuer, und er ließ es mit einem Schrei fallen.
Draußen hörten die Jungen auf zu lachen.
„Bran“, sagte jemand, jetzt verängstigt. „Wir sollten gehen.“
„Halt den Mund.“
Das Feuer fraß sich schneller empor.
Es verschlang den Vorhang. Es erreichte das Regal. Getrocknete Kräuter knisterten und sprühten Funken wie kleine Knochen.
Die schwarze Katze huschte in die Ecke, gefangen zwischen Flammen und herabstürzendem Holz.
Caelan sah es.
Sah die silbernen Augen des Tieres, geweitet vor Angst.
Irgendetwas in ihm zerbrach.
„Komm her“, hustete er. „Bitte. Komm her.“
Die Katze bewegte sich nicht.
Das Regal über ihr krachte.
Caelan stürzte vorwärts.
Hitze brannte auf seinen Armen. Rauch biss in seine Augen, bis Tränen über sein Gesicht liefen. Er griff nach der Katze, doch sie wand sich panisch davon. Ihre Krallen ritzten sein Handgelenk auf.
„Ich versuche dir doch nur zu helfen!“, schluchzte er.
Ein brennender Balken stürzte von der Decke.
Caelan fiel hart zurück.
Die Katze verschwand hinter einer Wand aus Flammen.
Draußen rannten die Jungen jetzt.
Ihre Schritte verhallten im Regen.
Sie hatten das alles angezettelt.
Doch Caelan war derjenige, der drinnen festsaß.
Er kroch wieder vorwärts.
Der Rauch war zu dicht. Seine Lungen füllten sich nicht mit Luft. Die Welt wurde rot und schwarz und schrie.
Die Katze schrie auch.
Nicht wie ein Tier.
Wie ein Kind.
Caelan griff in das Feuer.
Schmerz verschlang seine Hand.
Seine Haut verbrannte.
Er schrie auf, doch er zog im ersten Moment nicht zurück. Seine Finger schlossen sich um Fell – heiß, bebend, echt.
Dann ächzte das Dach.
Angst überkam ihn.
Reine, hässliche Angst.
Caelan zog zurück.
Nur ein Büschel schwarzes Fell blieb in seinen verbrannten Fingern zurück.
Der Schrei der Katze verstummte.
Die Stille war schlimmer.
Caelan starrte durch die Flammen und schüttelte den Kopf.
„Nein“, flüsterte er. „Nein, bitte.“
Die Tür flog hinter ihm auf.
Für einen irren Moment dachte Caelan, die Jungen wären zurückgekommen.
Doch es war nicht Bran.
Es war eine Frau.
Groß und dünn, in einen durchnässten schwarzen Umhang gehüllt, mit weißem Haar, das ihr um ein Gesicht hing, scharf wie Glassplitter.
Mavra.
Die Hexe.
In dem Moment, als sie eintrat, bogen sich die Flammen von ihr weg.
Sie erloschen nicht.
Sie wichen zurück.
Als hätten sie Angst vor ihr.
Ihre Augen fanden zuerst Caelan.
Dann den Raum.
Dann die Ecke.
Ihr Gesicht veränderte sich.
Nicht in Wut.
Noch nicht.
In etwas weitaus Gefährlicheres.
Trauer.
Sie ging an Caelan vorbei, als wäre er nichts. Die Flammen öffneten sich vor ihr. Sie kniete in der Asche beim zerbrochenen Regal nieder und hob etwas Kleines in ihre Arme.
Die schwarze Katze bewegte sich nicht.
Ihr Fell war versengt.
Ihr Körper schlaff.
Ihre mondhellen Augen waren halb geöffnet.
Mavra stieß einen Laut aus, den keine menschliche Kehle hätte hervorbringen dürfen.
Caelan versuchte aufzustehen, doch seine Beine versagten.
„Ich wollte das nicht“, flüsterte er.
Die Hexe wandte den Kopf.
Ihre Augen waren jetzt schwarz.
Völlig schwarz.
„Was hast du gesagt?“
Caelan zitterte so heftig, dass seine Zähne klapperten. „Ich wollte das nicht. Sie haben mich gejagt. Sie haben Steine geworfen. Die Laterne ist umgefallen. Ich habe versucht – ich habe versucht, sie zu retten.“
Mavra erhob sich langsam und hielt die tote Katze an ihre Brust.
„Sable“, flüsterte sie.
Der Name schnitt wie ein Messer durch die Hütte.
Caelans Augen füllten sich mit Tränen. „Es tut mir leid.“
Mavra sah auf ihn herab.
„Es tut dir also leid.“
Er nickte hastig. „Ja.“
„Du bist in mein Haus eingedrungen.“
„Ich hatte Angst.“
„Du hast das Feuer gebracht.“
„Sie haben geworfen –“
„Du hast getötet, was mich geliebt hat.“
Caelan zuckte zusammen, als hätte sie ihn geschlagen.
„Ich habe versucht, sie zu retten“, sagte er, und seine Stimme brach bei dem letzten Wort. „Ich schwöre es. Ich schwöre es bei meinem Leben.“
Mavra starrte ihn lange an.
Draußen rollte Donner über den Wald.
Drinnen begannen die Flammen zu sterben, sie zogen sich zurück, immer weiter, bis nur noch Rauch und Asche blieben.
Die Hexe trat näher.
Caelan wollte weglaufen, aber sein Körper gehorchte ihm nicht.
Mavra kniete vor ihm nieder.
Die tote Katze lag in ihren Armen zwischen ihnen.
„Weißt du, was Unschuld ist, Junge?“, fragte sie leise.
Caelan schüttelte den Kopf.
„Es ist der Schild, den schwache Menschen hochhalten, wenn die Welt von ihnen verlangt, zu zahlen.“
„Ich wollte das nicht“, flüsterte Caelan.
„Nein.“ Mavras Mund bebte. „Das ist das Grausamste daran. Du wolltest es nicht. Du hast es nicht geplant. Du hast sie nicht gehasst.“
Ihre Finger strichen über das verbrannte Fell.
„Und trotzdem ist sie tot.“
Caelans Tränen fielen lautlos.
Mavra beugte sich vor.
„Dann lass die Unschuld zur Strafe werden.“
Die Luft wurde eiskalt.
So kalt, dass Caelans Atem weiß wurde.
Die Asche auf dem Boden wirbelte auf.
Sie drehte sich in einem langsamen, dunklen Kreis um sie beide.
Caelan spürte etwas, das über seine Haut kroch, unter seine Haut, in seine Knochen. Ein Druck baute sich in seiner Brust auf wie ein Heulen, das hinter seinen Rippen gefangen war.
„Nein“, flüsterte er, obwohl er nicht wusste, wogegen er sich wehrte.
Mavra hob die tote Katze höher.
Ihre Stimme veränderte sich.
Sie wurde tiefer.
Älter.
Etwas, das tief unter der Erde lauschte, antwortete ihr.
„Lass den Jungen das Tier tragen, das er nicht retten konnte. Lass Schuld Klauen wachsen. Lass Gnade zu Hunger werden. Lass den Mond sich an dieses Blut erinnern.“
Caelan versuchte rückwärts zu kriechen.
Seine verbrannte Hand rutschte in der Asche ab.
„Mavra, bitte.“
Beim Klang ihres Namens lächelte die Hexe.
Es war kein freundliches Lächeln.
„Du wirst heute Nacht nicht sterben, Caelan Veyr.“
Das erschreckte ihn mehr als der Tod.
Der Körper der Katze zuckte.
Caelan hörte auf zu atmen.
Sables tote Augen öffneten sich.
Silbernes Licht erfüllte sie.
Einmal.
Nur ein einziges Mal.
Die Katze starrte Caelan direkt an.
Und etwas im Inneren des Jungen antwortete mit einem Heulen.