KAPITEL EINS: DER MANN, DER NICHT AUFHÖREN KONNTE ZU STARREN
Das Erste, was Sophia an reichen Leuten auffiel, war, dass sie nie glücklich aussahen.
Nicht wirklich.
Die Frauen trugen Diamanten, die heller glitzerten als die Kronleuchter über ihnen, doch ihre Lächeln wirkten einstudiert. Die Männer lachten zu laut, tranken zu viel und sahen alle dreißig Sekunden auf ihre Handys, als hätten sie panische Angst vor der Stille.
Sophia rückte den Riemen ihrer Kameratasche zurecht, als sie das Herrenhaus betrat.
Das Haus sah weniger wie ein Zuhause aus und eher wie ein Luxushotel, versteckt hinter eisernen Toren und Palmen. Musik vibrierte durch die Marmorböden unter ihren Turnschuhen, während blaues und goldenes Licht über die Decke tanzte.
Eine Geburtstagsparty.
Mehr hatte die Agentur ihr nicht gesagt.
Leicht verdientes Geld.
Filme die Gäste. Fange die Atmosphäre ein. Bleib unsichtbar.
Sophia war das so lieber.
Unsichtbar.
„Kamerateam?“
Ein großer Mann in einem schwarzen Anzug hielt sie nahe dem Eingang an.
Sophia nickte hastig. „J-Ja.“
Er musterte sie von Kopf bis Fuß, bevor er in ein Headset sprach.
„Sie ist da.“
Etwas an der Art, wie er es sagte, ließ ihren Magen sich zusammenziehen.
Der Bodyguard trat beiseite.
„Man erwartet dich oben.“
Oben?
Sophia runzelte die Stirn.
Normalerweise blieben Event-Videografen in der Nähe der Bühne oder der Tanzfläche.
Nicht im Obergeschoss.
Aber sie brauchte das Geld zu dringend, um nachzufragen.
Die Miete war überfällig. Die Schulgebühren ihres kleinen Bruders waren nicht bezahlt. Und ihre Mutter glaubte immer noch, Sophias Filmstudium würde schließlich zu etwas führen.
Dieser Abend musste gut laufen.
Sophia stieg langsam die Treppe hoch und umklammerte ihre Kamera fest.
Die Musik von unten wurde gedämpft, als sie den zweiten Stock erreichte.
Der Flur war ruhiger.
Dunkler.
Dann hörte sie es.
Lachen.
Tiefe Männerstimmen.
Das Kichern einer Frau.
Eine der Schlafzimmertüren stand einen Spalt breit offen, und warmes, goldenes Licht fiel in den Flur.
Sophia näherte sich vorsichtig.
Und erstarrte.
Der Mann, der am Bettrand des Kingsize-Betts saß, kam ihr schmerzlich bekannt vor.
Dunkle Tattoos zogen sich unter den hochgekrempelten Ärmeln seines schwarzen Hemdes an seinen muskulösen Armen hoch. Silberne Ringe glitzerten an seinen Fingern, während er sich lässig zurücklehnte, ein Whiskeyglas in der Hand.
Scharfe Kieferpartie. Zerzaustes, dunkles Haar. Augen, die selbst von der anderen Seite des Raumes gefährlich wirkten.
Salis Vann.
Sophia hätte beinahe ihre Kamera fallen gelassen.
Ihr stockte augenblicklich der Atem.
Jeder kannte Salis Vann.
Sogar die Leute, die so taten, als wäre das nicht so.
Er war überall im Internet. Interviews. Schlagzeilen. Podcasts. Gerüchte.
Manche nannten ihn den begehrtesten Mann im Netz.
Andere nannten ihn toxisch.
Sophia hätte nie erwartet, dass es ihn wirklich gab.
Doch da war er.
Beobachtete sie.
Nicht beiläufig.
Intensiv.
Als hätte er genau auf sie gewartet.
„Du bist die Videografin?“ Seine Stimme war weich und tief.
Sophia zwang sich zu nicken.
„Ja.“
Salis starrte auf die Kamera, die ihr um den Hals hing.
„Wie heißt du?“
„Sophia.“
Er wiederholte den Namen langsam.
„Sophia.“
Die Art, wie er ihren Namen aussprach, fühlte sich seltsam persönlich an.
Als würde er ihn schmecken.
Eine wunderschöne blonde Frau neben ihm lehnte sich träge an seine Schulter.
„Du hast eine Schüchterne angeheuert“, neckte sie.
Salis ignorierte sie völlig.
Seine Aufmerksamkeit blieb bei Sophia.
„Bist du nervös?“
„Ein bisschen.“
„Gut.“
Sophia blinzelte.
Gut?
Er stand langsam vom Bett auf.
Groß.
Viel größer, als sie erwartet hatte.
Die Tattoos auf seinen Armen bewegten sich unter der gedimmten Beleuchtung des Schlafzimmers, als er auf sie zukam.
Jeder Instinkt sagte Sophia, sie solle wegsehen.
Sie konnte es nicht.
„Filmst du professionell?“, fragte er.
„Ja.“
„Zeig es mir.“
Sophia schluckte nervös und hob ihre Kamera.
Der Raum verwandelte sich in dem Moment, als sie durch das Objektiv sah.
Das war ihre Gabe.
Hinter der Kamera war sie nicht mehr unbeholfen.
Hörte auf, zu viel nachzudenken.
Sie wurde selbstbewusst.
Kontrolliert.
Sie bewegte sich durch den Raum und fing Details ein: den teuren Alkohol, das Kerzenlicht, die Skyline der Stadt vor den Fenstern, die Gäste, die in der Nähe der privaten Bar lachten.
Dann filmte sie Salis.
Und alles veränderte sich.
Manche Leute sehen vor der Kamera anders aus.
Salis sah schlimmer aus.
Gefährlicher.
Das Objektiv liebte ihn.
Jede seiner Bewegungen wirkte wie im Film. Jeder Blick sah absichtlich aus.
Sophia zoomte unbewusst heran.
Salis bemerkte es.
Ein kleines Grinsen umspielte seine Lippen.
„Du weißt genau, was du da tust“, murmelte er.
Hitze stieg Sophia ins Gesicht.
Die nächste Stunde filmte sie die Party und versuchte stillschweigend, das seltsame Gefühl zu ignorieren, das in ihrer Brust wuchs.
Aber egal, wohin sie ging –
Salis beobachtete sie weiterhin.
Nicht die Gäste.
Nicht die Models, die um ihn herumstanden.
Sie.
Jedes Mal, wenn sie aufsah, waren seine Augen schon bei ihr.
Wartend.
Musternd.
Interessiert.
Es verunsicherte sie mehr, als sie zugeben wollte.
Gegen Mitternacht packte Sophia endlich ihre Ausrüstung zusammen.
Sie musste weg, bevor ihre Nervosität sie völlig auffraß.
Als sie auf die Treppe zuging, tauchte Salis unerwartet neben ihr auf.
„Gehst du schon?“
„Ich habe den Auftrag beendet.“
„Rennst du immer so schnell weg?“
Sophia sah ihn vorsichtig an.
Aus der Nähe roch er teuer. Herbes Parfum. Whiskey. Rauch.
Gefahr.
„Ich muss morgen arbeiten.“
„So schlimm?“
„Was?“
„Dein Leben.“
Sophia runzelte leicht die Stirn.
Salis lehnte sich mit einer Schulter gegen die Wand.
„Du siehst aus wie jemand, der die Last der Welt alleine trägt.“
Ihre Brust zog sich unerwartet zusammen.
Niemand hatte ihr jemals so etwas gesagt.
Schon gar nicht jemand wie er.
Er griff in seine Tasche und reichte ihr eine schwarze Karte.
„Nächstes Mal ohne Agentur.“
Sophia starrte darauf.
Kein Firmenname.
Kein Titel.
Nur eine silber eingeprägte Nummer.
„Falls ich filmen soll?“
„Wenn“, korrigierte er sie gelassen.
Ihre Finger berührten sich kurz, als sie die Karte entgegennahm.
Elektrisierend.
Sophia trat sofort einen Schritt zurück.
„Gute Nacht“, flüsterte sie.
Salis lächelte schwach.
Aber es war kein herzliches Lächeln.
Es sah aus wie der Anfang von Ärger.
—
Als Sophia nach Hause kam, goss es in Strömen.
Ihr Wohnhaus wirkte winzig im Vergleich zu der Luxusvilla, die sie gerade verlassen hatte.
Das Flurlicht flackerte, während sie die Treppen hinaufstieg.
Sie wohnte im dritten Stock in einem engen Apartment mit abblätternder Farbe und lauten Rohren.
Völlig verschiedene Welten.
Sophia schloss die Tür hinter sich ab und lehnte sich erschöpft dagegen.
Stille.
Endlich.
Sie ließ ihre Kameratasche auf das Sofa fallen und atmete langsam aus.
Dann summte ihr Handy.
Unbekannte Nummer.
Ihr Herzschlag beschleunigte sich sofort.
Sie starrte auf den Bildschirm.
Eine Nachricht.
> Du bist gegangen, ohne dich richtig zu verabschieden.
Sophias Magen drehte sich um.
Salis.
Woher hatte er ihre Nummer?
Bevor sie antworten konnte –
Scheinwerfer blitzten durch ihr Fenster.
Hell.
Schwarz.
Sophia ging langsam zum Vorhang.
Und erstarrte.
Ein schwarzer SUV stand direkt vor ihrem Gebäude.
Der Motor lief.
Regen lief über die Scheiben.
Ihre Atmung wurde unregelmäßig.
Nein.
Das gibt's doch nicht.
Dann öffnete sich die Fahrertür.
Salis stieg aus.
Ganz in Schwarz gekleidet.
Der Regen durchnässte sofort seine Kleidung, während er zu ihrem Fenster hinaufblickte.
Direkt zu ihr.
Als wüsste er schon genau, wo sie wohnte.
Angst kroch Sophia den Rücken hinunter.
Aber unter der Angst –
Regte sich noch etwas anderes.
Etwas Gefährliches.
Ein langsames Klopfen hallte an ihrer Wohnungstür wider.
Sophia hörte auf zu atmen.
Noch ein Klopfen.
Ruhig. Geduldig.
Als wüsste er längst, dass sie öffnen würde.
Und irgendwie…
Tief im Inneren…
Wusste sie, dass sie es auch tun würde.
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ENDE DES ERSTEN KAPITELS