Kapitel 1
Blaire
Wie viel Gewackel am Hintern ist beim Laufen eigentlich normal?
Diese Frage verfolgte mich, als ich mich über die erste Meile hinaus zur zweiten quälte. Sie entsprang einer alten Unsicherheit; ich war früher wegen meiner Kurven gemobbt worden. Obwohl ich fast zehn Jahre damit verbracht hatte, das Babyspeck an meinen Hüften und Oberschenkeln loszuwerden, blieb die Sorge.
Die Zeit, in der ich glaubte, dick zu sein, war vorbei. Aber die Erinnerung an die Beleidigungen von damals steckte wie ein Splitter in verwittertem Holz: Hin und wieder piekten mich die Gedanken daran.
Schweiß lief mir in einem unangenehm kitzelnden Rinnsal in den Sport-BH. Ich wusste ohne jeden Zweifel, dass ich einen deutlichen Schweißfleck auf meinem Top haben würde, wenn ich mit dieser selbstauferlegten Qual fertig war.
Bei jedem Schritt spürte ich, wie mein Hintern bebte, und ich konzentrierte mich darauf, statt auf das Brennen in meiner Lunge. Ich hoffte nur, dass niemand hinter mir lief, um das mitanzusehen.
Ich hatte die Hälfte meines Laufs schon geschafft. Umzukehren wäre noch mehr Arbeit gewesen, also stapfte ich weiter. Ich zählte meine Schritte und versuchte, meinen Kopf von dem Hamsterrad der Gedanken zu befreien, die durch mein ängstliches Gehirn rasten.
Schweißtropfen landeten auf meiner Sonnenbrille, während ich auf der Stelle joggte und darauf wartete, dass die Ampel mich zum Weitergehen einlud. Ich wollte nur noch zurück in mein bescheidenes Heim in den Ausläufern der San Gabriel Mountains.
Genau als die Ampel auf Grün sprang, rempelte mich jemand an, gefolgt von einem hastigen: „Sorry“.
Ich blinzelte die Person an. Mein Ärger verflog, als ich sah, wie die Schleppe eines Brautkleides hinter einer Frau herwehte, die von der großen Kathedrale wegstürmte. Der Schleier verdeckte noch ihr Gesicht, während sie über die Schulter zurückblickte. Ihr hastiges Tempo, das hochgeraffte Kleid und die nackten Füße verrieten mir, dass diese Frau verzweifelt versuchte, zu entkommen.
Ich legte einen Zahn zu, um ihr zu folgen. „Hey, ist alles okay bei dir?“, rief ich ihr hinterher.
Sie sah über die Schulter zurück und schüttelte den Kopf.
„Brauchst du einen Ort, an dem du untertauchen kannst?“ Ich hatte ihr langsameres Tempo erreicht. Ihre Augen wurden groß und sie nickte.
„Folg mir.“ Ich lotste sie in meine Straße. Das leise Rufen von „Jessica...“ ließ die Braut fluchen und erneut nach hinten schauen.
„Mistkerl, verdammter“, keuchte sie zwischen zwei Atemzügen. Ich konnte mein Haus am Ende der Straße sehen. Kurz überkam mich der Gedanke, dass ich wohl zu vertrauensselig war, wenn ich eine Fremde einfach so mit nach Hause nahm. Sie sah nicht so aus, als könnte sie mir körperlich wehtun, aber was, wenn das alles nur eine Masche war, um meine Identität zu stehlen? Das wäre ziemlich aufwendig, aber nicht unmöglich. Dann dachte ich an die Verzweiflung in ihrem Gang und beschloss, dass ich mir in ihrer Lage auch jemanden wünschen würde, der auf mich aufpasst.
„Das Haus links mit der roten Tür.“ Ich kramte in meiner Lycra-Tasche nach meinem Hausschlüssel. Meine Tür flog auf, ich zerrte die Braut hinein und schlug sie hinter uns zu.
Sie stützte die Hände auf die Knie und rang nach Luft. Dann riss sie sich den Schleier vom Kopf und warf ihn zu Boden. Das leichte Netz glitt träge auf den Holzboden und bildete einen eleganten Haufen. Mehrere Strähnen ihres eisblonden Haares hatten sich aus der aufwendigen Hochsteckfrisur gelöst.
Sie rieb sich das Gesicht, während ihre Schultern unter Schluchzern bebten. Ich ging ein Stück zurück, legte meine Sonnenbrille und meine Mütze auf die Kücheninsel und holte Wasser aus dem Kühlschrank. Ich tippte ihr mit der kalten Flasche gegen den Arm. Sie zuckte bei der Kälte zusammen, nahm dann die Hände vom Gesicht und wimmerte leise. Schwarze Mascara lief ihr über die Wangen, ihr roter Lippenstift war vom Kinn bis zur Wange verschmiert.
„Du!“
Ich legte verwirrt den Kopf schief. Ihre Stimme kam mir bekannt vor, aber ich konnte sie nicht zuordnen.
„Na klar, ausgerechnet du musst mich in meinem schlimmsten Moment sehen!“
Auf einmal machte es Klick in meinem Gehirn. Ich hatte keine gefährliche Kriminelle in mein Haus gelassen, sondern eine bösartige Zicke. Meine Mobberin aus der Highschool, der Grund für all meine Unsicherheiten, stand in meiner Küche, mit verlaufenem Make-up im Gesicht und in einem Vera Wang-Kleid.
Ich unterdrückte das wohlige Gefühl von ausgleichender Gerechtigkeit, dass sie wie ein buchstäblicher Clown aussah, und holte tief Luft. Egal wie schrecklich Jessica Berry in der Schule zu mir war, ich würde keine Frau wegschicken, die vor ihrer eigenen Hochzeit geflohen war.
„Lange nicht gesehen, Jess“, sagte ich unbeholfen.
Sie biss die Zähne zusammen und kniff die Augen zu. Ich beobachtete neugierig, wie sie bis zehn zählte. Sie atmete tief ein, lockerte ihren Gesichtsausdruck, damit es weniger nach einem Spottgrinsen aussah, und hob das Kinn. „Darf ich dein Badezimmer benutzen?“
Ich fragte mich, ob sie sich wirklich so sehr anstrengen musste, um nett zu mir zu sein. Es mochte zehn Jahre her sein, aber ich erinnerte mich noch an jeden Streich und jedes fiese Wort, das sie in meine Richtung gefeuert hatte. Ich nickte ihr zu und zeigte auf den kleinen Flur neben dem Wohnzimmer.
„Die Tür da vorne.“ Ich atmete tief durch und schluckte den Kloß in meinem Hals runter. „Da ist eine Dusche mit Gesichtsreiniger und Seife, falls du sie brauchst. Ich kann dir eine Jogginghose raussuchen, wenn du willst.“
Sie schnaubte. „Deine Kleidung würde an mir herunterhängen wie ein Sack.“
Mein Kiefer spannte sich bei ihrem Tonfall an.
Sie zuckte bei ihren eigenen Worten zusammen, schluckte kurz und nickte dann. „Sorry, das war unnötig.“
Mein Augenlid zuckte. „Im Schrank unter dem Waschbecken liegen frische Handtücher. Das Bad ist mit dem Gästezimmer verbunden. Ich lege dir dort etwas zum Wechseln hin.“
Ich drehte mich um und ging in meinen eigenen Schlafbereich, um ihr zu entkommen und meine Gedanken zu ordnen. „Deine Kleidung würde an mir herunterhängen wie ein Sack“, äffte ich sie mit schriller Stimme nach.
Immer noch eine Zicke, wie man sieht.
Andererseits, wenn ich von meiner eigenen Hochzeit weglaufen müsste, wäre ich wohl auch zu niemandem sonderlich freundlich.
Ich kramte in meinen Schubladen nach einer Jogginghose und einem T-Shirt. Sie sah genauso aus wie früher in der Highschool, obwohl ihr Haar nicht mehr honigblond war. Sie war immer noch dünn, aber nicht mehr so dürr wie damals, als sie die Anführerin der Cheerleader war.
Während sie ein paar gesunde Kilos zugenommen hatte, hatte ich etwa zehn Kilo verloren. Meine Mutter sagte immer, ein bisschen Babyspeck würde mich engelhaft aussehen lassen. Nur dass es bei mir eher nach pummeligem Putto als nach Himmelswesen aussah. Als ich Jess das letzte Mal sah, hatte ich krauses Haar und eine Zahnspange. Erst mit zwanzig lernte ich, dass mein Frizz von meinen welligen Haaren kam, nicht, weil sie einfach nur strohig waren. Mit achtundzwanzig hatte ich mein Idealgewicht, gerade Zähne und meine Haare im Griff.
Ich ging zum Gästezimmer und legte die Kleidung aufs Bett. Sie schluchzte immer noch; die Dusche hatte nichts gegen ihre Notlage geholfen.
Ich wollte ihr Elend eigentlich auskosten, aber das konnte ich nicht. Ich arbeitete schon seit ein paar Jahren mit einer Therapeutin zusammen. Und auch wenn es gutgetan hätte, Jess mit ihrer früheren Gemeinheit zu konfrontieren, war heute nicht der Tag für dieses Gespräch.
Ich schlich zurück in mein Zimmer, duschte schnell und zog mir eine lockere Shorts und ein weites T-Shirt an. Ruthie, meine beste Freundin seit der Grundschule, musste wissen, was hier los war. Ich prüfte die Uhrzeit, ob sie schon wach war, da sie im Krankenhaus in der Spätschicht arbeitete. Dann fiel mir ein, dass sie heute frei hatte.
Ich: Du wirst niemals, und ich meine NIEMALS, glauben, wer gerade in meinem Gästezimmer duscht.
Ruthie: Sag bloß nicht, du hattest was mit deinem Hinge-Date?
Ich: Ihh, nein! Der Typ hatte ein Bild drin, das mindestens fünfzehn Jahre alt war, und bei seiner Körpergröße hat er gelogen. Oder mein Bild davon, wie 1,88m aussehen, ist näher an 1,65m. Bei seinem Job hat er auch gelogen. Er meinte, er arbeite in einer Bank, aber beim Date hat er dann gesagt – und ich zitiere – er „setzt alles darauf, mich zu heiraten“.
Ruthie: Neeeeeiiiin, was hast du darauf gesagt?!
Ich: Tja, da ich neugierig bin – eigentlich eher schnüffelig –, habe ich nachgehakt. Er wohnt anscheinend noch bei seinen Eltern. Was mir eigentlich egal wäre, in der heutigen Zeit, was auch immer. Aber er nannte sie ständig seine „Mitbewohner“, bis er sich verplappert hat und meinte, seine Mutter hätte aus Versehen eine seiner Socken rosa gefärbt. Das hat zu noch mehr Fragen geführt, bis er zugab, dass seine Mutter immer noch seine Wäsche wäscht. Und du weißt ja, riesiges Warnsignal. Der Typ sucht jemanden, der ihm den Arsch abwischt und ihm sagt, was für ein braver Junge er ist. Das ist einfach nicht mein Ding.
Ruthie: OMG, und was hast du gemacht? Bitte sag mir, du hast dich verabschiedet, um aufs Klo zu gehen, und bist abgehauen!
Ich: Glaub mir, der Drang, ihn einfach zu ghosten, war groß, aber nein. Ich habe bestellt, für beide bezahlt und ihm höflich gesagt, dass wir wohl nicht zusammenpassen.
Ruthie: Du bist manchmal echt zu nett für diese Welt. Wenigstens gab’s kein Drama.
Ich: Ja, von wegen. Er hat die Abfuhr gar nicht gut aufgenommen. Um es milde auszudrücken. Er fing an zu heulen und meinte immer wieder, wir wären „so ein perfektes Paar“. Richtig peinliche Szene. Mein armer Kellner hat sich wegen mir fremdgeschämt. Als das offensichtlich nichts brachte, stand er auf, ging hinter die Bar, griff sich eine Flasche Wein und stürmte aus dem Restaurant. Danach bekam ich noch Textnachrichten von seiner Mutter, die mir vorschwärmte, was für ein wundervoller Mann er sei. Und dass sie mir mein Fehlurteil verzeihen würden, wenn ich einem zweiten Date zustimme.
Ruthie: NEIN!
Ich: Oh doch. Wenigstens hatte er einen guten Weingeschmack. Ich habe mich mit dem Barkeeper geeinigt und mich entschuldigt. Die Chefin hat mir nur den Einkaufspreis der Flasche berechnet, nachdem der Barkeeper und der Kellner ihr erzählt haben, wie durchgeknallt mein Date war. Sie hat mir dann noch ein Stück Kuchen aufs Haus gegeben und der (sehr heiße) Barkeeper hat mir seine Nummer zugesteckt.
Ruthie: Also hast du jetzt einen sexy Barkeeper in der Dusche?
Ich hielt inne, verwirrt von dem, was sie da schrieb, bis ich hörte, wie sich der Fernseher im Wohnzimmer einschaltete. Oh Gott, ich war durch mein Abschweifen völlig aus dem Konzept geraten.
Ich: Ich wünschte. Nein, und ich sag’s dir einfach, weil du niemals in einer Million Jahren darauf kommen wirst: Jessica Berry. Ja, DIESE Jessica. Es ist eine lange Geschichte und ich kenne noch nicht alle Details, aber sie ist buchstäblich eine entlaufene Braut, die ich während meines Laufs gerettet habe.
Ruthie: Was zum Teufel?!
Ich: Ja, ich weiß. Aber hör zu, sie schaut jetzt fern, ich muss eine gute Gastgeberin sein.
Ruthie: Das kannst du nicht bringen, mir so eine Bombe vor den Latz knallen und dann sagen, du musst los. Ich will alle Details hören! Wenn ich in zwei Stunden nichts von dir höre, komme ich rüber!
Ich kicherte, während ich mein Handy einsteckte. Ruthie hatte Jessicas ganze Gemeinheiten hautnah miterlebt, und auch wenn sie nie das Ziel ihrer Angriffe war, hatte sie volles Verständnis für mich.
Jess sah mit sauberem Gesicht schon menschlicher aus. Ihre Augen waren zwar immer noch rot und geschwollen, aber wenigstens sah sie nicht mehr aus wie ein durchgeknallter Clown. Ich räusperte mich und setzte mich auf die Kante meines Ledersofas. Jess’ Augen huschten zu mir rüber und sie schaltete den Fernseher stumm.
„Also“, fing ich an.
Sie schloss die Augen und rieb sich über das Gesicht. „Wenn du unsere Rivalität von früher aufwärmen willst, brauche ich eine Minute.“
Ich schnaubte und schüttelte den Kopf. Ich würde unsere Vergangenheit nicht als Rivalität bezeichnen. „Ich hätte zwar gerne einen Abschluss für diesen Teil meines Lebens, aber das ist jetzt gerade nicht wichtig.“ Ich seufzte, als sie mich ungläubig ansah. Ich biss mir auf die Wange und fuhr fort: „Gibt es jemanden, den du anrufen musst?“
Sie runzelte die Stirn. „Ich habe keine einzige Telefonnummer auswendig gelernt und mein blödes Handy liegt noch im Brautzimmer.“
Ich nickte und tippte mir ans Kinn. „Die katholische Kirche in der Grand Street?“, fragte ich.
Ihre Augen sahen an mir vorbei, dann rutschten sie auf ihren Schoß. „Ja.“
„Okay, pass auf. Ich bin sicher, du willst dich ein paar Stunden ausruhen und einen klaren Kopf kriegen. Ich kenne die Verwaltungsleiterin der Kirche. Ich rufe sie mal an und frage, ob sie mich ins Brautzimmer lässt. Ich kann deine Sachen holen.“ Ich stand auf und griff nach meinen Schlüsseln.
„Warum bist du so nett zu mir?“, krächzte sie.
Ich runzelte die Stirn. „Du hast mir heute keinen Grund gegeben, gemein zu dir zu sein.“
Ihre Augen glänzten wieder vor Tränen, aber sie blinzelte schnell, um sie zu vertreiben.
„Mach ein Nickerchen, schau fern, entspann dich, lies was. Ich habe da ein tolles Buch, signiert von einer befreundeten Autorin. Es heißt ‚The Science of Heartbreak‘. Vielleicht hilft es dir, keine Ahnung. Ich bin in einer Weile wieder da. Bedien dich an allem, was im Kühlschrank steht.“
Ich ging zur Tür, bevor sie antworten konnte. Mein Grad an Hilfsbereitschaft überraschte mich selbst, aber ich wusste, dass er sofort verfliegen würde, sobald ein giftiger Kommentar über ihre Lippen kam. Als ich im Auto saß, zog ich mein Handy aus der Tasche und rief Ruthies Mutter an, die Verwaltungsleiterin der Kirche. Sie ging beim vierten Klingeln ran.
„Blaire, Schätzchen, jetzt ist ein ganz schlechter Zeitpunkt. Ich habe hier eine entlaufene Braut und eine völlig hysterische Familie am Hals.“ Im Hintergrund hörte ich laute Stimmen.
„Hey Mama T, ja, dazu wollte ich was sagen. Ich habe die Braut bei mir zu Hause. Sie ist mir auf meiner Joggingstrecke über den Weg gelaufen und stellt sich heraus...“
„Oh Liebes, ich habe dir nicht erzählt, dass Jessica Berry heute in meiner Kirche heiratet, weil ich dich nicht aufregen wollte. Ich weiß, ihr hattet in der Highschool kein einfaches Verhältnis.“
Ich seufzte. Mama T wusste genau, was ich in der Highschool durchgemacht hatte. Ich hatte viele Stunden weinend an ihrem Esstisch verbracht, am Boden zerstört, nachdem Jess mich schikaniert hatte. „Keine Sorge, Mama. Das ist Vergangenheit, und es sah so aus, als ob sie heute ein bisschen Gnade gebrauchen könnte.“
Sie kicherte ins Telefon: „Das kann man wohl sagen. Die arme Kleine, ein Typ hat Einspruch gegen die Hochzeit erhoben. Dieser junge Mann hat alle Hochzeitsgäste gebeten: ‚Bitte steht auf, falls ihr mit Damien geschlafen habt‘, während er mit Jessica zusammen war. Oh Gott, Liebes, vier Frauen sind aufgestanden und dann ist eine Brautjungfrau nach vorne getreten. Jessica hat ihre High Heels ausgezogen, einen nach Damien geworfen, ihm direkt auf die Nase, und den anderen nach der Brautjungfrau, bevor sie wie vom Teufel gejagt weggelaufen ist.“
Das erklärt ihre fehlenden Schuhe.
„Das ist ja furchtbar, aber hör zu Mama T, wie ich schon sagte, Jessica ist bei mir zu Hause.“
„Moment, was? Du hast sie bei dir!“ Ich konnte die Erleichterung in ihrer Stimme hören und dann das unverkennbare Geräusch eines Telefons, das hin- und hergereicht wurde.
„Jess! Wo zur Hölle bist du hin? Mama rastet komplett aus, Damien hat eine gebrochene Nase und wurde von Dad ins Krankenhaus gebracht.“
Mir stockte der Atem und ich schluckte schwer. Ich hatte die Stimme von Jessicas Zwilling seit einem Jahrzehnt nicht mehr gehört, aber das tiefe Bariton-Timbre von Oliver Berry kannte ich nur zu gut. So manche Nacht hatte ich davon geträumt, dass er mich bemerken würde.
„Äh, ich bin nicht Jessica“, sagte ich langsam.
Obwohl ich wusste, dass Jess letztendlich wollte, dass Oli wusste, wo sie war, wollte ich diese Entscheidung nicht für sie treffen. „Kannst du Theresa ihr Telefon zurückgeben?“, piepste ich und räusperte mich. Ich bog gerade auf den Parkplatz der Kirche ein. Es standen noch ziemlich viele Autos dort und Leute liefen vor dem Haupteingang herum.
„Ich dachte, du hättest gesagt, du hast sie bei dir?“, fragte Oli entnervt.
Ich räusperte mich. „Äh, ich muss wirklich mit Theresa sprechen.“
Das Telefon wurde wieder bewegt, bevor Mama T sprach. Ihre Absätze klackten auf den Fliesen, während die Stimmen um sie herum leiser wurden.
„Blaire“, zischte sie ins Telefon.
„Ich bin noch da, Mama. Kannst du mich am Seiteneingang bei deinem Büro treffen? Ich habe geparkt. Ich muss Jessicas Sachen aus dem Brautzimmer holen.“
„Natürlich Liebes, aber sei gewarnt, hier sind viele Leute, die dich kennen könnten“, flüsterte sie.
Ich fluchte leise. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, von der Highschool-Elite erkannt zu werden. Die würden definitiv wissen, dass ich nicht zur Hochzeit eingeladen war. Ich drückte die Baseballkappe meines Neffen fest auf den Kopf, stopfte meine Haare darunter und setzte zur Sicherheit meine Sonnenbrille auf.
Ich sah mich auf dem Parkplatz um, bevor ich zur Seitentür joggte, wo Theresa mir zuwinkte.
„Ist das Parkers Mütze?“, zischte sie mich an.
Ich nickte ihr entnervt zu.
„Die ist viel zu klein für deinen Kopf.“ Sie zeigte darauf. „Sieht aus wie eine Kippa mit Schirm.“
„Ich weiß, Mama, nur wenige Vierjährige haben Köpfe in Erwachsenengröße, ich brauchte eine Tarnung!“
Sie summte, packte mich am Ellbogen und zog mich in den Flur. Ein Schlüsselbund wurde in meine Hand gedrückt. „Das Brautzimmer ist abgeschlossen, es ist die zweite Tür links.“
Ich nickte und ging in diese Richtung. Ich schlüpfte in das Zimmer und zuckte bei dem Anblick des Chaos zusammen. Ihre Kleidung und ihr Make-up waren im ganzen Raum verstreut. Ich drehte den Schlüssel um und begann, alle ihre Sachen zusammenzusuchen. Sie hatte einen teuren Geschmack bei Make-up. Ich runzelte die Stirn, weil wir dieselben Marken benutzten. Ich wollte zwar unsere Vergangenheit nicht aufrollen, aber es gefiel mir nicht, dass wir etwas gemeinsam hatten.
Ich hätte nicht überrascht sein sollen, dass die Tasche einer Luxusmarke, in die ich ihre Designerkleidung stopfte, so teuer aussah. Sie war wohlhabend aufgewachsen und hatte alles, was ein Mädchen sich nur wünschen konnte. Und obwohl meine Familie nicht arm war, war sie nicht in den übermäßigen Reichtum hineingeboren wie Jessica.
Ich liebte Second-Hand-Läden. Was kein Problem gewesen wäre, hätte ich nicht das alte Hemd ihrer Mutter gekauft. Jessica erkannte es sofort wieder und machte sich eine Woche lang darüber lustig, dass ich so arm wäre, dass ich dort einkaufen müsste, wo „die Obdachlosen einkaufen“.
Ich nahm ein teures Paar Laufschuhe in die Hand und knurrte, dass sie exakt meine waren. Ich schnaubte genervt.
Das Geplapper der verbliebenen Hochzeitsgäste, die Jessicas Namen riefen, und die aufgeregten Stimmen auf dem Flur ließen mich schneller werden. Ich schrieb Mama T eine SMS, sie solle mir sagen, wenn die Luft rein sei.
Mama T: Ich halte sie hin, Liebes, aber Oliver Berry besteht darauf, da reinzukommen. Wir kommen jetzt in deine Richtung.
Ich fluchte und biss die Zähne zusammen. Das offene Fenster schien mein einziger Ausweg zu sein. Ich warf mir Jessicas Tasche über die Schulter und begutachtete das Fenstergitter.
„Ich habe ein paar Schlüssel, ich muss vielleicht erst ein paar ausprobieren“, drang Mama Ts Stimme gedämpft durch die Tür.
Das Gitter ächzte und sprang heraus, bevor es in den Stechpalmenbüschen landete. Ich sah mich im Raum um und entdeckte Jessicas Handy auf der Chaiselongue.
Die Schlüssel klirrten weiter, während ich das Handy griff und zurück zum Fenster rannte. Meine Taschen waren voll mit meinem eigenen Handy und meinen Schlüsseln. Ich schob Jessicas Handy in mein Dekolleté und drückte es in meinen Sport-BH. Ich wollte gerade mein Bein über das Fenster in die Büsche schwingen, als ich hörte, wie die Tür aufging.
„Was zur Hölle?“, schrie Oli, als ich unsanft mit einem Uff landete.
Ich rappelte mich auf, schnappte mir Jess’ Tasche und rannte zum Parkplatz.
Oli kletterte aus dem Fenster und nahm die Verfolgung auf. Ich piepste auf, als er über den Busch sprang und schnurstracks auf mich zulief. Seine Anzugschuhe rutschten auf dem Gras, als er auf mich zuraste, seine Krawatte flog hinter seiner Schulter. Ich musste mich beeilen, wenn er mich nicht erwischen sollte. Er hatte im College Baseball in Oregon gespielt und Gerüchten zufolge wollten ihn Scouts sogar draften, aber er hatte sich für eine andere Karriere entschieden.
Ich riss meine Autotür auf und legte den Gang ein, genau als Oli mich erreichte. Ich zuckte zusammen, als er gegen mein Fenster schlug und versuchte, die Tür aufzuziehen.
„Mach die Tür auf. Ich will wissen, wo meine Schwester ist.“
Ich winkte unbeholfen und raste vom Parkplatz. Er verfolgte mein Auto einige Straßen lang. Ich konnte ihn immer noch hinter mir sehen, bevor ich in meine Straße einbog. Ich drückte den Garagenöffner und trat auf die Bremse. Schnell drückte ich erneut auf den Knopf, um das Tor zu schließen.
Ich war schon öfter durch meine Straße gejoggt, seit ich vor vier Monaten eingezogen war. Ich wusste, dass es zwei Minuten dauerte, also hatte ich wahrscheinlich eine Minute, bevor er an meinem Grundstück vorbeisprintete. Ich spähte durch das Garagenfenster und beobachtete, wie Oli an meinem Haus vorbeirannten und an der Ecke stehen blieb. Er schaute auf die Kreuzung und schrie: „Fuck“, während er sich mit der Hand durch sein braunes, welliges Haar fuhr. Er zog sein Handy aus der Anzughose.
Mein Herz hämmerte gegen meinen Brustkorb. Ich wich langsam vom Fenster zurück, weil ich nicht wollte, dass Oli mich bemerkte. Ein lauter metallischer Klingelton erfüllte meine Garage, als ich mit dem Handy hantierte, das gegen meine Brust vibrierte.
„Shit.“ Ich drückte den Anruf weg, als ich Olis Gesicht auf dem Display sah. Ein erleichterter Seufzer entwich mir, dass er zu weit weg war, um den Klingelton zu hören, und ich öffnete die Beifahrertür, um die Designertasche zu holen.
Jessica schlief auf der Couch, eine Flasche Wein immer noch an ihre Brust gepresst, das empfohlene Buch lag mit dem Rücken nach oben auf dem Tisch. Ich kniff die Augen zusammen und spottete, als ich die 150-Dollar-Flasche sah, entkorkt, und weit und breit kein Weinglas in Sicht.
Ich glaube, ich hatte ihr gesagt, sie solle sich im Kühlschrank bedienen. Ich hatte nicht erwartet, dass sie sich meinen Weinkühlschrank aussucht, um meine Großzügigkeit zu zeigen. Ich nahm ihr vorsichtig die Flasche aus der Hand und runzelte die Stirn, sie war fast leer. Ich beneidete sie ganz sicher nicht um ihren Kater. Ich goss den letzten Schluck in den Ausguss, spülte die Flasche aus und stellte sie zum Recycling.
Jessica schnarchte leise auf der Couch. Ich legte ihre Tasche in das Gästezimmer und legte ihr Handy auf den Couchtisch neben sie. Es bimmelte mit einer eingehenden Nachricht. Ich wollte nicht schnüffeln, aber ehrlich gesagt tat ich ihr einen Gefallen und war ein bisschen neugierig.
Mom: Jessica Rae Berry, ich kann nicht glauben, dass du mich so blamiert hast! Ich habe gerade mit deinem Vater telefoniert. Damiens Nase ist gebrochen. Dein Vater bezahlt einen Top-Chirurgen, damit er deinen Fehler korrigiert. Wenn er wieder ganz gesund ist, erwarten wir, dass du dich für dein Überreagieren entschuldigst, und wir werden eine einfache Hochzeit an einem Urlaubsort planen.
Ich spottete und verdrehte die Augen. Nicht mein Affe, nicht mein Zirkus. Auch wenn ich mir nicht vorstellen konnte, dass meine Mutter verlangen würde, dass ich einen betrügerischen Bastard heirate, sollte ich mich nicht weiter einmischen, als ich es ohnehin schon getan hatte. Jessicas Handy bimmelte erneut.
Oli: Jesssssssss, ich mache mir ernsthafte Sorgen. Hast du einen kleinen Teenager-Jungen angeheuert, um deine Sachen aus dem Brautzimmer zu holen? Wenn ja, ist das total fucked up! Dieser kleine Scheißer war verdammt schnell. Ich glaube, er hat den BMW seiner Mutter geklaut, weil das sein Fluchtauto war. Bitte schreib mir zurück. Wenn ich in dreißig Minuten nichts von dir höre, nehme ich die Sache selbst in die Hand.
Ich schnaubte genervt. Ich hatte nicht die Figur eines kleinen Teenager-Jungen! Ich sah an mir herab und zuckte zusammen. Okay, vielleicht hatte er einen Punkt. Die Basketball-Shorts, die ich von meinem Ex geklaut hatte, hingen locker an meinen Hüften und das T-Shirt war ein altes Kentucky Wildcats-Shirt, das ich günstig erstanden hatte.
Dieses besondere Schmuckstück hatte ein Logo-Design, bei dem es so aussah, als hätte der Wildcat einen Schwanz im Maul. Der Künstler, der das Logo entworfen hatte, hatte dieses „Easter Egg“ als Vergeltung dafür versteckt, dass er auf dem UK-Campus gemobbt wurde, weil er schwul war.
Mein Kopf juckte, als mir klar wurde, dass ich immer noch die Mütze des kleinen Jungen trug. Ich warf die Baseballkappe auf den Couchtisch und schüttelte mein Haar auf. Ich erschrak, als mein Handy an meinem Oberschenkel vibrierte. Ruthie rief an.
Ich schlich aus dem Wohnzimmer zurück in mein Schlafzimmer.
„Hey“, flüsterte ich in mein Handy.
Ruthie fing sofort an zu kichern. „Ich habe gerade mit meiner Mutter telefoniert. Bitte sag mir, dass du tatsächlich in die Büsche gefallen bist und daraufhin von dem Oliver Berry verfolgt wurdest“, kreischte sie zwischen Lachanfällen in den Hörer.
Ich kicherte. „Ja, das ist eine zutreffende Beschreibung dessen, wie meine letzten zwei Stunden ausgesehen haben.“
Ruthie machte ein nachdenkliches Geräusch. „Mom hat mir von der Zeremonie erzählt. Ich weiß, sie war in der Highschool eine totale Zicke, aber...“ Sie ließ den Satz hängen.
„Ja, ich weiß.“ Ich seufzte und rieb mir über das Gesicht. „Hör zu, ich werde heute keine alten Wunden aufreißen. Ich habe jemanden, der einiges durchgemacht hat, bewusstlos auf meiner Couch liegen, nachdem sie eine 150-Dollar-Flasche Wein getrunken hat.“
Ruthie lachte nervös: „Ich überlasse dich der Pflege deines Schützlings.“
Ich kicherte und beendete das Gespräch.
Ein stechender Schmerz ließ mich an meinen Beinen hinuntersehen. Da war ein Kratzer an einem Schienbein mit einer Blutspur. Die Rückseite meiner Waden war mit einer feinen Schicht Staub bedeckt. Mein Shirt war ebenfalls schmutzig.
Ich wusste nicht, woher meine Hilfsbereitschaft kam. Ich atmete tief durch, ging ins Badezimmer und drehte das Wasser auf.
Meine Dusche war kurz. Vielleicht war ich wegen Olis Beobachtung, dass ich wie ein kleiner Teenager-Junge aussah, verunsichert, also wählte ich eine eng anliegende Yoga-Hose und ein weites bauchfreies Top. Ich runzelte die Stirn, als ich sah, dass Jess immer noch auf der Couch schnarchte, sich aber auf die Seite gedreht hatte, mit den Knien bis zum Bauch angezogen. Sie muss etwas essen.
Nichts im Kühlschrank schien auch nur annähernd appetitlich zu sein. Ich wollte Jess gerade wecken, um zu sehen, was sie wollte, aber dann erinnerte ich mich an die Zeit, als wir in der Mittelstufe befreundet waren. Ich wagte es und bestellte Pizza, so wie sie sie damals mochte.
Es war so lange her, dass wir wirklich befreundet waren. Nicht die besten Freunde, die Ruthie und ich waren und immer noch sind, aber wir hatten Übernachtungen. Ich ging zu ihr oder sie zu mir, alle paar Wochen. Von der sechsten bis zur achten Klasse hielt ich uns für wirklich gute Freundinnen. Dann, im ersten Jahr der Highschool, fing sie an, mich zu hassen. Sie verbreitete Gerüchte über mich. Sie machte sich über mich lustig. Das Traurige daran, in der Mittelstufe eng befreundet gewesen zu sein, war, dass sie all meine Unsicherheiten kannte und sie gegen mich verwendete.
Ich saß auf dem Sofa, in eine Decke gekuschelt, und fing an, ein Buch zu lesen, das Ruthie mir empfohlen hatte. Jessica schnarchte im Schlaf, während ich bei der RomCom kicherte.
Es klopfte schnell an der Tür. Ich sah zu Jessica, die tief und fest schlief, und machte mich auf den Weg, um unsere Pizzalieferung zu holen. Es war nicht der unbeholfene, schlaksige Teenager-Sohn von Gino’s Pizza, der normalerweise mein Essen lieferte. Ich blinzelte überrascht. „Oliver?“