Es war einmal…
Opferlichtung ~ Nacht des winterlichen Blutmondes
Fitzyna
Der Tag schwindet über der Lichtung, die endlich vor mir auftaucht. Die beißende Kälte und der lange Weg lassen meine alten Knochen und müden Gelenke schmerzen. Ich zittere am ganzen Körper, und mein Atem bildet dicke, weiße Wolken. Doch mein Geist ist ruhig.
Mein Entschluss steht fest und ist unerschütterlich. Heute Nacht wird es enden.
Unter meinem Schal schmiegt sich Mystigriffe noch immer an meinen Buckel. Sein vertrautes Gewicht und seine tierische Wärme beruhigen mein rasendes Herz. Dieser struppige Kater mit seinem zerzausten Fell schläft friedlich, eingelullt vom sanften Wiegen meiner hinkenden Schritte. Er scheint weit weg von den Gedanken, die meinen Kopf erfüllen.
Die kahlen Bäume weichen beiderseits des Waldpfades zurück. Der Dämmerungshimmel ist nun von feurigen Rot- und Rosatönen durchzogen, eine Flut von Blut gegen die tiefer werdende Dunkelheit.
Der Blutmond wird bald hinter dem Gebirgszug aufgehen, der diesen Teil des Territoriums begrenzt. An seine steilen Flanken geklammert, wie scharfe, spitze Zähne, steht das Schloss von König Korwyn dem Verfluchten – riesig, weiß, prachtvoll, majestätisch … und leer.
Nur die Bestie ist noch wahrhaftig anwesend; sie erscheint bei jedem Blutmond, zu jeder der vier Sonnenwenden. Und heute Nacht ist ihre Stunde. Und bald auch meine.
Ich nähere mich dem Vieh, das an den Opferpfählen angebunden ist, um den unersättlichen Hunger der Bestie zu stillen. Mit meinen gefühllosen Fingern nehme ich mein Messer und durchtrenne jedes Seil mit einem kräftigen Schnitt. Ein kurzer Klaps auf das Hinterteil schickt jedes Tier in den Wald, auf der Suche nach flüchtiger Freiheit.
Jetzt bin nur noch ich da. Nur wir.
Mein lieber Begleiter beginnt zu erwachen und gähnt so weit, dass er sich den Kiefer ausrenken könnte. Er biegt seinen Rücken zu einem perfekten Bogen. Er sitzt immer noch auf meiner verkrümmten Schulter und beginnt, sich zu putzen, völlig unbeeindruckt von der Welt um uns herum.
Und doch.
Ein erstes bestialisches Heulen zerreißt die Nacht. Es zerstört seine Gelassenheit. Mysti richtet sich auf, angespannt, die Ohren nach vorn gerichtet, und faucht.
-„Es ist Zeit, Lebewohl zu sagen, mein lieber Mysti. Geh. Du musst nicht mitkommen.“
Als hätte er meine zitternden Worte verstanden, springt er auf den Boden und stürmt in den Wald. Er verschwindet.
Und nun bin ich allein.
Ich setze mich auf einen umgestürzten Baumstamm nahe der leeren Pfähle. Ich starre in den Himmel, der nun tintenschwarz ist, frei von Wolken, übersät mit Sternen und gebadet im schimmernden Rot des Blutmondes. Die Kälte beißt tief. Ich zittere erneut. Meine steifen Muskeln sind taub. Mut, meine Zyna … Es wird bald vorbei sein …
Ein neues Heulen. Bestialisch, tief, näher. Viel näher.
Mein Herz klopft schneller. Meine Hände zittern ein wenig stärker am Knauf meines Stocks. Doch mein Geist ist klar. Dieses Leben … dieses viel zu lange Leben … voller Entbehrungen, Opfer, Ablehnung und Unsichtbarkeit. Es endet auf wunderbare Weise.
Ich atme tief ein. Die Kälte brennt in meiner Lunge. Ich genieße diese letzten Momente.
Hinter dem Wind höre ich Äste knacken und Laub rascheln. Die Geräusche kommen näher. Etwas Großes. Präzises. Unerbittliches.
Dann sehe ich sie. Diese zwei glühenden, durchdringenden roten Augen am Waldrand. Und ich höre es. Dieses tiefe, gefährliche, hungrige Knurren. Es vibriert tief in meiner Lunge.
Die Bestie …
Sie tritt aus dem Wald. Ihr wachsender Schatten erstreckt sich bis zu mir. Sie kommt näher, langsam, angsteinflößend. Ihr heißer Atem schickt Hitzewellen auf mich zu. Ihre Muskeln aus Stahl spannen sich bei jedem Schritt unter ihrem dunklen Fell an. Sie ist eine hypnotische Mischung aus roher menschlicher Kraft und wilder, wölfischer Eleganz.
Ich fühle mich fiebrig. So viele Dinge werden über die Bestie erzählt … Nichts davon wird ihr gerecht.
Ihr feuriger Blick heftet sich auf mich, durchbohrt mich. Sie kommt näher. Aggressiv. Tödlich. Schritt für Schritt. Mit einer solchen Intensität, dass die Zeit selbst unter ihren Tatzen stillzustehen scheint.
Sie kauert sich nieder. Bereitet sich zum Sprung vor.
Ich lächle. Wehmütig über dieses viel zu lange Leben. Es ist endlich vorbei … Ich werde dich wiederfinden können …
Und während ich die Augen schließe … Es war einmal, in einem Königreich ohne König …
Es war einmal …
Eine neue Einladung zu einer Reise …
Ein paar Worte, mit Magie bestreut, um weit von hier in ein wundervolles Land der Prinzen und Prinzessinnen, Könige und Königinnen, Magier und Zauberinnen oder jedes anderen fantastischen Wesens zu entfliehen, das direkt unserer Vorstellungskraft entsprungen ist.
Aber diese neue Geschichte, diese wenigen willkürlich aufgeschlagenen Seiten, führen dieses Mal nicht in ein verzaubertes Land mit seinem großen und schönen Wunderwald.
Es gibt keine Elfen oder Korrigans, keine Goblins oder andere Feen, die deine Schritte und deine Träume in ein sanftes und liebliches Reich lenken.
Dieses neue Epos wird mit gedämpfter Stimme erzählt, im Geheimnis fest verschlossener Hütten.
Es spricht von dunkleren Wesen und Legenden mit verwundeten Herzen und gestohlenen Hoffnungen.
Denn selbst wenn die Geschichte in Licht und Ruhm beginnt, haben Entscheidungen, die aus Angst getroffen wurden, das Licht sanft in den Schatten, die Freude in den Schmerz und das Glück in Gleichgültigkeit gleiten lassen.
Hier beginnt alles in den fernen, abgelegenen Landen von Alvion, vor langer, langer Zeit, weit vor den Zeitaltern dieser Geschichte.
Die Heldenlieder flüstern, dass ein junger und starker Krieger im Alleingang eine schreckliche Bedrohung abgewehrt hat, die aus dem Norden über die tobenden Meere kam.
Göttertöter für die einen, Herr der Bestie für die anderen – jeder hatte seine eigene Geschichte und seine Gewissheiten.
Doch die Wahrheit ist in den Tiefen der vergangenen Zeit verloren gegangen.
Aus seiner Legende wurde ein König von ewiger Jugend und Schönheit geboren, Herr über eine Bestie von absoluter Stärke.
Der Retterkönig befreite diese vom Krieg verwüsteten Lande. Er wurde zum Helden eines verzweifelten Volkes.
Es wird erzählt, dass eine Bestie immer an seiner Seite war, seine unerbittliche Waffe, sein unerschütterlicher Schild.
Er war ein gerechter und weiser König, von allen geliebt und bewundert.
Sie war die Wächterin der Wälder und Grenzen, gesegnet und bei jeder Begegnung willkommen geheißen.
Aber die Weisen sagen, dass aus der Ewigkeit manchmal auch Traurigkeit und Bitterkeit geboren werden. Und was einst schön und leuchtend war, sank unaufhaltsam in das Grau der zerbrochenen Illusionen.
Die Geschichte wurde zur Legende, und die Legende versank im Vergessen.
Der König war immer noch da, zurückgezogen in seinem Schloss aus Licht und Alabaster, immer noch ein mächtiges Symbol der Macht.
Doch ihre Herzen aus Fleisch und Stein waren leer, bloße Gefäße für die Geister eines längst vergangenen epischen Ruhms.
Was die Bestie betrifft, so war sie nun nichts weiter als der verschlingende Schatten der Blutnächte, das Monster, das in den Geschichten für Kinder am Abend Fleisch annahm, damit sie brav waren.
Dennoch ging das Leben weiter, als wäre nichts geschehen, unwissend über die verborgenen Tragödien.
Die Menschen setzten ihren Weg fort. Sie hatten den Ruhm zerbrochener Schilde und siegreicher Schwerter vergessen. Sie hatten die einfache und aufrichtige Freude begraben, ihren Herrscher zu lieben.
Sie lebten im Schatten seines Namens, ohne sich ihm jemals zu nähern.
Doch vor allem bewegten sie sich weiter in der erneuerten Angst, eines Tages dem Pfad der entfesselten Bestie zu kreuzen.
Und so beginnt die wahre Geschichte … Die einer verstoßenen alten Frau, einer blutrünstigen Bestie und eines vergessenen Königs.
Fühlst du dich bereit?
Dann … Es war einmal … in einem Königreich ohne König, geplagt von einer wilden Bestie, war eine müde alte Frau bereits damit beschäftigt, vor ihren Öfen zu arbeiten …








