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Mia:
Ich zog den Lidstrich nach, bis die Linie absolut symmetrisch stand. Als ich die Hand absetzte, fielen mir meine rosafarbenen Haare über die Schulter. Sie waren der einzige Fleck an mir, den mein Vater nicht kontrollierte. Vielleicht hatte ich sie genau deswegen so färben lassen. Ich konnte mich noch gut daran erinnern, wie er damals ausgeflippt war, als ich mit diesen Haaren zur Tür hereinkam. Mittlerweile schien er sich damit abgefunden zu haben. Ansonsten war er schließlich derjenige, der mir ununterbrochen eintrichterte, dass am Ende nur der äußere Eindruck zählte. Ich richtete mich auf und ging in die Küche.
Dad saß bereits am Küchentisch. Das dunkelblaue Sakko hing über dem Stuhl, und sein weißes Hemd war am Kragen leicht geöffnet. Neben seiner Kaffeetasse lag die Zeitung, ordentlich gefaltet, als hätte sie noch niemand berührt. Seinen grau melierten Bart hatte er wie jeden Morgen perfekt gestutzt. Wirklich laut wurde er nie. Wenn er etwas zu sagen hatte, blieb seine Stimme tief und vollkommen ruhig. Keine Gestik, kein Ausraster. Aber genau diese eisige Kontrolle war schrecklicher als jeder Brüllaffe. Er duldete keine Widerworte. Er erwartete, dass ich mich fügte, und dieses Gefühl, dass er jede einzelne Entscheidung für mich traf, schnürte mir augenblicklich die Kehle zu.
Ich ging schnurstracks zum Kaffeeautomaten und füllte den heißen Bohnensaft in meinen Thermobecher. Als ich mich an den Küchentresen lehnte, sprach ich im Kopf schon jetzt lautlos mit. Seine ewig gleiche Predigt über Ansehen und Pflichten begann auch heute Morgen wieder exakt nach Drehbuch.
»Denk dran, Mia«, begann er, während er seine Zeitung umblätterte, als wäre das ein nebensächlicher Plausch. Doch mir entging nicht, wie scharf seine Stimme durch die Küche schnitt. »Ein Name entscheidet darüber, wer du bist und wer du sein kannst. Deine Persönlichkeit ist eine nette Nebenerscheinung, aber da draußen bestimmt dein Name deine Zukunft. Also gib dich nur mit den richtigen Leuten ab.«
Ich schluckte die heiße Plörre hinunter und spürte, wie sich die Gitterstäbe meines psychischen Gefängnisses noch ein Stück enger um mich schlossen. Er riss jede einzelne Entscheidung an sich und radierte mich mit jedem Wort ein Stück weiter aus. Für ihn war Ansehen eben ein Dauerzustand und ich hatte gefälligst die Klappe zu halten und zu funktionieren.
»Ich weiß, Dad«, erwiderte ich und zwang meine Stimme in eine sanfte, gefällige Tonlage. Es kostete mich unendliche Überwindung, aber wenn er eine Vorzeigetochter wollte, lieferte ich ihm eben den passenden Plot. »Brock Miller hat mich gefragt, ob wir ausgehen.«
Volltreffer. Bei dem Namen krampfte sich mein Magen zusammen, aber bei meinem Vater bewirkte er Wunder. Brock erfüllte jede einzelne seiner elitären Erwartungen: Er war der Starquarterback des Colleges, trug einen Namen mit ordentlich Gewicht und glänzte mit dem absolut perfekten Elternhaus. Während ich mir die Worte wie bittere Galle von der Zunge kratzte, wurde mir einmal mehr bewusst, wie verdammt egal meine eigenen Gefühle hier am Küchentisch waren. Es zählte nur, dass ich funktionierte, und ich warf mich diesem System gerade selbst zum Fraß vor, um fünf Minuten Atempause zu erkaufen. Seine Reaktion war so vorhersehbar wie das Amen in der Kirche.
Er setzte die Kaffeetasse ab. Abgesehen von einem langsamen Nicken rührte sich kein Muskel in seinem Gesicht.
»Brock Miller«, wiederholte er den Namen, als würde er gerade eine fette Prämie einstreichen. »Ich wusste, dass du einen guten Instinkt hast. Der Junge schafft es in die Profiliga, wenn er so weitermacht. Mit ihm an deiner Seite hast du ausgesorgt.«
Seine Worte legten sich wie Blei auf meine Brust. Ich hatte exakt mit dieser Reaktion gerechnet und trotzdem zog sich bei dieser eiskalten Begeisterung alles in mir zusammen. Es war einfach frustrierend, dass meine eigenen Wünsche für ihn überhaupt nicht existierten, hauptsache, die Fassade glänzte. Ich schluckte den Impuls hinunter, ihm die Meinung zu geigen, und starrte stattdessen einfach stumm auf den Tisch.
»Er hat eine glorreiche Zukunft vor sich«, schob mein Vater hinterher, während er wieder nach seiner Zeitung griff. »Und einen Namen, den man kennt.«
Natürlich. Was auch sonst.
Ich zog den Thermobecher am kalten Edelstahl zu mir heran. Reine Gewohnheit, um meine Finger zu beschäftigen, während ich stumm darauf wartete, dass er endlich zum Punkt kam.
»Ich bin stolz auf dich«, murmelte er in seine Zeitung hinein, als wäre es bloß eine Randnotiz. »Du triffst die richtigen Entscheidungen.«
Richtig. Er war nicht stolz auf mich. Er war stolz darauf, dass ich genau die Marionette war, die er sich herangezogen hatte. Ich unterdrückte jeden Funken Widerstand und zwang meine Lippen nach oben. Dieses Lächeln hatte ich so oft geübt, um ihn augenblicklich ruhigzustellen und ihm genau die heile Welt vorzugaukeln, die er verlangte. Meine vertraute Maske. Ich wandte mich stumm ab, bevor ich mich selbst fragen musste, wer ich ohne dieses verlogene Theaterstück überhaupt noch wäre.
Der Campus schlug mir mit einer Lautstärke entgegen, die mir fast die Luft abschnürte. Das Stimmengewirr der anderen Studenten vermischte sich zu einem dumpfen Rauschen, übertönt vom rhythmischen Quietschen von Sneakern auf dem Asphalt und dem harten Aufprall eines Basketballs auf dem Court. Alles hier drückte pure Lebendigkeit aus. Jemand rief meinen Namen, ich drehte den Kopf, warf ein perfektes, einstudiertes Lächeln in die Menge und erntete überschwängliches Winken. Es war so leicht, beliebt zu sein, wenn man exakt die Rolle spielte, die von einem erwartet wurde. Sie liebten die unbeschwerte Cheerleaderin, aber für mich fühlte sich jeder Schritt auf diesem Asphalt wie ein Betrug an. Ich passte dort rein, perfekt sogar. Doch ich war mir selbst dabei noch nie so fremd gewesen.
Ich steuerte direkt auf das Hauptgebäude zu. Mein Griff um den Thermobecher wurde fester, als könnte der kalte Edelstahl die gläserne Wand durchbrechen, die mich von all den anderen trennte. Ich gab dort draußen lediglich das perfekte Bild ab. Genau so, wie Dad es von mir erwartete.
Wo ich war, war auch Tiffany nicht weit. Sie hakte sich bei mir unter und trug, wie so oft, ihre blau-weiße College-Jacke offen über dem bauchfreien Cheerleader-Top. Ihre braunen Haare waren zu einem hohen Pferdeschwanz zusammengebunden. Eine blaue Schleife verlieh dem Ganzen einen fast schon süßen Look, während ihr ein paar lose Strähnen ins Gesicht fielen. Bei Tiffany benötigte ich keine meiner mühsam errichteten Schutzmauern. Ich musste ihr nichts vormachen, denn sie durchschaute mich ohnehin von der ersten Sekunde an und gab mir gar nicht erst die Chance, mich hinter meiner Maske zu verstecken. Genau wie in diesem Augenblick.
»Du bist schon wieder so still.«
»Ich denke einfach nur nach«, nuschelte ich. Ich hob gar nicht erst den Blick, denn eigentlich hatte ich überhaupt keine Lust, näher darauf einzugehen. Tiffany gab ein leises Geräusch von sich. Ich kannte das zu gut. Sie schnalzte auf eine ganz besondere Art mit der Zunge, wenn sie mir nicht glaubte.
»Du denkst nie einfach nur nach.«
»Ach ja?«
»Ja. Du ziehst gerade wieder diese unsichtbare Mauer hoch. Ich sehe es genau in deinen Augen.«
Ich sah an ihr vorbei und flüchtete mich in das Chaos auf dem Campus, ließ die fremden Gesichter der Masse an mir vorbeiziehen, ohne eines davon wirklich wahrzunehmen. »Vielleicht bin ich einfach müde.«
Tiffany hakte nicht weiter nach. Sie akzeptierte, dass ich in diesem Moment nicht reden wollte und genau das schätzte ich so an ihr. Sie war einfach da, wenn ich sie brauchte, ohne mich jemals zu drängen. »Wenn du das sagst.«
S richtete ihren Blick wieder nach vorn. Auf ihren Lippen zeichnete sich dieses breite Grinsen ab, das für mich das sichere Zeichen war, dass das Thema für sie abgehakt war.
»Er wartet schon.«
Ich folgte Tiffanys Blick gar nicht erst. Ich wusste längst, wen sie meinte.
Brock belagerte mit dem Rest des Football-Teams die Stufen vor dem Eingang. Er trug seine weinrote College-Jacke mit den cremefarbenen Ärmeln, auf der sein Name in feiner Schreibschrift über der Brust prangte wie ein stolz zur Schau gestellter Orden. Die Hände hatte er lässig in die Jeanstaschen geschoben, während ihm das dichte, goldblonde Haar in perfekt gestylten, unverschämt makellosen Strähnen in die Stirn fiel. Er war wie immer der Mittelpunkt, um den sich alles drehen musste. Sobald er mit diesem unerträglich selbstgefälligen Grinsen das Wort ergriff, lachten die anderen wie auf Kommando auf. Sie wirkten wie eine Horde dressierter Affen, die brav ihrem Alpha-Tier folgten. Selbst die Blicke der vorbeigehenden Studenten blieben an ihm hängen, was sein ohnehin schon riesiges Ego nur noch weiter fütterte.
Ich ging auf die Gruppe zu, obwohl sich alles in mir dagegen sträubte. Ich war noch nicht einmal ganz bei ihnen angekommen, als Brock mich auch schon am Arm packte, seine Hand um meine Taille legte und mich ein Stück näher an sich zog. Es fühlte sich an, als würde er seinen Besitzanspruch geltend machen, durch den er vor seinen Kumpels unmissverständlich sein Revier markieren wollte.
Ich knipste mein Campus-Lächeln an und setzte genau die perfekt dosierte, freundliche Maske auf, die ich inzwischen schon im Schlaf beherrschte.
»Hey.«
Natürlich sah er verdammt gut aus, das konnte ich ihm nicht einmal absprechen, und sich an seiner Seite zu präsentieren, gab nach außen hin das perfekte Bild ab. Auf dem Campus bedeutete sein Name Macht und Respekt, was ihn zur idealen Visitenkarte machte. Aber gutes Aussehen machte seinen unerträglichen Charakter auch nicht wett. Eigentlich hatte ich überhaupt keine Lust auf dieses ganze Theater, aber es war der einfachste Weg, um die Fassade aufrechtzuerhalten und den Erwartungen meines Vaters gerecht zu werden.
Ich schluckte die bittere Abneigung hinunter, die in mir aufsteigen wollte, und fügte mich weiter in das Bild, das alle um uns herum ohnehin längst als gegeben betrachteten. Während ich Brocks Nähe über mich ergehen ließ, sickerte eine unbequeme Wahrheit in mir hoch. In all den Wochen hatte ich mir nie die Frage gestellt, was ich eigentlich wollte. Ich war einfach nur einer stummen Routine gefolgt, ohne auch nur ein einziges Mal in mich hineinzuhören, ob sich das hier für mich selbst überhaupt richtig anfühlte.
Mein Lächeln war wohl einfach nicht überzeugend genug, denn Brock forderte meine Aufmerksamkeit sofort mit einem ungeduldigen Ruck an meiner Schulter ein. »Alles gut bei dir?«
»Klar«, antwortete ich automatisch. »Nur ein wenig müde.«
Meine Ausrede funktionierte perfekt. Brock gab sich mit der einfachen Erklärung zufrieden und hakte nicht weiter nach.
»Wir gehen heute Abend feiern. Meine Jungs sind auch dabei. Wird gut, du brauchst das.«
Ich brauchte das. Klar. Feiern als Allheilmittel für absolut alles. Ein Nein würde er ohnehin nicht gelten lassen. Für ihn war das keine Einladung, sondern ein Beschluss.
»Mal sehen«, erwiderte ich, obwohl dieser zaghafte Versuch, mich doch noch herauszuwinden, selbst in meinen Ohren halbherzig klang. Brock grinste nur selbstgefällig. »Ich wusste doch, dass ich dich nicht lange bitten muss.«
Ich sparte mir jede weitere Antwort. Brock hörte sich ohnehin am liebsten selbst reden, und ein einfaches Nicken reichte völlig aus, um seine Welt im Gleichgewicht zu halten. Wir schlossen uns den anderen an und folgten dem Strom aus Studierenden ins Gebäude. Zwischen den lauten Stimmen und dem dumpfen Hall der Flure ging ich zum Glück einfach unter.
Wie üblich riss Brock die gesamte Aufmerksamkeit an sich, während ich vollkommen abwesend neben ihm herstolperte. Wohin genau wir uns bewegten, bekam ich schon gar nicht mehr mit und folgte einfach den Schritten der anderen.
Ein Junge kam uns entgegen. Er hielt den Kopf gesenkt, seine Finger waren regelrecht in einen Stapel Papiere verkrallt. Es kam mir so vor, als versuchte er mit aller Macht, sich inmitten der Masse unsichtbar zu machen, während er im Gehen hastig durch die Seiten blätterte. Er wirkte gehetzt, als stünde er unter einer enormen inneren Anspannung.
Ich kannte ihn bereits aus einigen meiner Kurse, wo er sich meistens ganz hinten im Hörsaal versteckte. Obwohl er bestimmt einen Kopf größer war als ich, machte er sich im Gehen oft unbemerkt kleiner, als er eigentlich war. Seine dunklen, leicht wuscheligen Locken fielen ihm ein wenig in die Stirn, während die markante Brille bei jedem Schritt ein Stück auf der Nase nach unten rutschte. Der weite, schwarze Hoodie schluckte seine schmale Statur fast vollständig und unterstrich nur noch, wie sehr er versuchte, einfach nicht aufzufallen.
Er hob den Kopf nicht rechtzeitig und lief direkt in Brock hinein. Der Zusammenstoß ließ mich erschrecken und wirbelte mich schlagartig in die Realität zurück. Der Junge stolperte einen Schritt zurück, fand aber sofort wieder Halt – im Gegensatz zu seinen Unterlagen. Die Zettel rutschten ihm aus den Fingern, schlitterten über die glatten Fliesen und blieben verstreut zwischen den Füßen der Studierenden liegen.
Um uns herum wurde es mit einem Schlag merklich ruhiger. Das Tuscheln im Flur ebbte ab, als hätten die anderen Studierenden unwillkürlich den Atem angehalten, weil jemand Brock angerempelt hatte. Der Junge ging sofort auf die Knie und begann hastig, die Seiten vom Boden aufzusammeln. Seine Finger zitterten so stark, dass er die glatten Blätter kaum zu fassen bekam.
Ich machte bereits einen Schritt nach vorn und wollte mich gerade zu dem Jungen hinunterbeugen, als Brock ihn auch schon barsch anfuhr. »Pass doch auf, Freak!«
Ich fror mitten in der Bewegung ein. Mein Blick wanderte von den zitternden Händen auf den Fliesen hoch zu Brock, der so ungerührt auf den Jungen herabsah, als wäre er gar kein Mensch, sondern nur ein lästiges Hindernis.
Der Junge hob den Kopf nur zögerlich. Er machte sich auf den Knien noch ein Stück kleiner und vermied jeden direkten Blickkontakt, während er mühsam versuchte, ein Wort herauszubringen. »Tut mir leid … ich …«
Doch weiter kam er nicht.