Prolog
Tief im Wald von Hallerbos, wo die blauen Blumen zu dieser Jahreszeit den gesamten Waldboden bedecken, liegt er: Der Eingang zur Hölle. Unscheinbar doch seltsam, die Höhle, die den Eingang darstellt, befindet sich in einer kleinen Senke mitten im Wald. In dieser Senke blühen keine Blumen mehr. Die Bäume, das Gras, die Pflanzen um die Höhle herum sind aschgrau. Sie sind nicht tot, nein. Aber sie leben nicht mehr. Sie wachsen nicht mehr. Sie sind in einem unendlichen Zustand zwischen Leben und Tod gefangen, der wissenschaftlich gar nicht möglich ist.
Die Tiere hier im Wald spüren es. Sie spüren diese übermächtige Unruhe die von der Senke, der Höhle ausgeht. Sie werden nicht unruhig, nein. Sie halten sich einfach davon fern, als würde ein uralter Instinkt sie davor warnen. Auch die Menschen, die sonst immer so aufdringlich und neugierig sind, verspüren ein starkes Unwohlsein in diesem Wald. Am Waldrand, ja, sind die Blumen schön anzusehen, doch tiefer hinein trauen sich nur die, die um jeden Preis alles wissen wollen. Und sollten sie es tatsächlich wagen bis zur Höhle vorzudringen, verschwinden sie. Einfach so. Keiner kann es erklären und doch fragen alle nach. Dann schicken sie noch mehr Menschen dorthin, doch auch diese verschwinden aus dem Leben. Die Menschen haben sich dadurch einen endlosen Kreis aus Verschwinden, Nachsehen und wieder Verschwinden geschaffen.
Aus der Höhle sind irdische Bewohner somit komplett ausgeschlossen. Aber was ist mit jenen, die selbst eine Art Magie in sich tragen? Kreaturen der Luft, Gestaltenwandler, menschlichwirkende Wesen mit Kräften. Ja, diese können die Höhle betreten. Sobald man sie betritt, geht es zuerst steil bergab. Ein paar Kurven später wechselt das Gestein von normalem Granit zu dem pechschwarzen Glanz von Obsidian. Die schwarze Farbe scheint jedes Glück aus deinem Körper zu ziehen, während sie für andere Kreaturen wiederum einladend wirkt. Ein unnatürliches Leuchten geht direkt von den Wänden aus und belichtet den Weg. Der Obsidianboden ist glatt und so mancher hat sich an ihm schon den Kopf aufgeschlagen.
Man erreicht einen größeren Raum in der Höhle. Hier ist der Obsidian gesprenkelt mit dunkelblauen Opalen, die fest im Gestein verankert sind. Sie schillern im mystischen Licht der Höhle, so schön und doch so kalt zugleich. Ganz hinten in diesem Raum ist ein Spalt, kaum zwei Meter breit. Und dahinter…liegt die Hölle. Die wahrhaftige Hölle. Mag sein, sie ist ein bisschen anders als die Menschen sie erzählen. Erzählungen von Gestank, Leichen, Lava die aus allen Ecken quillt, sie alle stimmen nicht. Die Hölle ist ein wunderschöner, prachtvoller Ort zum Leben, doch die Höllebewohner und ihre unangenehme Ausstrahlung an sich machen es irdischen Lebewesen unmöglich, sich dort wohlzufühlen. Anderen Kreaturen wäre es möglich, ja. Doch wer denken sie, wer sie sind, wenn sie glauben, dass ihnen der Einlass so leicht gewährt wird?
Eine Gruppe von Höllenbewohnern ist immer vor dem Spalt platziert. Bei Tag sind es Werwölfe und Dämonen. Bei Nacht sind es die nachtaktiven Vampire. Wesen die glauben sie könnten einfach einmarschieren, werden hier aufgehalten und weggeschickt. Sind sie aggressiv oder aufdringlich, werden sie getötet. Mit den Wächtern der Hölle ist nicht zu spaßen. Denn dieser Spalt, den sie da bewachen, ist das einzige Portal zur Hölle das sich nicht schließen lässt. Die Hölle liegt in der Erde selbst, ein riesiges Reich aus kilometerhohen Höhlen die sich an mehreren Punkten verkreuzen. Menschen vermuteten bereits das die Hölle im tiefsten Gestein der Erde verborgen liegt, doch alle Messungen fielen leer aus. Es gibt keine Anzeichen, dass da etwas anderes ist als Gestein, und doch befindet sich die Welt der dunklen Wesen genau dort, wo Menschen den Erdkern vermuten.
Es ist Nacht außerhalb der Höllen-Höhle. Ein Dutzend Vampire bewachen den Spalt, wobei ein älterer Vampir der Hauptwachmann ist. Doch oben, nahe der Erdoberfläche wo das Gras so grau ist, schleppt sich ein Wesen durch den steilen Gang nach unten. Es ist eine Frau, ein junges Ding, mit Flügeln die schwer auf ihrem Rücken tronen. Sie ist unverkennbar ein Engel, doch ihrem nackten Körper fehlt der Glanz. Ihrer Haltung fehlt der Stolz und der Anmut, mit dem Engeln sich bewegen. Ihre Schritte schlurfen über den Boden und sie hält sich erschöpft an der Granitwand fest, die langsam zu Obsidian übergeht. Sobald ihre ungleichen Schritte näherkommen, erstarren die Vampire alarmiert. Sie spüren die Vibrationen, hören die leisen, schlurfenden Geräusche. Der Hauptwachmann richtet sich auf und deutet den anderen leise zu sein. Sie wollen den Eindringling nicht vorwarnen, dass sie da sind.
Der Engel schleppt sich weiter, jeder Schritt, als wäre er eine Qual. Endlich, nach fünf Minuten die sich wie mehrere Jahre anfühlen, kommt sie in der größeren Höhle an und erstarrt. Die zwölf Vampire tronen über ihr, die Augen blutrot und wachsam. Der Hauptwachmann hebt überrascht die Augenbrauen, sein Mund verzieht sich zu einem feindseligen Fauchen. „Was willst du hier, du Federvieh? Zisch ab, ihr seid hier nicht willkommen!“ Unter den Höllenbewohnern gelten Engel als arrogant und viel zu fixiert auf Gesetze. Ihr Regelwahn wird hier unten nicht gerne gesehen, genauso wenig wie, wenn sie einfach am Eingang auftauchen.
Die Engelsdame sieht gequält zu den Vampirmännern auf. Gegen sie hat sie keine Chance, das wissen sie alle, vor allem in diesem Zustand. Ihr Atem kommt jetzt schon keuchend, der Abstieg bis hier her hat sie sichtlich erschöpft. Doch den Vampiren fällt auf, dass sie komisch riecht. Normalerweise riechen Engeln nach frischem Wasser und reiner Luft, doch dieser hier riecht nach Tod. Nicht wie der Tod als Person, nicht dieser Geruch der so imposant und unheilbringend in der Luft schwebt. Dieser Engel riecht nach einem unermäßlichem Leid, Schmerz und Trauer, als würde sein Körper von innen zerfallen, beginnend beim Herz.
Der Wachmann wird misstrauischer, aber auch unsicherer. Er tritt mit einer blauleuchtenden Fakel näher an das feminine Geschöpf heran. Ihre Haare gehen bis zu ihren Schulterblättern. Ihre Flügel hängen von ihrem Rücken hinunter, die Federn unordentlich und matt. Beides, Haare und Federn, sind aschgrau. Nicht das normale grau, sondern dasselbe grau wie die Pflanzen oben in der Senke. Dieser Engel schwebt in einem Zustand zwischen Leben und Tod, aber anders als die Pflanzen ist es für ihn viel zu leicht in die Seite des Todes abzurutschen. Doch das finale Detail: Sie hat keinen Halo. Kein Heiligenschein der leuchtend über ihrem Kopf schwebt. Alles, was da ist, ist nur spürbare Leere. Man sieht dort nichts. Man kann dort nichts anfassen. Aber man kann es spüren, diese allesverschlingende Leere. Ein Engel ist Nichts ohne seinen Halo.
Der Hauptwachmann merkt es endlich. Seine Pupillen werden groß, dann zu kleinen Schlitzen verengt. Er gibt ein Handzeichen und die anderen Vampire halten augenblicklich inne. Sie sehen sich verwirrt an, sie waren schon bereit den Eindringlich mit Gewalt hinauszuscheuchen. „Nein…“ krächzt der Hauptwachmann. „Dieser Engel“, verkündet er dann zu seiner Truppe, wobei seine Stimme leicht zittert: „ist gefallen. Sie wird bald sterben. Holt sofort jemanden vom Anwesen her.“
Einer der Wächter gehorcht augenblicklich und huscht wie ein schwarzer Schatten durch die Höhle in den Spalt. Die Frau währenddessen, wankt auf ihren Füßen und stöhnt vor Schmerz. Ohne zu Zögern fängt der ältere Vampir sie auf und nimmt sie in seine Arme. „Es ist ein Wunder, dass sie bis hier her überlebt hat“, flüstert ein anderer erstaunt. Sein Kollege nickt erschüttert, während der Hauptmann sie zum Spalt hinüber trägt. Die Engelsfrau hängt schwach und schwer atmend in seinem Griff, ein leises Röcheln dringt aus ihrer Kehle. Ihre Schmerzen müssen unvorstellbar groß sein. „Hab keine Angst, Kleine“, murmelt der Vampir mit ungewöhnlich weicher Stimme. „Du wirst vielleicht nicht sterben. Das du es bis hier geschafft hast, ist ein sehr gutes Zeichen.“
Die Frau antwortet nicht, die Vampire sind sich nicht einmal sicher, ob sie noch bei Bewusstsein ist, während der Mann sie durch das Portal trägt, in die gefährliche Sicherheit der Hölle.