Kapitel 1- Vertrauen
„Vertrauen ist Mut, und Treue ist Kraft.“
— Marie von Ebner-Eschenbach
Josef
„Was tust du da, Josef?“
Lias Stimme war eine Mischung aus Misstrauen und Wut. Ihr Blick wanderte zwischen ihm und der Dose hin und her, die noch halb unter dem Nachttisch hervorschaute.
Scheiße.
Sofort machte er einen Schritt nach vorne und griff danach — aber Lia war schneller.
„Josef, was…?“ Sie starrte auf die Dose in ihrer Hand. „Warum schluckst du diesen Mist? Wie kannst du…“
Ihre Stimme brach ab. Sie blinzelte hastig, als wollte sie die Tränen zurückdrängen. Vergeblich. Wut und Enttäuschung standen ihr ins Gesicht geschrieben.
Verdammt.
„Es ist nicht so, wie du denkst. Ich—“
„Ach nein?“ Jetzt wurde ihre Stimme laut. Zu laut in seinem ohnehin hämmernden Kopf. „Du hast also gerade kein Outpant geschluckt? Nicht dasselbe Zeug, wegen dem ich im Krankenhaus gelandet bin?“ Sie schüttelte fassungslos den Kopf. „Dasselbe Mittel, das dieser Mörder seinen Opfern verabreicht hat?“
Jedes Wort traf ihn wie ein Schlag.
„Wie kannst du überhaupt noch stehen?“ Ihre Finger umklammerten die Dose fester. „Warum hast du das Zeug überhaupt? Weißt du eigentlich, wie gefährlich das ist?“
Nein. Scheiße.
Was sollte er darauf sagen?
Die Wahrheit?
Unmöglich.
„Lia, bitte.“ Er fuhr sich kurz über das Gesicht. „Es ist wirklich nicht so, wie du denkst. Ich muss das nehmen. Und es ist auch nicht gefährlich.“
Sie lachte ungläubig auf.
„Du musst das nehmen?“ Ihr Blick wurde nur noch fassungsloser. „Josef, das ist ein starkes Beruhigungsmittel. Selbst wenn du es regelmäßig nimmst — wovon ich mittlerweile wohl ausgehen muss — kann eine einzige Überdosierung dich ins Krankenhaus bringen. Oder umbringen.“
Sein Herz schlug wieder viel zu schnell.
Verdammt.
Wie sollte er ihr erklären, dass er sich damit nicht betäubte?
„Lia, hör mir zu.“ Seine Stimme klang rauer, als ihm lieb war. „Ich nehme das nicht, um high zu werden oder mich abzuschießen. Wirklich nicht. Ich brauche nur eine kleine Dosis, damit ich funktionieren kann.“
Für einen Moment herrschte Stille.
Dann hob sie langsam den Blick.
„Wie bitte?“ Ihre Stimme wurde leiser. Gefährlich leise. „Was genau war denn hier neben mir im Bett gerade so schlimm, dass du dich mit Medikamenten ruhigstellen musst, um zu funktionieren?“
„Ich… Nein.“ Sofort schüttelte er den Kopf. „So ist das nicht gemeint. Ich schieße mich nicht ab.“
Doch Lia war viel zu aufmerksam.
Viel zu klug.
„Wenn das so ist…“ Sie hob die Dose leicht an. „…hast du bestimmt nichts dagegen, wenn ich auch eine deiner Tabletten nehme.“
Nein.
Das könnte sie umbringen.
Der Gedanke traf ihn wie ein Stromschlag.
Noch bevor er richtig darüber nachdenken konnte, hatte er ihr die Dose bereits aus der Hand gerissen.
Viel zu schnell.
Ihre Augen weiteten sich.
Stille.
„Das habe ich mir gedacht“, sagte sie leise.
Verdammt.
„Von wegen kleine Dosis.“ Ihr Blick glitt prüfend über ihn. „Wie lange nimmst du das Zeug schon? Und warum?“ Sie schüttelte leicht den Kopf. „Und wie zum Teufel kannst du dich überhaupt noch so bewegen mit dem Zeug im Blut?“
Er presste die Lippen zusammen.
Er hatte keine Wahl.
Entweder die Wahrheit.
Oder gar nichts.
Und mit der Wahrheit würde er sie verlieren.
„Lia, ich…“ Er fuhr sich fahrig durchs Haar. „Bitte. Du kannst mir glauben, dass es keinen Grund zur Sorge gibt. Aber ich kann dir deine Fragen nicht beantworten.“ Seine Stimme wurde leiser. „Du musst mir vertrauen. Bitte.“
Jetzt liefen ihr Tränen über die Wangen. In ihren Augen lag ein Schmerz, der ihm die Luft abschnürte.
„Wie soll ich dir jetzt noch vertrauen?“ Ihre Stimme zitterte leicht. „Sag mir, was los ist, oder…“ Sie schluckte schwer. „…oder das hier kann nicht funktionieren.“
Nein!
Der Gedanke traf ihn härter als alles andere.
Er wollte sie nicht verlieren.
Aber vielleicht hatte er sie nie verdient.
Für einen Moment sah er nicht mehr Lia vor sich, sondern Blut. Gabriels reglosen Körper. Zu viele Gesichter. Zu viele Tote, die er nie wieder vergessen würde.
Und trotzdem brachte er nur vier Worte heraus.
„Das kann ich nicht.“
Lia schloss kurz die Augen.
Als sie sie wieder öffnete, war ihr Blick leerer geworden.
„Dann werde ich jetzt gehen.“
Sie wandte sich ab.
Allein diese Bewegung ließ etwas Kaltes durch seinen Körper ziehen, als hätte jemand ihm Eis in den Magen gegossen. Beim ersten leisen Quietschen der Dielen unter ihren Schritten verlor er endgültig die Kontrolle.
Er griff nach ihrem Arm.
„Bitte geh nicht.“
Sofort erstarrte sie.
Josef auch.
Denn in dem Moment, als Lia sich umdrehte, sah er es.
Angst.
Nur einen Wimpernschlag lang.
Doch sie war da.
Ausgelöst durch seinen viel zu festen Griff.
Er ließ sofort los.
„Scheiße …“
Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Es tut mir leid.“
Doch Lia drehte sich nicht mehr zu ihm um.
„Mir auch.“
Dann fiel die Tür hinter ihr ins Schloss.
Laut.
Endgültig.
Am Montagmorgen bekam Josef selbst nach dem viel zu langen Lauf vom Vortag weder seine Gedanken noch seinen Körper richtig unter Kontrolle.
Gleich würde er Lia wiedersehen.
Allein der Gedanke daran ließ seine Anspannung wieder ansteigen.
Neben der Angst hatte sich jedoch etwas anderes in ihm festgesetzt. Etwas Gefährliches.
Hoffnung.
Vielleicht hatte Lia ihn nach ein paar Tagen Abstand doch noch nicht völlig aufgegeben.
Auch wenn ihm klar war, dass diese Hoffnung bei ihrem sturen, kompromisslosen Charakter vermutlich nichts weiter als Wunschdenken war.
Vielleicht wäre es sogar besser, wenn sie Abstand hielt.
Besser für sie.
Doch egal, wie oft er versuchte, sich das einzureden — der Gedanke, Lia einfach aufzugeben, fühlte sich unmöglich an.
Er brauchte sie.
Und genau das war das Problem.
Lia
Ihr Kopf dröhnte, und zum ersten Mal seit Langem bewegten sich ihre Beine nur widerwillig auf dem Weg zum Revier. Sie hatte fast den ganzen Sonntag und die halbe Nacht mit Nachforschungen und Grübeleien verbracht und dabei mehr als einmal Tränen vergossen.
Wie hatte sie es nur zulassen können, dass ihr jemand so ans Herz wuchs, der sie belog?
Das hatte er doch.
Zu diesem Schluss war sie gekommen.
Er nahm die Drogen vermutlich schon länger, als sie sich kannten, und in der Gerichtsmedizin hatte er noch ganz unschuldig nach dem Zeug gefragt.
Aber eines passte einfach nicht zusammen.
Er wirkte nicht wie jemand, der süchtig war. Vor allem nicht wie jemand, der sich regelmäßig betäubte.
Deshalb hatte sie, obwohl sie sich erst vor Kurzem über die Wirkung von Outpant informiert hatte, die halbe Nacht weiter recherchiert.
Und trotzdem passte es nicht.
Ja, sein manchmal waghalsiges Verhalten und die körperliche Unruhe, die sie schon öfter bei ihm beobachtet hatte, konnten Anzeichen eines beginnenden Entzugs sein. Aber bei allem, was sie gelesen hatte, war es schlicht unmöglich, mit dem Mittel im Blut noch so klar zu denken und sich so präzise und mühelos zu bewegen, wie Josef es tat.
Und dass sie ihn noch nie nach der Einnahme gesehen hatte, war so gut wie ausgeschlossen. Schließlich hatte er die Tabletten sogar geschluckt, als er dachte, sie würde noch schlafen.
Trotzdem erklärte er ihr nichts.
Und er zeigte auch nicht den geringsten Willen, damit aufzuhören.
Warum erklärte er es ihr nicht?
Er verlangte von ihr Vertrauen, wollte ihr seines aber offenbar nicht schenken.
Sie kochte vor Wut.
Und gleichzeitig war sie trauriger, als sie es jemals für möglich gehalten hätte.
Verdammt, warum hatte sie sich nur auf ihn eingelassen?
Jetzt vermisste sie etwas, dessen Fehlen ihr früher nie aufgefallen wäre.
Doch egal, wie wütend sie war und wie wenig Vertrauen er ihr entgegenbrachte – sie würde nicht zulassen, dass er sich mit diesem Zeug umbrachte.
Wie genau es ihr gelingen sollte, ihn davon loszubekommen, war ihr allerdings noch nicht klar. Natürlich waren ihr bereits mehrere Möglichkeiten eingefallen, doch jede hatte ihre Nachteile.
Sie könnte Cores ins Vertrauen ziehen und Josef mithilfe seines geliebten Jobs zu einem Entzug zwingen. Aber nicht nur, dass sie ihn damit hintergehen würde – wer wusste schon, wie Cores reagieren würde? Vielleicht würde er ihn selbst nach einem erfolgreichen Entzug nicht mehr in der Einheit haben wollen.
Sie könnte diesen Schritt auch gemeinsam mit ihm gehen. Das hieß allerdings, die Beziehung doch nicht zu beenden und ihn dazu zu drängen, von den Drogen loszukommen. Aber sie wusste nicht, ob ihr Einfluss auf ihn dafür ausreichte. Vor allem war sie sich nicht sicher, ob sie es emotional schaffen würde, ihre Beziehung aufrechtzuerhalten.
Vielleicht würde sie anders über das Thema denken, wenn sie sich an ihre eigene Zeit unter Drogen erinnern könnte und wüsste, wie sich eine Sucht anfühlte. Aber eigentlich glaubte sie das nicht.
So tief war sie in Gedanken versunken, dass sie erst jetzt bemerkte, wie das graue Gebäude des Reviers vor ihr auftauchte.
Sie blieb einen Moment stehen.
Der Morgen war kühl, und ein leichter Wind strich durch die Straßen. Normalerweise hätte sie die frische Luft genossen. Heute spürte sie kaum etwas davon.
Egal, wie sehr sie diese Fragen und Ängste beschäftigten, sie wusste, dass es wichtigere Dinge gab, sobald es um ihre Arbeit ging. Schließlich lief dort draußen mindestens ein Mörder frei, der ganze Familien auslöschte.
Lia atmete tief durch und rieb sich über die müden Augen.
Dann richtete sie sich auf und konzentrierte sich auf ihren Plan.
Sich normal verhalten.
Sich auf den Fall konzentrieren.
Josef im Auge behalten.
Und ihm ansonsten so gut wie möglich aus dem Weg gehen.









Oh je, und sofort geht es wieder mit einem Streit weiter! Lia fühlt sich hintergangen und Josef hat Angst, wenn er ihr die Wahrheit erzählen würde, dass sie entsetzt wäre, über das, was er damals getan hat.
Sehr guter Einstieg! Man ist sofort wieder mittendrin in der Handlung 😍
Freut mich, dass es dir gefällt. 😊
Es geht nahtlos weiter im
zweiten Teil und leider führt Josef‘s Schweigen dazu, dass Lia‘s Vertrauen in ihn tief erschüttert wird 😔
Ich hoffe die beiden können ihre Beziehung retten. Und ganz nebenbei müssen sie einen weiteren Mörder aufhalten.