Kapitel 1 – Ein ganz gewöhnlicher Montag
Als Jonas Weber an diesem Morgen das Haus verließ, hatte er keine Ahnung, dass er sich bereits auf dem Weg zu der wichtigsten Begegnung seines Lebens befand.
Hätte man ihn gefragt, wie sein Leben aussah, hätte er wahrscheinlich mit den Schultern gezuckt und gesagt, dass alles in Ordnung sei. Er hatte einen sicheren Job, eine ordentliche Wohnung und genug Geld, um sich keine Sorgen um die nächste Miete machen zu müssen. Es gab Menschen, denen es deutlich schlechter ging. Das wusste er.
Trotzdem begleitete ihn seit einiger Zeit ein Gefühl, das er weder erklären noch abschütteln konnte. Es war kein Schmerz und keine Traurigkeit. Eher eine Leere, die sich unbemerkt zwischen die Tage geschoben hatte. Sie wartete morgens neben seinem Bett, fuhr mit ihm zur Arbeit und saß abends auf dem Sofa, wenn der Fernseher lief und er längst aufgehört hatte zuzuhören.
Der Montag begann wie jeder andere Montag zuvor.
Der Wecker klingelte um Viertel nach sechs. Jonas stand auf, machte Kaffee und blickte aus dem Küchenfenster auf die Häuser der Nachbarschaft. In einigen Fenstern brannte bereits Licht. Menschen machten sich für einen weiteren Arbeitstag bereit, und für einen kurzen Moment fragte er sich, ob sie sich genauso fühlten wie er.
Wahrscheinlich nicht, dachte er.
Die meisten Menschen schienen genau zu wissen, wohin ihr Leben führte. Zumindest wirkten sie so.
Er dagegen hatte immer häufiger das Gefühl, irgendwo unterwegs falsch abgebogen zu sein, ohne den Moment bemerkt zu haben.
Während der Fahrt ins Büro lief das Radio. Ein Moderator erzählte irgendeinen Witz, über den jemand im Hintergrund lachte. Jonas schaltete das Gerät aus. Die Stille war ihm lieber.
Im Büro erwarteten ihn die üblichen E-Mails, Besprechungen und Tabellen. Die Stunden vergingen, ohne dass etwas Besonderes geschah. Als er mittags auf die Uhr sah, fragte er sich plötzlich, ob dies der Grund war, weshalb die Jahre so schnell vergingen.
Nichts Besonderes geschah.
Tag für Tag.
Woche für Woche.
Jahr für Jahr.
Am Nachmittag blieb sein Blick an einem Foto hängen, das in einer Schublade lag. Es zeigte ihn als jungen Mann auf einer Klippe irgendwo an der Nordsee. Um seinen Hals hing eine Kamera, und auf seinem Gesicht lag ein Lächeln, das er heute kaum noch wiedererkannte.
Damals hatte er Pläne gehabt.
Große Pläne.
Er wollte reisen, fotografieren und Geschichten sammeln. Er hatte geglaubt, die Welt würde offen vor ihm liegen.
Doch wie bei vielen Träumen war nichts Dramatisches passiert. Niemand hatte sie zerstört. Sie waren einfach Stück für Stück kleiner geworden. Ein sicherer Job hier. Eine Verpflichtung dort. Ein Jahr, das verging. Dann noch eines.
Als Jonas das Foto zurücklegte, spürte er etwas, das er lange nicht gespürt hatte.
Enttäuschung.
Nicht über seinen Job.
Nicht über sein Leben.
Sondern über die Tatsache, dass er irgendwann aufgehört hatte, sich zu fragen, was er eigentlich wollte.
Als der Arbeitstag endlich vorbei war, fuhr er nicht sofort nach Hause. Stattdessen bog er ohne nachzudenken in den alten Stadtpark ein. Früher war er oft dort gewesen, doch in den letzten Jahren hatte er kaum noch einen Fuß hinein gesetzt.
Die Sonne stand bereits tief und tauchte die Wege in warmes Licht. Zwischen den Bäumen spielte ein leichter Wind mit den ersten Blättern des Herbstes. Jonas ging langsam. Zum ersten Mal an diesem Tag hatte niemand etwas von ihm erwartet.
Dann sah er die Parkbank.
Und den alten Mann, der dort saß.
Der Fremde blickte auf den See hinaus, als würde er auf jemanden warten.
Jonas konnte nicht wissen, dass dieser Mann in den kommenden Monaten alles verändern würde.








