Kapitel 1
Asena
Die Steinmauer unter meinen Fingern fühlt sich an wie immer. Kalt. Nass. Als hätte jemand vergessen, dem Regen mitzuteilen, dass der erste Tag eigentlich Sonnenschein verdient hätte. Ich lehne mich zurück, lasse den Kopf gegen den rauen Stein sinken und beobachte, wie Ashridge erwacht.
Der Campus breitet sich vor mir aus wie ein Gemälde, das ich zu oft betrachtet habe. Alte Steingebäude mit ihren spitzen Türmen und hohen Fenstern. Die Tannen, die den Innenhof umrahmen, ihre Nadeln dunkelgrün gegen den grauen Himmel. Irgendwo im Norden ragen die Berge auf, heute unsichtbar hinter Wolken, die niedrig hängen wie eine Decke.
Ich sollte glücklich sein, wieder hier zu sein. Das sagt zumindest die Stimme in meinem Kopf, die klingt wie mein Großvater Robert.
Das ist eine Chance, Sena. Eine verdammte Chance.
„Eine verdammte Qual“, murmele ich und ziehe den Hoodie meines Großvaters enger um mich. Der Stoff riecht nach nichts mehr. Ein Jahr hat seinen Geruch komplett verschwinden lassen.
Die ersten Studenten strömen über den Hof. Sie lachen, umarmen sich, tauschen Sommergeschichten aus. Ich sehe Gruppen sich formieren, genau wie immer. Die Vampire sammeln sich nahe der Ostseite, ihre Bewegungen zu flüssig, zu präzise für Menschen. Valen Crowe steht zwischen zwei anderen, sein dunkelbraunes Haar fällt ihm in die Stirn, während er lacht. Als er mich bemerkt, hebt er seine Hand, zwinkert mir zu. Seine Augen leuchten hellrot im matten Licht, kein Hunger, nur die natürliche Färbung seiner Spezies.
Hinter Valen entdecke ich Cassian Drake. Er lehnt gegen eine Säule, sein dunkelblondes Haar perfekt disheviert, als hätte er Stunden vor dem Spiegel verbracht.
Und doch ist er nur der halbtote Beweis dafür, dass manche Leute die Universität nie verlassen, wenn man sie lässt.
Er mag aussehen wie fünfundzwanzig, aber Cassian sieht seit Jahren aus wie fünfundzwanzig. Irgendwann wird das auch einfach seltsam.
Als ob er meine Gedanken hören könnte, dreht Cassian den Kopf. Er sieht mich an, ein langsames, falsches Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus. Ich halte seinen Blick, bis Odette Vey neben ihm auftaucht.
Sie umarmen sich, und ich könnte schwören, dass die Luft um sie herum wärmer wird. Odettes kupferrotes Haar fällt ihr in perfekten Wellen über die Schultern, ihr Outfit – irgendeine Designer-Kombination aus Leder und Seide – sieht aus, als gehöre sie auf den Laufsteg, nicht auf einen nassen College-Campus. Sie sagt etwas zu Cassian, er lacht, und dann sieht sie zu mir rüber.
Wie erwartet, verändert sich ihr Blick und sie sieht aus, als hätte sie gerade festgestellt, dass sie Hundekot an ihren Stiefeln hat.
Ich hebe eine Augenbraue doch selbst Odette scheint es noch zu früh zu sein, die gewohnte Bitch rauszulassen und sie dreht sich um und führt Cassian zu einer Gruppe von Hexen, die sich nahe dem Springbrunnen versammelt haben.
Zwei von ihnen demonstrieren bereits ihre Magie. Eine junge Frau mit kurzen Haaren lässt Wasser zwischen ihren Fingern tanzen, formt es zu irgendwelchen Figuren, die in der Luft schweben. Neben ihr formt ein Junge mit kantigem Gesicht eine Flamme in seiner Hand, klein und kontrolliert, die orange-rot leuchtet wie ein Lagerfeuer. Er lässt sie größer werden, bis sie seine Hand umhüllt, ohne ihn zu verbrennen.
Elemente. Die Grundlagen der Hexerei, präsentiert für eine Social-Media-Performance, die irgendeine kleine mit ihrem Handy aufnimmt.
„Gott, bist du deprimierend.“
Die Hände, die meine Schultern packen, sind groß und warm. Ich zucke zusammen, drehe mich halb um und sehe Corvus über mir. Seine bernsteinfarbenen Augen lachen mich an, während sein Grinsen sich gerade zu bis zu den kleinen schwarzen Hörnern erstreckt, die durch sein schwarzes, struppiges Haar ragen.
„Deine Hörner“, sage ich und tippe gegen eines davon. Es fühlt sich hart an, glatt wie polierter Stein. „Die sind gewachsen. Beeindruckend.“
Er lacht, und das Geräusch ist tief und selbstsicher. „Habe im Sommer spezielle Shampoos benutzt. Hörnerwachstum plus Volumen. Zwei-in-Eins.“
„Waren deine Sprüche schon immer so schlecht?“
„Wenigstens sehe ich nicht so aus, als hättest du den letzten Flug aus Arkansas genommen und dann die ganze Nacht geweint.“
„Ich habe den letzten Flug genommen“ gebe ich zu. „Aber ich hab nicht geweint.“
Corvus’ Hand gleitet von meiner Schulter, streicht mir eine verirrte Strähne aus dem Gesicht. Seine Finger sind warm gegen meine kalte Haut. „Hab schon gedacht du kommst nicht. Nach allem, was passiert ist.“
„Was soll passiert sein? Nichts ist passiert.“
„Ein Jahr Abwesenheit nennst du nichts?“
„Ich war mit Wohnungsbesichtigungen und Rentnern beschäftigt.“
„Klingt doch spannend.“
Ich stoße ihn in die Rippen. Er lacht wieder, packt mein Handgelenk, bevor ich ein zweites Mal zuschlagen kann. „Immer noch bissig. Gut zu wissen, dass sich manche Dinge nie ändern.“
„Und du bist immer noch ein Arschloch.“
„Dein Lieblingsarschloch.“
Seine Daumen streichen über mein Handgelenk, und für einen Moment – nur einen – erinnere ich mich an daran, dass selbst er mehr als Chaos bringen kann.
„Asena!“
Der Schrei kommt von links, schrill und enthusiastisch, und ich muss nicht hinsehen, um zu wissen, dass Nevi auf uns zugerannt kommt. Ihr goldblondes Haar fliegt hinter ihr her wie ein Banner, ihre türkisfarbenen Augen leuchten, als sie mich erreicht und mich in eine Umarmung stürzt, die mich fast umwirft.
„Du bist da! Du bist wirklich da! Ich hab’s Elian gesagt, aber er hat mir nicht geglaubt, und ich hab gesagt, ich kann es fühlen, und –“
„Atme, Nevi“, sagt eine ruhigere Stimme hinter ihr.
Elian steht da, Hände in den Taschen seines dunklen Pullovers, sein goldblondes Haar ordentlicher als das seiner Zwillingsschwester, aber mit derselben natürlichen Eleganz. Seine türkisen Augen betrachten mich mit der Ruhe, die ich an ihm liebe. Keine Umarmung. Nur ein Nicken, das mehr sagt als tausend Worte.
„Willkommen zurück“, sagt er.
„Danke. Schön, wieder hier zu sein.“ Die Lüge brennt auf meiner Zunge.
Nevi lässt mich los, tritt einen Schritt zurück und hebt beide Hände. „Moment. Still stehen. Ich muss etwas testen.“
„Nevi, nicht schon wieder –“, beginnt Elian.
„Shh! Ich konzentriere mich!“
Sie schließt die Augen, legt die Hände an ihre Schläfen und macht ein Gesicht, als würde sie versuchen, eine besonders knifflige Matheaufgabe lösen – wodrin sie Katrastrophal ist. Nach ein paar zu vielen Sekunden öffnet sie die Augen wieder, triumphierend.
„Du bist genervt. Und müde. Und – hm. Etwas traurig? Nein, nicht traurig. Frustriert. Und du willst nicht hier sein, aber du bist es trotzdem, und das macht dich wütend, aber auch irgendwie –“
„Sie hat einen jetlagg“, unterbricht Elian sie trocken. „Sie ist gestern Nacht angekommen, hat wahrscheinlich drei Stunden geschlafen, und jetzt stehst du hier und analysierst sie wie eine Jahrmarkthexe.“
„Ich bin keine Jahrmarkthexe! Ich habe den Herzensblick erreicht! Das ist die nächste Stufe! Professor Voss hat gesagt –“
„Professor McCarthy hat dir sicher nicht gesagt, dass du den ganzen Sommer deine Familie und alle drum herum mit als deine Testkaninchen benutzen sollst.“
Ich kann nicht anders – ich muss lachen. Der Klang überrascht mich selbst, rau und ein bisschen heiser, aber echt. „Es ist okay. Sie hat recht. Ich bin genervt. Und müde. Und der letzte Flug aus Little Rock war eine Katastrophe. Drei Verspätungen, ein Baby, das die ganze Zeit geschrien hat, und ein Pilot, der gemeint hat, er wäre ein Comedian.“
„Du hättest mit uns kommen können“, sagt Nevi und nimmt meine Hand. Ihre Finger sind warm, fast heiß – Fae-Temperatur, immer etwas über dem menschlichen Durchschnitt. „Wir sind vor drei Tagen gefahren. Hätten eine Roadtrip-Party machen können.“
„Mit deiner Fahrweise? Danke, nein. Ich mag mein Leben.“
Corvus grinst. „Ich wäre dabei gewesen. Hätte mich zwischen euch gesetzt und Popcorn gegessen, während ihr euch streitet.“
„Du wärst die ganze Zeit betrunken gewesen“, sagt Elian.
„Das ist der Sinn eines Roadtrips, Eli.“
Die Art, wie Corvus Elians Spitznamen ausspricht – langgezogen, mit einem ganz besonders auffällig süßen Unterton – lässt Elian die Augen rollen, aber ich sehe, wie ein kleines Lächeln seine Lippen berührt.
„Hast du noch dein Zimmer?“, fragt Nevi und springt zurück zum Thema, wie sie es immer tut. Kein Gespräch mit ihr bleibt länger als dreißig Sekunden auf einer Spur.
„Ja. Pinecrest. Zweite Etage. Raum 214.“
„Unglaublich“, sagt Elian. „Die haben es das ganze Jahr leer gelassen?“
„Anscheinend. Meine Sachen waren noch da. Sogar der verdammte Kaugummi unter dem Schreibtisch.“
Corvus pfeift durch die Zähne. „Das ist … dekadent.“
„Ist es nicht“, erwidere ich. „Es war doch klar, dass sie alles tun würden, um den Prinzen zufrieden zu stellen.“
Nevi beißt sich auf die Unterlippe. Elian betrachtet einen Punkt über meiner Schulter. Corvus’ Gesicht verhärtet sich für einen Moment, so kurz, dass ich es fast verpasst hätte.
Dann ist es vorbei. Er grinst wieder, schlängelt einen Arm um meine Schultern und zieht mich von der Mauer weg. „Vergiss den Prinzen. Wir haben Wichtigeres zu besprechen. Und zwar dein Praktisches Training dieses Jahr. Bist du bereit?“
Der Schlag trifft mich genau dort, wo er soll.
Praktisches Training. Der Grund, warum ich überhaupt hier bin. Der Grund für das Stipendium, das mich nach Ashridge gebracht hat, als ich fünfzehn war und nichts von Magie wusste außer der Tatsache, dass ich sie angeblich besaß.
Eine *seltene Begabung*, hatten sie gesagt. *Wert*, gefördert zu werden.
Sie haben *nicht* gesagt, wie schwach diese Begabung im Vergleich zu *allen* den anderen ist.
„Kann’s kaum erwarten“, murmele ich, während wir die Mauer hinter uns lassen und uns über den Hof in Richtung der Hauptgebäude bewegen.
Der Regen hat nachgelassen, nichts als ein feiner Nebel jetzt, der meine Haut benetzt und meine Haare noch unordentlicher macht als sie ohnehin schon sind. Die schwarzen Strähnen unter dem Platinblond kleben an meinen Wangen, und ich schiebe sie zurück.
„Du lügst schlimmer als Corvus“, sagt Elian.
„Höre ich da Neid in deiner Stimme, Eli?“
„Höre ich da Angst in deiner, Hobbs?“
Um uns herum erwacht der Campus zum Leben. Gruppen von Studenten strömen in alle Richtungen, lachen, rufen sich zu. Ich sehe einen jungen Gestaltwandler – ich erkenne die Art, wie er sich bewegt, die breiten Schultern, die Art, wie er den Kopf hebt, als würde er die Luft inhalieren – der mit zwei anderen diskutiert, seine Hände gestikulieren wild. In der Ferne öffnet sich die Tür zur Bibliothek, und eine ältere Professorin tritt heraus, einen Stapel Bücher im Arm, gefolgt von einem eindeutig älteren Studenten, der hastig Notizen macht.
Alles wie immer. Und doch –
Etwas ist anders. Ich kann es nicht benennen. Eine Spannung in der Luft, vielleicht. Ein Gefühl, als würde etwas Großes sich zusammenbrauen, langsam, unaufhaltsam, während wir alle unseren Alltag leben, als wäre nichts.
Oder ich bin einfach nur paranoid. Jetlag und zu viel Kaffee auf leerem Magen.
„Also“, sagt Corvus und zieht mich näher an sich, seine Wärme gegen meine Seite eine willkommene Abwechslung zur Kälte. „Was habt ihr alle im Sommer gemacht, außer mich schmerzlich zu vermissen?“
„Ich habe an meinem Herzensblick gearbeitet“, sagt Nevi stolz.
„Sie hat YouTube-Videos über Aura-Lesen geschaut und behauptet, es wäre Fae-Magie“, korrigiert Elian.
„Es ist dasselbe Prinzip!“
„Ist es absolut nicht.“
„Ich war in Vancouver“, erklärt Corvus, ignorierend ihren Streit. „Bei meinem Cousin. Der Club, in dem er arbeitet – Gott, die Geschichten, die ich euch erzählen könnte.“
„Wir wollen sie nicht hören“, stellt Elian schnell klar.
„Ich schon!“, protestiert Nevi.
„Natürlich willst du das,“ gibt Elian zurück, „und genau das ist der Grund, wieso Vater dir die Party nicht erlaubt hast auf die du gehen wolltest.“
Ich lache wieder, und dieses Mal fühlt es sich weniger fremd an. Corvus’ Arm um meine Schultern, Nevis Hand in meiner, Elians ruhige Anwenseheit – es ist, als hätte ich einen Teil von mir selbst zurückbekommen, den ich vergessen hatte zu vermissen.
Valen winkt uns vom anderen Ende des Hofs zu. Er hat ein flirty Grinsen im Gesicht, das Corvus mit einem Mittelfinger erwidert. Sie tauschen irgendein Zeichen aus, das ich nicht deuten kann – irgendein Insider-Witz aus dem letzten Jahr, das ich verpasst habe.
Ein Jahr. Ein ganzes Jahr weg von all dem.
„Wir sollten uns langsam beeilen“, sagt Nevi. Ihre türkisfarbenen Augen sind weit geöffnet und ernst – ein seltenes Bild bei ihr. „Die Begrüßungszeremonie fängt in zehn Minuten an. Direktorin Lee hasst es, wenn Leute zu spät kommen.“
„Direktorin Lee hasst alles“, erwidere ich.
„Besonders dich“, sagt Corvus und zwinkert mir zu.
„Eine Auszeichnung, die ich mit Stolz trage.“
Elian betrachtet den Himmel, der dunkler wird, als würden die Wolken sich verdichten. „Es wird wieder regnen.“
„Es regnet immer“, sage ich. „Willkommen zurück in Ashridge.“
Wir bewegen uns auf das Hauptgebäude zu, unsere Schritte synchon auf dem nassen Pflaster. Vor uns erhebt sich das alte Steingebäude mit seinen hohen Fenstern und Türmen, imposant und einschüchternd, genau wie an meinem ersten Tag vor drei Jahren.
„Du gehörst hierher“, sagte mein Großvater, „auch wenn du es nicht glauben willst“
Ich drücke den Gedanken weg, schiebe meine Hände in die Taschen meines Hoodies und folge meinen Freunden durch die hohen Holztüren, zurück in eine Welt, die ich mir nicht ausgesucht habe.