Kapitel 1
Annabelle
Jasons Finger folgen der Kontur meines Kinns, während er sich näher zu mir beugt und sein warmer Atem meine Wange streift. Ich spüre, wie meine Haut vor Vorfreude kribbelt und sich dieses vertraute Ziehen in meinem Bauch ausbreitet, das sich seit unserer ersten Begegnung dort festgesetzt hat.
Selbst hier, umgeben von Studenten, die zwischen den Vorlesungen hin und her eilen und vor der kühlen Brise fliehen, während goldene Blätter über den Campus verstreut werden, hat er die Art, alles andere verschwinden zu lassen.
»Du siehst immer wunderschön aus«, murmelt er. Sein Blick bleibt an meinem Mund hängen. »Aber heute … besonders.«
»Du bist ein wahnsinnig schlechter Lügner«, erwidere ich und deute auf seinen großen Pullover, den ich trage. Ich hatte ihn heute Morgen angezogen, weil ich es eilig hatte, um nicht zu spät zur Vorlesung zu kommen.
Jasons Mundwinkel heben sich, was ihn noch perfekter macht, zusammen mit seiner Lederjacke, die nach ihm riecht – nach warmer Haut und etwas Holzigem.
Das fahle Spätherbstlicht verfängt sich in seinem dunkelbraunen Haar und lässt die längeren Strähnen durch den aschigen Unterton heller wirken.
»Ich will dich gar nicht anlügen«, sagt er und streicht mit dem Daumen über meine Unterlippe. »Und es gefällt mir, wenn du meine Sachen trägst. Dann weiß jeder sofort, dass du zu mir gehörst.«
Ich lehne mich seiner Berührung entgegen, bevor ich darüber nachdenken kann. Dabei ist es erst ein paar Monate her, seit meiner Orientierungswoche an der Ravencourt University, in der er mir den Campus gezeigt hat. Irgendwie wusste er genau, was er sagen musste, um mich zum Lachen zu bringen, und plötzlich waren wir unzertrennlich.
»Ich liebe dich«, sagt er und seine Stimme wird noch leiser. »Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr.«
Mein Herz schlägt schneller. Wie beim ersten Mal.
Ich will es erwidern, doch dann trifft sein Mund auf meinen. Es beginnt sanft, aber schnell gleitet seine Hand zu meinem Nacken, und seine Finger fahren durch mein Haar. Meine Lippen öffnen sich für ihn, und ich spüre sein Lächeln, bevor seine Zunge über meine gleitet.
Meine Finger krallen sich in den weichen Stoff seines dunklen Henley-Shirts, und ich spüre die feste Wärme seines Körpers darunter. Er rückt auf der Bank näher an mich heran und unsere Oberschenkel pressen sich aneinander. Der kleine Tisch vor uns sowie die Bank gegenüber ist leer.
Die Geräusche des Campus verblassen. Es gibt nur noch seinen Mund, das leichte Kratzen seiner Zähne an meiner Unterlippe und den Druck seiner Hand.
»Jason«, hauche ich gegen seinen Mund. Er reagiert darauf, indem er meinen Kopf weiter nach hinten neigt und meinen Hals freilegt. Seine Lippen lösen sich von meinen und wandern über mein Kinn bis zu der empfindlichen Stelle an meinem Hals.
»Verdammt«, flüstert er gegen meine Haut. Seine Stimme klingt wie ein leises Knurren, das mir eine Gänsehaut über den Körper jagt. »Du hast keine Ahnung, wie schwer es mir fällt, aufzuhören.«
Aber ich weiß es. Mir geht es nicht anders – jedes verdammte Mal.
Sein Mund findet erneut den meinen, diesmal härter. Seine Zunge gleitet zwischen meine Lippen und lässt Hitze in mir aufsteigen.
Seine Hand gleitet von meiner Taille zu meinem Oberschenkel. Seine Finger graben sich so tief ein, dass ich ein Stöhnen unterdrücken muss. Ich spüre, wie ich mich ihm öffne, mich zurücklehne, während er sich nach vorne drückt.
»Herrgott, könnt ihr beiden mal fünf Minuten lang durch die Nase atmen?«
Der Zauber ist gebrochen, als ich zu meiner Mitbewohnerin aufsehe. Jason zieht sich langsam zurück und ich vermisse sofort seine Wärme, obwohl seine Hand auf meinem Oberschenkel bleibt.
Heather steht vor uns, die Hüfte zur Seite geneigt, die Arme vor der Brust verschränkt. Ihr langes schwarzes Haar weht im Wind um ihr Gesicht und betont ihre auffälligen eisblauen Augen. Das goldene Septum hebt sich jedes Mal leicht, wenn sie angewidert ist, wie in diesem Moment.
»Im Moment werden buchstäblich Kinder bei Campusführungen herumgeführt«, fährt sie fort und deutet auf ein Mädchen in der Ferne, das von einem studentischen Mentor begleitet wird. »Wollt ihr ihnen eine Softporno-Show bieten oder was?«
Ich spüre, wie mir die Hitze in die Wangen steigt, aber Jason lächelt nur. Er ist nicht verlegen, nicht einmal ansatzweise nervös – er ist einfach nie nervös –, während sein Daumen weiter einen kleinen Kreis auf meinem Oberschenkel zeichnet.
»Das hier ist ein Campus, kein Hotelzimmer«, sagt sie, während sie sich das Haar aus dem Gesicht streicht. »Vergesst das einfach nicht.«
»Harris«, grüßt Jason freundlich. »Du weißt doch, welche Wirkung Annabelle auf mich hat.«
Heather rollt so heftig mit den Augen, dass ich mich wundere, dass sie nicht stecken bleiben. »Erspar mir den Dialog aus einem Liebesroman. Ich versuche nur, Annabelle davor zu bewahren, ein Pornosternchen zu werden.«
»Das machst du gut«, antwortet Jason ruhig. »Willst du dich zu uns setzen? Wir genießen das Wetter, bevor es umschlägt.«
»Klar, denn als drittes Rad bei eurem Knutschen dabei zu sein, ist genau das, was ich in meiner Pause machen wollte.« Dennoch lässt sich Heather auf die Bank gegenüber von uns fallen, wirft ihren Designer-Rucksack zu ihren Füßen. »Hast du eigentlich nichts Besseres zu tun, Blacky?«
»Nein.«
»Kein Alpha Phi-Ritual mit Jungfrauenopfern oder was auch immer ihr Jungs so macht?«, stichelt Heather weiter und zieht vorwurfsvoll eine ihrer dunklen Augenbrauen hoch.
Jasons Gesichtsausdruck verändert sich nicht, aber ich spüre, wie er sich leicht aufrichtet. »Nichts ist wichtiger, als Zeit mit Annabelle zu verbringen.«
»Klar«, murmelt Heather. »Ich dachte nur, weil Kenneth dich vorhin gesucht hat. Schließlich ist das Semester fast vorbei und die Planung der Initiationsspiele steht bevor.«
Heather verpasst keine Gelegenheit, Jason oder den anderen von Alpha Phi einen auszuwischen.
Bis heute verstehe ich zwar nicht, warum Heather so ist, aber mehr als Er ist eben ein Black ist nicht aus ihr herauszubekommen. Dabei hat sich Jason nie arrogant oder überheblich verhalten. Wenn überhaupt, dann ist er der aufmerksamste und freundlichste Mensch, den ich je getroffen habe.
Er kann nichts dafür, dass die Mitglieder von Alpha Phi in diesem beeindruckenden Haus statt in einem einfachen Wohnheim leben oder dass sich die Studentenschar für jedes Mitglied spaltet, wenn sie vorbeikommen.
»Das kann warten«, sagt Jason mit einem wunderschönen Lächeln. »Wenn er was will, wird er mich schon anrufen.«
Ich sehe, wie Heather sich darauf vorbereitet, Jason erneut etwas zu erwidern, das gerade noch so über der Gürtellinie liegt. Also schalte ich mich ein. »Hey, freut ihr euch schon auf die Winterferien?«
Jason wendet sich mir zu und schenkt mir seine ungeteilte Aufmerksamkeit. »Ich freue mich, Zeit mit dir allein zu verbringen. Es bleibt doch dabei, dass wir hierbleiben, oder?«
»Ja, natürlich«, bestätige ich und zwinge mich zu einem Lächeln. »Es wird schön sein, den Campus einmal ohne Trubel zu sehen.«
»Ganz ungestört«, murmelt Jason und streicht mir die einzelnen blonden Haarsträhnen, die mir ins Gesicht fliegen, hinter das Ohr. »Keine Vorlesungen, nur wir.«
»Gott, ihr zwei seid widerlich«, stöhnt Heather. »Und bitte denkt daran: Ich möchte in unserem Zimmer keine Grundreinigung durchführen müssen, wenn ich zurückkomme.«
»Du wirst also doch deine Familie besuchen?«, frage ich überrascht.
Sie zuckt mit den Schultern und beginnt plötzlich, ihre Ringe unnötig zurechtzurücken. »Ich habe keine Wahl.«
»Ihr fliegt auf die Malediven, oder?«, fragt Jason beiläufig.
Heathers Augen verengen sich gefährlich. »Woher weißt du das?«
»Ich höre zu, wenn Menschen reden«, sagt er mit einem Achselzucken. »Und du hast dich letzte Woche sehr lautstark darüber ausgelassen, als du dich über deine Lerngruppe für Psychologie beschwert hast.«
»Das ist Jasons Superkraft«, sage ich und drücke seine Hand. »Er merkt sich einfach alles.«
»Wie konnte ich das nur vergessen?«, sagt Heather mit einem gezwungenen Lächeln. »Wie auch immer, ja, die Malediven. Zusammen mit meiner eigenen Version der schrecklich netten Familie. Klingt schön, oder?«
»Wieso bleibst du dann nicht hier?«, frage ich irritiert. »Ich meine, wenn du das gar nicht willst.«
Heathers Gesichtsausdruck wird etwas weicher. »Das ist … kompliziert. Du weißt schon. Noah. Deswegen bleibt mir wohl keine andere Wahl.«
Ich habe Noah noch nie getroffen, aber aus den wenigen Malen, in denen Heather ihn erwähnt hat, weiß ich, dass sie ihren jüngeren Stiefbruder liebt. Das war eine der ersten Dinge, die mir gezeigt haben, dass Heather mehr ist, als sie vorgibt. Unter all der vorgetäuschten Gleichgültigkeit kümmert sie sich sehr um die Menschen, die sie in ihr Leben lässt – aber halt auch nur um diese.
»Bring ihn doch zur nächsten Einführungsfeier hier mit«, schlägt Jason vor. »Dylan und Kael sind Mentoren. Sie könnten ihm bestimmt ein paar Tipps geben, und Alpha Phi –«
»Weil du ja so aufmerksam zuhörst, weißt du sicher auch, dass er sechzehn ist«, unterbricht Heather ihn. Ihr Blick wird schärfer. »Zu jung für die Uni – geschweige denn für eure kleine Sekte.«
»Alpha Phi ist keine Sekte«, betont Jason, wie immer. »Es ist eine Studentenverbindung.«
»Klar«, sagt Heather trocken. »Nenn es, wie du willst. Aber Kael, Kenneth, Nathan, die Price-Zwillinge und du … ihr habt schon starke Charles-Manson-Vibes.« Sie hebt die Schultern. »Es fehlen nur noch ein paar fanatische Bauern und ein abgelegenes Grundstück. Ach warte –«
Sie neigt den Kopf. »Hey, immerhin tragt ihr noch keine langen Bärte. Die würden euch aber auch nicht stehen.«
Heather übertreibt natürlich wie immer. Das ist einfach ihre Art, ihren Hass auf alles auszuleben, was reich, mächtig oder gut organisiert ist. Dass sie selbst ein Teil davon ist, vergisst sie dabei gerne.
Kenneth ist lediglich Jasons kaum ein Jahr älterer Bruder. Kael ist Jasons bester Freund. Nathan ist Joyce’ großer Bruder. Und die Zwillinge, Hudson und Dylan, sind eben Hudson und Dylan. Mit dem Rest von Alpha Phi hat Jason nicht wirklich etwas zu tun.
Gerade als Jason zu einer Antwort ansetzt, fällt ein Schatten auf den Tisch und trennt Heather, Jason und mich.
»Gefunden.«
Kenneth steht am Ende unseres Tisches. In seinem eng anliegenden, dunklen Mantel wirkt er groß und imposant. Allein seine Anwesenheit zieht sofort die Aufmerksamkeit einiger Studentinnen auf unsere Gruppe.
»Annabelle, schön, dich zu sehen«, sagt er. In seiner Stimme klingt ein warmes Lächeln mit, als er mir zunickt. Sein Blick wandert mit dem gleichen freundlichen Ausdruck zu Heather. »Harris.«
»Black«, antwortet Heather mit neutraler Stimme.
Joyce kommt hinter Kenneth auf uns zu. Ihr blondes Haar ist zu einem ordentlichen Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie trägt ein schlichtes Kleid mit einer Strickjacke und winkt mir zu. »Was ist hier los?«
»Ich wollte nicht stören«, fährt Kenneth fort und Joyce schaut alarmiert zwischen uns hin und her. »Aber ich muss mir meinen kleinen Bruder ausleihen.«
Jasons Hand drückt fester in meinen Oberschenkel. »Jetzt?«
»Jetzt«, bestätigt Kenneth und hält sein Lächeln. »Wir sind spät dran.«
Jason seufzt und wendet sich mir zu. »Es tut mir leid. Ich sollte wohl sehen, was er braucht.« Er küsst mich leicht auf die Stirn. »Ich hole dich heute Abend ab. Wir könnten vor dem Kino etwas essen gehen.«
»Nein«, wirft Heather mit einem Lächeln ein, »das wird wohl nichts. Wir machen einen Mädelsabend. Nur wir drei.« Sie deutet auf sich selbst, Joyce und mich.
»Passt doch«, sagt Kenneth. »Jason hätte sowieso keine Zeit gehabt.« Er dreht sich mit einem entschuldigenden Lächeln zu mir um. »Tut mir leid, du weißt ja, dass Jason gerne alles außer dich vergisst.«
Ich senke den Blick und versuche, die Röte zu unterdrücken, die meinen Hals emporklimmt. Genau das wollte ich vermeiden. Deshalb habe ich Jason schon unzählige Male gesagt, dass er mich in seine Termine miteinladen soll, damit das nicht wieder passiert.
Ich will nicht, dass Jasons Freunde denken, ich würde ihnen ihn wegnehmen.
Jason beugt sich zu mir herunter und gibt mir einen kurzen Kuss. »Ich schreibe dir«, flüstert er mir zu. Dann richtet er sich auf und folgt Kenneth über den Campus in Richtung des Verbindungshauses.
»Habe ich etwas verpasst?«, fragt Joyce, während sie sich auf Jasons freien Platz neben mir setzt. »Warum schaut ihr so?«
»Annabelle schaut so, weil ihr geliebter Jason einen Abend lang nicht an ihr klebt«, grinst Heather. »Und ich, weil ich recht hatte.«
Joyce’ Lippen zucken zu einem leichten Lächeln. »Also nichts Neues.«
Ich beobachte, wie sich Jasons Gestalt entfernt, und der Phantomdruck seiner Lippen hallt noch auf meinem Mund nach. Obwohl sich etwas in mir zusammenzieht, lächle ich.
Heather mag mit den Augen rollen und Joyce mag amüsiert sein, aber keine von beiden versteht, was Jason und ich haben.
Wie könnten sie auch?
Manchmal kann ich selbst kaum glauben, dass jemand wie er sich für jemanden wie mich entschieden hat.