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Ein neues Zuhause

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Zusammenfassung

Mit 55 Jahren glaubt Margaret Weber, ihr Leben genau zu kennen. Seit dreißig Jahren ist sie mit Richard verheiratet, einem erfolgreichen Immobilienmanager. Nach außen wirkt alles perfekt – doch hinter der schönen Fassade ist aus Liebe längst Gewohnheit geworden. Als Margaret erkennt, dass ihr Mann ein Geheimnis vor ihr hat, trifft sie eine unerwartete Entscheidung. Statt zu streiten oder Vorwürfe zu machen, schafft sie sich still und heimlich einen Rückzugsort: eine kleine Wohnung am Stadtrand. Dort begegnet sie zwei Menschen, die ihr Leben auf den Kopf stellen – der schlagfertigen, lebensklugen Paula, die mit ihren 83 Jahren kein Blatt vor den Mund nimmt, und Karl-Heinz, einem gutmütigen Hausmeister, der stets zur Stelle ist, wenn Hilfe gebraucht wird. Zwischen Renovierungsarbeiten, Kaffee, Kuchen und Paulas ebenso frechen wie weisen Kommentaren entdeckt Margaret nach und nach etwas, das sie längst verloren glaubte: sich selbst. Eine warmherzige, humorvolle Geschichte über Neuanfänge, Freundschaft, verpasste Chancen und die Erkenntnis, dass das Glück manchmal dort auf uns wartet, wo wir es am wenigsten erwarten. Denn manchmal braucht es nur ein neues Zuhause, um ein neues Leben zu beginnen.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
19
Rating
5.0 1 Bewertung
Altersfreigabe
13+

Eine Wohnung für alle Fälle

Margaret Weber war fünfundfünfzig Jahre alt, hatte einen guten Job im Finanzbereich eines mittelständischen Unternehmens und besaß die seltene Fähigkeit, gleichzeitig vernünftig, freundlich und leicht genervt zu sein.

Vor allem leicht genervt. Nicht ständig. Nur seit ungefähr drei Jahren. Oder vier. Wenn sie ehrlich war, vielleicht fünf.

Genau sagen konnte sie das nicht. Irgendwann hatte sich ihr Leben verändert, ohne dass es einen bestimmten Tag gegeben hätte, an dem jemand eine Sirene eingeschaltet und gerufen hätte: „Achtung! Romantik verlässt nun das Gebäude!“

Es geschah schleichend. Wie Staub. Oder Rückenschmerzen. Oder die Erkenntnis, dass man plötzlich Geräusche von sich gab, wenn man vom Sofa aufstand.

Margaret lebte seit dreißig Jahren mit ihrem Ehemann Richard zusammen.

Richard Weber war CEO der Kronburg Immobilien AG, einer Unternehmensgruppe, die scheinbar die Hälfte aller Bürogebäude zwischen Rhein und Main besaß. Zumindest sprach Richard manchmal so.

Wenn man ihm lange genug zuhörte, konnte man den Eindruck gewinnen, dass die Pyramiden von Gizeh ursprünglich ebenfalls seinem Unternehmen gehört hatten.

Er war ein attraktiver Mann. Groß. Gepflegt. Graue Schläfen. Perfekte Anzüge. Perfekte Frisur. Perfekte Zähne. Und inzwischen auch perfekte Ausreden.

An diesem Dienstagmorgen saßen sie wie jeden Morgen am Frühstückstisch. Margaret las Nachrichten auf ihrem Tablet. Richard studierte Börsenkurse. Oder tat zumindest so.

Denn nach einigen Minuten runzelte Margaret die Stirn. „Richard?“

„Hm?“

„Warum starrst du seit fünf Minuten dieselbe Tabelle an?“

„Ich analysiere.“

„Du hältst das Tablet auf dem Kopf.“

Richard sah auf sein Gerät. Drehte es langsam um. Schob sich ein Stück Croissant in den Mund. „War ein Test.“

„Natürlich.“

„Man muss auch ungewöhnliche Blickwinkel zulassen.“

Margaret nickte. „Die Investmentbranche wird dir eines Tages ein Denkmal bauen.“

Früher hätten sie gemeinsam gelacht. Heute lächelte meistens nur noch Margaret. Richard war ständig beschäftigt. Wenn er nicht im Büro war, telefonierte er. Wenn er nicht telefonierte, schrieb er Mails. Wenn er keine Mails schrieb, dachte er über Mails nach.

Manchmal hatte Margaret das Gefühl, ihr Mann würde irgendwann an einem Herzinfarkt sterben und dabei noch versuchen, einem Notarzt einen Terminvorschlag für nächste Woche zu schicken.

Am meisten fehlte ihr allerdings etwas anderes. Nähe. Zärtlichkeit. Spontane Umarmungen. Gemeinsame Abende. Die kleinen Dinge. In den letzten Jahren war ihre Ehe zu einer perfekt funktionierenden Wohngemeinschaft geworden. Mit gemeinsamen Konten. Gemeinsamen Versicherungen. Und getrennten Leben.

Der erste Verdacht kam völlig unspektakulär. Es war ein Donnerstagabend. Richard kam ungewöhnlich spät nach Hause. Margaret saß im Wohnzimmer und sah eine Krimiserie. Der Ermittler hatte gerade den Täter überführt.

Richard hing seinen Mantel auf.

„Langer Tag.“

„Mhm.“

„Viel Arbeit?“

„Mhm.“

Dann schnüffelte Margaret. Noch einmal. Sie drehte den Kopf. Richard blieb stehen. „Was ist?“

„Du riechst komisch.“

„Komisch?“

„Nach Parfüm.“

„Das wird vom Aufzug kommen.“

Margaret blinzelte. „Vom Aufzug?“

„Ja.“

„Der Aufzug trägt Damenparfüm?“

„Vielleicht die Leute im Aufzug.“

„Richard.“

„Ja?“

„Du bist Geschäftsführer, kein Tatverdächtiger.“

„Was soll das heißen?“

„Dass du Ausreden benutzt, die normalerweise in Fernsehkrimis vorkommen.“

Richard lachte etwas zu laut. Ein bisschen zu schnell. Ein bisschen zu künstlich. Margaret bemerkte es. Sie sagte aber nichts.

In den folgenden Wochen häuften sich die Merkwürdigkeiten. Geschäftsreisen. Abendtermine. Plötzliches Lächeln beim Blick aufs Handy. Neue Hemden. Neues Parfüm. Mehr Sport.

Besonders verdächtig war für Margaret allerdings das Fitnessstudio. Richard hatte drei Jahrzehnte lang Sport behandelt wie eine seltene Tropenkrankheit. Und nun trainierte er plötzlich viermal pro Woche.

„Du willst fit bleiben?“

„Natürlich.“

„Mit sechzig?“

„Was soll das heißen?“

„Nichts.“ Margaret nahm einen Schluck Kaffee. „Mich überrascht nur, dass du auf einmal freiwillig schwitzt.“

Der endgültige Beweis kam einige Wochen später. Eher zufällig. Eine Nachricht erschien auf dem Richards Tablet, das im Wohnzimmer vor ihr auf dem Tisch lag. Sie musste sich nicht einmal anstrengen zu lesen. Ein Name. Eine Unterhaltung. Herzchen. Küsschen. Verabredungen. Ein Hotel. Offensichtlich hatte Richard die Geräte synchronisiert, denn er saß gar nicht bei ihr, sondern in seinem Arbeitszimmer. Jede Nachricht die von ihr kam, jede Antwort von Richard, wurde sofort auf dem Tablet angezeigt.

Margaret musste nicht weiterlesen. Sie war nicht einmal besonders schockiert. Eigentlich fühlte sie nur eine seltsame Ruhe. Als hätte ihr Gehirn gesagt: Ah. Endlich ergibt alles Sinn.

Sie schob das Tablet auf dem Tisch von sich weg, Schaute in die Weite und dachte nach. Sehr lange. Sehr gründlich. Sehr Margaret.

Drei Tage später nahm sie sich einen freien Nachmittag. Um vierzehn Uhr stand sie vor einem gepflegten Mehrfamilienhaus in der Kastanienstraße 17 im Stadtteil Brückental.

Ein ruhiger Stadtteil am Stadtrand von Altenhagen. Viel Grün. Viele Bäume. Viele Rentner. Die Art von Gegend, in der eine einzige falsch entsorgte Biotonne ganze Nachbarschaftsversammlungen auslösen konnte.

Vor dem Haus wartete bereits der Makler. Jürgen Schramm. Etwa vierzig. Bräunungsstudio-Gesicht. Blitzendes Lächeln. Blauer Anzug. Weiße Sneaker.

Margaret vermutete sofort, dass er häufig Wörter wie Lifestyle verwendete.

„Frau Weber!“

„Herr Schramm.“

„Schön, Sie kennenzulernen.“

„Ebenso.“

„Wollen wir direkt loslegen?“

„Sehr gern.“

Der Makler strahlte. „Sie werden begeistert sein.“

„Das sagen Sie vermutlich immer.“

„Natürlich.“

„Und wie oft stimmt es?“

„Selten genug, dass ich es weiterhin sagen muss.“

Margaret lachte. Zum ersten Mal seit Tagen.

Der Aufzug stand still. Eine handgeschriebene Notiz klebte an der Tür.

AUFZUG DEFEKT, Ersatzteil bestellt

Mit freundlichen Grüßen

Die Hausverwaltung

Darunter hatte jemand geschrieben: Das gleiche Schild hing schon 2024 hier.

Margaret betrachtete es. „Charmant.“

Der Makler räusperte sich. „Der Aufzug hat Charakter.“

„Mein Toaster hat auch Charakter. Er funktioniert trotzdem.“

„Sehr schlagfertig.“

„Ich arbeite daran.“

Sie stiegen die Treppen hinauf. Dritter Stock. Der Makler öffnete die Tür. Margaret trat ein. Und blieb stehen. Die Wohnung war nicht groß. Aber gemütlich.

Licht durchflutete Wohnzimmer und Küche. Ein kleiner Balkon zeigte auf eine Baumreihe. Die Räume wirkten freundlich. Ruhig. Unkompliziert.

Fast sofort konnte sie sich vorstellen, hier zu sitzen. Allein. Mit einem Buch. Und ohne Ausreden über parfümierte Aufzüge.

„Wie gefällt sie Ihnen?“

Margaret ging langsam durch die Zimmer. Betrachtete Fenster. Wände. Fußboden. Sie öffnete eine Schranktür. Schloss sie wieder.

Dann blieb sie in der Küche stehen. „Wann wurden die Geräte zuletzt erneuert?“

„Die Küche stammt aus den Neunzigern.“

„Mutig.“

„Wie meinen Sie das?“

„Dass sie immer noch steht.“

Der Makler lachte höflich. Margaret vermutete, dass er beruflich verpflichtet war, über Maklerwitze zu lachen. „Die Elektrik müsste teilweise modernisiert werden.“

„Mhm.“

„Das Bad wäre langfristig ebenfalls ein Projekt.“

„Mhm.“

„Und die Fenster—“

„Ich nehme sie.“

Der Makler verstummte. „Verzeihung?“

„Ich kaufe die Wohnung.“

„Jetzt sofort?“

„Ja.“

„Sie wollen nicht weiter überlegen?“

„Ich habe drei Wochen überlegt.“

„Drei Wochen?“

„Ja.“

„Dann wussten Sie schon vorher, dass Sie sie kaufen möchten?“

Margaret lächelte. „Herr Schramm, ich bin seit dreißig Jahren verheiratet.“

„Ja?“

„Wenn ich etwas entschieden habe, dann steht das bereits seit Wochen fest.“

Der Makler schüttelte beeindruckt den Kopf. „Ihr Mann wird sicher begeistert sein.“

Margaret sah aus dem Fenster. Auf die Bäume. Auf die Ruhe. Auf die Zukunft. Dann antwortete sie: „Mein Mann weiß noch nichts davon.“

„Oh.“

„Und fürs Erste soll das auch so bleiben.“

Der Makler wurde vorsichtig. „Darf ich fragen, warum?“

Margaret dachte kurz nach. Dann lächelte sie. „Nennen wir es eine Investition.“

„In Immobilien?“

„In Möglichkeiten.“

Der Makler sah sie verständnislos an.

Dann sagte sie: „Keine Sorge. Ich verstehe mich manchmal auch nicht.“

Als sie eine Stunde später wieder vor dem Haus stand und die Reservierungsunterlagen in ihrer Handtasche verschwanden, fühlte sie sich zum ersten Mal seit langer Zeit erstaunlich leicht.

Sie wusste noch nicht, wann sie die Wohnung brauchen würde. Vielleicht nie. Vielleicht in einem Jahr. Vielleicht schon bald.

Aber sie hatte einen Plan. Und Margaret Weber war eine Frau, die Pläne liebte.

Besonders jene, von denen niemand etwas wusste.

Nicht einmal ihr Ehemann.

Vor allem nicht ihr Ehemann.

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Gutes Schreiben

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Überzeugende Handlung

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Toller Charakter

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Starker Dialog

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Starker Dialog

author

Ich liebe Deine gute Beobachtungsgabe und Deinen trockenen Humor...Du schreibst und beschreibst das Auseinanderleben von langjährigen Partner sehr profund🤣🤣🤣🤣🤣🤣

2 Tage
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