P U R E
„Sie flirtete mit dem Leben und das Leben flirtete direkt zurück mit ihr, als wäre das Universum nur für sie lebendiger geworden. Alles spürte ihr Leuchten – im Tau, in den Sternen, in den Farben des Himmels. Es strahlte alles für sie, so hell es nur konnte, in der Hoffnung, ihren Blick einzufangen.“
SANFTES KLOPFEN an den großen Holztüren des Zimmers riss Freya aus ihrem tiefen Schlaf. Sie bewegte sich unter ihren warmen, schweren Decken und blinzelte ein paar Mal, während sich ihre Augen an das helle Morgenlicht gewöhnten.
Es klopfte erneut. Das siebzehnjährige Mädchen wuchtete ihren schläfrigen Körper in eine sitzende Position, zog das pastellrosa Nachthemd, das sich im Schlaf um ihre Hüften gerafft hatte, glatt und rieb sich mit beiden Fäusten die honigbraunen Augen.
„Herein“, rief sie und räusperte sich, um das morgendliche Kratzen loszuwerden.
Ein Kopf tauchte hinter der Tür auf. Die blauen Augen fixierten die zierliche Gestalt des Mädchens, die in dem riesigen Kingsize-Bett zwischen all den Kissen und Decken fast unterging. „Guten Morgen, Miss Karol“, sagte das Dienstmädchen, als sie das Zimmer betrat. Sie hielt ein silbernes Tablett in den Armen. „Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen.“
Ein Grinsen erhellte Freyas Gesicht. „Morgen, Kendra“, trällerte sie mit melodischer Stimme. „Ich habe sehr gut geschlafen, danke. Und wie geht es dir?“
Kendras höfliches Lächeln wurde herzlich, als sie auf das Mädchen hinabsah. Die Zofe hatte schon immer eine Schwäche für das kostbare, unschuldige Mädchen gehabt. Sie war so ganz anders als der Rest ihrer verbohrten Familie.
„Ich habe wunderbar geschlafen, Miss“, sagte Kendra ehrlich. Die restliche Familie war vielleicht nicht besonders freundlich zu ihr gewesen, aber der Job zahlte gut und ihr Zimmer war weitaus luxuriöser als das, was andere in ihrem Berufsstand bekamen.
„Gut“, strahlte Freya und sprang eifrig aus dem Bett, während Kendra das Tablett auf dem kleinen Tisch vor dem Fenster auf der rechten Seite abstellte. „Was gibt es heute zum Frühstück?“
„Waffeln mit Erdbeeren, Schlagsahne und geschmolzener Schokolade“, Kendra nahm den Deckel vom Tablett und präsentierte ihr Werk. „Dein Favorit.“
Ein verräterisches Rot stieg dem jungen Mädchen in die Wangen, während sie verlegen auf ihre Hände starrte. „Das hättest du wirklich nicht für mich tun müssen, Kendra“, sagte Freya leise.
Kendra zuckte nur mit den Schultern. Sie wusste, dass das Mädchen auch mit einer simplen Schüssel Müsli glücklich gewesen wäre, aber genau deshalb gab sich Freyas Zofe immer diese besondere Mühe, ihre Lieblingsspeisen zuzubereiten.
Freya konnte das Grinsen nicht verbergen, das sich beim Duft des Essens auf ihrem Gesicht ausbreitete. Sie hüpfte zum Tisch, setzte sich, ohne darauf zu warten, dass Kendra ihr den Stuhl zurechtückte, und fing begeistert an zu essen.
Kendra lächelte das junge Mädchen an, bevor sie das Zimmer verließ. Freya bemerkte das Gehen ihrer Lieblingszofe gar nicht, da sie sich gerade einen Erdbeere in den Mund schob und völlig abgelenkt war. Ihr Geist wanderte durch die Kleidung in ihrem teuren Kleiderschrank, während sie versuchte, ein Outfit für den ersten Schultag zusammenzustellen.
Ihre Eltern hatten versucht, sie davon zu überzeugen, dass ein Privatlehrer in der Sicherheit ihres eigenen Zuhauses viel besser wäre als die örtliche öffentliche Schule, doch Freya hatte abgelehnt. Sie war nicht so naiv, um nicht zu wissen, dass ihre Familie wohlhabend war. Während andere mit diesem Umstand geprahlt hätten, war es ihr eher peinlich. Aufgrund des Geldes und des Status ihrer Familie hatte sie im Leben ohnehin schon einen großen Vorteil, daher wollte sie zumindest in einem Aspekt ihres Lebens normal sein.
Also hieß es: Schule.
Freya beendete ihr Frühstück in Rekordzeit und eilte zu ihrem Kleiderschrank, da sie endlich eine Vorstellung davon hatte, was sie anziehen wollte. Sie schob die Türen ihres geräumigen begehbaren Kleiderschranks auf, und ihre Liebe zur Farbe Pink wurde sofort offensichtlich.
Der Schrank war auf Drängen ihrer Mutter fast übervoll mit zu kurzen Röcken und Designerblusen, auch wenn Freya es geschafft hatte, sie zumindest in ihren Lieblingsfarben zu bekommen.
Pink und Weiß.
Natürlich hatte ihre Mutter hier und da ein paar Rot- und Blautöne sowie etwas helles Grau eingeschmuggelt, aber das war alles, was Freya zuließ. Jedes andere Kleidungsstück landete ganz hinten in den Schubladen, um nie wieder gesehen zu werden.
Freya schauderte fast bei dem Gedanken an das eine Mal, als ihre Mutter versucht hatte, sie dazu zu bringen, Schwarz zu tragen. Schreckliche Erinnerungen.
Das Mädchen hüpfte zu der Stelle, an der ihre Blusen ordentlich hingen, und ließ ihre Hand über die verschiedenen Stoffe gleiten, bis sie die richtige fand. Eine leicht durchscheinende, weiße Bluse mit Knopfleiste, abgerundetem Kragen und kurzen Ärmeln. Sie grinste, sprang zu ihren Röcken, die in der gleichen Art hingen, und wiederholte den Vorgang, bis sie bei einem weißen Plisseerock ankam.
Eifrig nahm Freya das Kleidungsstück vom Bügel und legte es zusammen mit der Bluse auf den großen, runden Samt-Hocker, der stolz in der Mitte des Zimmers stand. Er war natürlich in einem warmen Pinkton gehalten. Sie schnappte sich ihr liebstes Paar pinke Vans, die zwischen ihren restlichen Schuhen standen, und stellte sie neben ihre Kleidung auf den Boden.
Als sie schließlich auf die Zeit achtete, streifte sie hastig das Baumwollkleid ab, das sie trug, und zog ihre Bluse über, während sie schnaufte. Sie hatte heute Morgen ein wenig zu lange gebraucht, um ihre Sachen auszusuchen.
Sie wurde endlich fertig, schlüpfte in ihre Schuhe und warf noch einen Blick auf die Wanduhr.
8:16
Ihre Augen weiteten sich leicht und sie rannte aus dem Zimmer, wobei sie sich schnell eine lange, pinke Wollstrickjacke und ihre weiße Schultasche schnappte. Sie raste die Treppe hinunter, sah dann ihr Spiegelbild und stieß fast einen Quietscher aus. Ihr von Natur aus welliges, rotes Haar war ein Chaos, und sie hatte keine Zeit mehr, es zu richten.
Sie stöhnte und betete zu Gott, dass ihr Fahrer einen Kamm dabei hatte, was er aus irgendeinem Grund immer zu haben schien. Wahrscheinlich wegen der vielen Male, die sie mit einem Vogelnest auf dem Kopf aus dem Haus gestürmt war.
Sie sprang Richtung Tür, als eine tiefe Stimme hinter ihr sie stoppte. Sie wirbelte herum und warf ihre Arme um den großen Mann. „Einen schönen Tag in der Schule, Prinzessin“, sagte Freyas Vater mit einer sanften Stimme, die nur für sie reserviert war.
„Werde ich haben, Papa“, kicherte Freya, bevor sie aus seiner Umarmung entwich und aus der Tür raste.
„Bis heute Nachmittag“, rief sie, bevor sie in das bereits geöffnete Auto schlüpfte. Sie bedankte sich bei Jon, ihrem Fahrer, der ihr zulächelte, bevor er die Tür hinter ihr schloss.
Als er auf den Fahrersitz glitt, öffnete Freya gerade den Mund, um nach einem Kamm zu fragen, doch da hielt er ihr schon die Hand entgegen – der gesuchte Gegenstand lag bereits in seiner Handfläche. Sie lächelte den freundlichen Mann verlegen an, nahm das Utensil entgegen und fuhr sich sofort durch ihre feurigen Locken.
Freya öffnete den Spiegel, der im Rücksitz des Fahrersitzes installiert war, und bürstete ihre Wellen so lange, bis sie präsentabel genug für die Öffentlichkeit aussahen.
Sie hatte sich gerade zufrieden zurückgelehnt, als Jon ihm erneut die Hand entgegenstreckte. Diesmal ruhte ein glattes, pinkes Band in seinem Griff, und sie grinste über seine Aufmerksamkeit. Sie bedankte sich und fing an, die vorderen Strähnen ihres Haares am Hinterkopf zu einer lockeren Krone zu flechten und die Enden mit dem Band zu verknoten.
Sie lehnte sich mit einem zufriedenen Lächeln zurück und fühlte sich ein wenig weniger nervös.
Doch das hielt nicht lange an. Als sie sich der Schule näherten, zog sich ihr Magen unangenehm zusammen und ihre Handflächen begannen zu schwitzen. Freya wusste, dass sie keinen Grund zur Angst hatte; jeder war so nett zu ihr und in der Schule lief es auch gut, aber diese Nervosität, die immer hochkam, wenn sie diesen Ort betrat, wurde sie einfach nie los.
Vielleicht lag es daran, dass sie – obwohl sie jeder anlächelte und ansprach – immer alleine unterwegs war. Nicht, dass es ihr viel ausmachte; sie hatte die Stille und den Komfort des Alleinseins schon immer bevorzugt, aber es wäre schön gewesen, jemanden an ihrer Seite zu haben. Das hätte ihr ein etwas wohleres Gefühl gegeben.
Freya seufzte, während sich ihre Mundwinkel dennoch elegant nach oben bogen. Selbst mit der Sorge wegen der Schule konnte sie nicht anders als glücklich sein; das würde gegen ihre Natur verstoßen. Egal was passierte, sie hatte immer ein echtes Lächeln auf den Lippen.
Jon hielt in der Drop-off-Zone vor den Treppen, die zum Hauptgebäude der Schule führten. Schüler eilten zu den Haupteingängen und erinnerten Freya schmerzlich an die Zeit. Sie sprang schnell aus dem Auto, winkte ihrem Fahrer zum Abschied und rannte in die Menge der Teenager.
Sie hielt den Riemen ihrer Tasche fest und drückte ihn an sich, während die Leute um sie herum drängten. Es schien jedoch, als würden alle kollektiv darauf achten, sie nicht zu grob zu berühren, und wenn es doch passierte, wurde sie mit einer Flut von Entschuldigungen überschüttet. Sie lächelte, löste sich schließlich aus der Menge und ging zu ihrem Spind. Es waren noch vier Minuten bis zum Beginn der ersten Stunde, also machte sich Freya keine großen Sorgen, während sie die Bücher für die ersten zwei Kurse in ihre Tasche packte.
Selbst wenn sie zu spät kommen würde, war sie sicher, dass sie keine großen Probleme bekommen würde; die Lehrer schienen immer ein Auge zuzudrücken, wenn sie eine oder zwei Minuten nach dem Klingeln reinkam. Sie schloss ihren Spind und ging durch den Flur, während Schüler um sie herum rannten. Die Luft war erfüllt vom Geräusch zuschlagender Spinde, dem üblichen Geplapper und einem schwachen Geruch von Rauch.
Selbst nach all den Jahren konnte sie nicht verstehen, warum die Leute überhaupt anfingen, an diesen Todesstäbchen zu nuckeln. Es war ja nicht so, als wüssten sie nicht, was das mit ihnen anstellte; man hatte es ihnen alle irgendwann beigebracht. Es blieb ihr ein Rätsel, warum jemand freiwillig sein Leben für einen kurzen Rausch verkürzen wollte.
Sie versuchte, nicht zu tief einzuatmen, als sie an einem besonders verrauchten Abschnitt vorbeikam, konnte aber das kleine Husten nicht verhindern, das aus ihrer Kehle drang. Ihre kleine Nase rümpfte sich angewidert, als sie der Geruch einhüllte. Sie rieb sich die Nase in der Hoffnung, den Gestank von ihren Sinnen fernzuhalten.
Sie passierte schließlich den Bereich, völlig ahnungslos, dass ein Paar dunkelgrüner Augen ihre zierliche Gestalt beobachtete, als sie das Klassenzimmer betrat. Freya atmete erleichtert auf, als der Geruch endlich verschwand, und setzte sich glücklich an ihren Platz in der vorderen Ecke des Raumes. Sie verschränkte die Arme auf dem Tisch, legte den Kopf darauf und beobachtete, wie die Leute tröpfchenweise in den Raum kamen.
Nicht eine einzige Person sah aus, als wollte sie hier sein. Selbst Freya sah auf ihre eigene Art so aus, als wäre sie lieber überall, nur nicht in diesem hell erleuchteten Klassenzimmer. Aber das war verständlich; alle waren noch im Ferienmodus und wollten sich nicht eingestehen, dass das Schuljahr endlich begonnen hatte. Doch es war so, und Freya dachte sich, dass es besser sei, diese Tatsache einfach zu akzeptieren und weiterzumachen.
Nach ein oder zwei Minuten tauchte schließlich der Lehrer auf, legte seine Sachen auf den Tisch und begann mit der Anwesenheitsliste. Freya gab ein gedämpftes „Hier“ von sich, während ihr Name aufgerufen wurde, den Kopf immer noch in ihre Arme gebettet. Sie ließ ihre Füße gelangweilt baumeln, wobei sie mit ihrer Körpergröße von 1,52 m den Boden gerade noch so berührte.
Während die Stimme des Lehrers vor sich hin brummte, schwangen plötzlich die Türen auf. Alle Köpfe drehten sich zur Geräuschquelle.
Ein Junge, oder besser gesagt ein Mann, betrat das Klassenzimmer. Der Geruch von Rauch haftete an ihm wie eine zweite Haut. Wenn Freya raten müsste, würde sie ihn auf etwa neunzehn Jahre schätzen. Er würdigte den armen, mittelalten Lehrer kaum eines Blickes, während dieser den Neuankömmling musterte. Die meisten Gesichter im Raum schienen ihn wiederzuerkennen, während andere, genau wie Freya, ihn nur verwirrt anstarrten.
Ein Junge aus der hinteren Reihe stand plötzlich auf und johlte, während er nach vorne ging. Er begrüßte den Typen mit einem „Bro Hug“.
„Schön, dass du wieder da bist, Mann“, sagte der Junge – den Freya nun als Jason wiedererkannte –, während er den anderen nach hinten begleitete.
Freya kam zu dem Schluss, dass der Junge schon hier gewesen sein musste, bevor sie an die Schule kam. Sie hatte vor ein paar Jahren die Schule gewechselt, nachdem eine besonders grausame Gruppe von Kindern sie im Flur ihrer alten Schule in die Enge getrieben hatte. Zum Glück war ihr hier so etwas noch nicht passiert.
Die Augen des Jungen scannten das Klassenzimmer. Er blieb keine Millisekunde an einem Gesicht hängen, bis sein Blick auf Freya landete. Dunkelgrüne Augen musterten das in Weiß und Rosa gekleidete Mädchen. Sein Blick wanderte über jede Welle ihres Haares, das sich über ihren Rücken ausbreitete und ihre puppenhaften Züge teilweise verdeckte.
Da sie sich von den Tattoos, die unter seinem schwarzen Hoodie und der Lederjacke hervorlugten, leicht eingeschüchtert fühlte, kuschelte sich Freya enger in ihre Arme und versteckte ihr Gesicht. Es fühlte sich besser an, wenn sie seine intensiven Augen nicht sehen konnte, die ihre Figur abscannten; doch das hielt sie nicht davon ab, seinen Blick zu spüren.
Schließlich setzten sich die beiden Jungen auf ihre Plätze, doch die Augen des Mannes wichen keine Sekunde von Freya ab. Das nervte sie ein wenig. Sie stieß ein kleines Schnauben aus und lugte vorsichtig über ihre Arme hinweg zu ihm herüber. Wie sie geahnt hatte, starrte er sie direkt an. Sein kräftiger Körper lehnte entspannt im Stuhl, ein Bein über das andere geschlagen, die massigen Arme vor der Brust verschränkt.
Freya war sich sicher, dass sie vor Scham im Boden versunken wäre, wenn er sie beim Starren erwischt hätte. Er tat es nicht, aber nicht jedes Mädchen im Raum schien so zu empfinden. Fast jedes dumme Püppchen starrte ihn schamlos an und bettelte förmlich um ein wenig Aufmerksamkeit. Als sie merkten, dass sein Blick fest auf jemand anderem lag, verengten sich ihre Augen und sie schauten in die Richtung, in die er blickte.
Doch als sie bemerkten, dass das Ziel seiner Aufmerksamkeit das kleine Mädchen in Pink in der Ecke war, weiteten sich ihre Augen. Sie schickten ihr ein entschuldigendes Lächeln zu. Freya beobachtete das neugierig. Sie war nicht so naiv, die Anziehungskraft des Mannes nicht zu bemerken; er war definitiv ansehnlich, aber sicher zählte der Charakter mehr als das Aussehen. Wollten sie den Typen nicht erst kennenlernen, bevor sie sich ihm an den Hals warfen?
Sie schüttelte den Kopf. Das Gehirn eines durchschnittlichen Mädchens war morgens um acht einfach zu schwer zu durchschauen. Kurz darauf klingelte es zur nächsten Stunde. Freya nahm ihre Tasche, strich ihren Rock und ihre Haare glatt und verließ das Zimmer.
Sie konnte immer noch den Blick auf ihrem Rücken spüren, aber sie ignorierte es und ging den Flur entlang. Sie schlängelte sich ohne Zeitverlust durch die Menschenmassen auf dem Weg zu ihrer ersten Stunde.
Englisch.
Keine Worte konnten ihre Begeisterung beschreiben, als sie herausfand, dass Englisch das Fach war, mit dem ihre Woche begann. Sie fand Trost in den Worten und Seiten der Bücher, egal welches Genre, und sie liebte es, Gedichte zu schreiben, auch wenn sie das selten vor anderen tat.
Ihr kleines Lächeln wurde breiter, als sie zusammen mit ein paar anderen Schülern den Englischraum betrat. Wie schon zuvor setzte sie sich in die Ecke, packte ihre Sachen aus und legte sie ordentlich vor sich auf den Tisch. Während sie wartete, kritzelte sie wahllos Formen auf ihren Handrücken. Ihre Haut war bald übersät mit schlecht gezeichneten Blumen und Ranken. Freya kicherte leise über ihr fehlendes künstlerisches Talent.
Nach und nach kamen weitere Schüler herein, aber erst als ein Paar raue Kampfstiefel auf dem Sitz neben ihr landeten, hob sie leicht den Kopf. Der Junge von vorhin saß nun neben ihr, doch seine Augen waren glücklicherweise nicht auf sie gerichtet.
Freya starrte etwas länger, als sie es wahrscheinlich hätte tun sollen, bevor sie sah, wie er den Kopf drehte. Sie schaute sofort wieder auf ihre Hand und zeichnete geistesabwesend Linien über ihre Fingerknöchel. Sie konnte seine Augen wieder auf sich spüren und ein unbekanntes Gefühl von Ärger stieg in ihr auf, während ihr Magen vor Nervosität einen Purzelbaum schlug. Sie konnte beim besten Willen nicht verstehen, warum er sie so sehr anstarrte. Sie kannte ihn nicht einmal.
Sie schaute wieder auf und traf direkt auf seine dunklen Augen. Ihr Magen zog sich zusammen, bevor ihr Herz plötzlich anfing, wie verrückt zu rasen. Sie war sich nicht sicher, ob es an der Nervosität lag oder an etwas ganz anderem.
Freya fühlte sich unter seinem anhaltenden Blick unwohl. Ihre Augen glitten zur Seite und sie räusperte sich leise. Sie sah wieder auf den Tisch und hob eine Hand, um ihre Haare hinter dem Ohr hervorzuholen. Sie ließ sie fallen, um ihr Gesicht vor dem Mann abzuschirmen. Die Aktion brachte ihr zwar kaum Erleichterung, aber sie nahm, was sie kriegen konnte.
Sie hörte, wie der Junge laut ausatmete und sich auf seinem Sitz bewegte, bevor ein weiteres Paar Füße in ihr Sichtfeld trat.
Penn – einer der beliebteren Jungen in der Schule – stand vor ihr, ein Grinsen im Gesicht. Freya hatte ihn immer für einen netten Menschen gehalten; er begrüßte sie stets mit einem Lächeln und versuchte selbst an ihren schüchternen Tagen ein Gespräch anzufangen.
Sie erwiderte sein Lächeln eifrig und war froh über die Ablenkung von dem grünäugigen Jungen neben ihr. „Morgen, Freya“, sagte er, und seine Augen funkelten bei ihrer Reaktion. „Wie war dein Sommer?“
Freya hellte sich bei der Erwähnung ihres Sommers ein wenig auf. Sie hatte sicherlich viele aufregende Dinge getan, auch wenn es ihr ein wenig peinlich war, zuzugeben, wie viel Geld ihre Eltern ausgegeben hatten. „Er war gut“, sagte sie leise und lächelte immer noch. „Überhaupt nicht langweilig.“
Freya wollte ihm nicht alles erzählen, was sie gemacht hatte, es sei denn, er fragte nach, und selbst dann würde sie es herunterspielen. Penn stieß ein amüsiertes Schnauben aus und setzte sich auf die freie Seite neben ihr. Freya drehte sich auf ihrem Stuhl zu ihm um und kehrte dem anderen Jungen effektiv den Rücken zu. „Meiner war es“, sagte er ironisch. „Ich habe die Schule fast vermisst.“
Freya kicherte über den armen Jungen, der mit ihr lachte. Plötzlich meldete sich eine raue Stimme hinter ihr zu Wort. „Ich dachte, du sagtest, die Nummer mit Lydia hätte das wettgemacht?“, fragte der grünäugige Junge.
Freyas Augen weiteten sich leicht. Plötzlich verspürte sie den Drang, sich die Ohren zuzuhalten, wie es ihr Vater getan hätte, wäre er hier gewesen. Penns Ausdruck wechselte zu Panik und Ärger, als er einen Blick auf Freya warf und dann den Jungen hinter sich anstarrte. „Ernsthaft jetzt, Mann?“, knurrte Penn.
Freya, die sich wieder nach vorne gedreht hatte, sah aus dem Augenwinkel, wie der grünäugige Junge mit den Schultern zuckte. „Ich sag ja nur“, sagte er teilnahmslos. „Du hast mir erzählt, dass ihre Beine und Titten...“
Freya schlug die Handflächen auf ihre Ohren, kniff die Augen fest zusammen und stieß einen kleinen Schrei aus. Wie Leute diese Worte überhaupt über die Lippen bringen konnten, würde sie nie verstehen. Sie fühlte sich schmutzig, nur weil sie zuhören musste.
Freya konnte leise hören, wie Penn mit erhobener Stimme auf den Jungen neben ihr einredete. „Alter, solche Sachen kannst du nicht vor ihr sagen!“, sagte er, fast schreiend. „Sie ist unschuldig!“
Der Junge ignorierte die Standpauke und konzentrierte sich stattdessen auf das kleine Mädchen neben sich. Freya hatte sich mit ihren Händen recht fest gegen die Ohren geschlagen und spürte nun die Nachwirkungen. Ihre Ohren und Schläfen brannten und sie verzog schmerzhaft das Gesicht.
Sie rieb die schmerzenden Stellen und murmelte ein „Aua“, als sie eine besonders empfindliche Stelle berührte. Plötzlich legte sich eine große Hand um ihr Handgelenk und zog es von ihrem Kopf. Grüne Augen untersuchten die rote Stelle mit gerunzelter Stirn. Freya hätte schwören können, dass sie einen Anflug von Sorge in seinen dunklen Augen sah, aber er war so schnell verschwunden, wie er gekommen war.
Sein schwieliger Daumen fuhr etwas zu grob über ihr gerötetes Ohr. Sie fühlte sich wie ein Baby, als ihr Tränen in die Augen schossen. Sie konnte Schmerz noch nie gut ertragen. Sie riss sich zusammen und unterdrückte die Tränen mit einem Schluchzen, das die Aufmerksamkeit des Jungen auf sich zog. Ein Blick in ihre tränengefüllten Augen reichte, und er stand aus seinem Stuhl auf, zog sie mit sich und führte sie aus dem Raum.
Die Finger des Jungen zuckten, als wollte er sie hochheben, doch er überlegte es sich anders. Er führte sie zur Mädchentoilette. Dass er nicht hineindurfte, schien ihn offensichtlich nicht zu kümmern, was Freya zutiefst schockierte. Sie versuchte sich zu wehren, aber der Junge war mindestens einen Kopf größer als sie und doppelt so breit; sie war ihm völlig unterlegen.
Sie schnaubte, als er sie durch die Schwingtüren stieß. Die wenigen Mädchen im Raum warfen einen Blick auf das Paar und ergriffen sofort die Flucht. Plötzlich lagen die Hände des Jungen unter Freyas Armen. Er hob sie hoch und setzte sie auf die Marmorablage.
„So verdammt winzig“, murmelte er vor sich hin, was Freyas Wangen erröten ließ.
„Bin ich nicht“, verteidigte sie sich leise. „Du bist einfach nur riesig.“
Der Junge stützte seine Arme beidseitig von ihr auf die Ablage und zog eine Augenbraue hoch, während ein leichtes Grinsen auf seine Lippen trat. „Bin ich das?“, fragte er. Sein Atem fächerte über ihre Nase und der Geruch von Rauch umgab sie erneut.
Sie rümpfte angewidert die Nase und nickte, was den Jungen zum Lachen brachte. „Du magst den Geruch von Zigaretten nicht, was?“, fragte er, obwohl er die Antwort bereits kannte.
Freya nickte wieder. „Er ist eklig“, war ihre einzige Antwort.
Der Junge stieß ein kurzes Lachen aus. Seine Hände zuckten erneut vor Verlangen, doch er konnte sich beherrschen.
Um sich abzulenken, machte er sich an die Arbeit. Er schnappte sich ein paar Papierhandtücher, feuchtete sie unter dem Wasserhahn leicht an und kam wieder auf sie zu. Vorsichtig hielt er das Papier an eines ihrer noch brennenden Ohren. Das kühle Wasser kühlte die Stelle sofort ab. Dann wiederholte er den Vorgang beim anderen Ohr. Freya gab ein zufriedenes Geräusch von sich und schloss die Augen; ihre Ohren fühlten sich jetzt viel besser an.
Der Junge atmete tief durch, als müsste er sich erst wieder sammeln. Dann warf er das nasse Papier in den Mülleimer und hob sie von der Ablage. Er setzte sie wieder auf den Boden. Seine Augen waren immer noch dunkel und unergründlich, während er auf sie hinunterstarrte.
Freya sah zu ihm auf, ihre braunen Augen weit und neugierig. Sie standen einen Moment lang so da, seine Hände hielten immer noch ihre kleinen Hüften fest. Der Junge schien etwas zu begreifen und durchbrach das angenehme Schweigen zwischen ihnen.
„Mein Name ist Falcon“, sagte er und lächelte das Mädchen sanft an – auf eine Weise, von der er wusste, dass er so für den Rest seines Lebens nie wieder jemanden anlächeln würde.