Eins
Dieses Buch ist noch nicht fertig und wurde bisher nicht lektoriert. Ich lese mir jedes Kapitel einmal durch und korrigiere grobe Fehler. Ein finales Lektorat folgt erst, wenn die Geschichte abgeschlossen ist. Dabei kann es noch zu größeren oder kleineren Änderungen an der Handlung kommen.
Ich habe das Gefühl, dass mein Schreibstil im Laufe der Geschichte besser wird.
Dieses Buch ist eine Slow-Burn Dark Romance und enthält Inhalte für Erwachsene. Es werden sensible Themen behandelt, die auf manche Leser triggernd wirken können (z. B. Gewalt, Missbrauch, Kindesmissbrauch, explizite Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Essstörungen, Selbstverletzung und Suizid). Zudem kommen Themen wie Diskriminierung (z. B. Sexismus, Sexualität) vor.
Dieses Buch thematisiert eine missbräuchliche Beziehung. Falls du selbst in einer solchen steckst, romantisiere das bitte nicht. Suche dir Hilfe oder versuche, die Situation zu verlassen.
(Unredigiert)
Damaris Rana
„Bleib stehen, du Sohn einer Hündin!“
Der Regen peitscht mir ins Gesicht. In meinen Ohren dröhnt das Geräusch meiner schwarzen Stiefel, die auf den nassen Asphalt hämmern. In der Nässe spiegeln sich die Neonlichter der Läden um mich herum. Meine schwarze Jeans und der schwarze Hoodie sind völlig durchnässt und kleben schwer an meinem Körper. Mit meinen 1,62 Metern schlängle ich mich durch eine Gruppe von Männern und leicht bekleideten Frauen. Sie warten vor einem exklusiven Club. Viele halten Regenschirme hoch. Ein paar versuchen vergeblich, sich mit ihren Handtaschen oder Jacken vor dem Regen zu schützen. Einige funkeln mich wütend an, weil ich sie im Vorbeirennen anremple.
Ich werfe einen Blick über die Schulter. Der Typ, der mich verfolgt, ist etwa eins achtzig groß, hat eine Glatze und ist stinksauer. Wegen seiner breiten Statur hat er Mühe, durch die Menge zu kommen. Er rammt jeden aus dem Weg, der ihn aufhält, und erntet dafür wütende Beschimpfungen. Als er gerade von einem verärgerten Passanten abgelenkt ist, biege ich in eine Gasse ab. Ich renne los und ducke mich hinter einen Müllcontainer. Ich warte, bis er am Eingang der Gasse vorbeiläuft. Und tatsächlich: Kurz darauf rennt er an mir vorbei.
Ich richte mich auf und gehe tiefer in die Gasse hinein. Dabei ziehe ich meine Beute heraus. Laut Führerschein gehört das Portemonnaie einem gewissen John Lee. Ich finde 135 Dollar darin. Nicht schlecht. Die meisten Leute haben heutzutage nur noch Plastik dabei, deshalb ist das ein echter Glücksgriff. Ich stecke das Geld ein und werfe die Geldbörse in den nächsten Container.
Ich ziehe die Kapuze herunter und rücke meine schwarze Kurzhaarperücke zurecht. Zum Glück benutze ich wasserfestes Make-up, um mein Gesicht maskuliner zu schminken. Es wäre echt mies, wenn meine Tarnung einfach wegschmelzen würde und er mein wahres Gesicht sähe.
Meistens merken meine Opfer erst viel später, dass sie bestohlen wurden. Dann bin ich längst über alle Berge. Heute habe ich es aber vermasselt. Mir ist ein Anfängerfehler unterlaufen: Ich habe das Portemonnaie direkt nach dem Klauen fallen gelassen. Ich habe es geistesgegenwärtig vom Boden geschnappt und bin losgerannt, während John noch völlig perplex war. Ich mache das jetzt seit sieben Jahren – und ich bin erst zweiundzwanzig. Da erkennt man schnell, ob jemand zur Verfolgung ansetzt. Er hatte schon gemerkt, dass ich ihn beklaut hatte. Er sah so wütend aus, dass er mich sowieso gejagt hätte. Also warum nicht mit der Beute abhauen? Wenn ich entkomme, habe ich die Kohle und er kann der Polizei nur eine falsche Beschreibung geben. Und wenn sie mich schnappen... Tja, dann wäre ich so oder so am Arsch, weil er mich auf frischer Tat ertappt hat. Er hätte mir sicher nicht geglaubt, dass er es verloren hat. Es steckte nämlich in einer ziemlich tiefen Tasche.
Ich biege rechts in eine andere Gasse ab, um in die entgegengesetzte Richtung von John zu gelangen. Diese Gasse liegt hinter dem exklusiven Club. Ich glaube, auf dem Schild vorne stand „Chaos“. Man sagt, das sei ein Schuppen für die Superreichen. Angeblich gehört der Club drei Brüdern, Drillingen. Man erzählt sich, dass sie eiskalt und skrupellos sind. Ihnen geht es nur um Macht. In Kanada sind sie bereits die mächtigsten Männer, vielleicht sogar in ganz Nordamerika oder der Welt. Sie scheren sich nur um Leute mit Geld und Einfluss, aber das ist ja nichts Neues. Die meisten Leute, die da vorne Schlange stehen, kommen sowieso nicht rein. Sie gehören nicht zur Elite und verschwenden ihre Nacht im kalten Regen, nur in der Hoffnung auf eine Chance.
Als ich die Gasse hinter dem Chaos betrete, sehe ich fünf Männer. Sie stehen mitten im Weg beim Hintereingang des Clubs. Wäre ich als Mädchen verkleidet, würde ich sofort umdrehen. Ich hätte keine Lust auf besoffene Widerlinge. Aber heute trage ich meine Tarnung.
Wenn ich als Leo Dharan unterwegs bin, fühle ich mich sicher. Als Typ lässt man mich in Ruhe. Die Typen, die sich im Dunkeln herumtreiben, suchen nach wehrlosen jungen Mädchen. Einmal hat mich ein schwuler Typ belästigt. Er dachte wohl, weil ich kleiner bin, hätte er leichtes Spiel. Pech für ihn, ich hatte ein Springmesser dabei. Als ich es zückte, hat er ganz schnell das Weite gesucht.
Ich nutze meine männliche Tarnung immer, wenn ich auf Diebestour bin oder Gelegenheitsjobs annehme. Meistens soll ich dann für jemanden etwas Bestimmtes stehlen. So kann ich den Cops und Leuten, die sich rächen wollen, leichter entwischen. Während sie nach einem Kerl suchen, habe ich mich längst umgezogen und spaziere als Frau seelenruhig an ihnen vorbei.
Von den fünf Männern in der Gasse stehen drei mit dem Rücken zu mir. Sie haben schwarze Haare. Die anderen zwei knien vor ihnen und scheinen zu betteln. Ganz leise schleiche ich weiter voran. Ich hoffe, dass ich unbemerkt vorbeikomme.
Je näher ich komme, desto deutlicher sehe ich, dass die beiden am Boden zittern. Ihre Gesichter sind voller Verzweiflung. Sie schauen genau in meine Richtung. Das Licht über der Tür spiegelt sich in ihren Tränen. Ich bleibe stehen und rühre mich nicht mehr. Ich will nicht in diese Sache hineingezogen werden. Es sieht verdammt ernst aus. Wenn zwei erwachsene Männer weinen, zittern und betteln, ist nicht zu spaßen. Ich glaube, einer von ihnen hat sich sogar in die Hose gemacht. Ich beschließe, mich im Hintergrund zu halten und zu warten, bis sie fertig sind.
„B-b-bitte, M-Master, haben Sie G-Gnade. Es w-war nicht meine S-Schuld. Harry h-hat nicht nachgesehen“, stammelt der linke Mann auf den Knien. Harry schüttelt heftig den Kopf, seine Augen sind weit aufgerissen.
„N-nein, ich h-habe sie nicht reinkommen s-sehen“, antwortet Harry panisch.
„Das ist wirklich schade. Ich dachte eigentlich, ich hätte fähiges Personal, das meine Geschäfte regelt“, sagt der größte der drei schwarzhaarigen Männer mit einem Seufzer. Alle drei wirken deutlich größer als eins achtzig. Seine Stimme ist so tief und rauchig, dass mir ein wohliger Schauer über den Rücken läuft.
„Da stimme ich dir zu, Alec. Wer hätte gedacht, dass wir solche Vollidioten für so einen wichtigen Job eingestellt haben. Sie haben die Typen einfach reinspazieren lassen, damit sie Stress machen und unser Treffen ruinieren. Ihr Abschaum wart zu blöd für die einfachste Aufgabe der Welt: eine Karte anzuschauen und zu entscheiden, ob es eine VIP-Karte ist oder nicht. Wegen eurer nicht vorhandenen Gehirne habt ihr unsere Pläne versaut!“, brüllt der Mann rechts. Seine Stimme lässt mich erneut erschaudern. Er ist wohl ein paar Zentimeter kleiner als Alec, wirkt aber von den dreien am muskulösesten.
„Jace, hör auf zu schreien. Du erregst sonst noch Aufmerksamkeit“, maßregelt ihn der dritte im Bunde. Er ist der Kleinste der drei, wirkt aber streng und genervt. Diesmal unterdrücke ich den Schauer, den seine Stimme auslöst. „Sie werden sich trotzdem ergeben. Sie wären schön dumm, nein zu sagen. Sie wissen genau, dass wir sie nur verschonen wollen, damit wir uns nicht die Mühe machen müssen, sie alle umzubringen. Sie wurden nur von den Kötern erschreckt, die diese zwei Idioten haben durchschlüpfen lassen“, sagt er zu Jace.
„Luca hat recht. Sie wissen, dass sie so gut wie tot sind, wenn sie nicht aufgeben“, sagt Alec zu Jace. Bei dieser Antwort scheinen sich die beiden knienden Männer ein wenig zu entspannen. „Aber wie dem auch sei, für euch zwei war es das. Ihr habt versagt und hättet unser Geschäft gefährden können.“
Bevor die beiden Männer begreifen, was er gerade gesagt hat, schlägt Alec zu. Er packt Harry am Kopf und bricht ihm mit einem Ruck das Genick. Noch bevor der leblose Körper auf den Boden sinkt, bricht er auch dem anderen das Genick. Beide fallen reglos zu Boden. Sie sind tot. Ein entsetzter Keuchlaut entweicht mir, bevor ich den Mund halten kann.
Alle drei Männer reißen gleichzeitig ihre Köpfe in meine Richtung. Trotz meiner panischen Angst kann ich nicht anders, als zu bewundern, wie verdammt gut sie aussehen. Man sieht sofort, dass sie verwandt sind. Sie ähneln sich stark, aber man kann sie trotzdem gut unterscheiden. Besonders ihre Augen, Haare und ihr Gesichtsausdruck sind verschieden. Alec hat blaue Augen und sieht stinksauer aus. Seine Haare sind an den Seiten kürzer und oben länger, glatt nach hinten gestylt – ein sehr eleganter und mächtiger Look. Jaces Augen sind grün und er wirkt leicht schockiert. Auch seine Haare sind an den Seiten kurz, aber oben sind sie im Gegensatz zu Alecs Look unordentlich, lässig und leicht lockig. Luca trägt eine Brille mit schwarzem Gestell vor seinen grauen Augen. Sein Gesichtsausdruck ist völlig teilnahmslos. Seine Haare sind länger als bei den anderen und zu einem Man Bun hochgebunden.
„Ich w-werde kein Wort über das verlieren, was ich gesehen habe“, stammele ich mit absichtlich tieferer Stimme. Langsam versuche ich, den Rückzug anzutreten. Wenn ich hier lebend rauskomme, betrete ich dieses Viertel nie wieder als Leo – vielleicht sogar überhaupt nicht mehr.
Alec kommt langsam auf mich zu, Jace und Luca folgen ihm mit kurzem Abstand. Als sie näher kommen, erstarren sie plötzlich alle drei. Ich sehe, wie sie die Nasen rümpfen und hörbar die Luft einsaugen. Was auch immer sie in der Nachtluft gerochen haben – ihre Augen werden plötzlich pechschwarz... Ich blinzle mehrmals, weil ich glaube, ich sehe nicht richtig.
Nein. Immer noch schwarz. Vielleicht habe ich stressbedingte Halluzinationen.
In ihren Gesichtern spiegelt sich erst Schock und Unglauben wider, dann stoßen sie alle ein tiefes Knurren aus...
Knurren?
„Das darf ja wohl nicht wahr sein!“, brüllt Jace und fasst sich an den Kopf. „Ich bin nicht schwul! Der einzige Schwanz, den ich mag, ist mein eigener Riesenprügel, besonders wenn er tief in einer engen, feuchten Muschi steckt!“
„Das muss ein Irrtum sein. Unser Mate kann kein Kerl sein. Auf keinen Fall. Ich stehe nicht auf Männer. Vielleicht war er in der Nähe unseres echten Mates und hat ihren Duft angenommen“, sagt Alec. Er wendet sich an die anderen beiden und fährt sich mit der Hand durch sein schwarzes Haar.
„Es gibt keinen Irrtum. Ich weiß, dass keiner von uns schwul ist, das hätten wir längst gemerkt. Aber der Duft ist viel zu stark, als dass er ihn nur gestreift haben könnte. Und als ich ihm in die Augen sah, habe ich die Anziehung gespürt. Ihr sicher auch. Er ist unser Mate“, sagt Luca und reibt sich übers Gesicht. Jace stößt daraufhin einen ungläubigen Schrei aus.
Während sie damit beschäftigt sind, was auch immer für einen Mist zu besprechen, drehe ich mich um. Ich renne so schnell und leise wie möglich aus der Gasse.
„Vielleicht hat die Göttin den kleinen Kerl für ein Mädchen gehalten, als sie...“, ist das Letzte, was ich Jace sagen höre. Ich gebe ordentlich Gas. Die drei sind so vertieft in ihr Gespräch, dass sie meine Flucht gar nicht bemerken.
Als ich die Hauptstraße erreiche, renne ich auf ein Taxi zu. Es hält gerade an, um zwei betrunkene Mädchen einzusammeln, die auf dem Bürgersteig sitzen. Ich springe hinein, bevor die beiden sich überhaupt richtig aufrappeln können. Völlig panisch weise ich den Fahrer an, mich schnell ans andere Ende der Stadt zu bringen. Ich will nicht riskieren, dass sie mein Verschwinden bemerken, bevor ich wirklich weg bin.
In der Nähe meiner Bleibe bezahle ich das Taxi und steige aus. Mein Zuhause ist ein verlassenes Industriegebäude. Ich habe es vor ein paar Jahren entdeckt, als ich mich vor ein paar Typen verstecken musste, die mich beim Klauen erwischt hatten. Ich habe das Gebäude erkundet und festgestellt, dass man im obersten Stockwerk eigentlich ganz gut wohnen kann. Ich musste nur ein paar Sachen besorgen. Ein großer Vorteil ist, dass ich fast mein ganzes Geld behalten kann, statt es für Miete auszugeben. Ein Gasheizstrahler hält mich warm und auf einem tragbaren Gaskocher mache ich mir Essen warm. Eigentlich koche ich nicht gerne und kann es auch nicht besonders gut, deshalb gibt es meistens nur Instant-Nudeln.
Ich lasse mich auf meine Matratze fallen. Sie liegt direkt auf dem Boden an einer Fensterwand. Ich überlege hin und her, ob ich die Bullen rufen soll. Schließlich ist da gerade ein Doppelmord passiert. Ich weiß, ich bin selbst kriminell und unter Verbrechern verpfeift man sich nicht. Aber ich bin nur ein Dieb. Das, was ich da gesehen habe, war Mord. Das ist eine ganz andere Hausnummer.
Je mehr ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, dass die Typen wohl öfter Leute umbringen. Dieser Alec hat sie so verdammt schnell getötet, ohne zu zögern oder sich Sorgen zu machen. Wahrscheinlich haben sie das schon oft getan. Vermutlich haben sie die Leichen längst weggeschafft und alle Beweise vernichtet. Wenn ich sie verpfeife, landen sie sicher nicht im Knast, sondern setzen mich auf ihre Abschlussliste. Und darauf will ich ganz bestimmt nicht stehen.
Nach einigem Grübeln beschließe ich, so zu tun, als wäre heute Nacht nichts passiert. Die Polizei zu rufen bringt die beiden Toten auch nicht wieder zurück. Es würde diese drei Mörder nur noch mehr reizen und ihnen einen Grund geben, Jagd auf mich zu machen. Mein Überlebensinstinkt ist in diesem Fall einfach stärker als mein Gerechtigkeitssinn. Ja, auch wenn ich klaue, habe ich so etwas wie einen Gerechtigkeitssinn.
Ich versuche, den Kopf frei zu bekommen, stehe auf und mache mich bettfertig. Ich bin körperlich und geistig völlig am Ende. Das war eine verdammt lange Nacht.