Prolog
Ich rannte immer weiter, während der Regen mir die Sicht nahm. Das Wasser klebte an den gesprungenen Gläsern meiner Brille. Baumzweige verfingren sich in meinen Haaren und rissen am Stoff meiner zerlumpten Kleidung. Überall auf meiner nackten Haut bildeten sich neue Kratzer. Die frischen Wunden an meinem schwachen Körper schmerzten. Mit jedem verzweifelten Schritt taten auch meine blutenden, nackten Füße weh.
Ich stolperte und stürzte, als sich ein spitzer Ast in meinen Fuß bohrte. Hart schlug ich auf Händen und Knien auf. Äste und Dreck auf dem Waldboden stachen in meine Haut. Aber ich konnte nicht anhalten, um meine Wunden zu säubern. Ich musste weiterlaufen. Stolpernd rappelte ich mich wieder auf und rannte so schnell ich konnte.
Plötzlich brach ich aus den Bäumen hervor auf eine Lichtung. Dort stand ein verlassenes Gebäude. Das dreistöckige Haus bestand aus rissigem Beton voller Graffiti. Die Natur hatte sich den Ort bereits zurückgeholt. Moos wuchs an den Wänden und Ranken kletterten durch die Risse an der Außenwand. Die Fensterreihen waren so schmutzig, dass man nicht hindurchsehen konnte. Die meisten Scheiben waren gesprungen oder zerbrochen.
Ich wusste, dass ich nicht mehr lange rennen konnte. Also spurtete ich zum Gebäude und kletterte durch ein kaputtes Fenster, in der Hoffnung, mich dort verstecken zu können. Gerade als ich drinnen war, blieb mein grauer Ärmel an einer scharfen Glaskante hängen. Es riss mich zurück. Das dreckige Glas schnitt tief in meinen linken Oberarm. Auch mein Unterarm wurde aufgeschlitzt, als ich mich abfing, um nicht rückwärts zu fallen. Ich zischte vor Schmerz. Trotzdem drang ich tiefer ins Gebäude ein. Ich spürte das warme Blut, das aus der Wunde meinen Arm hinunterlief.
Ich rannte den dunklen Flur entlang. Meine Augen suchten das verfallene Gebäude hektisch nach einem Ort ab, an dem
er
mich nicht finden konnte. Ich kam zu einer Treppe und entschied mich sofort, nach oben zu gehen. Ich dachte mir, dass er länger brauchen würde, um mich zu finden, wenn ich mich weiter oben versteckte. Er müsste dann erst die unteren Etagen absuchen.
Ich hatte gerade den zweiten Stock erreicht und wollte zum dritten hinauf. Da hörte ich eine Stimme. Ein unangenehmer Schauer lief mir über den Rücken und meine Hände zitterten vor Angst.
„Eins, zwei, drei, vier, Eckstein, alles muss versteckt sein“, sang er mit einer gruseligen Melodie, bevor er ein schreckliches Lachen ausstieß.
Ich holte zittrig Luft und stieg weiter nach oben. Ich achtete penibel darauf, kein Geräusch zu machen, das mich verraten könnte. Im dritten Stock sah ich aus einem der kaputten Fenster im Flur. Ich prüfte, wie tief ich springen müsste, falls er mich in die Enge trieb. Wäre ich körperlich fit, hätte ich den Sprung aus dieser Höhe mit ein paar Knochenbrüchen vielleicht überlebt. Aber in meinem jetzigen Zustand würde ich wahrscheinlich sterben.
Wenigstens wäre ich dann frei von ihm...
Ich wandte mich ab und schlich weiter den Flur entlang. Das Licht des Vollmonds stand hoch am Himmel und war die einzige Quelle, die meine Umgebung erhellte. Ich fand einen Raum, in dem die morsche Holztür fast aus den Angeln fiel. Sie stand aber noch so schief im Rahmen, dass in der Ecke ein Spalt zum Durchkriechen blieb. Ich entschied mich für diesen Raum. Alle anderen Zimmer hatten entweder gar keine Türen oder solche, die kaum Schutz boten.
Im Zimmer angekommen, kniff ich die Augen zusammen, um etwas zu erkennen. Es war dunkel. Nur durch den Türspalt fiel ein wenig Licht, das aber nicht weit reichte. Das Mondlicht schien nicht durch das kleine Fenster an der gegenüberliegenden Wand. Ich konnte draußen nur beleuchtete Bäume sehen. Der Mond stand auf der anderen Seite des Gebäudes, also kam kein Licht herein. Ich schlich vorsichtig vorwärts. Ich wollte nirgendwo gegenstoßen, was seine Aufmerksamkeit erregen könnte.
„Komm heraus, wo immer du bist“, sang seine unheimliche Stimme wieder auf diese schreckliche Art.
Ich blieb wie erstarrt stehen. Seine Stimme klang nicht weit weg, als wäre er in einem anderen Stockwerk. Sie klang ganz nah, als stünde er direkt draußen im Flur.
Meine Augen weiteten sich und ich atmete scharf ein. Ich spürte, wie das Blut von meinen Fingerspitzen tropfte. Mir wurde klar, dass ich eine Spur hinterlassen hatte, die direkt zu mir führte. Meine Panik wuchs, als ich seine langsamen Schritte hörte. Der Lichtschein seiner Taschenlampe traf genau den Spalt in der Tür, durch den ich gekommen war. Das Blut auf dem Boden leuchtete hell im Licht auf.
Das Geräusch seiner Schritte stoppte direkt vor der Tür. Ich spürte einen Luftzug auf meiner Haut. Der Wind wurde stärker, bis er heftig um mich herum wirbelte und meine dunklen Haare peitschte. Ein leises Pfeifen füllte den Raum. Der Wind war so stark, dass er auf der Haut brannte wie lauter Bienenstiche. Das schrille Pfeifen klang plötzlich wie Geflüster in einer fremden Sprache. Es wurde immer lauter, bis es sich wie Kreischen anhörte. Mitten in diesen unverständlichen Worten hörte ich sieben unheimliche Worte ganz deutlich. Dann fühlte es sich an, als würde ich in einen endlosen Abgrund aus Dunkelheit stürzen.
„Du kannst rennen, aber du kannst dich nicht verstecken.“