Die Begegnung
Cora
„Cora!“ Steves Stimme brüllte durch die schwere Tür, während seine Faust dagegen donnerte. Ich schreckte aus dem Schlaf auf.
„Ja, komm rein!“, schrie ich zurück. Ich setzte mich auf und rieb mir den Schlaf aus den Augen. Die Tür flog auf und das grelle Neonlicht vom Flur blendete mich einen Moment lang.
„Ein Kinderfall kommt rein, sie brauchen dich im Schockraum. Vierjähriges Mädchen, Fieber, Herzrasen, Atemnot und Krampfanfall. Keine Vorerkrankungen. In acht Minuten sind sie da“, ratterte er runter. Ich warf die Decke beiseite, kletterte aus dem schmalen Bett und suchte meine Schuhe.
„Wo ist Doc Roberts?“, fragte ich. Ich angelte mit dem Fuß unter dem alten Metallgestell nach dem zweiten Clog, den ich auf dem Boden entdeckt hatte.
„Steph versucht ihn zu finden und Tracy lässt ihn schon ausrufen. Miller ist bereits im Schockraum.“
„Wunderbar“, murmelte ich vor mich hin. Als wäre es nicht schon schlimm genug, mitten in der Pampa ein todkrankes Kind ohne die nötigen Mittel zu haben. Jetzt musste ich mich auch noch mit so einem dämlichen Leiharzt herumschlagen, der keine Ahnung von Tuten und Blasen hatte.
Ich schnappte mir mein Haargummi vom Nachttisch. Steve hielt mir die Tür auf und wir eilten den Flur entlang. Wir ließen die Aufzüge links liegen und nahmen die Treppe. Wir joggten das eine Stockwerk hoch ins Erdgeschoss und betraten unsere kleine Notaufnahme durch den Hintereingang. Ich band mir die Haare locker zusammen, als wir uns dem Schockraum näherten. Ich musste mir fest auf die Zunge beißen, um unserem lieben Dr. Miller nicht die Meinung zu geigen. Er steckte in voller Montur: Kittel, Gesichtsschutz und Bleischürze, als würde er gleich ein Opfer mit Schusswunden operieren. Kurz fragte ich mich, ob es ihn trotz der ganzen Ausrüstung ordentlich schmerzen würde, wenn ich ihm fest in die Eier träte.
Julie, unsere frischgebackene Krankenschwester, kam zu uns in den Raum. Wir zogen OP-Masken und Handschuhe an und warteten an der Tür auf die Sanitäter mit dem kleinen Mädchen. Wir sahen, wie der Krankenwagen um die Ecke auf den Parkplatz bog. Das Blaulicht flackerte hell in der Abendsonne. Da zog sich dieses altbekannte Knäuel aus Angst in meiner Brust zusammen. Ich faltete die Hände und sprach ein stilles Gebet für das kleine Mädchen. Als der Fahrer rückwärts ranfuhr, heraussprang und förmlich rannte, um die Hintertür zu öffnen, wusste ich: Es steht schlecht.
Steve, Julie und ich liefen nach draußen zur Trage. Der leitende Sanitäter berichtete sofort, was passiert war und welche Medikamente sie unterwegs gegeben hatten. Ich sah auf das Mädchen hinunter. Sie hatte einen Kopf voller dunkelgoldener Locken. Ihre Augen waren fest zusammengepresst, Tränen liefen ihr über die Wangen. Ihr Weinen war gellend und ging durch Mark und Bein. Es war diese Art von Schreien, mit der Kinder ausdrücken, dass sie ihren Schmerz und ihre Angst nicht anders erklären können. Ich schob meine Maske unters Kinn und wischte ihr mit ihrer Decke die Tränen aus dem Gesicht.
„Mia, Schätzchen. Ich bin Krankenschwester Cora, und das sind meine Freunde Steve und Julie. Wir passen gut auf dich auf, okay?“, sagte ich mit sanfter Stimme.
„Ich will zu Papi!“, schrie sie und schluchzte heftig.
„Er ist sicher gleich hier, Süße.“ Ich strich ihr durch das Haar und schenkte ihr ein Lächeln.
Drinnen hievten wir sie von der Trage auf unser Bett. Da stürmte ein großer Mann mit dunklem Bartstoppeln durch die Doppeltür. Sein kräftiger Körper ließ auf einen harten körperlichen Job schließen. Er nahm seinen Cowboyhut ab und blickte sich panisch um. Sobald er sie sah, stürmte er verzweifelt auf uns zu. Seine Stiefel knallten bei jedem Schritt laut auf den Boden. Ich bemerkte, dass Mia aufgehört hatte zu weinen. Ihr Blick wurde starr – ein Ausdruck, den ich schon viel zu oft gesehen hatte. Ich stieß Steve mit dem Ellbogen an. Er sah mich an, ich nickte in Richtung des Mannes, der offensichtlich Mias Vater war. Steve verstand sofort und überließ Mia mir und Julie.
„Wo will er hin?“, fragte Julie mit großen Augen.
„Er wird den Vater da draußen beruhigen, während wir sie hier drin in aller Ruhe versorgen“, erklärte ich. Ich schnappte mir den Notfallwagen und brach das Siegel auf.
„Was hat sie denn?“
Bevor ich antworten konnte, bog sich Mias Rücken nach oben. Sie erlitt einen schweren Krampfanfall. Ich schaltete den Sauerstoff ein, schloss den Schlauch an und hielt ihr die Maske vors Gesicht, während ihr kleiner Körper bebte. Ich blickte immer wieder auf die Uhr. Ich zählte die Sekunden, in denen Mia nicht richtig atmen konnte. Ich wies Julie an, das Ativan zu suchen. Dr. Miller schlenderte näher und verschränkte die Arme. Er sah einfach nur zu, wie wir die ganze Arbeit machten.
„Geben Sie ihr zwei Milligramm Ativan intravenös, damit sie aufhört zu krampfen“, ordnete er an.
„Warte“, sagte ich zu Julie. Ich zog meine Maske wieder hoch, damit dieser Idiot meine Lippen nicht lesen konnte. „Spritz nur 0,5“, wies ich sie bestimmt an. „Wenn du die vollen zwei Milligramm gibst, hört das Krampfen zwar auf, aber sie bekommt einen Atemstillstand. Dann müssen wir sie intubieren. Zwei Milligramm ist eine Dosis für Erwachsene, nicht für Kinder. Spritz es einfach langsam, er merkt das sowieso nicht. Roberts ist jedenfalls gleich hier und unterschreibt den Bericht.“
„Alles klar“, antwortete sie leise und tat genau das, was ich gesagt hatte.
Nach fast einer Minute entspannte sich Mias Körper endlich. Ich beobachtete ihren kleinen Brustkorb und wartete darauf, dass er sich wieder hob und senkte. Gleichzeitig griff ich nach dem Beatmungsbeutel auf dem Wagen. Ein Blick auf den Monitor verriet mir erleichtert, dass ihr Herzrhythmus regelmäßig war, wenn auch durch den Anfall beschleunigt. Ich schloss den Sauerstoff an den Beutel an, setzte die Maske auf Mias Mund und neigte ihren Kopf nach hinten. Ich drückte die Maske fest an und begann mit der Beatmung.
„Bringen Sie mir das Besteck, wir intubieren“, befahl Dr. Miller Julie.
„Noch nicht. Sie ist in der Nachphase, sie braucht nur einen Moment, um sich zu erholen“, hielt ich dagegen und starrte weiter auf die Monitore.
„Wie bitte, Schwester?“, giftete er. Ich spürte förmlich, wie sich sein Blick in mich bohrte.
„Bei allem Respekt, Herr Doktor“, begann ich und sah ihm fest in die Augen. „Meine Patientin wird durch die Beutelbeatmung bestens mit Sauerstoff versorgt. Sie hatte gerade einen Anfall und ihr Gehirn braucht Zeit, um wieder die Kontrolle zu übernehmen. Ich lasse nicht zu, dass Sie einen unnötigen Eingriff an einem kleinen Mädchen vornehmen, das schon genug durchmacht.“ Ich sah wieder zu Mia hinunter. Sie fing an, ihre Arme und Beine zu bewegen. Dann blickte ich zurück zum Monitor.
„Wie können Sie es wagen!“, schrie er. „Ich sorge dafür, dass man Sie aus diesem Krankenhaus wirft und Ihnen die Zulassung entzieht!“
„Das will ich sehen“, spottete ich mit einem Lachen, genau in dem Moment, als Mia anfing, die Maske wegzuschieben.
„Gibt es hier ein Problem?“, fragte Dr. Roberts, der hinter Dr. Miller aufgetaucht war.
„Diese Krankenschwester ist respektlos und vergreift sich im Ton! Sie muss entlassen werden!“, brüllte Miller fast.
„Cora, ich dachte, ich hätte dich gebeten, nett zu den Neuen zu sein“, grinste Dr. Roberts. Mia stieß einen lauten Schrei aus – sie konnte offensichtlich wieder selbst atmen.
„Sagen Sie der Agentur, sie sollen aufhören, inkompetente, chauvinistische Schweine zu schicken, dann bin ich vielleicht netter.“ Ich schenkte ihm mein breitestes falsches Lächeln. Er seufzte tief.
„Dr. Miller, Sie können gehen. Ich übernehme den Fall“, wies er ihn an. Er nahm sein Stethoskop und lächelte Mia mit einem kleinen Winken zu.
„Aber ich...“, setzte Miller an, wurde aber sofort unterbrochen.
„Sie müssen noch Visite auf der Station machen“, fügte Dr. Roberts hinzu. Er würdigte ihn keines Blickes mehr, setzte sich die Oliven des Stethoskops in die Ohren und beugte sich vor, um Mias Lungen abzuhorchen.
Während Dr. Roberts Mia weiter untersuchte und Medikamente und Tests anordnete, blieb ich bei ihr und versuchte sie zu beruhigen. Als er fertig war und ihr Vater sich ein wenig gefangen hatte, brachte Steve ihn zu ihr. Mia streckte sofort die Arme nach ihm aus. Sie versuchte, auf der dünnen Matratze aufzustehen, während er seinen Hut am Fußende ablegte. Er schlang seine gebräunten Arme um sie, hob sie hoch und setzte sie auf seine Hüfte. Sie vergrub ihr Gesicht an seiner Brust. Er schloss die Augen und legte seine Wange auf ihren Kopf. Ich schob den Infusionsständer näher heran, damit sie sich die Nadel nicht herausriss, während sie sich weinend in seinem karierten Hemd festkrallte.
„Pst, alles gut, Prinzessin“, sagte er mit tiefer, rauer Stimme. „Papa ist ja da“, beruhigte er sie und küsste sie auf den Kopf, während er ihr übers Haar streichelte.
„Mir geht's nicht gut“, weinte sie und ballte wieder ihre kleinen Fäuste.
„Ich weiß, mein Schatz. Ich weiß“, flüsterte er. Sein Südstaaten-Akzent kam jetzt richtig durch, da er mit ihr im Arm etwas entspannter wurde.
„Sollen wir jemanden für Sie anrufen?“, fragte ich ihn leise. „Müssen wir die Mutter benachrichtigen?“, fügte ich hinzu, da mir auffiel, dass er keinen Ehering trug.
„Danke“, stieß er kühl hervor. Seine haselnussbraunen Augen funkelten mich wütend an. „Aber es gibt nur uns beide.“
„Oh, okay. Entschuldigung“, entschuldigte ich mich, völlig irritiert von seiner schroffen Art. Er atmete tief ein, presste die Lippen auf Mias Stirn und sah mich dann an.
„Nein, es tut mir leid“, sagte er jetzt sanfter. „Wir haben ihre Mutter ein paar Monate nach Mias Geburt verloren. Ich gebe mein Bestes, aber wenn so was passiert, weiß ich einfach nicht, was ich tun soll“, gestand er. Ich blickte hinter seine harte Schale und seine markante Kinnpartie. Er war einfach nur zu Tode erschrocken.
Markante Kinnpartie? Reiß dich zusammen, Cora. Das ist weder der richtige Ort noch die richtige Zeit. Und du hast Alex, weißt du noch?, schalt ich mich selbst im Stillen.
„Lassen Sie uns helfen“, bot ich ihm mit einem ehrlichen Lächeln an und legte ihm freundschaftlich die Hand auf den Oberarm.
„Danke...“, er stockte und suchte nach meinem Namensschild. Ich drehte es um, damit er es lesen konnte.
„Cora. Cora Abbot“, sagte ich und wurde rot. Was war bloß los mit mir? „Ich verspreche Ihnen, Herr Worley, Mia ist in guten Händen.“
„Jace. Mein Vater ist Herr Worley, nennen Sie mich einfach Jace.“ Er nickte kurz und sah dann wieder zu Mia hinunter, die endlich etwas ruhiger wurde.
Ich lächelte ihm noch einmal kurz zu, brachte ihm einen Stuhl und setzte mich dann an den Schreibtisch, um die Akte zu führen und auf die Testergebnisse zu warten. Sobald die ersten Laborwerte eintrudelten, sah ich, dass es noch schlimmer war als befürchtet. Die weißen Blutkörperchen waren extrem hoch, was auf eine schwere Infektion hindeutete. Auch die Entzündungswerte waren massiv erhöht und die Nieren zeigten bereits erste Reaktionen. Ich maß regelmäßig ihre Temperatur. Trotz Schmerzmittel und Fiebersenker sank das Fieber kein Stück. Zum Glück krampfte sie nicht noch einmal, aber bei diesem Fieber und der Infektion blieb das Risiko hoch.
Noch bevor alle Ergebnisse da waren, hatte Dr. Roberts bereits alles in die Wege geleitet. Mia wurde in das Kinderkrankenhaus in Dallas verlegt. Sie war viel zu krank für unser kleines Krankenhaus und brauchte Spezialisten. Ein Transport im Krankenwagen hätte fast vier Stunden gedauert – ohne Arzt und mit wenig Ausrüstung. Deshalb forderte der Spezialist in Dallas zur Sicherheit einen Hubschraubertransport an. Julie rief den Heli und gab den Bericht durch. Dann stellte sie auf Halten und sah zu Dr. Roberts, der hinter uns am Computer saß.
„Doktor, die sagen, sie haben erst in zwei Stunden eine Pflegekraft frei. Sie können aber sofort einen Hubschrauber mit Sanitätern schicken, wenn wir eine Schwester mitschicken“, gab sie weiter.
„Sagen Sie ihnen, wir schicken Cora“, antwortete er, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen.
Ich rollte mit den Augen und grinste Julie an, die mich neugierig ansah. Ich deutete ihr an, dass es okay sei, erledigte den Rest am Computer und loggte mich aus. Ich ging kurz zur Toilette und packte meine Sachen. Als ich wiederkam, erklärte Dr. Roberts Jace gerade den Plan und warum es so wichtig war, Mia schnell nach Dallas zu bringen. Mia schlief gerade. Sie lag zusammengerollt auf der Seite, während Jace ihre Hand schützend in seiner großen Hand hielt. Er sah mich an, als der Arzt wegging. Er wirkte wieder völlig panisch.
„Sie wird durchdrehen, wenn sie aufwacht und merkt, dass ich nicht mitkommen kann“, sagte er bitter.
„Das wird für Sie härter als für sie“, seufzte ich. „Es wird jetzt alles sehr schnell gehen und es wird viel Trubel geben. Kinder merken sehr viel und sind neugierig. Zum Glück halten sie aber auch viel aus“, erklärte ich. In diesem Moment wurde Mia wach und suchte sofort nach ihrem Papa.
„Ich bin noch hier. Alles gut, Schatz. Nicht weinen.“ Er beugte sich vor und streichelte ihr über die Wange.
„Das klingt jetzt vielleicht verrückt, aber haben Sie zufällig ein extra Hemd im Auto oder so, das sie mitnehmen kann? Etwas, das ihr Trost spendet?“
„Ich kann ihr das hier geben. Ich habe ein T-Shirt drunter und noch eins im Wagen, das ich draußen anziehen kann. Das hier ist wahrscheinlich eh sauberer“, fügte er mit einem Anflug von Lächeln hinzu. Ich musterte seine abgewetzten, aber gut sitzenden Jeans und fragte mich, was er wohl beruflich machte.
Weniger als dreißig Minuten später landete der Hubschrauber auf dem Feld neben dem Krankenhaus. Jace hatte gerade sein kariertes Hemd ausgezogen. Ich löste kurz Mias Infusion, während er ihr das Hemd über die Schultern zog und die Ärmel hochkrempelte. Dann schloss ich die Infusion wieder an. Wie erwartet, gab es ein Riesengeschrei, als sie merkte, dass sie ohne ihren Papa weg musste. Jace versuchte sie zu beruhigen, während ich mich um das zappelnde Kind herum bemühte, sie an den tragbaren Monitor anzuschließen. Er wollte sie auf die Trage der Flugcrew legen, aber sie klammerte sich mit Armen und Beinen an ihm fest.
„Jace, ich weiß, Sie kennen mich kaum. Aber ich werde jetzt etwas tun und ich brauche Ihr Vertrauen, okay?“ Ich sah ihn an. Jede Minute, die wir hier kämpften, war eine verlorene Minute.
„Was haben Sie vor?“, fragte er misstrauisch. Sein harter Ton war sofort wieder da.
„Wir kommen nur in den Hubschrauber, wenn sie gesichert ist. Wenn wir versuchen, sie einfach festzuschnallen, bekommt sie noch mehr Panik und verletzt sich oder uns. Bei kleinen Kindern vermeiden wir Beruhigungsmittel, weil sie sonst nicht mehr richtig atmen könnten. Also lege ich mich mit auf die Trage. Wir wickeln sie in eine Decke ein, sie schnallen uns beide fest und sorgen dafür, dass ich die Monitore sehen kann. Ihr Job ist es, beruhigend auf sie einzureden, sie mir zu übergeben und bei ihr zu bleiben, bis wir abflugbereit sind.“
„Und was ist, wenn Sie in Dallas ankommen?“, fragte er mit düsterem Blick.
„Ich bleibe bei ihr, bis Sie da sind“, versprach ich und legte meine Hand auf seine, die auf ihrem Rücken ruhte.
Sobald ich ihn berührte, spürte ich ein warmes Knistern in mir. Seine Augen trafen meine. Sein Blick wurde weicher, als würde er nach etwas suchen. Ich ließ meine Hand sinken und biss mir auf die Lippe. Mit einem aufmunternden Nicken trat ich einen Schritt zurück, um eine Decke aus dem Wärmeschrank zu holen. Ich konzentrierte mich wieder auf meine Arbeit. Ich brachte die Decke zum Rollbett und stellte die Rückenlehne aufrecht. Dann kletterte ich hoch und machte es mir bequem, bevor ich wieder zu Jace sah. Ich nickte ihm erneut zu, damit er Mia herüberbrachte. Ich war mir immer noch unsicher, was dieser stumme Moment zwischen uns zu bedeuten hatte. Normalerweise ließ ich mich nicht so leicht aus der Fassung bringen. Erst recht nicht, wenn ich mich um schwere Notfälle oder Kinder kümmerte.
Widerstrebend legte er sein kleines Mädchen in meine Arme. Er versuchte sie zu beruhigen und sagte ihr, dass alles gut werden würde. Ich wickelte sie fest in die warme Decke ein. Die Sanitäter ließen die Sicherheitsgurte um uns herum einrasten. Jace beugte sich vor und gab ihr Küsse auf die Wange, während er seiner Tochter beruhigende Worte zuflüsterte. Er war so nah, dass mir sein berauschender Geruch in die Nase stieg. Er roch nach Schweiß, Erde und verflogenem Aftershave. Ich zwang mich dazu, mich auf meine Patientin zu konzentrieren. Mein Körper schien nämlich viel neugieriger auf ihren Vater zu sein.
Ein Sanitäter riss mich aus meinem Nebel, als er den Monitor neben meinen Beinen auf das Rollbett stellte. Er fragte, ob ich alles sehen könne. Ich bejahte. Dann überprüften sie noch einmal den Papierkram und machten sich abfahrbereit. Sie lösten die Bremsen des Betts. Jace beugte sich noch einmal vor, um sich von Mia zu verabschieden. Er versprach ihr, dass sie sich in ein paar Stunden wiedersehen würden. Er drehte sich um, um zu gehen, wirbelte dann aber zurück und nahm meine Hand. Sofort durchströmte mich wieder dieses warme, kribbelige Gefühl.
„Pass gut auf mein kleines Mädchen auf, Cora“, wies er mich an und schluckte seine Rührung hinunter.
„Versprochen“, brachte ich leise hervor. Ich räusperte mich, als ob das irgendwie meinen Kopf klarpusten könnte. „Wir sehen uns in ein paar Stunden, okay?“
Jace antwortete nicht. Er nickte mir nur kurz zu, nahm seinen Hut und setzte ihn auf. Dann spazierte er zur Tür hinaus. Als Mia sah, wie er wegging, kam die nächste Welle Tränen. Ich fuhr mit den Fingern durch ihre dicken Locken und küsste sie auf den Kopf. Ich atmete tief durch und versuchte mich zu entspannen. Dann erklärte ich ihr vorsichtig, was als Nächstes passieren würde.
Es war etwa ein Uhr morgens, als wir in der Kinderklinik ankamen. Sie brachten Mia in ihr Zimmer, schlossen sie an ihre Geräte an und brachten sie ins Bett. Sie dämmerte immer wieder weg. Als sie gerade wieder fest einschlief, trat ich auf den Flur, um auf mein Handy zu schauen. Ich sah fünf Textnachrichten und ebenso viele verpasste Anrufe von Alex. Außerdem war eine Nachricht von meiner besten Freundin Becky dabei. Ich suchte Alex' Namen und rief ihn an. Mit einem Seufzer lehnte ich mich gegen die Wand und wartete, bis er abhob.
„Wo steckst du, Cora? Ich versuche dich seit Stunden zu erreichen“, jammerte er mehr, als dass er schimpfte.
„Ich weiß, tut mir leid“, seufzte ich und starrte auf meine Füße. „Ich musste mit einer Kleinen nach Dallas fliegen. Sie ist ziemlich krank. Wenn ich nicht mitgekommen wäre, hätte es noch Stunden gedauert, bis sie sie hierher hätten bringen können.“
„Und du konntest nicht mal ans Handy gehen, um es mir zu sagen?“, giftete er. „Das heißt dann wohl, dass unser Date morgen ausfällt? Oder besser gesagt heute?“
„Ich weiß es nicht“, zuckte ich mit den Schultern. Ich fragte mich fast, ob ich das als Ausrede benutzen konnte, um aus der Sache rauszukommen. „Ich versuche morgen früh mit einem Rücktransport mitzufahren. Es kommt darauf an, wann die losfahren.“
„Ich habe dich seit Tagen nicht gesehen“, schnaubte er genervt. „Ich komme mir vor, als wäre ich mit jemandem zusammen, der gar nicht da ist.“
„Es tut mir leid, Alex“, ich stieß ein sarkastisches Lachen aus. „Du weißt, wie mein Job ist. Zweiundsiebzig Stunden pro Woche im Krankenhaus. Ich schlafe im Keller, falls ein Notfall reinkommt. Das sind drei Tage die Woche, an denen ich nicht sofort für dich verfügbar bin.“
„Und dann brauchst du noch einen Tag, bis du wieder zu gebrauchen bist“, spottete er. „Und vom Sex fangen wir erst gar nicht an. Ich meine, wenn es überhaupt mal passiert, ist es auch nicht gerade der Wahnsinn.“
„Das kannst du nicht alles auf mich schieben!“, blaffte ich zurück. „Die letzten Male habe ich mir echt Mühe gegeben, Schwung in die Kiste zu bringen. Aber du hast dich entweder umgedreht und geschlafen oder es hat verdammt noch mal gar nichts geändert!“, zischte ich leise.
„Egal, es ist mitten in der Nacht. Ich streite mich jetzt nicht mit dir darüber“, stöhnte er.
„Du hast doch den Scheiß angefangen“, ich schüttelte fassungslos den Kopf. „Weißt du was? Vielleicht hat Becky recht. Vielleicht ist es Zeit für mich, weiterzuziehen“, murmelte ich.
„Dann geh doch verdammt noch mal!“, knurrte Alex. „Wenn ich dich so unglücklich mache, warum bleibst du dann?“
„Willst du etwa, dass ich gehe?“, fragte ich wütend.
„Fuck!“, schrie er und stieß einen frustrierten Seufzer aus. „Nein, Cora. Ich habe es dir schon mal gesagt: Ich will mit dir zusammen sein. Aber du machst es einem echt nicht leicht“, sagte er leise.
„Tja, es ist schwer, sich Mühe zu geben, wenn man nicht weiß, ob es sich überhaupt noch lohnt“, gab ich zu. Ich schloss die Augen und rieb mir die Schläfe. Er blieb eine Minute lang still.
„Ich gehe jetzt schlafen, Cora. Ich bin hier, wenn du rausgefunden hast, was du verdammt noch mal willst“, sagte er schließlich und legte auf. Ich fuhr mir mit den Händen über das Gesicht. Dann stieß ich mich von der Wand ab und ging zurück ins Zimmer, als ich die leise Stimme hörte.
„Schwester Cora“, Mia sah mich mit großen, besorgten Augen an.
„Was ist los, Schätzchen?“ Ich warf mein Handy in meine Tasche und ging zu ihr.
Es dauerte ungefähr 0,2 Sekunden, bis wir eine Szene aus „Der Exorzist“ nachstellten – nur ohne den Teil, in dem sich der Kopf um 360 Grad dreht.
Die Krankenschwestern auf der Station machten Mia sauber und bezogen ihr Bett neu. Sie gaben mir ein frisches Set Kasacks aus ihrem Vorrat und ich durfte in ihrem Personalraum duschen. Als ich wieder ins Zimmer kam, lag sie auf der Seite und weinte leise. Die Schwester, die bei ihr saß, versicherte mir, dass sie genug Medikamente gegen die Übelkeit bekommen hatte. Seit dem ersten Mal war ihr nicht mehr schlecht geworden. Sobald Mia mich sah, streckte sie die Arme nach mir aus. Ich beugte mich hinunter und umarmte sie. Dann kletterte ich zu ihr ins Bett und zog die Decke über uns. Ich wischte ihr die Tränen weg, aber es flossen immer wieder neue nach.
„Wo ist mein Papa?“, fragte sie mit zittriger Stimme.
„Er ist in ein paar Stunden hier. Er musste mit dem Auto fahren, und das dauert viel länger als mit dem Flugzeug.“ Ich strich ihr am Arm auf und ab, um sie zu wärmen. „Er scheint ein toller Papa zu sein. Du hast echt Glück“, lächelte ich.
„Er ist der Beste“, sie nickte. Zum ersten Mal an diesem Abend huschte ein schwaches Lächeln über ihre Lippen. Ich musste mitlächeln. „Sein Lieblingseis ist Rocky Road“, erzählte sie.
„Ach ja?“, lachte ich. „Und was ist dein liebstes?“
„Doppelt Schokolade mit Schokostreuseln.“
„Echt jetzt? Meins auch!“, grinste ich. Sie sah mich neugierig an. „Wir Mädchen brauchen eben unsere Schokolade, oder?“, fragte ich sie. Sie nickte und gähnte dabei. „Warum machst du nicht die Augen zu und versuchst zu schlafen? Du siehst so müde aus.“ Ich strich ihr die Haare aus dem Gesicht.
„Kannst du mir eine Geschichte erzählen?“, fragte sie.
„Äh“, ich zögerte. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch keine Gute-Nacht-Geschichte erzählt. „Klar, natürlich.“
„Okay“, stimmte sie zu und kuschelte sich ganz unerwartet an mich.
„Es war einmal eine Prinzessin namens Mia“, fing ich an, und sie lächelte. „Mia lebte in einem Zauberschloss und hatte ein Einhorn namens... Captain Jack“, erfand ich spontan.
„Nein, sie lebte auf einem Bauernhof und Captain Jack ist ein Pony!“, belehrte sie mich.
„Ach ja, stimmt“, lachte ich. „Eines Tages ritt Prinzessin Mia auf Captain Jack aus und traf ein weißes Kaninchen. Das weiße Kaninchen sagte zu Mia, dass sie drei Wünsche frei hätte. Aber sie würden nur in Erfüllung gehen, wenn sie nicht egoistisch wären, sondern auch anderen helfen würden. In dieser Nacht ging Prinzessin Mia nach Hause und dachte ganz fest über ihre drei Wünsche nach. Sie wollte bereit sein, wenn sie das weiße Kaninchen am nächsten Tag wiedersah.“
„Wie heißt das Kaninchen?“, fragte Mia schläfrig.
„Roger“, sagte ich. „Roger Rabbit.“ Sie nickte kurz. „Am nächsten Morgen fand Mia Roger Rabbit an derselben Stelle wie zuvor. Er fragte sie, ob sie sich für ihre drei Wünsche entschieden hätte. Sie sagte ja. Ihr erster Wunsch war...“ Ich sah zu Mia hinunter und sie lächelte mich an.
„Sie wünschte sich, dass jedes Kind ein Pony bekommt. Damit sie wissen, wie viel Spaß das macht“, grinste sie.
„Guter Wunsch“, ich nickte und zwinkerte ihr zu. „Roger Rabbit erfüllte ihr den Wunsch. Plötzlich rannten tausende Ponys aus dem Wald zu den Kindern, die sie glücklich machen sollten.“
„Roger Rabbit fragte die Prinzessin nach ihrem zweiten Wunsch, und sie sagte...“
„Dass man nie wieder ins Bett gehen muss“, antwortete Mia wie aus der Pistole geschossen. Ich musste lachen.
„Und dann verkündete Roger Rabbit feierlich, dass es ab jetzt keine Schlafenszeiten mehr geben würde.“
„Den dritten Wunsch weiß ich auch schon. Der ist für Papa.“
„Oh? Und wie lautet dein – ich meine, wie lautet der dritte Wunsch von Prinzessin Mia?“ Ich strich ihr über den Kopf.
„Ich wünsche mir, dass Papa nicht mehr so traurig ist“, gähnte sie.
„Oh, wie meinst du das, Süße? Ich glaube, du machst deinen Papa sehr glücklich“, entgegnete ich und strich ihr sanft über die Wange.
„Oma und Opa sagen immer, dass er eine gute Frau finden muss, die ihn aufheitert. Sie sagen, er soll nicht länger rumeiern und endlich nach seiner Seelenverwandten suchen“, erklärte sie, als hätte sie diese Geschichte schon hundertmal gehört.
„Vielleicht braucht er ja nur dich“, versuchte ich es logisch zu erklären, obwohl ich genau wusste, dass Logik bei einer Vierjährigen meistens nichts bringt.
„Ich glaube, er braucht auch noch jemand anderen. Ich glaube, er ist nachts einsam. Er ist oft wach und guckt zu viel Fernsehen, wenn er nicht schlafen kann“, seufzte sie.
Ich wusste nicht so recht, was ich darauf sagen sollte. Ich hätte nicht gedacht, dass eine einfache Gute-Nacht-Geschichte in so eine ernste Diskussion über das Liebesleben ihres Vaters ausarten würde. Das Liebesleben ihres verdammt attraktiven, wenn auch möglicherweise ziemlich unhöflichen Vaters. Aber um ehrlich zu sein: Er hatte Todesangst um seine Tochter und zog sie offenbar alleine groß. Da kann man ihm seine Sorgen nicht verübeln. Immerhin schien seine Familie für ihn da zu sein, so wie Mia von Oma und Opa erzählte.
„Du bist so ein liebes Mädchen, Mia. Dein Papa hat genauso viel Glück mit dir, wie du mit ihm“, flüsterte ich. Ich drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Sie nickte noch einmal kurz und schlummerte dann langsam weg ins Traumland.
Mia wurde noch ein paar Mal wach, bevor sie schließlich fest einschlief. Am nächsten Morgen wachte ich auf, als die Sonne durch das Fenster schien. Ich streckte mich vorsichtig, um das schlafende Kind neben mir nicht zu wecken, das sich breitgemacht hatte und leise schnarchte. Ich blickte zum Fenster, das über die Stadt hinausging. Ich erstarrte, als ich eine Hand sah, die unter einem Haufen Decken auf der Fensterbank hervorguckte. Wie hatte ich nicht hören können, dass er gestern Nacht reingekommen war?
Ich schlüpfte unter der Decke hervor und schlich auf Zehenspitzen zum Stuhl, auf dem meine Tasche lag. Ich kramte darin herum und holte meinen Hoodie heraus. Als ich mich umdrehte, um meine Schuhe zu holen, stieß ich gegen den Fuß des Infusionsständers. Ich fluchte leise, während mein Zeh pochte. Einen Moment lang wartete ich ab, ob meine Socke gleich blutig werden würde. Das geschah mir recht, weil ich meine Schuhe nicht sofort angezogen hatte. Da ich in einem Krankenhaus voller Keime war, sprang sofort mein Krankenschwester-Gehirn an. Bis zum Abend hätte ich mich wahrscheinlich selbst davon überzeugt, dass ein abgebrochener Zehennagel zu Brand führen würde und mein Fuß amputiert werden müsste.
„Alles okay bei dir?“, fragte mich die tiefe, raue Stimme vom Vorabend leise. Ich erschrak heftig.
„Ich denke schon“, nickte ich. Ich schlüpfte endlich in meine Schuhe, schnappte mir meine Tasche und ging hinaus auf den Flur. Jace war direkt hinter mir.
„Cora“, rief er leise und zog die Tür hinter sich zu, damit wir Mia nicht weckten. Ich drehte mich zu ihm um. „Tut mir leid, wenn ich gestern etwas schroff war. Ich weiß wirklich zu schätzen, was du alles für uns getan hast.“
„Ich hätte auch nicht erwartet, dass du völlig entspannt bist“, ich lächelte ihn an. „Es war sicher schrecklich, sie gestern in diesem Zustand zu sehen“, gab ich zu.
„Danke, dass du bei ihr geblieben bist. Sie scheint dich zu mögen. Zu wissen, dass du hier bei ihr warst, hat mich zumindest ein bisschen beruhigt.“ Er rieb sich nervös den Nacken.
„Gerne doch“, mein Lächeln wurde ehrlicher. „Sie ist ein tolles Kind und liebt dich über alles“, fügte ich mit einem kleinen Lachen hinzu.
„Sie hat es ziemlich gut im Leben“, grinste er. „Eigentlich ist sie ziemlich verwöhnt. Wahrscheinlich liebt sie die Ponys mehr als mich“, scherzte er.
„Ponys?“, fragte ich nach. Er nickte lächelnd. „Das erklärt eine gewisse Gute-Nacht-Geschichte, die völlig aus dem Ruder gelaufen ist“, erzählte ich. Wir konnten uns beide das Lachen nicht verkneifen.
Wir beruhigten uns wieder. Er öffnete die Tür einen Spalt, um nach Mia zu sehen. Er hob die Hand und bedeutete mir, kurz zu warten, bevor er im Zimmer verschwand. Ein paar Sekunden später kam er wieder heraus. Unsere Blicke trafen sich und wir lächelten uns wieder an. Seine Ausstrahlung war überwältigend. Ich hätte einfach nur dastehen und ihn tagelang anstarren können. Dieser Mann war markant, attraktiv und kernig. Die Art, wie er mich ansah, forderte meine ganze Aufmerksamkeit. Ich konnte den Blick einfach nicht abwenden.
„Sie schläft wie ein Stein“, er nickte in Richtung Tür. „Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich habe seit gestern nichts mehr gegessen. Und einen Kaffee könnte ich jetzt auch vertragen.“
„Ähm“, ich schluckte und sah ihn unsicher an. „Ich weiß nicht, ob das...“
„Bitte, nur als Dankeschön für deine Hilfe“, unterbrach er mich. Ich blickte zurück zur Tür und dachte an das kleine Mädchen. „Ich habe gehört, der Kaffee in der Cafeteria soll furchtbar sein. Also, was sagst du?“, er grinste frech. Ich biss mir wieder auf die Lippe und überlegte kurz.
„Na gut, du machst es mir echt unmöglich, nein zu sagen“, ich rollte mit den Augen.
„Super, geh voran“, forderte er mich auf.
Wir machten uns auf den Weg zu den Fahrstühlen und ich drückte den Knopf nach unten. Als der Aufzug ankam und die Türen aufgingen, legte er mir seine Hand auf den unteren Rücken, um mich hineinzubegleiten. Ein Prickeln schoss meine Wirbelsäule hinunter direkt in meinen Intimbereich. Ich stolperte fast, als wir eintraten. Seine starken Hände hielten mich fest, eine an meinem Rücken, die andere an meinem Arm. Meine Brüste schwollen vor Erregung an. Dieser Mann hatte etwas an sich, das für mich gefährlich war. Noch nie in meinem Leben hatte ich körperlich so auf einen Mann reagiert, der mich einfach nur ansah oder mich ganz unschuldig berührte.
Wir mussten diesen Tag schnell hinter uns bringen. Je eher Jace Worley aus meinem Leben verschwand, desto besser für mich.