Wo niemand meinen Namen kennt
*Monroes Sicht*
BIEP BIEP BIEP BIEP
Ich stöhne in mein Kissen. Dann strecke ich den Arm aus und haue oben auf meinen Wecker, um das schreckliche Geräusch zu stoppen. 5:00 Uhr morgens. Seit über einem Jahr wache ich jeden Tag um diese Zeit auf. Aber aus irgendeinem Grund hat sich mein Körper immer noch nicht daran gewöhnt.
Ich drehe den Kopf zu den zwei riesigen Fellknäueln, die direkt neben mir liegen. Ich habe extra ein King-Size-Bett gekauft, damit wir alle drei genug Platz haben. Aber Kobe und Bear wollen mir trotzdem immer so nah wie möglich sein. Ich tätschele jedem kurz den Kopf. Dann quäle ich mich unter der Decke hervor.
Ich ziehe mir meinen Sport-BH und die Leggings an. Die Hunde machen keine Anstalten, aufzustehen. Sie hassen den Morgen noch mehr als ich. Mein Zimmer liegt hinten im Eck des Hauses. Wie im restlichen Haus bestehen die Außenwände fast nur aus Fenstern. Mein Bett steht genau gegenüber vom Ostfenster. So habe ich einen tollen Blick auf den Sonnenaufgang. Falls ich mal lange genug im Bett bleibe, um ihn von hier aus zu sehen.
Ich laufe den Flur entlang. Gegenüber ist ein Gästezimmer, links davon noch eins und rechts neben meinem Zimmer liegt das Bad. Ich gehe in den Wohnbereich und dann kurz in die Küche zu meiner Linken. An der Spüle der Kücheninsel fülle ich meine Wasserflasche auf. Ich schaue geradeaus, am Wohnzimmer vorbei, direkt in den Wald. Als ich das Haus bauen ließ, hatte ich nur zwei Wünsche: hohe Decken und Fenster statt Wänden. Ich wollte mich nie wieder in meinem eigenen Zuhause eingesperrt fühlen. Außerdem ist die Natur viel schöner als jede Deko an der Wand.
Ich laufe am Wohn- und Esszimmer vorbei und die Treppe hinunter in den Keller. Das Haus wurde an einem Hang gebaut. Die Rückwand im Osten besteht wieder nur aus Glas, während die Vorderseite im Hügel steckt. Ich gehe am Freizeitbereich vorbei. Dort gibt es eine Sitzecke mit Flachbildfernseher, einen Billardtisch, eine Dartscheibe und eine Bar. Dann betrete ich meinen Lieblingsraum.
In meinem Fitnessraum stehen ein Laufband, ein Squat-Rack, viele Hanteln und Kettlebells. Natürlich gibt es auch Matten, Boxsäcke und anderes Kampfsport-Zeug. Alles ist zum Fenster ausgerichtet. Ich schnüre meine Schuhe und starte die Playlist auf der Anlage.
Ich steige aufs Laufband, atme tief durch und schalte das Gerät ein. Meine Beine finden einen festen Rhythmus. Ich beobachte, wie die Sonne langsam über den Bäumen aufgeht. Heute ist der Tag, an dem ich mein Leben endlich wieder in den Griff bekomme. Ich musste den Schulabschluss um ein Jahr verschieben, um das Chaos nach dem Tod meines Vaters zu regeln.
Nach all der Scheiße, die er mir angetan hat, bin ich froh, das alles hinter mir zu lassen. Ich lebe jetzt in einem neuen Staat und gehe auf eine neue Schule. Hier kennt niemand meinen Namen oder meine Familiengeschichte. Hier schauen mich die Leute nicht mitleidig an. Das war wohl das Schlimmste an der ganzen Sache. Alle sind sechs Jahre lang um mich herumgeschlichen wie auf rohen Eiern. Es war, als würden alle nur darauf warten, dass ich wegen einer falschen Bewegung oder eines falschen Satzes genauso ende wie meine Mutter.
Zuerst kam die Nachricht von meinem Gerichtskampf um die Volljährigkeit. Dann habe ich gewonnen und kurz darauf ist mein Vater krepiert. Danach war ich für alle wie eine Aussätzige. Meine sogenannten Freunde haben nicht mehr mit mir geredet. Ihre reichen Väter wollten nicht, dass der Ruf der Familie leidet. Niemand wollte mit dem größten Skandal von Manhattan zu tun haben.
Ich bin nur so lange geblieben, bis ich die Firma meines Vaters verkaufen konnte. Als einzige Verwandte habe ich alles geerbt. Dann ließ ich dieses Haus am anderen Ende des Landes bauen, direkt bei Half Moon Bay in Kalifornien. Hier kann ich mich neu erfinden, ganz ohne den alten Ballast. Ich habe den Mädchennamen meiner Mutter angenommen und alles in den sozialen Medien gelöscht. Monroe Carver ist mit ihrem Vater gestorben. Für die Schüler der Half Moon Bay High ist Monroe Thorn nur eine unbedeutende neue Schülerin aus New York.