ATONEMENT | MAFIA | THE LONDON CRIME KING | VIER

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Zusammenfassung

Dieses Buch enthält eine Sprache für Erwachsene und Themen wie grafische Gewalt, Drogen und expliziten Sex, die auf einige Leser verstörend wirken können. Diese Serie ist KEINE typische Romanze. Sie ist NICHTS für junge Leute oder schwache Nerven. Wenn Sie Toxizität, verstörende Situationen, zweifelhaftes Einverständnis, übermäßige Gewalt und Dark Triggers hassen, lesen Sie diese Serie bitte nicht. Liam hat seine dunkle Vergangenheit überwunden. Alexa hat ihre quälenden Dämonen besiegt. Sie haben zusammen gelacht, zusammen geweint, hart gekämpft und noch härter geliebt. Was als toxische Beziehung begann, entwickelte sich zu einem wunderschönen Desaster. Liam Warren ist bekannt für seine berüchtigte Herrschsucht und seine grausame Art, aber hinter jedem gefährlichen Mann steht eine starke Frau, und sie ist zufällig eine sündige Sirene in der teuflischen Farbe Rot. Alexa weiß, dass sie die Wildheit in Liam niemals zähmen wird, und ehrlich gesagt, will sie das auch gar nicht. Ihre Liebe ist intensiv. Ihr Schmerz ist tiefgreifend. Doch Liebe – egal wie unzerbrechlich sie ist – kann Liams korruptem Lebensstil kaum standhalten. Ihre Beziehung verwandelt sich langsam in eine Gefängnisstrafe und ihre Trennung lässt sie um Luft ringen. Mehr Lügen entfalten sich. Mehr Geheimnisse dringen an die Oberfläche. Und bevor einer von ihnen den Weg zurück zum anderen finden kann, versetzt eine quälende Wendung der Ereignisse sie in einen Zustand unaufhaltsamer Verzweilung. Man kann die Zeiger der Uhr nicht zurückdrehen oder das ändern, was das Schicksal besiegelt hat. Es ist an der Zeit, dass Liam Warren die Rechnung begleicht.

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
68
Rating
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Altersfreigabe
18+

KAPITEL EINS

Alexa

Ich kenne die Frau im Spiegel nicht. Sie ist nicht wiederzuerkennen, unidentifizierbar, wunderschön inkognito. Das zeitlose Strass-Haarteil ihrer Mutter schmückte ihre leicht geflochtene, feminine Hochsteckfrisur. Diamantohrringe in Birnenform, ein Geschenk ihres Verlobten, baumelten an ihren Ohren. Das exquisite Design ähnelte dem funkelnden Kranz aus strahlenden Diamanten und dem wunderschönen tränenförmigen Ring an ihrem Ringfinger.

Heather, die ungelernte Kosmetikerin, trug nur minimales Make-up auf das Gesicht der Braut auf. Ein Nude-Gloss glänzte auf ihren Lippen. Ein sanfter Schimmer betonte ihre markanten Wangenknochen. Natürliche Wimpern hoben ihre glasigen, haselnussbraunen Augen hervor. Ihr elegantes Kleid im Meerjungfrau-Schnitt war so entworfen, dass es sich an den richtigen Stellen an ihre Figur schmiegte. Es fiel hinter ihr in einer Kapellenschleppe aus floraler Eleganz und Spitze herab. Unter dem halbtransparenten Tüll blitzten weiße Aveline-Sandalen hervor, die mit Fascinator-Schleifen verziert waren.

„Du siehst unglaublich aus, Püppchen.“ Grayson trug einen eisgrauen Dreiteiler und ein weißes, schmal geschnittenes Hemd. Er legte seine Hände locker auf meine Hüften und sah mir im Spiegel in die Augen. „Und du riechst göttlich. Ich könnte dich glatt fressen.“

Sechs Stunden im Hotel-Spa hinterlassen eben Spuren bei einer Frau. Die Kosmetikerin führte eine ganze Reihe von Behandlungen durch: Hautverjüngung, Gesichtsbehandlung, Körperwickel und Waxing. Meine Haut ist weicher als warme Butter und riecht intensiv nach Granatapfel. Außerdem glitzere ich so sehr, dass es in den Augen wehtut. Das Glitzerspray für den Körper wäre kaum nötig gewesen, aber Grayson bestand darauf. Eigentlich ist er an vielen ungünstigen Dingen schuld. Er drängte mich gestern Abend zu einer Pyjama-Party im Hotel mit tödlichen Cocktails. Ich musste alberne Schlafanzüge tragen, eine Minz-Gesichtsmaske auflegen und mir essbare Gurkenscheiben auf die Augen legen. Heute Morgen zwang er mich, jeden Zentimeter meiner Haut zu wachsen. Beim Frühstück schob er mir schokolierte Erdbeeren in meinen „protestierenden“ Mund. Und er hatte die Frechheit, mich „unreif“ zu nennen, nur weil ich Schmerzmittel gegen meine pausenlosen Kopfschmerzen wollte. Ich meine, nennt mich eine meckernde Zicke, aber dieser Mann ist manchmal einfach zu exzentrisch in seinen Erwartungen. Und verdammt anspruchsvoll.

Er ist außerdem unverbesserlich.

Trotzdem würde ich ihn für nichts in der Welt hergeben.

Graysons Einsatz garantierte einen erfolgreichen Junggesellinnenabschied. Nun ja, wenn man das überhaupt eine Feier nennen kann. Ich habe keine Freunde, besonders nicht an der Frauenfront. Aber er sorgte dafür, dass ich eine unvergessliche Nacht hatte. Einen verrückten Morgen, über den ich später lachen kann, und Erinnerungen, die ich für immer schätzen werde.

„Oh Gott.“ Heathers altrosa Festmantel passte zu ihrem knielangen Mariposa-Kleid und dem Roseville-Fascinator. „Ich muss gleich weinen.“

Ich hatte Heather und ihrem Partner Ivor eine Einladung zur Hochzeit geschickt und gehofft, dass sie kommen würden. Aber ich hatte keine Antwort erhalten. Umso fassungsloser und glücklicher war ich, als die Gastwirtin vor zwei Stunden an die Zimmertür klopfte. Sie hatte uns damals mit offenen Armen empfangen und sich um Jace und mich gekümmert, als die Realität uns am Boden zerstört hatte. Jetzt stand sie da in edlen Stoffen, einen Schminkkoffer in der einen Hand und eine Flasche Schampus in der anderen. Lockenstab und Kosmetikartikel ragten aus ihrer Handtasche. „Nicht weinen“, sagte ich und lachte leise. „Du ruinierst dir das Make-up.“

„Ich kann nicht anders.“ Sie tupfte sich mit zusammengeknüllten Taschentüchern die Wangen ab. „Du siehst wunderschön aus, Alexa.“

„Das lässt sich nicht leugnen, Püppchen.“ Grayson wippte mit den Händen in den Hosentaschen auf seinen Fersen. „Warren kippt bestimmt um, wenn er dich sieht.“

„Ja?“ Ich biss mir auf die Unterlippe, um nicht zu lächeln. „Ich hab mich ganz schön rausgeputzt, was?“

„Hier.“ Mit tränen Erstickter Stimme richtete Heather die Weißgoldkette um meinen Hals. „Musst du darauf bestehen, das hier zu tragen?“ Die Erkennungsmarken klapperten gegen Adalines Medaillon. „Kann ich dich nicht überreden, etwas Zarteres zu tragen?“

Heather hatte keine Ähnlichkeit mit meiner Mutter. Trotzdem trafen mich ihre harmlose Frage und ihr mütterliches Gehabe mitten ins Herz. Ich würde alles dafür geben, dass Adaline jetzt hier bei mir wäre. Dass sie mir beim Fertigmachen hilft und mich zum Altar führt. Meine Erinnerungen an sie stammen aus der Perspektive eines Kindes. Aber ich weiß, dass sie an meinem Kleid herumzupfen würde, wenn die Welt nicht so grausam wäre. Sie würde meine Hand halten, kichern und gemeinsam mit meiner Schwester Kathy Freudentränen vergießen. Sie würden in ihren bodenlangen Kleidern statuenhaft aussehen, Champagner schlürfen und in Erinnerungen schwelgen. Kathy würde mich scherzhaft belehren, weil ich mit zwanzig einen älteren Mann heirate. Meine Mutter würde meine Schwester für die Neckereien rügen, obwohl sie Kathy recht gäbe. Das wollte ich. Ich wollte sie hier haben.

„Alles in Ordnung, Schätzchen?“ fragte Heather, und ich blinzelte die Tränen weg. „Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht traurig machen. Du kannst die Kette natürlich tragen. Es war nur ein Vorschlag – ein dummer Vorschlag noch dazu.“

„Heather.“ Ich schluckte den Kloß im Hals hinunter und packte sie an den Oberarmen. „Du hast mich nicht traurig gemacht. Es ist alles gut.“ Ich täuschte ein kurzes Lachen vor. „Aber ich nehme die Kette nicht ab. Sie bleibt dran.“

„Ignorieren Sie Alexa einfach.“ Grayson legte mir einen Arm um die Schulter. „Sie denkt gerne, dass sich alles nur um sie dreht.“

„Gray.“ Ich rammte ihm den Ellbogen in die Rippen. Er krümmte sich mit einem theatralischen Keuchen zusammen. „Es ist mein Hochzeitstag, Arschloch. Da darf es sich um mich drehen.“

„Oh Herr im Himmel.“ Heather schlug das Kreuzzeichen. „Diese Ausdrucksweise, Alexa.“


Ich unterdrückte ein Augenrollen.


„Ich brauche einen Drink.“ Grayson ließ einen Champagnerkorken knallen. Er goss den sprudelnden Wein in Keramikbecher, die er aus dem Hotelrestaurant geklaut hatte. Er bot Heather seinen Arm an. „Begleiten Sie mich auf den Balkon, Madame?“ Die beiden verschwanden nach draußen, um die Nachmittagssonne zu genießen, bevor unser Wagen eintraf.


Liam übernahm alle Kosten: den Transport, die Kirche, den Veranstaltungsort, die Bewirtung und das Programm. Meine einzige Aufgabe war es, in der Brautboutique zu kaufen, was immer ich wollte, und ihn am Altar zu treffen.


Seit der Nacht, in der Liam mich fragte, ob ich seine Frau werden will, war es eine Achterbahn der Gefühle. Sogar Weihnachten, mein Lieblingstag im Jahr, wurde zur Nebensache. Natürlich haben wir ganz traditionell gefeiert. Wir haben den Baum eher halbherzig geschmückt und uns gegenseitig, sowie Freunden und Familie, Geschenke gekauft. Tony und Camilla kamen zu Besuch. Brad tauchte zu spät zum Essen in seinem schwarzen Trainingsanzug auf, weil er gerade erst aus dem Bett gefallen war. Nate verbrachte die Feiertage bei seiner Tante und seiner jüngeren Schwester. Josh und seine Großmutter feierten zu Hause. Und Liams Bruder – tja, von Vincent hat man schon eine Weile nichts mehr gehört.


Der 14. Januar, der Tag, an dem ich meinen Inamorato heirate, die Liebe meines Lebens.


Ich hatte mir als Kind viele optimistische Szenarien ausgemalt. Aber meinen Seelenverwandten zu finden und mich von ganzem Herzen zu verlieben, kam mir nie in den Sinn. Um ehrlich zu sein, hätte ich nie gedacht, dass ein Mann jemanden lieben kann, der so kaputt ist wie ich. Mehr noch: Nach dem, was ich als Kind durchgemacht habe, hasste ich es, wenn Männer mich ansahen. Ich verabscheute den Gedanken, dass sie mich begehren oder anfassen könnten. Deshalb hatte ich mich schon früh mit einem Leben als Single abgefunden.


Und dann traf ich ihn, Liam Warren.


Ich wusste nicht, wie sehr mein Herz Liam brauchte, bis es anfing, für ihn zu schlagen. Es war keine Liebe auf den ersten Blick und auch keine perfekte Romanze. Unsere Beziehung ist chaotisch, giftig, schmerzhaft und gefährlich. Zusammen zu sein tut oft weh. Aber sich zu trennen, bricht uns das Herz – egal wie oft wir es versucht haben. Die Leute mögen ihn verurteilen, weil er eine beschädigte Frau liebt. Sie mögen mich verurteilen, weil ich einen Kriminellen liebe. Aber die unbedeutenden Meinungen anderer spielten damals keine Rolle und tun es auch heute nicht. Ich verschreibe diesem Mann mein Leben, und keine Macht der Welt kann mich aufhalten.


Mein Blick fiel wieder auf den Schminkspiegel. Ich sah zu rein und engelsgleich aus. Das ist es wohl, was eine Braut an ihrem Hochzeitstag verkörpern sollte: himmlische Unschuld. Aber irgendetwas fehlte. Ich leerte meine Handtasche auf dem Frisiertisch aus und suchte nach Schminke. Ich griff nach dem ungeöffneten matten roten Lippenstift und färbte meine Lippen. Die Farbe ist nicht zu hell oder zu knallig. Es ist der perfekte Ton von königlichem Karminrot.


Ich wollte gerade den Tisch abräumen, als es an der Zimmertür klopfte. „Ich geh schon“, rief ich, obwohl Grayson ohnehin keine Anstalten machte, seinen Korbsessel zu verlassen. Der ungeduldige Gast klopfte erneut. „Sekunde noch.“


Ich hielt die Schleppe meines Kleides fest, schloss die Tür auf und schwang sie auf. Da stand ich meinem besten Freund Jace gegenüber. Er wirkte im prunkvollen Flur des Hotels fast schon zu imposant und einschüchternd. Mit seinen Tattoos und Piercings hob er sich deutlich von den bewaffneten Sicherheitsleuten in Anzügen ab, die unser Treffen diskret beobachteten. Jaces eisgrauer Anzug war eine Kopie von Graysons Outfit. Ich fragte mich, ob das Zufall oder abgesprochen war. Sein Dreiteiler und die Lederschuhe waren ein krasser Kontrast zu seinem üblichen schwarzen Leder-Look. „Wow“, sagte er und musterte mich von Kopf bis Fuß. „Alexa...“ Er schüttelte langsam den Kopf. „Einfach unglaublich.“


„Danke.“ Jace hatte zwei schlichte dunkelblaue Krawatten über der Schulter hängen. „Wart ihr zusammen shoppen?“ Ich ließ mein Kleid los, um seinen Kragen aufzustellen. Ich legte ihm eine der Krawatten um den Hals und band ihm einen ordentlichen Windsor-Knoten. „Und was soll das mit den passenden blauen Krawatten? Was hab ich verpasst?“


„Grayson hat mir gesagt, wo ich den Anzug kaufen soll.“ Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Er sagte, er hätte die Krawatten vergessen, also musste ich sie besorgen. Und die Farbe? Das war eine Anweisung.“


„Sehr geheimnisvoll.“ Ich legte meine Hände flach auf seine Brust. „Anweisungen von wem? Gray? Liam?“


„Misch dich nicht in Dinge ein, die dich nichts angehen.“ Grayson schob mich beiseite. „Wie läuft's?“ Er breitete die Arme aus und bedeutete Jace, ihn zu umarmen. „Hör auf zu trödeln, Hübscher. Drück mich.“


„Meine Fresse.“ Jace versuchte es mit einer schnellen Begrüßung. „Man sollte nicht meinen, dass ich erst vor einer halben Stunde mit dir telefoniert habe.“


Unser ehemaliger Chef hatte jedoch andere Pläne. Er zog den widerwilligen Mann in eine lange Umarmung. Gray fuhr ganz offen mit der Nase an Jaces Hals entlang und schnupperte an seinem Parfüm. „Verdammt“, schnurrte er, und Jace versuchte, sich loszuwinden. „Kann ich dich nicht doch noch für das andere Ufer begeistern? Nur für eine Nacht?“


„Nein“, bellte Jace mit geröteten Wangen. „Ich stehe nicht auf Schwänze, Gray.“


„Jace!“ schimpfte Heather hinter uns, und er schenkte ihr ein entschuldigendes Lächeln. „Musst du so vulgär sein? Ich ertrage ja kaum das Wort ‚Penis‘.“


„Warum eigentlich nicht?“ Graysons ernstgemeinte Frage brachte mich zum Lachen. „Vielleicht gefällt Ihnen ein ‚Penis‘ ja doch?“


Jace hielt sich die Faust vor den Mund. „Ich mag keine... Penisse.“


„Wie kannst du dir da sicher sein?“ Gray schnappte sich seine Krawatte von Jaces Schulter. „Du hast ja noch nicht probiert.“


„Ich will auch nicht probieren...“ Jace kniff die Augen zusammen. „Grayson, hör auf, mir auf den verdammten Schritt zu starren.“


„Jace!“ Heather war wütend über die Flucherei. Ihre kleine, aber energische Gestalt schob sich in unsere Mitte. „Bitte, nehmt Rücksicht auf meine empfindlichen Ohren und hört auf mit diesen Kraftausdrücken.“


„Tut mir leid, Heath.“ Jace setzte sein Jungenlächeln auf, und sie wurde sofort weich. „Kommt nicht wieder vor. Versprochen.“


„Schön.“ Sie wandte sich streng an Grayson. „Und Sie“, sie zeigte mit dem Finger auf ihn, „Herr Unruhestifter, kommen jetzt mit mir mit, um sich abzukühlen.“


Obwohl er protestierte, ließ Grayson sich von Heather am Ohr auf den Balkon ziehen. Ich ignorierte seine nörgelnde Stimme und trug zwei Becher Champagner zum braunen Chesterfield-Sofa aus Leder. Vorsichtig setzte ich mich hin, um die Spitze meines Kleides nicht zu zerknittern. Jace entspannte sich neben mir. Sein Arm lag auf der Rückenlehne des Sofas. Seine grünen Augen wirkten unter dem hellen Licht der Deckenlampen noch strahlender. „Was?“ fragte ich, da ich seinen forschenden Blick nicht deuten konnte. „Ist mein Make-up verschmiert?“


„Du hast ein rückenfreies Kleid gewählt“, stellte er das Offensichtliche fest. „Man sieht deine Flügel.“


„Gut so.“ Ich reichte ihm einen Becher. „Ich werde sie mit Stolz tragen.“ Während ich ins Leere starrte, zeichnete sein Finger gedankenverloren die Federn auf meinem Rücken nach. „Geht es dir gut?“


„Natürlich.“ Er legte seinen Knöchel auf das andere Knie und trank einen Schluck. „Warum auch nicht? Meine beste Freundin heiratet.“ Er starrte in den leeren Becher, als hätte dieser ihn beleidigt. „Ich trinke hier schaumigen Mädchenkram aus einer Tasse.“


„Schaumiger Mädchenkram?“ Ich rümpfte die Nase. „Ist Armand de Brignac nicht gut genug für dich?“


„Ace of Spades“, sagte er und las mit geschürzten Lippen das Etikett. „Schon okay. Aber ich mag das russische Zeug lieber.“ Er warf einen Blick über die Schulter zu Heather und Grayson. „Ich habe eine Ische kennengelernt.“


Mein Interesse war schlagartig geweckt. „Du hast was?“


„Eine Ische?“ Er sah mich trocken an. „Sowie eine—“


„Ich weiß, was das Wort bedeutet, Jace.“ Ich verschränkte die Arme und lehnte mich vor, bis unsere Nasenspitzen sich fast berührten. „Wer ist sie? Wie sieht sie aus? Ist es was Ernstes? Werde ich sie mögen?“ Ich kniff die Augen zusammen. „Werde ich ihr den Arsch versohlen müssen?“


„Ganz ruhig, Tiger.“ Er rückte näher. „Red leiser. Ich will nicht, dass Grayson das mitbekommt. Du weißt doch, wie klatschsüchtig er ist.“


Ich hatte einen Geistesblitz. „Ist es Harlyn?“


„Nein.“ Er verzog das Gesicht. „Nein, es ist nicht Harlyn. Was zum Teufel? Sie als Mitbewohnerin ist schon schlimm genug.“


„Na los, Jace, spann mich nicht auf die Folter.“ Ich griff nach der Champagnerflasche, um seinen Becher nachzufüllen. „Wer ist sie? Fang ganz von vorne an. Wie sieht sie aus?“


Jace dachte kurz über meine Frage nach. „Sie ist hübsch.“


„Hübsch? Was, das ist alles?“ Meine Stirn legte sich in Falten. „Keine genauere Beschreibung?“


„Was willst du denn? Einen lückenlosen Bericht?“


„Ja, genau den will ich“, betonte ich jedes Wort einzeln, woraufhin er die Augen verdrehte. „Was denn? Man kann es einem Mädchen ja wohl nicht verübeln, es zu versuchen. Ich brauche alle pikanten Details.“


„Es ist nichts Ernstes“, sagte er wenig überzeugend. „Ich glaube aber, sie könnte anders sein.“ Ein Schatten von Traurigkeit huschte über sein Gesicht. „Weißt du?“


Mir zog sich die Brust zusammen. Ich glaube, Jace mag das Mädchen mehr, als er zugibt. Aber er will es nicht wahrhaben. Oder besser gesagt, er hat zu große Angst, Lucy, Summers Mutter, loszulassen. „Hast du sie zur Hochzeit eingeladen?“ Er schüttelte kurz den Kopf. „Jace?“ Ich legte meine Hand auf seine. „Etiketten bedeuten in unserer Welt gar nichts. Improvisiere einfach. Lass es auf dich zukommen. Schau einfach, was passiert.“


„Ja“, stimmte er zu und überspielte sein Unbehagen. „Ich zerbreche mir mal wieder zu sehr den Kopf. Ignorier mich einfach.“


„Aha, verstehe.“ Grayson kommt unter dem Torbogen hervor und betritt das Wohnzimmer. Sein anklagender Blick verdammt uns direkt in die Hölle. „Ihr feiert hier eine Party ohne mich. Ich bin zutiefst verletzt.“


Jace drückte meine Schulter. Das war sein Zeichen, das Gespräch zu beenden. „Warum hat unsere Braut keine Champagnergläser? Wer benutzt bitteschön Küchentassen an einem Hochzeitstag?“


„Wir tun das.“ Grayson fuchtelte mit einer Hand zwischen uns herum. „Wenn du ein Problem damit hast, dann beweg deine Beine. Geh mit deinem süßen Hintern nach unten und besorg uns was anderes.“


„Alexa!“ Camillas plötzliche Stimme ließ mich fast aus der Haut fahren. „Schau dich nur an.“ Bevor ich aufstehen und sie begrüßen konnte, drängelte sie sich zwischen Heather und Grayson hindurch. Sie hatte einen Strauß metallischer Heliumballons in der Hand. „Na los, steh auf.“ Sie drückte Grayson die Ballons ins Gesicht, und er schlug sie zur Seite, um etwas sehen zu können. „Lass mich dich mal genauer ansehen.“


Ich gab die Tasse an Jace weiter und richtete mich zu meiner vollen Größe auf. Dabei ließ ich die Schleppe auf den Boden fallen. „Ich dachte, wir sehen uns erst in der Kirche.“ Camilla und Tony haben gestern Abend ein Zimmer in der Location gebucht. Sie wollen das ganze Wochenende hierbleiben, um ordentlich zu feiern, bevor sie nach Newquay in Cornwall zurückkehren. „Wir brauchen mehr Champagner.“


Gray meldete sich freiwillig. „Überlasst das mir.“


„Oh, Alexa.“ Camilla klatschte leise in die Hände, sah Heather an und lächelte. „Sieht sie nicht wundervoll aus?“


Die ganzen rührenden Komplimente ließen meine Wangen extrem rot anlaufen. Ich hasse es, im Mittelpunkt zu stehen. „Ich sehe aus wie jede andere Braut auch.“


„Andere Bräute interessieren uns nicht“, sagte Tony. „Uns interessiert nur unsere Braut.“


Ich raffte den Saum meines Kleides hoch und bahnte mir einen Weg durch die Gästeschar, um zu ihm zu gelangen. Zuerst fiel mir sein maßgeschneiderter Anzug auf. Er hat die gleiche Farbe wie die Anzüge von Jace und Grayson. Er sieht verdammt schick und gut aus und ist glatt rasiert. Sein dunkles Haar ist streng nach hinten gegelt. „Warum tragt ihr alle die gleichen Anzüge? Hat Grayson euch auch herumkommandiert?“


„Das habe ich gehört!“, rief Gray von irgendwoher dazwischen.


Tony kam mir entgegen. „Alexa.“ Er zog mich in eine feste Umarmung und flüsterte: „Du siehst genau aus wie deine Mutter.“


Ich hielt mich an seinem Sakko fest. „Ich wünschte, sie könnte hier sein“, sagte ich leise, um Camilla nicht traurig zu machen.


Er nickte zustimmend.


„So, verrät mir jetzt mal jemand, was es mit diesen Anzügen auf sich hat?“ Alle lachten, außer mir. „Na und?“


„Nun ja“, spottete Jace und sah abwechselnd Gray und mich an. „Du brauchst doch Brautführer.“


Ich hielt den Atem an, weil ich sicher war, mich verhört zu haben. „Was?“


„Und ich dachte mir...“, Tony zögerte. „Ich könnte dich zum Altar führen, wenn du möchtest.“ Er blickte mich mitfühlend an. „Ist es das, was du willst?“


„Wirklich?“ Ich spielte nervös mit dem Armband an meinem Handgelenk und fragte Tony: „Du würdest das für mich tun?“


„Warum denn nicht?“ Er nahm meine Hand. „Du bist meine Tochter.“


Eigentlich sollte der heutige Tag nicht traurig und emotional sein, aber mir schossen unweigerlich die Tränen in die Augen. „Oh Gott.“ Ich wischte mir die Nässe unter den Wimpern weg und blinzelte zur Decke hoch. „Leute, bringt mich nicht zum Weinen.“ Es blieb still. „Mist, jetzt mal im Ernst: Ich kann es kaum erwarten, Jace und Grayson zusammen zum Altar laufen zu sehen.“


„Gleichfalls.“ Grayson schlang seine Arme um Jaces Taille. „Es ist wie ein wahr gewordener Traum.“


„Gray“, zischte Jace durch zusammengebissene Zähne. „Hör auf mit dem Scheiß.“


„Ihre Ausdrucksweise halte ich nicht mehr lange aus.“ Heather sammelte den Champagner und die leeren Tassen ein. „Camilla, wollen wir einen Toast vorbereiten? Und Alexa? Ist es okay, wenn ich Ivor schreibe? Er ist allein in der Suite.“


„Ja.“ Ich rieb mir die feuchten Hände und fügte hinzu: „Je mehr, desto besser.“


Camilla grinste schelmisch, nahm eine Flasche Weißwein von Tony entgegen, gab ihm einen Kuss auf die Wange und folgte Heather auf den Balkon.


„Sollen wir zu ihnen gehen?“ Tony bot den Männern Zigarren an. „Die habe ich für einen besonderen Anlass aufgehoben. Kubanische.“


Jace nahm sich eine aus der Kiste und steckte sie sich in den Mund.


Ich ließ die Männer allein, um kurz im Badezimmer zu verschwinden. Das stellte sich als ziemlich kompliziert heraus. Ich musste das Kleid bis zum Kopf hochhalten, um pinkeln zu können. Und fangen wir gar nicht erst von dem Desaster mit dem Klopapier an.


Ich wusch mir am Waschbecken die Hände und prüfte zum x-ten Mal mein Spiegelbild. Ich ordnete meine wirren Gedanken und kehrte in die Suite zurück. Alle sind draußen, rauchen Zigarren und trinken Champagner. Beides sprach mich gerade gar nicht an. Wenn ich Liam am Altar treffe und halb betrunken bin und nach Qualm stinke, bringt er mich um.


Mit einem Silbertablett voller Sandwiches ohne Rinde öffnete ich die Tür, um den Jungs im Anzug eine Kleinigkeit zum Essen anzubieten. Doch da war niemand. Kein einziges Mitglied des Syndikats. „Gavin?“, grübelte ich und trat auf den Flur, wobei ich besorgt zum anderen Ende blickte. „Hallo?“


„Du solltest es eigentlich besser wissen“, flüsterte Vincent hinter mir. Vor Schreck rutschte mir die Platte von der Handfläche und krachte in einem riesigen Chaos auf den Boden. „Schade drum.“


„Vincent.“ Ich wischte mir mit dem Handrücken über die Stirn und drehte mich zu ihm um. „Du hast mich erschreckt.“


Vincent trug ein schiefergraues Sakko über seinem schwarzen Hemd. Er hatte seine Haare gestylt. Sie waren etwas länger, als ich sie in Erinnerung hatte. Dunkle Strähnen fielen ihm unter die Ohren, und sein markantes Kinn war von einem Dreitagesbart bedeckt. Er sah düster und geheimnisvoll aus. Ich fragte mich, ob sein Anzug zu denen von Liam und seinen Trauzeugen passte. „Wo warst du?“, brachte ich schließlich hervor. „Liam hat dich gesucht.“


„Du solltest deine Unschuld und Bescheidenheit besser schützen, Angel. Monster lauern den Arglosen auf.“ Er trat mit raubtierhafter Eleganz näher und sah mir in die Augen. Es waren die gleichen kristallblauen Augen wie die seines Bruders. „Wir wissen beide, dass es Liam völlig egal ist, wo sein Bruder steckt.“


Vincent hat unrecht. Ich kenne Liam. Er gibt es vielleicht nicht zu, aber er macht sich mehr Sorgen um seinen jüngeren Bruder, als es sein Stolz erlaubt. „Warum bist du hier? Du solltest bei den Trauzeugen in der Kirche sein.“ Ich hielt seinem kühlen Blick stand. „An der Seite deines Bruders.“


„Du wirst bald meine Schwägerin sein.“ Er hielt eine kleine weiße Schachtel zwischen uns. „Schau mal rein.“


Ich betrachtete die Schachtel verwirrt. „Warum?“


„Warum ich hierhergekommen bin, um dir zu gratulieren?“


„Warum hast du mir ein Geschenk gekauft?“


Sein Blick wanderte über mein Gesicht. „Mach es auf.“


Da ich wusste, dass Vincent meine Frage nicht beantworten würde, griff ich nach der Schachtel. Aber seine Finger hielten sie fest umschlossen. „Na los, lass los.“


„Ich habe nicht gesagt, dass du sie mir aus der Hand nehmen darfst.“ Er spannte den Kiefer an. „Ich sagte: Mach sie auf.“


„Verdammt noch mal. Du mies gelaunter Bastard.“ Ich öffnete den feinen Verschluss, klappte den Deckel auf und fand einen Rosenkranz mit weißen Perlen. Diamantene Zwischenstücke füllten die Lücken zwischen den weißen Marmorperlen, und ein verziertes Kreuz bildete den Mittelpunkt. „Er ist wunderschön.“ Mein Blick glitt von dem weißgoldenen Kreuz in seinem Ohrläppchen zu dem Onyx-Rosenkranz an seinem Handgelenk. „Soll ich ihn als Armband tragen? So wie du deinen? Falls du mir dieses unantastbare Geschenk überhaupt überlässt, natürlich.“


Er nahm den Rosenkranz aus dem Samtfutter, schloss die Schachtel und steckte sie in seine Hosentasche. „Darf ich?“


Das Armband meiner Mutter abzulegen, fühlte sich falsch an, aber ich trage ein Stück von ihr an meiner Halskette. „Sicher.“ Ich hielt ihm meinen Arm hin und wartete darauf, dass er die Anhänger löste. „Das ist ein sehr aufmerksames Geschenk. Danke, Vincent.“ Seine Finger streiften mein Handgelenk, während er die zarten Perlenreihen um meinen Arm wickelte. „Er ist schwerer, als er aussieht.“


„Er täuscht“, sagte er leise und prüfte mit zwei Fingern, ob er fest saß. „Fertig.“


Ich zog meinen Arm zurück, betrachtete den Rosenkranz und bemerkte erst jetzt zwei schwarz-silberne Perlen. „Das ist ein bisschen düster für so etwas Heiliges, oder?“


Er strich mir eine Haarsträhne hinter das Ohr. „Er erfüllt seinen Zweck, Angel.“


„Alexa?“ Graysons Stimme dröhnte hinter der Tür. „Ich hoffe, du spielst hier nicht die ‚Abgehauene Braut‘?“


„Ich bin hier draußen!“, rief ich und starrte zur Tür, die gerade aufsprang. „Gray?“


„Was ist mit den Sandwiches passiert?“ Grayson fuhr sich mit der Hand durch sein pinkes Haar und betrachtete das Chaos auf dem Boden. „Und warum stehst du hier auf dem Flur herum wie bestellt und nicht abgeholt? Wir haben nur noch zwanzig Minuten, bis die Kutsche kommt.“


„Das ist hoffentlich ein Witz, Gray.“ Eine ungeahnte Panik stieg in mir auf. „Ich werde ganz sicher nicht mit einer Kutsche zur Kirche fahren.“


„War nur Spaß.“ Er winkte ab. „Champagner?“


„Noch ein Glas.“ Ich raffte die Schleppe meines Kleides und sah wieder zu Liams Bruder. Doch er war wie ein Geist verschwunden. Keine Spur mehr von ihm. „Vincent?“ Sein markantes Parfüm hing noch in der Luft. „Wo ist er hin? Du hättest mir ruhig sagen können, dass er gegangen ist.“


„Vincent?“ Grays Augen wurden groß, eine Mischung aus Misstrauen und Belustigung. „Was ist mit dem? Bist du deshalb rausgeschlichen? Um ihn anzurufen?“ Er verließ die Suite und schlug die Tür hinter sich zu. „Hast du was mit dem jüngeren Warren am Laufen? Mädel, was soll das denn? Gib mir dein Handy. Sofort. Ich werde diesem Mann schreiben und ihm ordentlich die Meinung geigen –“


„Gray!“, flüsterte ich laut und zog ihn an seiner Krawatte zu mir heran. „Warum musst du immer so übertreiben? Ich treffe mich nicht heimlich mit Liams Bruder. Vincent war hier draußen. Er wollte mir ein Geschenk geben.“


„Hast du Fieber?“ Sein wertender Blick hielt mich fest. „Halluzinationen? Zu viel Sekt?“


„Du machst mich wahnsinnig.“


„Verzeihung.“ Er schob die Hand in seine Tasche. „Aber mit einer Frau, die keinen Sinn ergibt, kann ich nicht vernünftig reden.“


Ich war zu erschöpft für weitere Erklärungen. Es war mir egal, mich zu verteidigen. „Champagner?“


„Oh ja.“ Er öffnete die Tür zu unserem Zimmer, betrat die Suite und rieb sich die Hände. „Ich habe sie draußen gefunden. Sie hat mit sich selbst Selbstgespräche geführt.“


Ich rieb mir die Nasenwurzel. „Ignoriert ihn einfach.“


Jace reichte mir eine Tasse, sobald ich zu den anderen auf den Balkon trat. „Ein Toast“, sagte Tony und schenkte allen nach. „Auf meine wunderschöne Tochter an ihrem Hochzeitstag. Auf die Liebe, das Lachen und ein glückliches Leben bis ans Ende aller Tage.“


Mir taten schon die Wangen weh vom vielen Lächeln. „Danke, Tony.“


Graysons Handy piepte. Er trank den letzten Schluck Champagner aus, tupfte sich mit einer Serviette die Lippen ab, entsperrte sein Handy und las eine Nachricht. „Die Autos sind da.“


Während alle aufgeregt herumliefen, hielt ich mich an der Stuhllehne fest und atmete tief durch. Ich war starr vor Aufregung, aber ich straffte die Schultern, nahm den wunderschönen Strauß weißer Calla-Lilien von Heather entgegen, dankte ihr und ging wie in Trance voraus.


Flankiert von sechs Männern des Syndikats folgte ich den anderen aus dem Hotel zu der langen Schlange reinweißer Rolls-Royce, die den Parkplatz beherrschten. Als ich die Hand eines Bewachers an meinem unteren Rücken spürte, legte ich den Kopf in den Nacken, um die Sonne auf meinem Gesicht zu spüren, und wappnete mich für die Zukunft.