Kapitel 1
Ich hatte schon immer eine Schwäche für das Dunkle und Ungewöhnliche. Ich war schon immer vom Übernatürlichen besessen. Ich hatte nur nie geglaubt, dass irgendetwas davon echt wäre. Vampire konnte es nicht wirklich geben. Sie waren Gestalten aus Mythen und Legenden.
Ich hatte mich noch nie so sehr geirrt wie in diesem Moment.
Mein plötzlicher Zusammenstoß mit ihrer Unterwelt geschah durch pures Pech. Ich hätte an diesem Abend niemals arbeiten dürfen. Ich hätte niemals diejenige sein dürfen, die so spät Feierabend machte. Es war meine Unfähigkeit, Nein zu sagen, die mein Leben für immer veränderte.
Der Tag hatte eigentlich ganz gut begonnen. Nicht ein einziges Mal hatte ich daran gedacht, dass ich meine Familie oder meine Freunde nie wiedersehen würde. Niemals hätte ich gedacht, dass meine Freiheit auf Zeit war. Dass mein Leben wie ein Countdown ablief.
Es war von Anfang an dunkel und regnerisch gewesen, also hätte ich es vielleicht ahnen müssen. Ich liebte Stürme schon immer und dachte nie, dass sie ein Vorbote für Schlimmeres sein könnten. Der prasselnde Regen machte meine Fahrt zur Arbeit fast unmöglich, doch ich blieb optimistisch. Es war Freitag und ich freute mich auf ein dreitägiges Wochenende.
Wenn ich nur nicht so dumm gewesen wäre, die Schicht eines Kollegen zu übernehmen, der dasselbe niemals für mich tun würde, wäre ich jetzt zu Hause. Stattdessen steckte ich in diesem Käfig fest, ohne Hoffnung auf Hilfe. Ohne Aussicht auf einen Ausweg.
Der Tag war glatt gelaufen. Ich arbeitete in einem Büro für Forderungsmanagement, also sah man mich die meiste Zeit mit einem Ohrstöpsel, wie ich Filme auf dem Handy schaute oder Musik hörte, um die Zeit totzuschlagen. Niemand störte mich wirklich, und ich störte niemanden.
An diesem Tag Überstunden zu machen bedeutete, dass ich erst um sieben Uhr gehen konnte. Das wirkte zwar an sich nicht besonders spät, aber wenn man bedachte, dass es ein regnerischer Novemberabend war, war es draußen schon stockfinster. Als ich die Hintertür zum Büro öffnete, hielt ich kurz inne und blickte hoch zum Sicherheitslicht, das flackerte und nicht ganz ausging. Wir hatten darum gebeten, es zu reparieren, aber natürlich war nichts passiert. Meinen Regenschirm hatte ich am Schreibtisch vergessen, aber ich dachte: Scheiß drauf, und rannte zu meinem Auto.
Ich hatte nichts kommen sehen. Plötzlich wurde mir ein Sack über den Kopf gestülpt, tief über meine Schultern, als wäre er direkt vom Himmel gefallen. Ich schrie aus Leibeskräften, aber der Stoff des Sacks schien mir den Mund zuzukleben. Meine Schreie erstickten, als ich spürte, wie mich etwas hart am Kopf traf.
Der Rest ist Geschichte. Ich wachte in einem hellen, weißen Raum auf, während mein Körper mit einem Hochdruckschlauch abgespritzt wurde. Ich war bis auf die Haut ausgezogen und konnte nichts weiter tun, als mich in Embryonalstellung auf den Boden zu legen und die Augen zu schließen, während ich darauf wartete, dass der Angriff ein Ende nahm.
Als es vorbei war, wurde ich unsanft hochgezwungen und bekam ein weißes Hemd, das viel zu groß war. Ich wurde einen Flur mit sogenannten Zellen entlanggeführt. Es erinnerte mich wirklich an ein altmodisches Gefängnis mit Backsteinwänden und Gittern. Nur gab es dort nie Sonnenlicht. Nur die hellen Neonröhren, die über mir leuchteten, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit.
Wenn du mich fragen würdest, wie lange ich schon gefangen gehalten wurde, hätte ich keine Ahnung. Es fühlte sich wie Wochen an, aber gleichzeitig wie Jahre. Ich hatte nicht so viel Glück gehabt wie die anderen Mädchen. Die meisten Mädchen, die in die Zellen gebracht wurden, gingen nach kurzer Zeit wieder. Doch ich blieb zurück, nichts weiter als ein Spielzeug.
Die Wachen, mangels eines besseren Namens, holten mich etwa einmal pro Woche aus meiner Zelle, damit ich wieder abgespritzt wurde und ein frisches Hemd bekam. Es passierte nie oft genug. Der Raum, in den sie mich steckten, war kahl und ungemütlich. Die Matratze auf dem Boden hatte schon bessere Tage gesehen, und die dünne Wolldecke half kaum gegen die beißende Kälte in der Nacht.
Sie sorgten dafür, dass ich drei Mahlzeiten am Tag bekam, auch wenn man sie kaum so nennen konnte. Unser Essen, oder zumindest meins, war immer dasselbe. Eine armselige Portion Haferbrei und Milch. Ein Erdnussbutter-Sandwich und Milch. Oder wenn ich Glück hatte, ein Stück Hühnchen mit grünen Bohnen oder Mais und Wasser.
Auf meinen Gängen durch den Flur, wenn ich zum Duschen raus durfte, bemerkte ich, dass ich anders behandelt wurde als die anderen Mädchen. Das Licht über ihren Zellen wurde zu bestimmten Zeiten ausgeschaltet, damit sie besser schlafen konnten. Sie hatten alle bessere Betten, Decken und manchmal sogar Obst oder Limonade. Das alles war mir jedoch egal; es war die Tatsache, dass nicht eine von ihnen eine einzige Spur am Körper hatte. Keine von ihnen war voller Blut. Nur ich.
Ich hätte Fragen gestellt, aber je mehr ich redete, desto schlimmer wurden meine Bestrafungen. Ich hatte schnell gelernt, den Blick zu senken und die Klappe zu halten, besonders wenn Bruno Wache hatte. Keine der anderen Wachen war jemals in meine Zelle gekommen. Es war immer nur er. Es war, als würde er jedes Mal einen kranken Kick bekommen, wenn sein Messer in mein Fleisch schnitt.
Sich zu wehren brachte nichts; seine Schnitte wurden nur tiefer. Ich betete, dass er genug von mir bekam. Ich hatte sogar um den Tod gebetet. Er war nie so gnädig. In den seltenen Fällen, in denen er nicht auftauchte, saß ich in der Ecke meiner Zelle und war erleichtert über die Ruhe.
Ich brauchte eine Weile, bis ich begriff, dass die Leute, die mich gefangen hielten, Vampire waren. Sie hatten nicht die langen Fangzähne, die man aus Filmen kannte. Die Männer waren nicht blass. Sie sahen fast normal aus, doch ihre Augen verrieten sie, wenn sie fraßen. Wenn Bruno mein Blut von seiner Klinge schmeckte, wurden seine Pupillen katzenartig und seine Augen leuchteten rot.
Das Monster in ihm kam zum Vorschein und verschwand dann wieder, als hätte ich mir alles nur eingebildet.
Manchmal zweifelte ich immer noch an mir selbst. Ich dachte, ich müsste im Koma liegen und mein Verstand würde sich diese Horrorgeschichte ausdenken. Vampire gab es nicht. Bruno war nur ein sadistischer, böser Mensch, der es liebte, mich bluten zu sehen. Egoistischerweise wünschte ich mir, er würde sich für eines der anderen Mädchen interessieren. Doch es schien, als wäre ich seine Auserwählte.
Als ich das Geräusch von Metall auf Metall hörte, erstarrte ich sofort. Bruno war auf dem Weg zu mir, und das Quietschen seiner Messerklinge kündigte sein Kommen an.
Ich saß so still wie möglich da, starrte auf den Boden und hoffte, dass er an meiner Zelle vorbeigehen würde. Das Scharren hörte auf, und ich wusste, dass er darauf wartete, dass ich hochschaute. Er weidete sich an der Panik in meinen Augen. Mein Herz schlug so schnell, dass es mich nicht wundern würde, wenn man es sehen konnte; meine Hände zitterten in meinem Schoß.
Mein Zögern würde ihn nur wütend machen, also schaute ich langsam hoch und sah ihn vor meiner Zelle stehen. Er lehnte an den Gitterstäben und beobachtete mich, wie ein kleines Kind ein Tier im Zoo betrachtet.
„Hallo, Violet.“
Seine Stimme war sanft und verbarg den Wahnsinn, der darunter lauerte. Brunos Name passte gut zu ihm. Er wirkte, als wäre er in den späten Dreißigern, die Haare kurz geschoren, wie beim Militär. Obwohl er riesige Bizepsmuskeln hatte, hatte er auch ein bisschen einen Bierbauch.
Wieder einmal senkte ich den Blick, als er meine Zelle aufschloss, eintrat und die Tür hinter sich zuschlug. Er ging auf mich zu und blieb direkt vor mir stehen. Meine Augen fixierten seine braunen Stiefel, während er in die Knie ging, die Hand ausstreckte und mein Kinn packte. Er hob mein Gesicht an, sodass mir keine andere Wahl blieb, als ihn anzusehen.
„Hast du mich vermisst, Stoffpuppe?“
Stoffpuppe, das war sein Kosename für mich. Er hatte mir nie gesagt, warum, und ich konnte mir nur vorstellen, dass er von all den Narben kam, die er auf meinem Körper hinterließ. Ich wusste, dass ich besser nicht antworten sollte, auch wenn er mir eine Frage gestellt hatte, also nickte ich nur. Den Kopf zu schütteln hätte mir nur eine Ohrfeige eingebracht, bevor die Tortur begann.
Manchmal war Bruno sanfter zu mir. Ich hoffte, dass heute eine dieser Nächte war. Als ich zu ihm aufblickte, hielt ich Blickkontakt, weil ich wusste, dass ihm das gefiel. Er lächelte, griff nach oben und strich mir die Haare aus dem Gesicht. Sein Lächeln war jedoch nicht beruhigend, es war beängstigend. Vampire hatten zwar keine langen Fangzähne, aber sie hatten scharfe Zähne, und seine schienen besonders hervorzustechen.
Ich schluckte, als er nach dem Messer an seiner Hüfte griff und es aus der Scheide zog. Er nahm meinen Arm, hielt Blickkontakt und führte die Klinge geschickt über die Innenseite meines Unterarms. Ich zuckte zusammen, als das Messer in mein Fleisch schnitt und eine dünne Blutlinie hinterließ. Ich sah hoch und beobachtete, wie er mein Blut von der messerscharfen Klinge leckte. Ich sah zu, wie sich seine Pupillen verwandelten und rot wurden.
Er zog meinen Arm gerade und fuhr mit der Zunge das Blut entlang, das nun an meinem Arm heruntertropfte. Ich hatte mich darauf trainiert, so still wie möglich zu bleiben. Er war heute Abend sanft, und ich wollte ihn nicht provozieren. Ich hatte immer noch eine tiefe Wunde an meinem Oberschenkel, wo er ein Stück Fleisch aus meiner Haut geschnitten hatte.
Die Stöhner, die Bruno von sich gab, während er gierig das Blut von meinem Arm saugte, klangen fast sexuell. Ich hatte am Anfang Angst gehabt, dass er mich vergewaltigen würde, aber ich fand schnell heraus, dass es weitaus schlimmere Dinge gab. Er richtete sich auf, ging auf die Knie und drückte mich nach unten. Ich wappnete mich, als ich merkte, dass er es auf meine Beine abgesehen hatte. Kein Teil meines Körpers war vor ihm sicher. Mein Gesicht war die einzige Hautstelle, an der sein Messer noch nicht gewesen war.
Ich schrie vor Schmerz auf, als er mich diesmal tiefer schnitt, von der Seite meiner Kniescheibe bis hoch zu meinem Oberschenkel. Das Brennen durchzog mein ganzes Bein, aber durch meine tränenden Augen hinweg sah ich ihm weiterhin direkt ins Gesicht. Als er die Klinge diesmal an seine Lippen führte, floss Blut daran herab. Er grinste mich zufrieden an, bevor er sich bückte und das Blut aufleckte, das aus meiner Wunde sprudelte. Er hatte mich tief geschnitten, aber wenigstens hatte er diesmal kein Fleisch herausgetrennt.
Als er mich verließ, zog ich mich in meine Ecke zurück und presste die Hände gegen meinen blutigen Oberschenkel. Es war tiefer, als ich zuerst gedacht hatte, und ich wusste, dass es noch eine Weile wehtun würde. Ich schloss die Augen und wusste, dass ich mich hinlegen sollte. Ich war immer schwächer, wenn Bruno weg war. Ich griff nach der Decke an meiner Seite, zog sie über meine nackten Beine und betete, dass er heute Nacht nicht zurückkommen würde.