1: Die Einladung
Nora
Alexander, mein bester Freund, saß neben mir in unserem Lieblingsrestaurant. Er flirtete schon wieder mit einer Kellnerin. Wir versuchen, uns einmal die Woche zum Mittagessen zu treffen. So bleiben wir auf dem Laufenden, auch wenn wir uns sowieso oft sehen. Es ist unsere kleine Tradition, die wir trotz unserer vollen Terminkalender beibehalten. Jeden Mittwoch treffen wir uns an unserem Stammplatz im Viertel, um zu quatschen.
Während ich ihn beobachte, werde ich eifersüchtig. Er kann Frauen einfach so im Handumdrehen abschleppen. Um diese Fähigkeit habe ich ihn schon immer beneidet. Er muss sich nicht einmal anstrengen. Er sieht gut aus, ist charmant und die Frauen fliegen auf ihn. Ich muss zugeben, dass ich verstehe, was sie an ihm finden.
Ich kenne Alex schon ewig. Unsere Väter waren befreundet. Das zwang unsere Mütter dazu, sich ebenfalls anzufreunden, sobald sie unsere Väter kennenlernten. Manche Leute sagen, wir würden zu sehr aneinander klammern. Aber ich glaube, unsere Verbindung sitzt tiefer. Wir waren immer füreinander da, egal was passierte. Wir unterstützen uns bei unseren persönlichen Zielen und feiern Erfolge gemeinsam.
„Kannst du mal für ein paar Minuten mit dem Flirten aufhören und dich mit mir unterhalten?“, fauchte ich.
„Worüber gibt es denn bitteschön zu reden?“, schoss er genervt zurück.
Ich verstehe nicht, was mit ihm los ist. Vielleicht bin ich gerade etwas egozentrisch. Es kann sein, dass ich zu sehr auf mich fixiert bin. Ich habe mir nicht die Zeit genommen, seine Sicht der Dinge zu verstehen. Womöglich macht er gerade etwas durch, von dem ich nichts weiß, und verhält sich deshalb so seltsam.
„Tut mir leid. Ich wollte dich nicht wütend machen.“ In jeder Situation bin ich die Erste, die sich entschuldigt. Ich will es immer allen recht machen. Es hat Jahre gedauert, bis ich dieses Verhaltensmuster erkannt habe. Ich stellte die Bedürfnisse anderer immer über meine eigenen und suchte ständig nach Bestätigung. Ich war eine Meisterin darin geworden, meine eigenen Wünsche und Meinungen zu unterdrücken. Es war ein Überlebensmechanismus, um mich vor Ablehnung zu schützen.
„Du hast mich nicht wütend gemacht. Ich muss nur gerade irgendeinen Scheiß klären. Es tut mir leid, dass ich dich so angefahren habe“, entschuldigte er sich ebenfalls.
„Ich kann keine One-Night-Stands haben. Ich brauche Verbindlichkeit, eine echte Bindung.“
Alex atmete tief aus und sah mich an.
„Es ist ganz einfach, Nora. Du lernst die Person nicht wirklich kennen. Je unpersönlicher es ist, desto leichter kann man gehen. Sobald man jemanden kennenlernt, kommen Gefühle ins Spiel. Du musst verstehen, dass Sex außerhalb einer Beziehung etwas ganz Normales ist.“
Alex verdrehte die Augen, bevor er meinte, dass ich jetzt zurück zur Arbeit müsse.
„Kommst du heute Abend trotzdem vorbei?“
„Den Film-Mittwoch würde ich für nichts auf der Welt verpassen“, antwortete er. Er drückte mir Bargeld für sein Essen in die Hand und ging.
Kurz nachdem Alex weg war, kam die Kellnerin an den Tisch.
„Ihr Freund hat recht, oder?“, fragte sie.
„Wie bitte?“ Warum hat sie gelauscht? Das ist unhöflich.
„Dass es unpersönlich besser ist. Diesen Samstag gibt es eine Party. Es ist ein Maskenball, und ich glaube, das wäre perfekt für Sie.“
Die Kellnerin schob eine Visitenkarte mit einer Adresse über den Tisch. „Sagen Sie ihnen, dass Scarlett Sie eingeladen hat. Dann sollten Sie reinkommen.“
„Danke?“
„Das Essen geht aufs Haus. Ich hoffe, wir sehen uns dort.“ Sie zwinkerte mir zu und ging weg.
Das war seltsam. Wer zum Teufel benutzt eine Visitenkarte als Einladung zu einer Party? Und hat sie gerade mit mir geflirtet? Wenn ja, war das definitiv das erste Mal.
Abgesehen von der komischen Begegnung mit der Kellnerin verlief der Rest meines Tages wie erwartet. Er endete wie ein typischer Mittwoch, und ich wollte nur noch nach Hause.
Ich bereite gerade alles für unseren wöchentlichen Filmabend vor. Wir haben uns noch nie länger als zwei Wochen nicht gesehen. Wie gesagt, ich glaube, wir klammern ein bisschen aneinander.
„Ich hab den Alk mitgebracht“, verkündete Alex, während er zur Tür hereinkam.
„Das Essen ist fast fertig. Ich brate gerade noch das Hähnchen für die Fajitas. Kannst du schon mal im Wohnzimmer alles vorbereiten?“
Alex brachte die Gläser und Snacks zum Couchtisch. Ich merkte, dass er viel im Kopf hatte. Er brauchte wohl eine Pause von seinen eigenen Gedanken.
„Die Kellnerin heute war übrigens total schräg, nachdem du weg warst.“
„Echt, wieso das?“, fragte er mit vollem Mund.
„Sie hat wohl unser Gespräch belauscht. Sie meinte, du hättest recht mit den One-Night-Stands, und hat mich für Samstag zu einer Party eingeladen.“
„Wenn ich nicht schon was vorhätte, würde ich glatt mitkommen.“
„Ich weiß nicht, ob ich da wirklich hin will.“ Es wirkt irgendwie zwielichtig. Aber wenn ich das Alex sage, meint er nur wieder, dass ich bei allem so denke. Ich habe Angst, dass ich es bereue, wenn ich mich mal aus dem Fenster lehne. Entweder werde ich abgewiesen oder ich finde den nächsten Versager.
„Du musst da hin. Das würde dir guttun, und es macht bestimmt Spaß. Ich habe mal einen Artikel über solche Clubs gelesen, die jetzt überall in den Großstädten auftauchen. Die werben damit, ein sicherer Ort für geheime Fantasien zu sein. Man kommt nur rein, wenn man von einem Stammgast eingeladen wird.“
Er schien von meiner Einladung begeistert zu sein. Vielleicht sollte ich sie ihm geben. Er würde sie sicher nutzen.
„Ich weiß nicht recht.“
„Geh hin. Ich lasse dich auch wegen deiner schlechten Männerwahl in Ruhe, wenn du hingehst. Du musst mehr rauskommen und dir selbst vertrauen. Du bist eine tolle Frau, Nora, das musst du endlich sehen. Du brauchst einen Typen, der dir das zeigt“, sagte er mit seinem typischen Lächeln.
Alex’ Lächeln ist einer der Gründe, warum er fast jedes Mädchen dazu bringt, das zu tun, was er will. Bei mir funktioniert das aber nicht. Wahrscheinlich, weil ich ihn wirklich kenne und wir schon so lange befreundet sind.
„Na gut. Aber wenn es keinen Spaß macht, dann nervst du mich nicht mehr damit, dass ich öfter ausgehen soll.“
„Abgemacht.“
Hoffentlich bereue ich diesen Deal nicht. Ich habe nur zugestimmt, weil ich ein bisschen neugierig bin. Vielleicht hat Alex ja recht und ich muss ab und zu mal was wagen. Womöglich wird es ja doch ganz lustig und ich lerne tatsächlich jemanden kennen.
„Was hast du eigentlich am Wochenende vor?“
„Nur so Pläne.“
„Ist das ein Geheimnis?“
„Nein. Ganz normale Pläne für einen Samstag.“
„Du hast also ein Date?“
„Ich würde es nicht direkt ein Date nennen.“
„Na ja, ich hoffe, du hast Spaß.“
Alex hatte in seinem ganzen Leben nur eine feste Freundin, und das war im Studium. Sie kamen im ersten Semester zusammen und blieben bis zum dritten Jahr beieinander. Seit der Trennung ist er mit Frauen nicht mehr derselbe. Er will nur Spaß haben und morgens wieder verschwinden. Ich finde, es gehört eigentlich viel Mut dazu, mit jemandem zusammen zu sein, den man gerade erst getroffen hat.
Ich finde es auch seltsam, dass Alex mir gegenüber so distanziert und launisch ist. Ich weiß nicht, ob ich was falsch gemacht habe. Falls ja, hoffe ich, dass er weiß, dass er es mir sagen kann.
Unser Filmabend dauerte wie immer länger als geplant. Alex half mir beim Aufräumen, aber diesmal war er still. Normalerweise bequatschen wir beim Saubermachen den Film. Vielleicht ist er nicht mehr so genervt von mir, wenn ich in diesen Club gehe. Ich weiß, dass es ihn stört, wenn ich nichts Neues ausprobiere. Ich hasse es, wenn es Spannungen zwischen uns gibt, denn er ist der Mensch, auf den ich mich immer verlassen kann.
Mein Ziel war es, eine Maske zu finden, die meine Identität verbirgt. Wenn ich schon zu dieser Party gehe, dann ziehe ich es auch richtig durch und verlasse meine Komfortzone. Das fällt mir leichter, wenn ich in eine andere Rolle schlüpfe. Ich kann sein, wer ich will, und die Person, über die sie urteilen, existiert gar nicht.
Ich hatte erst wenig Glück, bis ich auf einen kleinen Kostümladen stieß. Ich hatte ein schönes rotes Kleid, das ich anziehen konnte. Jetzt suchte ich eine Maske, die dazu passte und mein Gesicht gut verdeckte.
„Hallo, kann ich Ihnen bei der Suche helfen?“, fragte die Verkäuferin.
„Ich suche eine Maske für einen Maskenball. Sie sollte zu einem roten Abendkleid passen.“
„Ich glaube, ich habe hinten noch ein paar.“
Ich folgte ihr in den hinteren Teil des Ladens, wo sie in einigen Kisten kramte.
„Geben Sie mir einen Moment.“
Nach kurzer Zeit kam sie mit vier Masken zurück. Die erste erinnerte mich an das Phantom der Oper, bestand aber ganz aus Spitze. Die zweite war eine rot-schwarze Seidenmaske mit Perlenverzierung. Die dritte war der Volltreffer. Es war eine schwarze Augenmaske mit roten Spitzendetails, die hinter den Ohren befestigt wurde. In den Augenwinkeln glitzerten Strasssteine.
„Die hier ist perfekt.“
„Sie ist wunderschön und ich glaube, sie wird Ihnen hervorragend stehen.“
„Vielen Dank.“
Jetzt, wo ich die Maske hatte, freute ich mich richtig auf die Party. Für eine Nacht würde mein Leben mal nicht langweilig sein. Ich kann jemand anderes sein als die öde Nora. Für eine Nacht kann ich sein, wer immer ich will.
Ich dachte, das wäre eine normale Hausparty, aber das ist kein Haus, das ist eine Villa. Wer auch immer diese Party gibt, muss stinkreich sein.
Ich kam etwas zu spät, in der Hoffnung, dass sich die Gäste schon unter die Leute gemischt hatten. Ich wollte nicht die peinliche Neue sein, die allein herumsteht und auf die anderen wartet. Wenn es schon voll ist, kann man leichter untertauchen.
Ich klopfte an die Haustür. Ein großer, kräftiger Mann mit Maske öffnete mir.
„Stehen Sie auf der Liste?“
„Ich bin mir nicht sicher. Scarlett hat mich eingeladen“, sagte ich schüchtern.
Der Typ sah auf seine Liste.
„Ich brauche hier eine Unterschrift von Ihnen.“ Ich musste wohl als Gast von Scarlett auf der Liste stehen. Keine Ahnung wie, da sie meinen Namen gar nicht kannte. Vielleicht hat sie einfach eine Begperson eingetragen?
Ich blickte auf das Tablet, das er mir hinhielt. Es war eine Vertraulichkeitsvereinbarung. Schon bereute ich es, gekommen zu sein. Was für Sachen gehen hier eigentlich ab?
„Alles, was Sie hier sehen oder tun, ist streng vertraulich. Um das zu gewährleisten, müssen Sie dies unterschreiben und einen Ausweis vorlegen. Nur ich und der Besitzer haben Zugriff darauf.“
„Okay.“ Ich atmete tief durch, unterschrieb das Dokument und reichte ihm meinen Ausweis zum Scannen. Als er ihn mir zurückgab, trat er zur Seite, um mich ins Haus zu lassen.
Jetzt gibt es kein Zurück mehr.