Kapitel Eins
Wenn ich auf mein Leben zurĂĽckblicke, ist es nicht das, was ich erwartet habe. Das Leben wirft einem Steine in den Weg, und manchmal muss man diese ScheiĂźe einfach voll abbekommen. Das Leben ist so unvorhersehbar und voller Ungewissheit. Aber eines ist sicher: Ihn habe ich definitiv nicht erwartet... den Bruder meiner besten Freundin. Was durch ihn auf mich zukam, sollte meine Welt komplett auf den Kopf stellen.
Fangen wir von vorne an, oder?
„Um ehrlich zu sein, hasse ich mein Leben und diese Schule“, sage ich zu meiner besten Freundin. Wir sind befreundet, seit wir neun waren. Damals wurde ich als neue Schülerin versehentlich in die falsche Klasse gesteckt. Sie war die Erste, die mit mir sprach und mir die Peinlichkeit nahm, als die Schulleiterin so laut sie konnte erklärte, dass sie mich an den Frühstückstisch der 5. Klasse gesetzt hatte, statt in die 4. Klasse, wo ich eigentlich hingehörte.
Seitdem sind wir einfach unzertrennlich. Jetzt sind wir auf der Highschool und immer noch genauso eng. Sie ist ruhiger als ich. Ich bin direkt und sage, was Sache ist, während sie schüchtern und lieb ist. Genau dafür ist Kyra bekannt: dafür, dass sie so lieb ist. Ich weniger.
Wir haben wirklich viel zusammen durchgemacht. Kyras Haus ist wie mein zweites Zuhause. Ich bin genauso oft bei ihr wie bei mir zu Hause, wenn nicht sogar öfter. Als ich neun war, kam ich zusammen mit meinem kleinen Bruder Hayden, der damals zwei war, in eine Pflegefamilie. Da habe ich die Schule gewechselt und Kyra kennengelernt. Wir blieben ein Jahr bei der Pflegefamilie. Als meine Mutter es dann nicht schaffte, uns zurückzubekommen, nahm uns meine Tante auf. Ich bin ihr für das Angebot dankbar, aber eigentlich hätte sie uns im Pflegesystem lassen sollen. Unsere Pflegeeltern waren kurz davor, uns zu adoptieren.
Stattdessen war ich dort eher ein Dienstmädchen. Ich tat alles, um sie zufriedenzustellen und meine Dankbarkeit zu zeigen, dass sie uns aufgenommen hatten. Ganz zu schweigen davon, dass ihr Mann ein Widerling war. Aber wie gesagt, ich war öfter bei Kyra als bei mir zu Hause. Ich wollte meinen Bruder dort nicht alleine lassen, also ging ich nur dann zu ihr, wenn er bei unserer Mutter war oder dort Zeit verbrachte.
Ihre Familie wurde bald zu meiner zweiten Familie. Ihre Eltern waren geschieden und beide wieder verheiratet. Meistens waren wir bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater, die entweder in ihrem Zimmer blieben oder unterwegs waren. Ich war nicht oft bei ihrem Vater und ihrer Stiefmutter, weil ihre Mutter entspannter war und wir meistens bei ihr blieben. Und dann war da noch ihr Bruder Curtis. Er war 17, anderthalb Jahre älter als wir, und wir haben uns gehasst. Er warf mir die übelsten Blicke zu, wenn ich zu Besuch war – was ständig der Fall war. Natürlich habe ich das erwidert, denn was wäre ich für ein Gast, wenn ich das nicht täte? Ich habe nicht verstanden, was sein Problem mit mir war, außer dass ich eben ständig da war.
Wenn ich sage, ständig, dann meine ich das auch so. Ich habe es sogar geschafft, bei ein paar Familienurlauben mitzufahren. Curtis hat immer nur geschnaubt und sich über meine Anwesenheit beschwert.
„Muss Sierra wirklich überall mit hin, wo wir hingehen?“, fragte er.
„Halt die Fresse, Arschloch, sie ist meine Freundin. Tut mir leid, dass du keine hast!“, schreit Kyra ihn an.
„Ich habe Freunde, die hängen nur nicht ständig am Arsch meiner Familie.“
„Jetzt seid ihr beide mal still und hört auf, so eine Sprache in meinem Auto zu benutzen! Curtis, Sierra ist hier jederzeit willkommen.“ Das sagte Kyras Mutter, als wir gerade auf dem Weg in einen ihrer Urlaube waren.
Curtis war zwar nicht der heißeste Typ der Schule, aber er konnte sich definitiv sehen lassen. Er hatte blaue Augen und strubbeliges braunes Haar, das ihm in die Stirn fiel. Er war schlank und hatte eine sehr sportliche Figur, obwohl er gar keinen Sport trieb. Nicht, dass ich seinen Körper jemals betrachten würde – ich meine, komm schon, wir hassen uns.
Aber zurĂĽck zu dem, was ich gerade sagte.
„Um ehrlich zu sein, hasse ich mein Leben und diese Schule“, platzte es aus mir heraus, während wir in der Turnhalle saßen und dabei zusahen, wie sich die verdammt heißen Seniors aus ihren verschwitzten Shirts in ihre Schulsachen schälten.
„Ich frage mich, wie Blake wohl im Bett ist“, sagt Kyra.
Blake ist ihr Jugend-Schwarm. Sie steht auf ihn, seit wir in der 4. Klasse waren und gerade erst Freundinnen wurden. Es ist verrückt, dass sie ihn schon so lange mag, er sie aber noch nie eines Blickes gewürdigt hat. Aber da sie so schüchtern ist und es ihm nie sagen würde, kann ich verstehen, warum er sie nicht bemerkt. Dabei ist sie wirklich hübsch; sie hat langes, dunkelblondes Haar und das süßeste Lächeln, das man sich vorstellen kann. Ihr Lächeln ist so ansteckend, dass man einfach zurücklächeln muss, wenn sie es tut.
Und wie aufs Stichwort kommt Blakes Schlampe von einer Freundin angelaufen, schlingt ihre Arme um seine Taille, und ihr Mund verbindet sich mit seinem – mit ein wenig mehr Zungenspiel, als der ganze Fitnessraum sehen musste.
Kyra wirft ihnen einen angewiderten Blick zu und dreht sich weg.
„Du kommst heute immer noch mit zu mir nach Hause, oder?“, fragt Kyra.
„Ja, wenn das für dich okay ist“, sage ich mit dem Mund voller Gushers.
„Wirklich? Du wohnst doch quasi schon dort. Du könntest dir genauso gut ein Zimmer nehmen“, lacht sie.