Eins
Kate prüfte ihr Outfit gefühlt zum hundertsten Mal. Sie blickte zwischen dem Ganzkörperspiegel und dem Haufen weggeworfener Kleider hin und her, die es nicht in die engere Wahl geschafft hatten. Ihre Mitbewohnerin Autumn rief aus dem anderen Zimmer: „Wenn die dich wegen deiner Klamotten nicht einstellen, willst du da sowieso nicht arbeiten!“
Sie hatte ja recht, aber das hielt Kate nicht davon ab, an sich selbst zu zweifeln. Es war ja nicht mal eine richtige Stelle, sondern nur ein Praktikum. Nur ein Praktikum... dieser Satz sollte sie eigentlich beruhigen, aber er fühlte sich nicht wahr an. Sie wusste, dass es mehr war. Es war ein Praktikum bei einer der erfolgreichsten Firmen der Welt. Sie würde von einem CEO lernen, der ständig auf den Titelseiten der großen Magazine zu sehen war. „Aber was zur Hölle zieht man da an?“, murmelte sie vor sich hin. Sie betrachtete ihre Nadelstreifenhose im Spiegel. Die hohen Schuhe betonten ihre langen, sportlichen Beine. Ihr Blick wanderte an ihrem Körper hoch, bis sie bei ihrem BH hängen blieb. „Wenn ich so hingehe, kriege ich den Job garantiert“, dachte sie. Sie zwinkerte sich selbst zu, um sich Mut zu machen, und zog dann ihre weiße Bluse an. Trotzdem wurde ihr mulmig. In der Zeit, die sie für den Weg zum Gespräch brauchte, würde ihr Gegenüber genug Geld verdienen, um sich ohne Wimpernzucken einen Privatjet zu kaufen. „Mach dich nicht selbst verrückt, Kate“, flüsterte sie. Sie war schließlich Weltmeisterin im Grübeln, und das hier half gerade gar nicht.
Bevor Kate aus dem Auto stieg, checkte sie sich noch einmal im Rückspiegel. Sie lehnte den Kopf gegen das Lenkrad. Langsam zweifelte sie sogar daran, überhaupt hinzugehen. Sie war seit drei Monaten mit dem College fertig und ihr einziger bezahlter Job war in einer Drogerie. Sie rief sich in Erinnerung, dass sie dort nicht nur in einer Drogerie arbeitete, sondern auch nur in Teilzeit. Das gab ihr irgendwie Mut: „Was sollen sie schon tun? Deine glorreiche Karriere bei CVS ruinieren? Wie würdest du dann bloß weitermachen?“
In einer Art Trance fuhr sie los. Sie hörte eine Playlist, die so durcheinander war, dass man ihr glatt ADHS hätte diagnostizieren können. Sie folgte dem Navi und stellte noch einen leeren Kaffeebecher von Dunkin' Donuts auf den wachsenden Stapel auf dem Beifahrersitz. Als sie vor dem Gebäude ankam, musste sie einfach stehen bleiben und starren. Es war eines der größten Häuser, in denen sie je gewesen war. Alles sah so teuer aus, dass Kate fast glaubte, das Toilettenpapier sei aus Marmor. Vielleicht musste man sich dort nicht mal selbst abwischen. Wahrscheinlich kam extra jemand mit Harvard-Abschluss vorbei und erledigte das für einen. Während Kate sich immer weiter in ihre komischen Gedanken reinsteigerte, wurde sie am Empfang abgeholt und zum Gespräch nach oben gebracht.
Kate wurde an eine andere Empfangsdame übergeben – oder war es eine Assistentin? Vielleicht eine Chefsekretärin? Sie versuchte, sich an den Namen der Frau zu erinnern, den sie erst vor elf Sekunden gehört hatte. Gleichzeitig rätselte sie über deren Berufsbezeichnung. Dabei merkte sie plötzlich, dass sie kein Wort von dem mitbekommen hatte, was die Frau gerade zu ihr sagte.
„Es tut mir leid, ich bin einfach furchtbar nervös“, platzte es aus Kate heraus.
„Das ist völlig normal. Seien Sie einfach ganz Sie selbst und versuchen Sie, sich zu entspannen“, sagte die Frau mit einem strahlenden Lächeln. Kate hatte schon immer geglaubt, dass manche Leute einfach für bestimmte Berufe geboren wurden, wie zum Beispiel Kindergärtnerinnen. Man kann nicht lernen, sich so sehr über Fingermalfarben zu freuen; das muss einem im Blut liegen. Sie ging im Kopf gerade eine Liste von Berufen durch, für die man geboren sein musste. Gleichzeitig schimpfte sie mit sich selbst, weil sie sich nicht auf das Gespräch konzentrierte. In diesem Moment öffneten sich die massiven Türen und eine wunderschöne, ältere Frau kam heraus.
„Ms. Jackson, ich bin Beverly Richards, Vice President of Operations. Ich werde heute Ihr Vorstellungsgespräch führen.“ Sie streckte Kate die Hand entgegen und grüßte sie freundlich, aber professionell. Kate tauschte ein paar Höflichkeiten aus und dachte bei sich, dass diese Frau die Definition eines Cougars war. Obwohl Kate sicher fünfzehn Jahre jünger war, war sie fast eifersüchtig auf das sexy Selbstbewusstsein, das Ms. Richards ausstrahlte. Jedes Teil ihres Outfits war perfekt geschneidert. Es betonte ihre Vorzüge, ohne dass es angestrengt wirkte. Ein Mann würde vielleicht nicht merken, wie viel Arbeit es macht, sexy, aber nicht wie eine Schlampe auszusehen. Aber Kate fiel es sofort auf. Als Ms. Richards sie ins Büro führte, konnte Kate nicht anders, als ihren unglaublich knackigen Arsch zu bewundern. Das war das Ergebnis von hartem Training im Fitnessstudio. Die Frau wusste ganz genau, dass jeder Mann und jede Frau ihr hinterherglotzte. Ganz egal, worauf man stand, das musste man einfach bewundern.
„Bitte, nehmen Sie Platz“, sagte Ms. Richards. Sie setzte sich hinter einen Schreibtisch, der sicher mehr gekostet hatte, als Kate in ihrem ganzen Leben verdient hatte. „Zuerst möchte ich mich bedanken, dass Sie uns alle Unterlagen für die Sicherheitsüberprüfung geschickt haben. Die meisten Leute geben uns nicht gerne Zugriff auf ihre sozialen Netzwerke und persönlichen Daten. Mr. Heston war sehr beeindruckt von Ihrem bisherigen Lebenslauf.“
Von welchem Lebenslauf, fragte sich Kate. Sie war gut in der Uni gewesen, hatte zwei Arbeiten veröffentlicht und war einmal fast Mitarbeiterin des Monats in der Drogerie geworden. „Bevor wir darüber sprechen, was die Stelle beinhaltet und ob Sie dafür geeignet sind, gehen wir noch ein paar Unterlagen durch. Diese könnten Ihnen etwas ungewöhnlich vorkommen. Mr. Heston legt großen Wert auf Sicherheit und den Schutz der Firma. Deshalb schauen wir uns vor dem eigentlichen Gespräch einige Geheimhaltungsvereinbarungen an.“
„Ich finde es sehr klug, ein NDA schon vor dem Gespräch zu unterschreiben. Eine Firma wie diese kann es sich nicht leisten, dass Informationen nach außen dringen, die die Konkurrenz nutzen könnte.“ Kate versuchte, intelligent und wie eine Teamplayerin zu klingen. 20 Punkte für Gryffindor, scherzte sie im Stillen mit sich selbst. Schon wieder bestand die Gefahr, dass sie mit ihren Gedanken abschweifte.
„Das freut mich, Kate. Ist es okay, wenn ich Kate zu dir sage?“
„Natürlich.“
„Perfekt. Da wir hier unter uns Frauen sind: Bitte nenn mich Bev, wenn wir alleine sind. Den Jungs erlaube ich das nicht, weil sie wissen müssen, wer hier der Boss ist. Es ist schon schlimm genug, dass sie mir jedes Mal auf den Arsch glotzen, wenn ich den Raum verlasse.“ Kate stammelte und suchte nach einer passenden Antwort. „Schon gut, Kate, das macht jeder. Ich trainiere nicht fünfmal die Woche, um dann nicht angeschaut zu werden“, sagte Bev mit einem Lachen.
Kate verbrachte die nächsten zehn Minuten damit, die NDA-Formulare zu lesen und zu unterschreiben. Eigentlich hätte sie nur drei Minuten gebraucht. Aber sie musste die Stelle mehrmals lesen, in der stand, dass sie 10.000 Dollar für die Unterschrift und das Gespräch erhalten würde. „Das kann nicht stimmen“, sagte Kate schließlich. „10.000 Dollar, nur damit ich unterschreibe und an dem Gespräch teilnehme?“
„Ja, wir sehen das als eine Art Bonus. Außerdem sollen unsere Bewerber einen Vorgeschmack darauf bekommen, wie das Leben hier ist“, sagte Bev mit einem herzlichen Lächeln. Kate leistete die letzte Unterschrift. Sie schob die Papiere herüber. Bev prüfte sie sorgfältig mit einem Lächeln, das nun eine Spur Geheimniskrämerei enthielt. „Das ist alles in Ordnung. Geben Sie mir einen Moment, ich schicke das kurz an die Rechtsabteilung und bin gleich wieder da.“ Als Bev aus dem Zimmer ging, achtete Kate darauf, ihr nicht hinterherzusehen. Sie stand stattdessen auf und bewunderte die Aussicht aus dem Fenster. Sie dachte sich, dass es besser wäre, nicht dabei erwischt zu werden, wie sie der Vizechefin kurz vor dem Interview auf den Hintern starrte – auch wenn Bev wusste, dass es passierte. Kate schmunzelte über Bevs Selbstbewusstsein. Es musste toll sein, so viel Kontrolle zu haben. Von ihr konnte sie eine Menge lernen.
Bev kam schnell zurück und gab Kate ein Zeichen, sich wieder zu setzen. „So, dein NDA ist abgeheftet. Dir ist klar, welche Folgen es hat, wenn du über Dinge sprichst, die hier passieren. Der langweilige Papierkram ist erledigt!“ Sie klatschte sich auf den Oberschenkel, um zu zeigen, dass sie Formulare auch nicht besonders mochte. „Kate, die Stelle, um die es geht, ist einzigartig. Rein rechtlich ist es ein bezahltes Praktikum, das zu einer sehr lukrativen Position in der Firma führen kann. Aber es passt wirklich nicht zu jedem, und viele würden es nicht einmal in Erwägung ziehen.“
„Warum sollten die meisten das nicht wollen? Ich bin ehrlich: Wenn man frisch vom College kommt, muss man damit rechnen, hart zu arbeiten und sich hochzukämpfen“, sagte Kate. Sie wollte zeigen, dass sie bereit für harte Arbeit war, ohne wie eine Schleimerin zu wirken.
„Kate, ich werde bei diesem ganzen Prozess sehr direkt zu dir sein. Wenn du dich zu irgendeinem Zeitpunkt unwohl fühlst, kannst du gehen. Das Gespräch wird dann beendet und du bekommst trotzdem das Geld für das Interview. Hast du das verstanden?“
„Ja, ich verstehe. Ich bin nur ein bisschen verwirrt, was mich dazu bringen könnte, hier einfach rauszuspazieren!“, sagte Kate lachend.
„Das wird gleich klar werden“, sagte Bev. Das Lächeln verschwand aus Kates Gesicht. Plötzlich spürte sie eine Mischung aus Nervosität und Angst.