Etlassung (1)
Toms Sicht
Nach fast zwei Wochen ist heute der Tag, an dem unser Kollege Lennox endlich wieder aus dem Krankenhaus entlassen wird. Während seines Aufenthaltes haben wir uns alle mit den Besuchen abgewechselt, damit er jeden Tag etwas Gesellschaft und Unterhaltung hat, auch wenn ihm das nicht ganz in den Kram gepasst hat, da er denkt, dass er nur eine Belastung ist.
Eins muss man Frau Knittel wirklich lassen: Wenn sie etwas macht, dann macht sie es richtig. Lennox' Selbstwertgefühl ist quasi gar nicht mehr vorhanden und er macht den Eindruck, als wenn er sich einfach nur noch einigeln und alleine gelassen werden möchte. Aber nicht mit uns! Wir lassen unseren Kollegen nicht im Stich und tun was wir können, um ihn wieder etwas aufzupäppeln und ihm zu zeigen, dass die Welt, ohne seine gewalttätige Freundin, viel Besseres für ihn zu bieten hat.
"Marc, jetzt komm schon. Wir sind eh spät dran!", versuche ich Herrn Westernhoven zu drängen, da er seinen Arsch einfach nicht aus dem Auto bekommt. "Jetzt stress mich doch nicht! Lennox wird uns schon nicht weglaufen!", murrt er zurück und schafft es doch dann tatsächlich aus dem Auto auszusteigen. Kopfschüttelnd schließe ich mein Auto ab und mache mich mit Marc zusammen auf den Weg in das Innere der KaS. "Moritz hat gestern erzählt, dass Lennox immer noch die meiste Zeit die Wände anstarrt. Er gibt sich Mühe ein Gespräch aufzubauen, aber er kann sich seinen düsteren Gedanken einfach nicht entziehen!", seufzt Marc vor sich hin und wirft mir einen traurigen Blick zu. "Überlege doch mal, es ist erst zwei Wochen her, dass er von dieser Frau befreit wurde. Es wird noch lange Zeit dauern, bis er das ansatzweise verarbeitet hat. Ich habe ihm angeboten, ein paar seiner Sachen aus der Wohnung zu holen, aber er hat abgelehnt. Er meint, er hätte bei seiner Mutter zu Hause alles, was er braucht... Hoffentlich kommt er nicht auf die dumme Idee das irgendwann alleine zu tun!", sage ich seufzend und steuere auf die etagenübergreifende Fortbewegungsmittel zu. "Was ist denn mit dieser Stella?", will Marc wissen und wirft mir einen fragenden Blick zu. "Sitzt gerade in U-Haft. Lennox' Aussage war anscheinend etwas zu schwammig und er muss nochmals vorstellig werden. Er hat es das letzte Mal einfach nicht gepackt. Der Staatsanwalt hat anscheinend ein paar Zweifel gegenüber diesem Fall ausgesprochen, die nicht Lennox zugunsten ausfallen!" Marc bremst plötzlich stark ab und hindert mich mit einem Griff an meiner Schulter am weiterlaufen: "Tom! Das kann doch nicht sein. Die Knittel hätte ihn dort sterben lassen, wenn wir nicht nach ihm gesucht und ihn gefunden hätten. Wenn sie Lennox in die Finger bekommen sollte, traue ich ihr alles zu!"
"Ich weiß! Klaus bemüht sich ebenfalls, da irgendetwas bewirken zu können. Er hat mir heute morgen aber auch nochmal nahegelegt, mit Lennox zu sprechen. Er muss dieses Mal alle Karten auf den Tisch legen, damit das ordentlich ins Gewicht fällt!" Ich kann mir vorstellen, dass es für Lennox eine große Hürde darstellt, über die ganzen Vorfälle zu reden, aber wenn er nicht alles offenlegt, wird Frau Knittel mit einem blauen Auge davonkommen.
Ich weiß gar nicht genau, wie wir die Sache angehen sollen. In erster Linie dürfen wir nicht zu aufdringlich sein und müssen das Thema mit Fingerspitzengefühl angehen, aber andererseits drängt die Zeit. Der Staatsanwalt lässt sich leider von solchen Augenweiden, wie sie Frau Knittel darstellt, gerne um den Finger wickeln. Es ist allgemein bekannt und doch unternimmt keiner etwas dagegen. Da ist es mehr als verständlich, dass die Opfer schweigen und sich erst gar nicht auf eine Gerichtsverhandlung einlassen, denn letztendlich werden sie selbst als Täter hingestellt.
Wir setzen uns wieder in Bewegung und betreten den Aufzug, der uns in die dritte Etage befördert. "Was ist mit diesen Kollegenschweinen? Robin hat gestern etwas erzählt, aber ich musste dann los zu einem Einsatz." "Theo hat beide rausgeschmissen, da sich herausgestellt hat, dass sie dieses Spielchen schon bei mehreren Kollegen durchgezogen haben. Bisher waren nur alle zu eingeschüchtert, um das offiziell zu machen. Durch Lennox sind die anderen Geschädigten allerdings aufgewacht und haben genug belastendes Material zusammengetragen, damit es für eine Sammelklage reicht. Da geht jetzt ordentlich die Post ab. Aber auch in diesem Fall muss sich unser Kleiner nochmal einer Befragung unterziehen", erzähle ich schwer aufatmend, da mir bewusst ist, dass Lennox noch einen schweren und weiten Weg vor sich hat.
Als wir das Zimmer betreten, sitzt Lennox gequält stöhnend auf dem Bett und versucht, sich einen Hoodie anzuziehen. Durch den operierten Schulterbruch und die gebrochenen Rippen stellt sich dieses Unterfangen allerdings alles andere als einfach dar. "Können wir vielleicht irgendwie behilflich sein?", frage ich als Begrüßung, doch wie zu erwarten war, lehnt unser Kollege sofort ab: "Nein, das schaffe ich schon!" Marc wirft mir einen entsprechenden Blick zu, da man genau sieht, wie "gut" das klappt. Wir stellen uns direkt vor Lennox und schauen ihm zu, wie er mit der linken Hand versucht, den rechten Hoodieärmel über den rechten Arm, der sich in einer Schlinge befindet, zu ziehen. Dieses Schauspiel verfolgen wir ganze fünf Minuten, bis ich den immer zorniger werdenden jungen Mann in seiner Handlung bremse: "Stop! Lennox, lass dir doch bitte helfen! Es ist keine Schande." Einen Moment lang starrt der Angesprochene den Boden an und scheint mit sich zu ringen. Marc begibt sich in die Hocke und fängt Lennox' Blick: "Du hast immer noch merkbare Verletzungen und solltest deine gebrochene Schulter nicht belasten. Lass dir bitte helfen!" Bockig, wie ein kleines Kind, lässt er von seinem Oberteil ab und nickt Marc ergeben zu. Dieser richtet sich wieder auf und hilft dem Geschädigten in den Pullover, was sich aber als knifflige Angelegenheit darstellt, da das Oberteil sehr eng geschnitten ist. Damit es bei der Jacke unseres dürren Grashalmes nicht auch noch zu Problemen kommt, ziehe ich meine aus und werfe sie ihm über die Schulter, als er auf beiden Beinen steht. Das ertönende Seufzen ignoriere ich geflissentlich und schnappe mir schnell die schon fertig gepackte Tasche, um sie nach draußen zu tragen.
Auf dem Weg zum Auto erfragt Marc noch ein paar Infos bei unserem Kollegen: "Wann ist deine Reha?" "Weiß nicht. Die im Krankenhaus haben den Antrag verschlampt und ihnen ist das heute erst aufgefallen. Kann also dauern...", flüstert unser Herr Kraut vor sich hin, was Marc sofort verärgert aufbrummen lässt: "Unglaublich! Das sollte so schnell wie möglich über die Bühne gehen.” "Was solls.. Ich muss so lange zur Physio und..." Lennox bleibt kurz stehen und verzieht sein Gesicht. Seine Hand wandert auf die lädierte Rippenregion und er krümmt sich leicht zusammen. "Geht's?" Marc stellt sich neben den Burschen und beäugt ihn kritisch. Wenn man mich fragt, hätte er noch länger in der Klinik bleiben sollen, denn er macht mir nicht unbedingt den Eindruck, dass er den Tag ohne jede Menge Schmerzmittel überstehen kann.
Anstatt Worten bekommen wir ein Nicken auf Marcs Frage geschenkt. "Hast du Schmerzmittel bekommen?", will Herr Westernhoven wissen. "Ein Rezept. Meine Mutter besorgt die Schmerzmittel dann später", gibt er mit stockender Atmung von sich. Als er sich in Bewegung setzt, öffne ich die Beifahrerseite meines Audis und warte, bis sich Lennox auf seine vier Buchstaben niedergelassen hat. Er hat nach dieser kurzen Laufstrecke schon eine schweißnasse Stirn und sichtliche Schmerzen. Sein Anblick lässt meinen Zorn gegenüber seiner Ex-Freundin und seinen Ex-Kollegen wieder hochkochen und am liebsten würde ich diesen Personen einen Besuch abstatten und sie den gleichen Schmerz fühlen lassen. Leider lässt schon alleine mein Beruf diese Art der Selbstjustiz nicht zu. Als ich sehe, wie sich Herr Kraut an dem Sicherheitsgurt zu schaffen macht, schüttle ich mit dem Kopf: “Lass dir helfen. Die drehenden Bewegungen deines Oberkörpers werden dir sicherlich nicht gut tun.” Mein Kollege atmet schwer auf und ich rechne damit, dass wir gleich wieder diskutieren müssen. Zu meiner Überraschung lässt er sich ohne ein weiteres Wort gegen die Rückenlehne fallen und nickt ganz kurz vor sich hin. Ich greife nach dem Gurt und ziehe ihn vorsichtig über den männlichen Oberkörper. Schon bei der kleinsten Berührung spannt sich Lennox’ Kiefer sichtbar an und signalisiert mir somit, dass diese Prozedur eine große Herausforderung für ihn darstellt.
Marc lässt sich währenddessen auf den Rücksitz fallen und knallt die Türe etwas zu fest ins Schloss, was dafür sorgt, dass Lennox zusammenzuckt und kurz darauf leidend aufstöhnt. Herr Westernhoven bekommt einen bösen Blick von mir geschenkt, der keine weiteren Worte benötigt. Als ich ebenfalls im Auto sitze, starte ich den Motor und verdränge somit die Stille im Innenraum durch das Brummen des Motors.
Das bestehende Schweigen ist sehr unangenehm. Ich überlege zwanghaft, was ich sagen könnte, ohne seine Verletzungen, Stella, seine Ex-Kollegen, die bevorstehenden Aussagen oder sonst etwas triggerndes zu erwähnen. Leider will mir absolut nichts sinnvolles einfallen und wenn ich mir Marc durch den Rückspiegel genauer ansehe, arbeitet sein Gehirn genauso auf Hochtouren, um irgendeinen Gesprächsstoff zu finden. Aus dem Augenwinkel beobachte ich meinen Nebensitzer etwas, um herausfinden zu können, ob es ihm einigermaßen gut geht. Lennox sitzt leicht nach vorne gebeugt da, eine Hand fest gegen seine Rippen gepresst, als würde er versuchen, seinen Körper zusammenzuhalten, da er jederzeit auseinanderbrechen könnte. Auf seiner Stirn hängen vereinzelte Schweißtropfen, obwohl es im Auto nicht sonderlich warm ist. "Ähm..", krächzt Marc von hinten und räuspert sich kurz, "Deine Mutter weiß, dass du heute kommst, oder?" Es vergehen ein paar Sekunden, bevor Lennox ein sehr leises "Ja" über seine Lippen kommen lässt. "Gut", murmelt mein Kollege von der Rückbank aus und widmet sich dann seinem Fenster, durch das er die Umgebung mustert.
Tolle Gesprächsführung…
Am liebsten würde ich Marc genau das sagen, aber es bringt nichts, denn ich wüsste ja selbst nicht, wie ich dieses Schweigen besser füllen sollte. Ich konzentriere mich die restlichen Minuten darauf, dass ich die Gullideckel so gut wie möglich umfahre und nicht allzu stark abbremse. Man könnte meinen, ich habe rohe Eier unter meinem Gaspedal liegen und es würde mich auch nicht wundern, wenn mich irgendwelche Kollegen anhalten, da ich eher ein Verkehrshindernis darstelle, als ein aktiver Teilnehmer im Straßenverkehr. Lennox zuliebe nehme ich das allerdings in Kauf, denn ich möchte ihm nicht mehr Schmerzen zumuten, als nötig wären.
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Hey meine Lieben. Freut mich, dass ihr wieder dabei seid. 💚💙 Updates kommen wie gewohnt Dienstag, Donnerstag und Sonntag. Ich wünsche euch einen schönen Abend und morgen einen guten Start in die Woche. 💙💚 Eure Rojo 💚💙








