Kapitel 1
Kapitel 1: Die melancholische Verschwörung
Blues ist, wenn du Montagmorgen aufwachst, dein Kaffee kalt ist, dein Hund dich verlässt und deine Gitarre dich ghostet.“
So begann die Satzung der „Anti-Akademie für angewandte Schwermut“, einer musikalischen Einrichtung, deren Gründer sich nicht sicher waren, ob sie ein Konservatorium oder eine Selbsthilfegruppe sein wollten. Letztlich entschieden sie sich für beides. Ihr Logo war eine Träne mit Hut.
Hauptquartier dieser Institution des gepflegten Weltschmerzes war ein Keller in Berlin-Schöneberg, gelegen zwischen einem veganen Tätowierstudio und einem Geschäft, das ausschließlich abgelaufene Produkte verkaufte - das aber mit sehr viel Haltung. Hier trafen sie sich: Die Bluesmusiker.
Nicht irgendwelche. Nein. Echte. Zertifizierte. Mit Hut.
Da war zum Beispiel Delta Jan, der behauptete, einmal so traurig gewesen zu sein, dass seine Tränen Schimmel angesetzt hatten. Er spielte seit Jahren dieselbe Pentatonik und nannte es künstlerische Konsequenz. Jan trug nie etwas anderes als Jeans, die aussahen, als hätten sie Vietnam nicht überlebt, obwohl Jan viel später geboren worden war.
Neben ihm saß Muddy Matthias, ein Mann, der so tief in der Midlife Crisis steckte, dass sein Bart bereits hinten wieder rauskam. Matthias war Pianist, Mundharmonikaspieler, spiritueller Bekehrter des Delta Blues – aber vor allem war er Verwaltungsbeamter.
„Das Problem mit der Welt ist,“ sagte er und blies bedeutungsvoll in seine D-Mundharmonika, „dass sie zu wenig Slide-Gitarre hat und zu viel Optimismus.“
„Amen,“ sagte Jan und stimmte seine Gitarre auf ‘Verzweiflung’ runter.
An diesem Tag jedoch war etwas anders. Ein Gefühl lag in der Luft. Kein gutes, natürlich. Eher wie eine Mischung aus verbranntem Kaffee, Steuerbescheid und dem neuen Album von Helene Fischer.
„Ich habe gehört,“ flüsterte Muddy Matthias mit einem Tonfall, als würde er gerade eine Verschwörung des Finanzamts aufdecken, „die Jazzmusiker planen, den Blues zu fusionieren.“
„Fusionieren?!“ röhrte Jan entsetzt, „Das ist kulturelle Aneignung des Elends!“
Die Welt, so viel stand fest, steuerte auf eine Katastrophe zu. Und nur eine kleine, schlecht gelaunte Gruppe Bluesmusiker konnte sie aufhalten. Leider hatten sie keine Lust.








