Kapitel 1 - Die Begegnung
Mary
Ich laufe schon so lange als Mann verkleidet durch Menschenmengen, dass mir das Schubsen und Stoßen, was einem als Frau sonst eigentlich meistens erspart bleibt, nichts mehr ausmacht. Ich gehe in der Menge unter und das ist genau das, was ich möchte. Nicht auffallen und keine Aufmerksamkeit erregen. Meine Kleidung besteht aus einer lockeren, zerschlissenen Hose und einem weiten Hemd. Dazu trage ich einen rotes Tuch, welches meine langen Haare bändigt und darüber ein schwarzer Hut mit großer Krempe
Auf der Suche nach einem neuen Schiff bin ich in dieser dreckigen Spelunke gelandet.
Von außen ähnelte sie eher einem verfallenen Schuppen, als einem Treffpunkt für Abtrünnige. Die Wände sind mit Feuchtigkeit überzogen und es liegt ein stechender Geruch von Dreck und Alkohol gemischt mit dem Modergeruch des alten Holzes in der Luft.
Der Innenraum ist schwach mit Öllampen beleuchtet und in ihm stehen nur vereinzelte Tisch und die lange Bar, welche auch schon bessere Zeiten gesehen hat.
Ich stehe in einer Reihe weiterer Männer, um mich für die Crew eines Handelsschiffes zu melden. Mich wundert die Auswahl der Räumlichkeiten, denn normalerweise finden diese an etwas sauberen Orten statt. Da ich aber so schnell wie möglich den Hafen verlassen muss, kann ich mich mit solchen Kleinigkeiten nicht aufhalten.
Wieder einmal ein Schiffswechsel. Wieder einmal war es knapp. Fast wäre mein Geheimnis aufgeflogen. Wahrscheinlich sucht mich die andere Crew nicht mehr, aber ich kann mir nicht sicher sein.
Noch drei Männer sind vor mir an der Reihe. Doch schon jetzt vernehme ich eine tiefe, raue Stimme. Sie durchfährt mich und ob ich es will oder nicht, werde ich von ihr angezogen. Er fordert die Männer auf, Ihre Namen zu nennen und das vorherige Schiff. Ich bin geübt, mir neue Identitäten auszudenken. So viele Namen trug ich schon, dass es mir oft schwer fällt, mich zu erinnern.
Dann bin ich dran. Ich gehe einen Schritt nach vorne und schaue hoch. Seine Augen treffen auf meine. Er starrt mich mit kalten, stahl grauen Augen an. Er ist älter als ich und seine Haare sind schon angegraut. Dennoch ist seine Erscheinung imposant. Er hat einen breiten Rücken und ich kann die Konturen seines Körpers unter seinem weiten Hemd erahnen.
„Name und letzter Kapitän?“ donnert seine tiefe Stimme und lässt mich erschaudern.
„John Scissor, vorheriges Schiff die Bleeker unter Kapitän Pit“ antworte ich mit fester verstellter Stimme.
Der Kapitän hebt eine Augenbraue „Die Bleeker, ja?“
„Ja Sir“
„Unterschreiben Sie hier. Wir laufen heute Abend aus. Ihr neues Schiff wird das Schiff Marianne sein.“ sagt eine freundlichere Stimme, die neben dem Kapitän sitzt.
Ich nicke steif und ziehe mich zurück.
Meistens kenne ich die Schiffe und ihre Kapitäne nicht. Ich schnappe sie bei Gesprächen in Pubs auf und verwende sie dann hin und wieder, um mir eine Vergangenheit aufzubauen.
Bisher hat es keiner hinterfragt oder mir Probleme beschert.
Warum sollte es diesmal anders sein? Letzten Endes ist doch jedes verdammte Schiff gleich.
Benjamin
Wir sitzen in einer kleinen dunklen Spelunke. Mich widert allein der Geruch in diesem Pub an. An der Bar sitzen noch die letzten Überbleibsel der Nacht und schlafen ihren Alkoholrausch oder beginnen bereits wieder das Trinken, um über den Tag zu kommen. Es ist ein Ort, an dem man unschöne Geschäfte ungesehen erledigen kann oder, wie in unserem Fall, neue Crewmitglieder anwerben.
Eine Reihe Männer steht vor unserem Tisch. Edward, mein erster Maat und ich erledigen dies immer selbst. Ich will wissen, wen ich auf mein Schiff lasse. Viel zu oft werden Kapitäne von einer unverschämten Besatzung gemeutert. Ich bezahle meine Männer gut und verlange nichts weiter als Loyalität. Aber manche wollen Macht und schrecken vor nichts zurück.
Einen nach dem anderen gehen wir durch. Erstaunlich viele melden sich freiwillig. Aber wundert mich das wirklich in diesem Drecksloch von Hafen? Viele wittern das schnelle Geld oder wollen vor etwas entkommen.
In der Schlange vor meinem Tisch stehen noch vier Männer. Dann ist es endlich getan und ich kann zurück auf mein Schiff. Das Land ist nichts für mich. Nichts hält mich hier.
Viele Männer meiner Crew befriedigen Ihre Lust in Freudenhäusern und ertränken ihre Sorgen in Rum und Bier.
Aber ich bin diesem überdrüssig.
Noch zwei Männer.
„Name und letzter Kapitän?“ sage ich und schaue hoch, schaue in dunkelbraune Augen, so ein tiefes braun, dass man sich darin verliert. Die Augen gehören einem schmalen, etwas kleineren jungen Mann. Er wirkt ungewöhnlich gepflegt. Keine Narben im Gesicht, kein ätzender Gestank einer versoffenen Nacht geht von ihm aus.
„John Scissor, vorheriges Schiff die Bleeker unter Kapitän Pit.“ höre ich ihn sagen. Die Stimme ist ruhig und wirkt unnatürlich.
„Die Bleeker, ja?“ frage ich nach. Mir ist klar, dass die Antwort gelogen ist. Die Bleeker war ein Walfangschiff, welches vor einigen Jahren in einem Sturm gesunken ist. Keiner der Besatzung überlebte, auch nicht Kapitän Pit. Wenigstens der Name stimmt.
Ich hake nicht näher nach. Letztlich lügen die meisten und mir ist es egal. Viele überleben nicht oder sind nicht lang genug auf meinem Schiff, als dass es mich kümmert.
Nachdem wir durch sind, begebe ich mich auf direktem Weg zu meinem Schiff.
Noch zwei Stunden, dann legen wir ab. Noch zwei Stunden, bis ich wieder die salzige, raue Luft der Ozeane auf meiner Haut spüre.








