Prolog
Blätter rascheln. Bäume flüstern sich Geschichten zu, während unten auf dem Waldboden lautlose Pfoten durch den Schnee schleichen. Ein einsamer Wolf auf der Suche nach einem Zuhause. Das Bauchfell hinterlässt eine rote Spur auf dem hohen Schnee. Angstgeruch und Trauer liegen in der Luft. Es ist eine ruhige Nacht. Sternenklar und doch so schrecklich.
Die Bilder im Kopf des Wolfes wollen nicht aufhören, sich im Kreis zu drehen. Immer wieder Blut, immer wieder Tod, immer wieder Krallen. Das erschrockene Gesicht von Stein mit Moos neben dem von Kieselstein. Dann stumme Schreie und aufblitzende Klauen.
Hinter dem Wolf ein Rascheln. Panik betäubt seine Sinne. Halb aufgebend, halb abwehrend dreht sich der Wolf um. Etwas kleines huscht in sicherem Abstand über den Boden. Ein Eichhörnchen. Ich habe noch nie ein nachtaktives Eichhörnchen gesehen. Naja, was soll’s. Die Gedanken des Wolfes sind zu erfüllt mit Panik und Erinnerungen, um sich darüber Gedanken zu machen. Er schleicht weiter, immer auf der Hut. Wer weiß, wo der Bär sich gerade rumtreibt? Der Bär, der seine Familie ausgelöscht hatte.
Blut, Blut, noch mehr Blut und seine gesamte Familie lag tot auf dem Boden. Schuldgefühle überwältigen ihn. Er hätte seinen Eltern beistehen sollen, aber er war feige gewesen und hatte sich unter einem Felsen versteckt. Seine Schwester war als Erste geflüchtet. Das ist aber etwas anderes, denkt sich der Wolf, sie ist noch sehr jung und hat noch nie ein großes Tier angegriffen. Lange wird sie aber nicht allein überleben.
Trauer überwältigt den Wolf erneut, als er wieder vor Augen sieht, wie der Bär seine große Pfote hebt und die langen, scharfen Krallen den Nacken seiner Mutter Stein mit Moos durchbohren und eine lange Wunde hinterlassen. Das allerschlimmste war allerdings der Moment, in dem Stein mit Moos dem Wolf in die Augen blickte und, während das Leben aus ihrem Körper wich, ihn verzweifelt und auffordernd ansah. Er wusste, sie wollte, dass er flieht, aber er konnte nicht. Er blieb stehen und musste mit weit aufgerissenen Augen zusehen, wie das Licht in den Augen seiner Mutter erlosch. Gleichzeitig stürzte sich sein Vater Kieselstein angetrieben durch Trauer und Wut auf den riesigen Bären, aber der Packte ihn mit seinen Zähnen und schleuderte ihn auf den Boden, wo die Klauen des Bären diesmal den Bauch von Kieselstein entlangfuhren. So tief, dass… nein, der Wolf verdrängt die Bilder, die in ihm einen Brechreiz ausgelöst hatten.
Das muss er sich nicht nochmal antun, zu sehen, wie sein Vater ganz schlaff auf dem Boden liegt, seine Eingeweide quillt aus seinem Bauch. Das reicht jetzt. Der Wolf muss jetzt den Steinweg überqueren, der ihn von einem anderen Teil des Waldes trennt. Drüben wird er vorerst sicher sein.








