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Voll vermöhrt!

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Summary

Im Hasendorf Löffelheim braut Zauberer Archibald Schmachtbert Tränke für alle Lebenslagen – nur für sein eigenes Liebesleben hat er kein Rezept. Das ändert sich schlagartig, als ein Laborunfall kurz vor der Rammelzeit für Chaos sorgt.

Status
Ongoing
Chapters
19
Rating
5.0 1 review
Age Rating
13+

Der nervige Stammkunde

»Nein, nein, NEIN!« Archibald Schmachtbert wedelte mit seinem Zauberstab herum. »Ihr müsst die Tropfen unter die Zunge träufeln, nicht auf die Ohren schmieren! Wie oft muss ich das noch erklären?«

Die kleine braune Häsin vor ihm zuckte mit der Nase. »Aber Herr Schmachtbert, bei meiner Cousine Lotti hat das –«

»Ihre Cousine Lotti hat auch behauptet, Möhren würden die Potenz steigern. Wenn das stimmen würde, könnte ich meinen Laden gleich dichtmachen.« Archibald richtete sich zu seiner vollen Größe auf – ein Fehler. In einem Hasendorf mit Deckenhöhen für, nun ja, Hasen, endete das meist mit einer Beule. Er duckte sich sofort wieder. »Drei Tropfen Frühlingserwachen Nummer Sieben unter die Zunge, und Ihr Rammler wird Sie wieder bemerken.«

Die Häsin nahm das Fläschchen entgegen, schnupperte daran und verzog das Gesicht. »Riecht nach alten Socken.«

»Das ist der Liebstöckel. Der Mief verfliegt, sobald Sie –«

»Schmachtbert! Ey, Schmachtbert!«

»Es heißt Herr Schmachtbert«, korrigierte er müde, während Rambo Rammler durch die niedrige Tür gehoppelt kam.

Rambo war ein verdammtes Prachtexemplar – und Archibald hasste es, dass ihm das auffiel. Schon wieder. Das graubraune Fell schimmerte in diesem unverschämten Glanz, der verdächtig nach seinem Deluxe-Glanztonikum aussah. Drei Flaschen hatte der Kerl letzte Woche davon gekauft. Drei! Und jetzt stand er hier, die Ohren in diesem Winkel, der angeblich bei Häsinnen Herzklopfen auslöste, und Archibald ertappte sich dabei, wie sein Blick zu Rambos Puschelschwanz wanderte.

Er zwang sich, woanders hinzuschauen. Irgendwohin. Auf das Regal. Auf den Boden. Auf alles außer diesen verdammten Schwanz.

»Ja, ja, schon gut.« Rambo sprang mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung auf den Behandlungstisch. »Hör mal, ich brauch was Neues. Das Unwiderstehliche Mümmeln von letzter Woche war ja ganz nett, aber die Wirkung lässt nach.«

»Die Wirkung lässt nicht nach. Die Häsinnen haben bloß gemerkt, dass Sie ein oberflächlicher Gockel sind.«

Rambo lachte – und wie jedes Mal kribbelte es Archibald im Nacken, ohne dass er hätte sagen können, warum. »Komm schon, Schmachtbert! Neid steht dir nicht. Nur weil du hier der Einzige bist, der auf zwei Beinen läuft und keine Chance bei den Häsinnen hast ...«

Hitze schoss in Archibalds Wangen, und er wusste auch ohne Spiegel, dass er gerade die Farbe der Liebestrank-Etiketten in Regal drei annahm. »Ich habe kein Interesse an –«

»Jaja, schon klar.« Rambo zwinkerte. »Also, was hast du? Die neue Kellnerin im Goldenen Löffel ist der Hammer. Lange Ohren, flauschiger Schwanz, und diese Hinterpfoten könnten mich in den Wahnsinn –«

»Muss das sein?«

»Was denn? Wir sind Hasen. Wir reden über sowas.« Rambo ließ sich rücklings auf den Tisch fallen und verschränkte die Vorderpfoten hinter dem Kopf. »Du solltest mal lockerer werden, Schmachtbert. Ein bisschen mehr Gefühl, ein bisschen weniger verkrampfter Zauberer. Wann hast du eigentlich das letzte Mal –«

»Ich führe hier ein seriöses Geschäft! Keine Therapiestunde für notgeile Rammler mit Bindungsängsten!«

Rambo setzte sich wieder auf. »Bindungsängste? Ich? Ich binde mich gern. Am liebsten mit Seidenschals. Die rote Seide aus deinem Vorratslager zum Beispiel sieht sehr vielversprechend aus ...«

»Die ist für Zauberbeutel!«

»Schade. Hätte dir gut gestanden.«

»Was soll das denn –«

»Also, was kannst du mir verkaufen? Ich nehm auch gern wieder den kompletten Bestand. Spare dir die Arbeit mit anderen Kunden.« Rambo hüpfte vom Tisch und schlenderte zu den Regalen. »Oh, Mitternachtsmümmeln? Klingt vielversprechend.«

»Das ist ein Schlafmittel.«

»Man könnte aber auch –« Rambo wackelte mit den Augenbrauen.

»Ein SCHLAFMITTEL. Zum SCHLAFEN!«

»Wenn du meinst.« Rambo nahm trotzdem drei Flaschen. »Und das hier? Gefühlsecht Nummer Zwölf?«

»Ein Empathieverstärker. Damit spürt man die Emotionen anderer deutlicher.«

»Perfekt! Nehm ich zehn Flaschen.«

»Zehn? Wofür brauchst du denn –«

»Geschäftsgeheimnis.« Rambo zwinkerte wieder. »Außerdem, was ist das für eine Geschäftsstrategie? Willst du mir etwa weniger verkaufen?«

Archibald massierte seine Schläfen. »Weißt du was? Nimm doch einfach alles. Den ganzen Laden. Dann hab ich endlich Ruhe.«

»Alles?« Rambos Augen leuchteten auf. »Auch dich?«

»Was?«, fragte Archibald entgeistert.

»Was?«, echote Rambo unschuldig.

Stille. Archibald hörte sein eigenes Blut in den Ohren rauschen. Der Laden war zu warm. Viel zu warm. Hatte er die Heizung angelassen?

»Ich meinte natürlich deine Zeit«, sagte Rambo schnell. »Für eine ausführliche Beratung. Zu deinen ... Produkten.«

»Meine Produkte.«

»Genau.«

»Die du seit fünf Jahren kaufst.«

»Man lernt nie aus.«

Archibald seufzte. »Dreihundert Karotten für den aktuellen Bestand an Liebeszaubern. Mehr bekommst du nicht.«

»Vierhundert, und du wirfst eine persönliche Anwendungsberatung dazu.«

»Dreihundertfünfzig, und ich werfe gar nichts dazu.«

»Deal.« Rambo griff in seinen Beutel und ließ die Münzen auf das Holz klimpern. Es waren schwere, goldene Karottentaler, deren orangefarbenes Relief im Lampenlicht schimmerte. Als er sie auf den Tresen schob, streifte seine Pfote dabei Archibalds Hand. Ganz zufällig natürlich. »Bis nächste Woche, Schmachtbert. Versuch mal, bis dahin etwas Spaß zu haben. Oder wenigstens zu lächeln. Dein Schmollmund ist zwar süß, aber –«

»RAUS!«

Rambo lachte wieder und hoppelte zur Tür. »Ach, Schmachtbert?«

»Was denn noch?«

»Netter Laborkittel heute. Steht dir.« Ein letztes Zwinkern, dann war er weg.

Archibald starrte auf die geschlossene Tür. Dann auf seinen Kittel. Derselbe verschlissene graue Kittel wie immer, mit denselben Flecken von vorgestern. Und vorvorgestern. Das Ding konnte vermutlich bald von selbst laufen.

»Vermöhrter Rammler«, murmelte er und begann, die leeren Regale zu notieren. Wieder mal hatte Rambo fast alles aufgekauft. Wie immer. Warum kaufte dieser Hasen-Casanova ständig seinen ganzen Bestand? Die Häsinnen warfen sich ihm doch sowieso an den Hals.

Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken.

»Ich habe geschlossen!«

»Ich bin's, der Bürgermeister!«

Archibald stöhnte. Der Tag wurde ja immer besser.

»Herrrr Schmachtbert.« Der verstärkte Besucherstuhl ächzte unter seinem Gewicht. »Ich komme in einer ...« Er räusperte sich vernehmlich. »... heiklen Angelegenheit.«

»Wenn es wieder um das Haarwuchsmittel geht –«

»Nein! Also, ja, das hätte ich auch gern, aber nein. Es geht um ...« Der Bürgermeister senkte die Stimme. »Meine Gattin.«

Archibald hob eine Augenbraue. »Was ist mit Ihrer Gattin?«

»Sie ist ... seit einiger Zeit ist sie ... wie soll ich sagen ... kühl.«

»Es ist März.«

»Nicht diese Art von kühl!« Horatio rutschte nervös herum, der Stuhl knackte bedrohlich. »Ich meine, im Schlafzimmer. Sie hat seit Monaten kein Interesse mehr an ... nun ja ... an ehelichen Pflichten.«

»Haben Sie es mal mit Blumen versucht?«

»Blumen! Pah! Ich habe ihr ein ganzes Löwenzahnfeld geschenkt! Hat sie aufgegessen und ist dann schlafen gegangen.«

Archibald unterdrückte ein Grinsen. »Vielleicht sollten Sie mit ihr reden?«

»Reden! Mit Brunhilde! Haben Sie schon mal versucht, mit einem Eisberg zu reden, der Ohren hat?«

»Nun ja ...«

»Ich brauche etwas Stärkeres. Etwas Unwiderstehliches. Einen Supertrank!« Der Bürgermeister beugte sich vor, soweit sein Bauch es zuließ. »Ich habe gehört, Sie hätten da was Neues entwickelt. Frühlingserwachen Deluxe oder so?«

»Das ist noch in der Testphase –«

»Perfekt! Ich teste es!«

»Herr Bürgermeister, ich bin nicht sicher, ob –«

»Fünfhundert Karotten.«

Archibald verschluckte sich. »Fünfhundert?«

»Sechshundert?«

»Ich ... das ist ...«

»Siebenhundert. Mein letztes Angebot.«

Archibald dachte an seine leeren Regale. An die Miete. An das Loch im Dach. Daran, dass Rambo gerade wieder fast alles leergekauft hatte.

»Gut. Aber ich brauche eine Woche.«

»Zwei Tage.«

»Herr Bürgermeister –«

»Übermorgen Nacht ist Vollmond. Romantischer geht's nicht. Zwei Tage, tausend Karotten.«

»Tausend? Sie sagten doch gerade siebenhundert!«

»Tausend, wenn er garantiert funktioniert. Siebenhundert, wenn Sie nur Ihr Bestes geben. Was darf's sein?«

Archibald schluckte. »Tausend. Er wird funktionieren.«

»Wunderbar!« Der Bürgermeister erhob sich ächzend. »Und Schmachtbert? Wenn meine Brunhilde nicht wie Butter in der Sonne schmilzt, könnte die Gesundheitsinspektion plötzlich sehr interessiert an Ihren ... experimentellen Gebräuen werden.«

Die Tür knallte hinter ihm zu. Archibald starrte auf die Delle im Besucherstuhl.

»Wunderbar«, murmelte er. »Einfach wunderbar. Erst kauft Rambo alles auf, dann will der Bürgermeister einen Wundertrank, den es noch gar nicht gibt, und ich hab kaum noch Zutaten da.«

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