Kapitel 1 – Der Anfang
Inhaltsverzeichnis:
Kapitel 1 – Der Anfang
Kapitel 2 – Räume, die in Erinnerung bleiben
Kapitel 3 – Geflüster unter der Tür
Kapitel 4 – Morgenlicht
Kapitel 5 – Der Laden
Kapitel 6 – Der Bauernhof
Kapitel 7 – Zwei Wege
Kapitel 8 – Das Geflüster im Holz
Kapitel 9 – Wenn die Nacht redet
Kapitel 10 – Was sich dahinter verbirgt
Kapitel 11 – Nachtgeflüster
Kapitel 12 – Hautzeichen
Kapitel 13 – Der Verbleibende
Kapitel 14 – Der darunterliegende Gang
Kapitel 15 – Das Flüstern im Nebel
Kapitel 16 – weiter in die Tiefe
Kapitel 17 – Der Ruf
Kapitel 18 – Die Offenbarung
Kapitel 19 – Nachklang
Kapitel 20 – Die Wahrheit bei Elpidos
Kapitel 21 – Die Fassade bröckelt
Kapitel 22 – Spiegelritus
Kapitel 23 – Lina erwacht
Kapitel 24 – Kein Entkommen
Kapitel 25 – Der Rückweg ins Licht
Kapitel 26 – Die Rückkehr
Kapitel 27 – Licht des Morgens
Kapitel 1 – Der Anfang
Die Nacht war sternenlos. Kein Geräusch, kein Hauch, keine Bewegung – alles war tot. Ein schwarzer Kreis hing über den Hügeln – schärfer als der Mond, dunkler als jede Wolke und so vollkommen rund, dass er unwirklich erschien. Still stand er am Himmel wie ein Auge ohne Wimpern. Es wusste niemand, wann er erschienen war. Aber alle fühlten: Etwas hatte angefangen, das keiner Sprache bekannt war.
Der Nebel schlich sich heran.
Er lag schwer auf der Straße, kroch aus den Gräben und hielt sich an die Mauern fest wie kalter Atem. Der Asphalt unter ihren Füßen war rissig und von Flechten und Moos überwuchert, als wäre er von der Zeit längst vergessen worden. Die Straßenlaternen ragten schief in den Nebel, aber sie strahlten nicht mehr.
Elpidos war vor ihnen – oder das, was davon übrig geblieben war.
Die ersten Gebäude standen ohne Geräusch und ohne Blick auf die Hänge. Die Dächer sind eingestürzt, die Fenster vernagelt oder es ist alles leer. Gärten, die sich in Wildnis verwandelt hatten; Zäune, die zur Hälfte im Erdreich verschwunden waren. Ein Ort, der nicht verlassen war, sondern allmählich verfiel.
Inmitten der zahlreichen leeren Hütten schimmerten vereinzelt Lichter. Ein warmes, schwaches Flackern hinter dicken Vorhängen, als ob jemand Kerzen bewacht statt Strom. Die wenigen Bewohner, die hier verweilten, suchten Schutz. Vor der Welt da draußen – oder voreinander.
Lina, die sechzehn Jahre alt war, zog den Kragen ihrer Jacke hoch, obwohl die Temperaturen angenehm waren. Der Nebel war feucht und schien beinahe lebendig zu sein. Ihre Schritte hallten zwischen den Hauswänden gedämpft wider, aber manchmal hörte sie einen zweiten Schritt – immer dann, wenn sie anhielt.
Mara, achtzehn, ging neben ihr, stumm und mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken. Der Schlüssel zum geerbten Anwesen ist eingesteckt, die Adresse in der Hand. Kein Ortsschild wies auf den Namen Elpidos hin – sie wussten nur, dass sie am richtigen Ort waren, weil der Anwalt gesagt hatte: „Sie werden es erkennen, wenn Sie dort ankommen.“ Es existiert kein anderer Ort wie diesen.
Mit dem Vorankommen ins Dorf nahm die Nebeldichte zu. Der Weg wand sich einen Hang hinauf – zwischen Bäumen, deren Äste wie Hände über dem Pfad hingen. Und dann war es da, vor ihnen:
Das Gebäude
Weitläufig. Drei Stockwerke, wenn man den ausgebauten Dachboden mitzählt. Das Bauwerk war aus dunklem Stein gefertigt, wirkte alt und stammte vielleicht aus der Spätgründerzeit. Es handelte sich um ein Haus mit Geschichte, das zu viele Fenster und zu wenige Antworten hatte. Die Dachziegel hatten einen moosgrünen Farbton und wiesen an einigen Stellen Risse auf. Ein steinerner Balkon ragte aus der Fassade hervor, wie ein Kiefer ohne Lippen.
Die Fenster glichen Augen – geschlossen, aber dennoch schien etwas durch sie hindurchzusehen.
Die Eingangstür war aus einem dunklen, schweren Holz gefertigt, das sich wie Knochen gespalten hatte. Der Türknauf aus kaltem Metall, gestaltet wie eine Klaue. Über dem Eingangsbereich wuchs dick wie Seile Efeu, als würde die Natur versuchen, das Haus zurückzuhalten.
Lina schaute sich das Haus genau an. Obwohl sie ein merkwürdiges Gefühl hatte, hielt sie es geheim. Sie äußerte: „Das Haus ist riesig, aber sehr alt.“
„Offenbar“, entgegnete Mara. Vom langen Schweigen war ihre Stimme rau. „Es wurde uns von Onkel Gregor vererbt.“
Lina: „Hat er an diesem Ort gewohnt?“
Mara: „Ja, es ist möglich. Vielleicht hat er diesen Ort auch nur als Freizeithaus genutzt, um abzuschalten. Wer weiß? Aber jetzt ist es unser neues Zuhause.“
Ein Windstoß blies über den Hügel. Die Haustür bewegte sich leicht – ein Knarren, als hätte sie willkommen geheißen. Oder in Kenntnis gesetzt.
Lina flüsterte: „Sie ist offen.“
Mara, die Tür betrachtend, dachte sich ziemlich, dass es schon eine robuste Tür sei. Sie äußerte gegenüber ihrer Schwester: „Oder sie wurden von jemandem nie geschlossen.“
Die Schwestern kamen näher. In der Nähe betrachtet, wirkte das Gebäude noch bedrückender. Das Mauerwerk wies Unebenheiten, dunkle Flecken und Kratzer auf. Die Fenster im Obergeschoss waren von innen zugenagelt. Seltsame Steinornamente zierten die Fassade: Kreise, Spiralen und halb verwitterte Symbole, die an alte Kulturen erinnerten.
„Sieht aus wie etwas aus einer antiken Markt“, murmelte Lina.
„Oder wie etwas, das man besser vergessen hätte“, erwiderte Mara.
Sie gingen über die Türschwelle.
Der Nebel hielt sich draußen auf.
Doch die Dunkelheit hatte sich bereits eingestellt.


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Neugier ist geweckt.