1. wenn Erwartungen erdrücken

Kilian – England
Der Tag wich der sternenklaren Nacht, als Kilian die Tür aufsperrte und das Familienhaus betrat. Trübes Licht einer alten Deckenlampe versuchte den Eingangsbereich zumindest etwas zu erhellen, verlor sich jedoch im dunklen Holz.
Er strich die Schuhe von Füßen und stellte sie fein säuberlich zu den anderen. An der Treppe blieb er stehen.
„Ich bin wieder da!“, rief er nach oben.
Holz knarrte und irgendwo pfiff der Wind durch die Flure. Als ob das Haus atmete.
„Willkommen zurück, Bruder.“
Fiona kam von oben herunter und blieb auf der untersten Stufe stehen. Dunkle Schatten lagen unter ihren Augen. Der süße Duft ihres Parfums wehte zu ihm hinüber und umhüllte ihn. Es roch vertraut, wie nach zu Hause. Und nach den Armen, die ihn als Kind gehalten hatten.
„Wie geht es Vater?“, fragte er gleich nach.
„Wie immer“, sagte sie seufzend. „Alles strengt ihn an, ist mürrisch. Über dich zu schimpfen ist nach wie vor seine Lieblingsbeschäftigung.“
Er lehnte sich an die gegenüberliegende Wand und schob die Hände in die Hosentaschen.
„Was auch sonst. Irgendwelche Neuigkeiten der Ärzte?“
Bedauernd schüttelte sie den Kopf. „Nein. Aber der Doktor will sich bei den Kollegen umhören. Wir finden bestimmt jemanden, der ihn operieren kann.“
„Hoffentlich hält er so lange durch.“
Sein Kinn berührte die Brust, als er auf seine Füße blickte. Niemand der beiden wagte es, noch etwas zu sagen. Dann überbrückte Fiona die Distanz und legte ihrem Bruder beruhigend eine Hand auf die Schulter.
„Das wird er.“
Kilian zog sie sofort in eine Umarmung.
„Schließ dich nicht immer ein. Ich weiß, wie es dir geht“, murmelte er gegen ihr Haar. Sanft strich er über ihren Rücken. Leise begann sie zu schluchzen.
Irgendwann löste sie sich wieder von ihm, versuchte zu lächeln und wünschte ihm eine gute Nacht. Nachdenklich sah er ihr nach und fuhr sich durch das Haar. Schließlich folgte er ihr nach oben und verschwand ins Badezimmer.
Das heiße Wasser der Dusche entspannte seine Muskeln. Doch die innere Unruhe blieb. Er fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht und atmete schwer aus. Zu viel. Ihm ging gerade zu viel durch den Kopf und trotz seiner Müdigkeit kam er einfach nicht zur Ruhe. Wieso musste er mit 23 Jahren bereits die gesamte Verantwortung als Familienoberhaupt übernehmen? Nicht nur Colins Gesundheit machte ihm Sorgen, sondern auch der Druck, den sein Vater auf ihn ausübte.
Zuerst stellte er das Wasser kälter und ließ es über sich hinabregnen. Dann stellte er es ganz ab und griff nach dem Handtuch. Die plötzliche Stille ließ ihn taub zurück. Da der Spiegel durch den Dampf beschlug, sah er nicht, wie fertig er tatsächlich aussah.
Im Zimmer schaltete er kein Licht an. Er zog sich ein weites T-Shirt und eine Jogginghose an und legte sich in die weißen Laken des Bettes.
Der Vollmond schien durch das große Fenster und tauchte alles in ein blasses trostloses grau. Trotz der modernen Einrichtung sah man am dunklen Parkett und den Holzpaneelen an den Wänden das Alter des Zimmers. Der Teppich, am Rand geschmückt mit keltischen Knoten, war der einzige Zeitzeuge.
Am nächsten Morgen am Frühstückstisch durchbrachen nur das knarzende Holz der Stühle und Messer, die über Porzellan kratzten, die Stille. Fiona schnitt ihrem Vater das Essen vor, da dieser Schwierigkeiten mit dem Schlucken hatte. Die Alternative, sich sonst ausschließlich von Brei zu ernähren, missfiel Colin.
„Danke, meine Liebe“, sagte er mit schwerer Stimme. Auch wenn er nicht lächelte, sahen seine Augen freundlich aus. Die Freundlichkeit verblasste jedoch, sobald er sich seinem Sohn Kilian widmete.
„Hast du die Einladungen verschickt?“
Colin sah ihn nicht einmal an. Eine Antwort schien er auch nicht zu erwarten. Oder zumindest keine, die er hören wollte. Kilian seufzte resigniert.
„Ja. Ich habe sie letzte Woche zur Post gebracht“, antwortete er kühl. Der Vater grunzte leise.
Sehr schön, danke dir, dachte Kilian mürrisch.
„Sie werden alle kommen, wie jedes Jahr.“
Die wenigen Falten im Gesicht des Mannes zuckten.
„Natürlich werden sie. Sie kennen ihre Pflichten.“
Kilian rollte mit den Augen und ignorierte ihn. Darin hatte er Übung.
In diesem Moment kam Dylan, der Jüngste, in den Raum. Mit seinen schwarzen Haaren, die in rote Spitzen ausliefen, und seinem vorwiegend schwarzem Kleidungsstil, passte er am wenigsten zum Bild einer traditionsreichen Familie. Das Äußere stand jedoch im starken Kontrast zu seinem noch kindlichen und jungenhaften Verhalten.
„Du bist spät dran!“, murrte Colin. Dylan hob nur gelassen die Schultern und setzte sich an den Tisch. Er griff nach einem Toast und schmierte sich Konfitüre drauf.
„Wie geht es dir, Papa?“ fragte er, bevor er reinbiss.
Zur Antwort bekam er lediglich ein weiteres Grunzen.
Plötzlich verschluckte er sich. Heftiger Husten schüttelte seinen Körper. Kilian war halb aufgestanden, da stand Fiona bereits hinter ihrem Vater und half ihm. Mit kräftiger und trotzdem vorsichtiger Hand klopfte sie ihm auf den Rücken. Als er sich wieder beruhigt hatte und sich alle setzten, reichte sie ihm ein Glas Wasser. Ihm zuliebe tat die Familie so, als wäre nichts Besorgniserregendes passiert. Nur Dylans Blick blieb eine Weile auf seinem Vater hängen, bevor er sich seiner Schwester zuwandte.
„Ich bin heute früher von der Schule zu Hause. Wenn du willst, kann ich Papa heute Nachmittag betreuen“, bot er an.
Ihr Gesicht hellte sich auf. „Danke dir, das wäre lieb.“
„Klar. Du hast dir eine Pause verdient.“
Er lächelte sie an, doch es erreichte seine Augen nicht.
„Heute fällt die endgültige Entscheidung, welche Bilder in die Ausstellung aufgenommen werden“, verkündete er. „Ihr kommt sie euch doch ansehen, wenn meins dabei ist, oder?“
„Natürlich“ warf Fiona sofort ein. Colin nickte knapp.
„In der Jury sitzt einer der Lehrer, die wirklich nicht leicht zufrieden zu stellen sind“, plapperte er munter weiter. Kilian beobachtete ihn von der Seite. Er betrachtete ihn wie eine tickende Zeitbombe und wartete darauf, dass er zusammenbrechen würde. Oft genug hatte er seinen kleinen Bruder anders als jetzt erlebt. Zurückgezogen und vor sich hinstarrend.
„Gehst du heute Abend aus?“, riss Colin ihn aus seinen Gedanken. Blinzelnd sah er seinen Vater an. Wann hatte Dylan aufgehört zu reden?
„Nein. Ich muss arbeiten.“
Da war er wieder. Der abschätzige Blick seines Vaters mit dem zuckenden Augenlid. Auch wenn letzteres ein Merkmal seiner Krankheit war. Kilian drückte die Schultern durch und wartete auf das, was folgen würde.
„Und wann willst du endlich eine Frau kennen lernen? Sie klopfen nicht einfach so an deiner Haustür!“
„Bitte, nicht schon wieder. Es ist noch zu früh dafür.“
Seufzend massierte er sich die Nasenwurzel.
„Mag sein, dass du es nicht eilig hast. Aber du kannst dir nicht erlauben, zu lange zu warten“, beharrte Colin mit rauer Stimme.
„Wann soll ich denn deiner Meinung nach die Zeit dafür finden?“, sagte er schroff. „Ich kann mich leider nicht vierteilen.“
Sein Vater winkte mit der Hand ab, als wären all die Aufgaben und Verpflichtungen neben dem eigenen Leben gar nicht der Rede wert. Er habe es schließlich auch geschafft.
„Du weißt nie, wie viel Zeit bleibt. Sieh mich an. Und denk an eure Mutter.“
„Mutter hältst du gefälligst raus!“
Fiona und Dylan starrten auf ihre Teller, während Kilian seine Augen zusammenkniff, als er dem Blick seines Vaters begegnete. Dieser schnaubte, unbeeindruckt vom Ausbruch seines Sohnes.
„Mir ist klar, dass du verbittert bist“, fuhr Kilian fort. Die Stimme bedrohlich ruhig. „Aber lass deinen Frust nicht an uns aus!“
Er stand auf und brachte sein Geschirr in die Küche. Die Keramik knirschte auf der Steinplatte, als er eine Teekanne herausstellte. Am Wasserhahn füllte er den Wasserkocher und schaltete ihn ein.
„Du weißt, er meint es nicht böse“, sagte seine Schwester beschwichtigend, die ihm gefolgt war. Zunächst beachtete er sie nicht. Seine Faust schloss sich um den Anhänger um seinen Hals und starrte vor sich hin. Jedes Detail der Triskele drückte sich in die Handfläche.
Eine Hand auf seinem Rücken verriet ihm, dass Fiona nun direkt hinter ihm stand.
„Ich weiß“, sagte er schließlich. „Er muss aber auch verstehen, dass er nicht zu viel verlangen kann.“
Er drehte sich zu ihr um und stützte sich mit beiden Händen an der Arbeitsfläche hinter sich ab. Sie lehnte mit verschränkten Armen an der Kücheninsel. Auch sie trug eine Kette mit gleichem Anhänger über ihrer Brust.
„Das weiß er. Aber er kann die Aufgaben nun mal nicht mehr allein bewältigen.“
„Ich wünschte mir nur ein wenig mehr Unterstützung und vor allem Vertrauen. Wieso glaubt er, dass ich das nicht ernst nehme?“
Sie hob ratlos die Schultern.
„Er ist frustriert.“
„Ja, ich weiß“, sagte er seufzend und ließ den Kopf hängen. Dass er seinen Vater eigentlich gut verstehen konnte, machte es umso schwerer, wirklich wütend auf ihn zu sein. Es frustrierte ihn nur selbst, dass sie sich nicht vertrugen.
Inzwischen kochte das Wasser und Kilian goss es in die Kanne. Frischer Teegeruch erfüllte die Luft und beruhigte ein wenig seine Nerven.
„Bekomme ich auch eine Tasse?“, fragte Fiona und holte zwei Teetassen aus dem Schrank.
„Ich glaube, am meisten stört es ihn, dass er selbst nicht mehr aktiv handeln kann“, vermutete sie. „Obwohl wir bessere Möglichkeiten haben, jemanden zu finden, weiß auch ich nicht, was wir noch tun können.“
„Ich auch nicht“, gab er zu.
„Mit jeder Generation verliert sich die Spur immer mehr.“
„Ich frage mich, was wirklich passiert ist?“ überlegte Kilian laut.









Spannender Auftakt. Man weiß im Grunde noch nicht viel, ist aber mittendrin. ☝🏻💪