Zwischen Pflichten und Träumen
EVANGELINE
Es war ein typischer Samstagmorgen als ich aufwachte, weil die Sonnenstrahlen durch meine Rollläden drängen. Heute war wieder Markt und ich würde meiner Mutter wieder aushelfen müssen. Als älteste Tochter war es in unserem Haus die Pflicht gewesen, da meine Brüder es nicht taten, doch je älter ich wurde, desto weniger wollte ich helfen. Ich wollte andere Dinge machen, als auf dem Markt stehen. Sich mit Freunden treffen war, was ich wollte, jedoch endete es im Streit, wenn ich es bei meiner Mutter ansprach, also gehorchte ich.
Meine Eltern waren jetzt nicht reich oder ähnliches, aber arm lebten wir jetzt auch nicht. Meine Mutter machte es eher aus Tradition, die sie an uns weitergeben wollte. Meine Mutter war Floristin und liebte ihr Handwerk, ich dagegen war anders. Ich liebte es zu Schreiben, wollte Autorin werden, aber mein Traum würde sich nie erfüllen. Meine Mutter überredete mich schließlich, dass ich studieren sollte. Das, was meinem Wunsch am nächsten kam, war Literatur und meine Mutter willigte schließlich ein.
Als ich es endlich schaffte, mich von meinem Bett zu trennen, schaffte ich mich ins Badezimmer und machte mich frisch. Mein Spiegelbild verriet mir, dass mein Schlaf wenig erholsam war, was daran lag, dass Lizzie und ich mit den anderen im Pub waren. Doch das wusste meine Mutter nicht, sie dachte, ich war bei einer Lerngruppe. Als ich wieder in mein Zimmer kam, lag ein kleines weißes Fellnäschen auf dem Fußende meines Bettes, meine kleine Hattie. Sie fing an, sich zu strecken und kam auf mich zu. Meine Hand streckte ich nach ihr aus und sofort schmiegte sie ihren Kopf gegen meine Hand. Sanft ließ ich meine Hand von ihrem Kopf über ihren Rücken gleiten, ihr Fell war dabei so geschmeidig. „Guten Morgen, meine Schönheit.“, sagte ich mit sanfter, leicht verschlafener Stimme.
Meine Tür öffnete sich und meine Mutter stand schon fertig gemacht in meiner Tür und verdrehte die Augen. „Evangeline, beeil dich bitte. In 10 Minuten will ich los.“, sagte sie und ich war nun diejenige, die ihre Augen verdrehte, die Ungeduld meiner Mutter. Schnell ging ich an meinen Kleiderschrank, holte mir wärmere, aber bequeme Kleidung raus und zog mich an. Dann ging ich nochmal ins Bad und flechtete mein schwarzes, langes Haar zu einer simplen Frisur. Dann verließ ich mein Zimmer, um zu meiner Mutter zu stoßen. „Dir auch einen schönen guten Morgen, Mutter.“, sagte ich stumpf und genervt, dass sie mich schon wieder hetzen musste. „Als ob jetzt jeder Kunde wegen mir sauer sein wird, dass sie nicht rechtzeitig ihre Blumen bekommen.“, fügte ich genervt hinzu. Schmierte mir fix eine Stulle und biss zweimal hinein, andernfalls würde ich nicht durchhalten. Wieder erntete ich einen bösen Blick von meiner Mutter und wollte nur noch weg von hier. Gerade als wir gehen wollten, kam mein Bruder Stanton hinein, um sich sein Frühstück zu machen, um dann mit Freunden in die Bibliothek zu gehen, er wollte dort lernen. Mein Bruder Stanton war Medizinstudent und er war ziemlich gut darin, aber noch lange nicht wie Henry. Er soll ein Genie sein, so erzählt man es sich.
Stanton wollte schon immer Arzt werden, schon seit er ein Kind war. Ich habe es nie verstanden, aber naja, er verstand meine Leidenschaft ebenso wenig, also waren wir in gewisser Weise quitt.
Auf dem Markt endlich angekommen, stellte ich alle Blumen in ihre Behälter auf und platzierte die kleine Metall Box, die unsere Kasse war, auf den Tisch und legte mir die Schürze an, die meine Mutter mir dann gab und sah mich etwas um. Um diese Zeit waren überwiegend ältere Herrschaften unterwegs, was mich nicht wunderte. Dann flog mein Blick plötzlich zu einem Mann, der, wie es schien, mich beobachtete. Als dann aber ein kleiner Schwarm Menschen durch mein Blickfeld lief und dann wieder alles frei gab, war er weg. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, aber seine Haare waren gut erkennbar. Sie waren pechschwarz, dunkler als mein eh schon schwarzes Haar. „Evangeline, hör auf zu träumen und arbeite endlich weiter.” Die Worte weckten mich, riefen die Realität wieder an die Tagesordnung und die restliche Zeit am Markt verging mit falschem Lächeln und dem Verkauf von vielen Blumensträußen herum. Doch mein Kopf war die ganze Zeit bei dem Mann mit Haar dunkler als die Nacht.
Gerade als ich alles zusammengepackt hatte und meiner Mutter half, die Sachen ins Auto zu bringen, vibrierte mein Handy. Bestimmt war es Lizzie, aber nein. Unbekannte Nummer: „Du solltest dein Haar öfter so tragen.” Ich wandte meinen Blick vom Handy ab und scannte die Umgebung. Jemand unbekanntes hatte meine Nummer und ich musste wieder an den Kerl denken, war er es, der mir schrieb? Ich schüttelte den Gedanken ab und fuhr mit meiner Mutter heim. Zuhause angekommen, spürte ich noch immer diesen Blick auf mir, so bedrohlich, auch wenn er nur ein Moment lang hielt. Ich wusste ja nicht mal, wie lange er dort schon stand und mich dort beobachtete, bis ich es merkte. Ich versuchte den Gedanken abzuschütteln und griff nach meinem Handy, schrieb Lizzie, dass wir uns in der Bibliothek in unserer Ecke treffen müssen. Ich musste meiner besten Freundin natürlich von dieser Nachricht erzählen und meinem Beobachter, mal sehen, was sie sagen würde.
Nach zwanzig Minuten kam ich an unserem Treffpunkt an und sah mich nach Lizzie um, doch von ihr bisher noch keine Spur. Untypisch von ihr. Ich sah auf mein Handy, um eine Nachricht zu lesen, dass sie sich leider verspätet, Bryson ließ sie nicht früher gehen. Bryson war ihr Freund und ich musste gestehen, ich konnte den Kerl nie leiden. Aber das hatte seine Gründe. Als sie dann endlich mit zehnminütiger Verspätung dann endlich ankam, sah ich auch leider einen blauen Fleck in ihrem Gesicht, was sie versuchte mit Make-Up zu vertuschen. Ich erinnerte mich nicht daran, dass da ein blauer Fleck war, immerhin waren wir gestern noch im Pub zusammen gewesen. Gut, ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen und holte mein Handy raus. Zeigte ihr die Nachricht und erzählte ihr von meiner merkwürdigen Begegnung. „Sah er wenigstens gut aus?” Natürlich war es das erste, was meine beste Freundin wissen wollte. Mit einem leichten Schmunzeln haute ich ihr leicht auf die Schulter und sah sie ernst an. „Lizzie, jetzt bleib bei der Sache. Der Kerl stand zu weit weg, um zu sehen, ob er gut aussah, jedoch war sein Haar schwarz. Ich meine damit so richtig schwarz, dagegen sind meine Haare fast braun.“, meinte ich und wieder fühlte ich mich, als würde ich beobachtet werden, schüttelte aber den Gedanken ab. „Eve..“, begann Lizzie zu sagen und sie war die einzige, die mich bei meinem Spitznamen nannte. „Vielleicht hast du einen Verehrer, ich meine, schlecht siehst du jetzt auch nicht aus. Du kleidest dich leider immer nur so.. wie soll ich es sagen.” Sie stoppte in ihrem Satz, als ein großer Schatten vor uns trat und mein Kopf nach oben flog. Stanton stand vor uns und bedachte mich eines finsteren Blickes. „Evangeline, was machst du hier?“, fragte er mich und ich musste lachen. „Stan, das ist ein öffentliches Gebäude, schon vergessen? Ich kann hier genauso sein wie du. Also schau mich nicht so düster an. Du weißt, das zieht vielleicht bei den anderen, aber nicht bei mir.“, konterte ich ihm und widmete mich wieder Lizzie zu, die mich ängstlich ansah. Ja, Stanton konnte einem mit nur einem Blick das Blut gefrieren, aber ich war es gewohnt und hatte gelernt, damit umzugehen. „Du stehst mir im Licht, Stan, also verpiss dich jetzt endlich.“, warf ich noch ein und ich war die ältere von uns beiden, um genau zu sein, um genau zehn Minuten. Ja, wir waren Zwillinge, was ihn dennoch nicht dran hinderte, mich wie seine kleine Schwester zu behandeln. Früher trieb mich das zur Weißglut, aber mit dem Alter ließ ich ihn einfach machen, aber wenn er Grenzen überschritt, wies ich ihn zurecht, so wie jetzt. Als er dann tatsächlich ging, verdrehte ich die Augen und widmete mich wieder meiner Freundin. „Sorry, er ist ne Nervensäge.“, entschuldigte ich mich bei Lizzie und wir redeten nicht mehr über den Fremden und auch leider nicht über ihren blauen Fleck im Gesicht, sie würde schon reden, wenn sie soweit war, so war sie schon immer.
Nachdem wir die Bibliothek verließen, trennten sich unsere Wege auch schon direkt. Es war bereits dunkel geworden und ich hätte schwören können, dass vor ein paar Minuten auch noch mehr als ein Mensch auf der Straße war. Hier war niemand mehr und Edinburgh ist wirklich belebt, voll mit Touristen und Bewohnern, aber jetzt war es leer. Sowas habe ich noch nie erlebt. Nur Stille. Gerade als ich dachte, schlimmer kann es nicht werden, klingelte mein Handy. Es war ein Face Time Anruf, Nummer UNBEKANNT. Ich nahm dennoch den Anruf an und auf dem Bildschirm ploppte kein Gesicht auf, wie ich es erwartet hätte, es war eine Frau zu sehen mit einem Handy in der Hand. Es brauchte einige Sekunden, bis mein Hirn realisierte, dass ich es war, die dort zu sehen war. Dann als ich gerade den Ursprung zu suchen begann, wurde der Anruf beendet. Gefolgt von einer Nachricht. Wieder von der Unbekannten Nummer. „Du hättest auf deinen Bruder hören sollen, Eve.” Ich drehte mich im Kreis und konnte aber niemanden ausmachen. Ich versuchte es mir nicht anmerken zu lassen, aber es machte mir eine Heidenangst und normal machte mir nichts und niemand Angst. Dies war jedoch anders.
„Evangeline, es gibt Essen. Kommst du bitte!“, rief meine Mutter und legte meinen Stift weg. Ich schrieb auf, was mir heute passiert war, um es als Art Bewältigungstherapie zu sehen. Als ich die Tür öffnete, lief Stanton an mir vorbei, sein Zimmer grenzte an meines und war froh, dass ich mir keines mehr mit ihm teilen musste. „Musst du eigentlich immer so ein Arsch sein? Du weißt schon, dass ich älter bin als du.“, keifte ich ihn an und lief einfach weiter. Am Tisch hatte unsere Mutter schon das Essen auf Teller verteilt und jedem auf seinen Platz gestellt. Es gab Lasagne, das Lieblingsessen von mir und Stan, eine Sache, die sich wohl nie ändern wird. Ich atmete förmlich meine Portion ein und wartete, bis der Rest seine Teller leer hatte. Ich wollte nochmal rausgehen, an den Hafen. Gut, ich wollte mich mit jemanden treffen. Aber das musste weder mein Bruder noch meine Mutter erfahren. Daher saß ich geduldig am Tisch und stand erst auf, als auch meine jüngste Schwester den Teller leer hatte. Ainsley war eine langsamere Esserin, wie unser Vater es einst war. Es ist nun 2 Jahre her, dass er nicht mehr gegen den Krebs ankämpfen konnte. In mein Zimmer geflüchtet, zog ich mich schnell um, zog mein Strickkleid an und dazu meine Doc Martens, meine Flechtfrisur machte ich nochmal frisch und schlich so gut es ging aus dem Haus. Am Hafen dann angekommen, wartete ich auf Ian, ein Kerl aus der Uni, der mir seine Nummer gab und scheinbar Interesse an mir hatte. Ich war jetzt keine absolute Schönheit gewesen, so wie Lizzie oder andere Frauen in meiner Uni. Ich nahm es einfach als Kompliment und wollte herausfinden, wie es mal wieder ist zu daten.
Als nach einer halben Stunde warten noch immer kein Ian kam, fühlte ich mich wie die letzte Idiotin, wie konnte ich wirklich glauben, dass mich jemand toll finden könnte. Mein Handy vibrierte, nahm es aus meiner Tasche und dachte schon, dass Stan mir schreiben würde, warum ich nicht in meinem Zimmer war, aber nein, wieder die Unbekannte Nummer. „Na, hat Ian dich sitzengelassen?” – So langsam glaubte ich, einen Stalker zu haben. War es wirklich der Kerl, der mich am Markt beobachtet hatte? Und woher wusste er von Ian? Stand er in Verbindung, dass Ian nicht kam? Noch bevor ich Ian schreiben könnte, kam eine neue Nachricht rein. „Sorry Evangeline, ich muss das Absagen. Es wird auch nicht zu einem erneuten Treffen kommen. Es tut mir leid.“, schrieb Ian mir und legte mein Handy weg. Ich fing an, auf gälisch zu fluchen.








