Ohne dich (boyxboy)

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Summary

Der schüchterne Lio kämpft im Alltag oft mit schwerer sozialer Angst, innerer Panik und der Überforderung durch Körperkontakt. Sein einziger Halt und Anker in dieser Welt ist sein bester Freund, der ihn geduldig versteht und mit ihm auf einer ganz eigenen Wellenlänge kommuniziert – oft auch schreibend, wenn Lios Stimme versagt. Doch das fragile Gleichgewicht bricht jäh zusammen, als der Freund ihm auf einer Parkbank eröffnet, dass er noch am selben Tag mit seiner Familie wegziehen wird. Trotz Lios tiefem Schock und der plötzlichen Panik bricht der Freund am Ende alle Vorsicht, um Lio zum Abschied fest in die Arme zu schließen. Zurückbleibend in schmerzhafter Stille muss Lio nun lernen, wie er in einer Welt ohne seinen wichtigsten Anker weiteratmet.

Status
1h ago
Chapters
7
Rating
n/a
Age Rating
16+

Chapter 1

Ein Blatt. Zwei Blätter. Drei Blätter. Vier Blätter. Fünf –

„Hey, Lio!“ Die Stimme reißt mich aus dem Zählen. Ich blinzle, schaue nach oben und blicke direkt in das strahlende Gesicht meines besten – und einzigen – Freundes. Euphorisch wie immer lässt er sich neben mir auf die Parkbank fallen und redet sofort drauf los, atemlos und ohne Punkt und Komma. „Nach reiflicher Überlegung bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass du heute einfach mal mit zu mir kommst.“ Mein Kopf rumort, dreht sich ruckartig zu ihm. Ich reiße die Augen auf, jede Faser meines Körpers schreit laut entgegen. „Was schaust du denn plötzlich so entsetzt?“ Er legt den Kopf schief, mustert mich mit ehrlicher Sorge.

In diesem Moment zieht sich meine Brust zusammen. Mein Atem rast, die Finger bohren sich so tief in den Einband meines Buches, dass das Papier unter dem Druck knickt. Vor meinem inneren Auge bricht die Welt bereits ein. Ich sehe mich selbst, wie ich leblos auf dem kalten Boden liege, gequält von Schmerzen, die mir den Atem rauben. Im Hintergrund lachen die Eltern meines Freundes. Er selbst steht nur stumm hinter ihnen, den Blick voller Trauer. Die ersten blauen Flecken zeichnen sich auf meiner Haut ab – an Armen, Beinen, am ganzen Körper. Ihr Hohn wird lauter, während mein eigenes Schluchzen und Flehen darin erstickt—

Eine sanfte Berührung auf meinen Schultern holt mich jäh zurück in die Realität. „Du musst nicht mit zu mir nach Hause kommen, Lio“, sagt er leise. Seine Daumen streichen beruhigend über meine Wangen, doch ich zucke augenblicklich zurück. Er zieht die Hand erschrocken zurück, ein entschuldigendes Lächeln huscht über seine Züge. „Tut mir leid. Ich habe mal wieder nicht nachgedacht – du magst Körperkontakt doch nicht. Magst du mir verraten, woran du gerade gedacht hast?“ Er hat sich ganz zu mir gedreht, sein Blick ist voller zugewandter Neugier. Ich kann den Augen nicht standhalten und starre stattdessen stumm auf meine Hände hinab. Die Finger haben sich inzwischen gelöst, das Buch liegt wieder ruhig in meinem Schoß. Langsam streiche ich über den glatten Einband und klappe die Seiten auf. Ein Stift wird mir hingehalten. Die Hand, die ihn hält, gehört ihm. „Du vergisst deinen Stift immer. Das weiß ich doch.“

Ein schwaches, flüchtiges Lächeln zuckt um meine Mundwinkel, erlischt jedoch sofort wieder. Ich blättere mechanisch weiter, bis ich auf eine leere Seite treffe. Ich setze die Mine an und beginne zitternd zu schreiben: *Deine Eltern werden mich auslachen. Sie werden dir Vorwürfe machen, wie du mich überhaupt deinen Freund nennen kannst. Ich liege am Boden. Sie werden mich… Nein, ich will nicht schlecht über sie denken.* Er liest jedes Wort mit, Zeile für Zeile, während ich schreibe. Ich höre sein tiefes Seufzen und presse die Augen zusammen. *(Ich hätte das niemals aufschreiben dürfen.)* „Sie werden dich weder auslachen noch dir wehtun, Lio“, sagt er sanft. „Sie werden dich mögen, genauso wie du bist. Und wer mein bester Freund ist, entscheide immer noch ich allein. Das wird mir niemand jemals ausreden.“ Ich nicke mechanisch, doch tief drinnen glaube ich ihm nicht. Manchmal reagiert mein Körper einfach schneller, als mein Verstand ihn aufhalten kann. „Sollen wir einfach hier sitzen bleiben?“ Wieder nicke ich, diesmal etwas bewusster, kontrollierter. „Gut, dann bleiben wir hier.“ *(Wie immer. Er sagt nie etwas dazu. Nimmt es einfach hin. Hat er es eigentlich nie satt, sich immer nach mir zu richten?)* „Lio, hör auf, alles zu zerdenken“, murmelt er fast gedankenverloren. „Sag mir lieber, wie ich dir helfen kann.“ Wie ferngesteuert nicke ich erneut. *(Blöder Körper.)* „Da das nun geklärt ist und du mir versprichst, etwas zu sagen, wenn es dir zu viel wird... muss ich dir noch etwas erzählen.“

Plötzlich verändert sich seine Haltung. Seine Stimme wird leiser, fast zaghaft. Verwundert blicke ich auf. Mit einem Mal wirkt er unendlich nervös und traurig zugleich. „Eigentlich wollte ich es dir schon länger sagen, aber ich... ich konnte es einfach nicht übers Herz bringen.“ *(Was will er mir bloß sagen?)* „Wir ziehen um.“ Mein Körper handelt, bevor mein Kopf den Sinn der Worte überhaupt begreifen kann. Ich springe auf. Ich gehe nicht – ich renne. Ich renne Hals über Kopf vor meinem einzigen Freund davon. Vor meinem besten Freund. *(Er zieht weg. Er lässt mich hier ganz allein zurück.)*

Irgendwann brenne ich innerlich aus, die Lunge brennt wie Feuer vor Luftnot. Keuchend bleibe ich stehen, stütze die Hände schwer auf meine Oberschenkel und versuche krampfhaft, Sauerstoff in meinen Körper zu ziehen. (Wie kann er mir das nur antun?) Meine Sicht verschwimmt, und im nächsten Moment spüre ich, wie heiße Tränen über meine Wangen brennen. Hastig wische ich mir die Nässe aus dem Gesicht, doch die Berührung fühlt sich falsch an, fast wie fremde Haut. In meiner Brust zieht es sich so schmerzhaft zusammen, als würde mir gerade jemand mit bloßen Händen das Herz herausreißen.

Schritte nähern sich von hinten. Schnell und leicht, unverkennbar er. „Lio... Hey, warte!“ Seine Stimme klingt atemlos, fast panisch, aber ich kann mich nicht umdrehen. Wenn ich ihn jetzt ansehe, bricht die letzte Mauer ein, die mich noch aufrecht hält. Ich presse die Lippen aufeinander, schlucke den Kloß in meinem Hals hinunter und mache den nächsten Schritt nach vorn, auch wenn meine Beine sich wie Blei anfühlen. „Du kennst mich, Lio. Du weißt, dass ich nicht gehen möchte.“ (Aber er geht.) Er hat mich eingeholt, tritt langsam um mich herum und hält mir behutsam mein Buch hin, zusammen mit dem Stift. „Heute geht es los.“ Mein Kopf ruckt nach oben, meine Augen weiten sich vor blankem Entsetzen. „Ja, ich weiß, ich hätte es dir viel eher sagen sollen, aber ich konnte es einfach nicht.“ Die Worte treffen mich wie ein Faustschlag in die Magengrube. Heute. Nicht in ein paar Wochen. Nicht irgendwann, worauf ich mich hätte vorbereiten können. (Heute.) Ich starre ihn an, aber das Bild vor meinen Augen verschwimmt durch den Tränenfilm, der sich erneut über meine Sicht legt. Mein Mund öffnet sich, ich will etwas sagen, protestieren, schreien, ihn anflehen, dass das ein schlechter Scherz ist – aber kein Ton dringt über meine Lippen. Meine Kehle ist wie zugeschnürt. Er bemerkt es. Sein Blick wird noch eine Spur weicher, fast schmerzlich entschuldigend. Langsam, ganz vorsichtig, lässt er das Buch und den Stift in meine schlaffe Hand sinken, als wäre ich aus Porzellan und könnte jeden Moment in tausend Stücke zerspringen.

(Er packt seine Sachen. Sein Zimmer ist wahrscheinlich schon leer. Und ich sitze hier auf einer verlassenen Parkbank und begreife es erst jetzt.) „Lio... bitte sag etwas“, bittet er mich leise, fast flehend. Er macht einen Schritt auf mich zu, hält dann aber inne, als befürchte er, mich endgültig in die Flucht zu schlagen. Seine Hände sinken kraftlos an seine Seiten. „Der Lkw steht schon da. Meine Eltern... sie haben gesagt, wir müssen im Morgengrauen los, damit wir vor Einbruch der Dunkelheit ankommen. Ich wollte mich unbedingt noch von dir verabschieden. Ich konnte doch nicht einfach so verschwinden.“ (Einfach so verschwinden.) Das ist genau das, was sich in meinem Kopf abspielt. Die Welt bricht auseinander, während um uns herum alles ganz normal weitergeht. Menschen spazieren vorbei, Vögel zwitschern in den Bäumen, und mein einziger Anker in dieser Welt wird von einem unsichtbaren Strom einfach fortgerissen. Ich atme flach, die Luft brennt in meiner Lunge. Mit zitternden Fingern greife ich nach dem Stift, den er mir gegeben hat, drücke die Spitze auf das Papier, obwohl mir die Worte fehlen. Ich muss etwas schreiben, bevor mein Körper ganz die Kontrolle verliert.

*Warum heute? Warum hast du mir nichts gesagt?*, kritzle ich mit ungelenkem Strich auf die nächste Seite, drücke die Miene so tief auf das Papier, dass das Holz fast bricht. Er liest mit, und ich sehe, wie sich ein Kloß in seinem Hals bildet. Er schluckt schwer. „Weil ich wusste, dass du sonst weggelaufen wärst“, gesteht er tonlos und schaut beschämt zu Boden. „Genau wie eben. Du hättest dich verkrochen, Lio. Und ich wollte die letzten Stunden nicht damit verbringen, dich zu suchen. Ich wollte... ich wollte einfach noch ein letztes Mal Zeit mit meinem besten Freund verbringen.“ (Dein bester Freund). Das Wort hallt in meinem Kopf nach. Für ihn bin ich das. Der Einzige. Aber wenn er weg ist, wer bin ich dann ohne ihn? Eine leere Hülle. Ich schließe das Buch mit einer abrupten Bewegung, kralle meine Finger ein letztes Mal fest in den Einband und hebe den Blick zu ihm. Die Tränen laufen ungehindert über meine Wangen, und zum ersten Mal versuche ich nicht einmal mehr, sie wegzuwischen.

Ein leises, schmerzliches Atmen ist das Einzige, was zwischen uns zu hören ist. Die Distanz, die plötzlich zwischen unseren Schuhen auf dem Asphalt liegt, fühlt sich unüberwindbar an – wie eine tiefe Schlucht, die sich ohne Warnung geöffnet hat. Er tritt einen halben Schritt näher, zögernd, als würde er auf ein Stoppsignal von mir warten. „Lio...“, flüstert er, und seine Stimme bricht fast. „Ich komme zurück. Ich verspreche es dir. Es ist ja nicht für immer.“ (Nicht für immer.) Das Wort klingt wie ein schwacher Trost, der im Sturm verweht. Wie soll ich die Tage, Wochen oder gar Monate überstehen, in denen dieser Platz neben mir auf der Parkbank leer bleibt? Niemand sonst versteht das unaufhörliche Summen in meinem Kopf, wenn die Welt zu laut wird. Niemand sonst wartet geduldig, bis ich meine Gedanken mühsam auf Papier gebracht habe, anstatt mich zu drängen, endlich zu sprechen. Mit zitternder Hand hebe ich den Stift noch einmal, während mein Blick an seinem Gesicht haftet, als wollte ich jede einzelne Linie für immer in meinem Gedächtnis festhalten.

*Wann?*, schreibe ich so schnell, dass die Buchstaben ineinander verschwimmen. Er liest es, und ein Schatten zieht über seine Züge. Er weicht meinem Blick aus, sieht stattdessen zu den Spitzen seiner Schuhe hinab. Es ist eine Antwort, die keine Worte braucht, und sie trifft mich härter als jeder Faustschlag. (Er weiß es selbst nicht.) „Sobald... sobald wir uns dort eingelebt haben“, sagt er leise, die Stimme fast tonlos vor Verzweiflung. „Ich werde dir schreiben. Jeden Tag. Versprochen.“ Ich schüttle langsam den Kopf. Schreiben ist nicht dasselbe. Buchstaben auf Papier können kein Lächeln ersetzen, keine warme Präsenz, die mich erdet, wenn mein eigener Körper mir den Dienst versagt.

Plötzlich durchbricht ein schriller Ton die schwere Luft zwischen uns. Ein scharfer, unerbittlicher Autohupen von der Straße hinter den Bäumen. Er zuckt zusammen. Sein Blick schnellt zu der Straße, wo ein dunkler Wagen im Leerlauf steht, den Warnblinker eingeschaltet. Seine Mutter sitzt am Steuer, ihr Gesicht hinter der windschiefen Windschutzscheibe kaum zu erkennen, aber die Botschaft ist unmissverständlich. (Die Zeit ist um.) Er schluckt schwer, und eine einzelne Träne bricht sich Bahn über seine Wange. „Ich muss los... Lio, ich muss wirklich.“ Er macht keine Anstalten zu gehen. Er steht einfach nur da, gefangen im selben Schmerz wie ich, unfähig, den finalen Schritt zu tun. Er ignoriert den Gedanken an meinen Fluchtreflex. Er tut es einfach. Bevor mein Verstand auch nur ansatzweise reagieren oder mein Körper sich anspannen kann, schließt er mich in eine feste, entschlossene Umarmung. Seine Arme legen sich um meinen Rücken, ziehen mich an sich, und drängen all die Kälte und die Panik für einen winzigen Moment zurück.

Mein ganzer Körper erstarrt. Die Luft stockt mir in der Kehle. Jahrelang habe ich Berührungen gemieden, weil sie sich falsch und überwältigend anfühlten. Doch jetzt, in diesem exakten Augenblick, spüre ich nur seine Wärme. Den vertrauten Geruch von Papier und Herbstwind. Das Wissen, dass er wirklich da ist. Eine Träne bricht sich endgültig Bahn, und ich lasse das Buch und den Stift fallen. Sie landen dumpf die Steine unter unseren Füßen, während sich meine eigenen Arme – wie von selbst, zögernd und zitternd – langsam um seine Schultern schließen. Ich klammere mich an seinen Pullover, halte ihn fest, als könnte ich ihn mit bloßer Kraft hier festhalten. (Geh nicht.) „Ich komme zurück, Lio. Versprochen“, flüstert er leise direkt an meinem Ohr, bevor er sich langsam löst. Seine Hände gleiten schweren Herzens von meinen Armen, und er tritt einen Schritt zurück. Der Wind fegt kalt über die Straße. Er dreht sich um, wirft mir einen letzten, tiefen Blick zu, in dem all der Schmerz und die Verbundenheit dieser Jahre liegen, und rennt dann los. Direkt auf das wartende Auto zu. Die Beifahrertür fällt ins Schloss. Der Motor heult auf, und Sekunden später setzt sich der Wagen in Bewegung. Ich stehe auf den Steinen –, meine Augen starr auf die Straße gerichtet, bis die roten Rücklichter im grau werdenden Nachmittag verschwinden.

Um mich herum ist es plötzlich unerträglich still.

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Good Writing

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Great Character

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Strong Dialog

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