Kapitel 1 – Das Haus, das sich erinnerte

Die Stadt fühlte sich falsch an, in dem Moment, als Britney sie betrat.
Nicht gefährlich. Nicht fremd.
Einfach… falsch.
Als wäre sie schon einmal hier gewesen.
Sie stand neben dem Auto, ihre Finger schlossen sich leicht fester um den Riemen ihrer Tasche, während ihr Blick die ruhige Straße entlangglitt. Die Häuser wirkten alt—zu ruhig, zu still—als würden sie nicht einfach nur existieren, sondern beobachten.
Ein leichter Wind strich an ihr vorbei.
Und für einen kurzen Moment…
kannte sie diesen Ort.
Nicht so, wie man eine Straße von einem Foto wiedererkennt. Nicht so, wie Erinnerung normalerweise funktioniert.
Das hier ging tiefer.
Als würde ihr Körper sich erinnern, obwohl ihr Verstand es nicht konnte.
„Britney?“
Die Stimme ihres Vaters riss sie aus ihren Gedanken.
Sie drehte sich um.
Er stand bereits am Tor und setzte dieses vertraute, beruhigende Lächeln auf—das, das er immer benutzte, wenn etwas normaler wirken sollte, als es eigentlich war.
„Na?“, fragte er. „Was meinst du?“
Britney hob den Blick zum Haus.
Es war riesig.
Zu groß für einen Neuanfang. Zu alt, um sich neu anzufühlen.
Die Farbe blätterte an einigen Stellen ab, die Fenster wirkten matt, und irgendetwas daran ließ ihre Brust… eng werden.
„Es ist… groß“, sagte sie vorsichtig.
Ihr Vater lachte leise. „Das wird nicht lange so aussehen. Wir renovieren. Gib dem Ganzen etwas Zeit—es wird sich wie Zuhause anfühlen.“
Zuhause.
Das Wort fühlte sich falsch an.
„Beweg dich, Schnecke!“
Britney verdrehte die Augen, als eine kleine Gestalt an ihr vorbeistieß.
Ihr Stiefbruder.
Ein wandelnder Nervfaktor.
„Pass doch auf“, murmelte sie.
Er grinste, völlig unbeeindruckt. „Du bist nur sauer, weil ich mir mein Zimmer zuerst ausgesucht habe.“
„Du meinst das kleinste?“, gab sie zurück.
„Hey, es hat ein Fenster“, sagte er stolz und zog seine Tasche hinter sich her, als würde ihm das Haus schon gehören.
Britney schüttelte den Kopf. „So ein Nerv…“
Stiefbruder, technisch gesehen.
Als würde das irgendetwas besser machen.
Im Inneren fühlte sich das Haus… anders an.
Die Luft war kälter.
Still.
Jeder Schritt hallte ein wenig zu laut wider, als würden die Wände zuhören.
Britney ließ ihre Finger leicht über die Wand gleiten, während sie hineinging.
Die Farbe.
Sie kam ihr seltsam vertraut vor.
Sie blieb stehen.
Ihre Stirn legte sich in Falten.
Warum fühlt sich das an, als hätte ich es schon einmal berührt?
Schnell zog sie ihre Hand zurück.
„Okay… das ist seltsam.“
Sie folgte den anderen nicht nach oben.
Stattdessen zog sie etwas—leise, aber beharrlich—in die entgegengesetzte Richtung.
Nach unten.
In den Keller.
Die Treppe knarrte leise unter ihrem Gewicht, jeder Schritt wurde kälter als der vorherige. Das Licht war schwach und erreichte kaum die Ecken des Raumes.
Es war leer.
Weit.
Still.
Ein langsames Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
„Das hier…“, flüsterte sie und drehte sich leicht, „könnte mein Versteck werden.“
Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft verspürte sie so etwas wie Aufregung.
Bis—
sie es sah.
In der hintersten Ecke.
Bedeckt.
Ein großes Objekt, verborgen unter einem weißen Tuch.
Britneys Lächeln verschwand.
Ihr Herz begann schneller zu schlagen.
Irgendetwas daran fühlte sich…
falsch an.
Nicht.
Der Gedanke kam plötzlich.
Klar.
Scharf.
Sie runzelte die Stirn.
„Ernsthaft?“, murmelte sie. „Jetzt habe ich Angst vor einem Tuch?“
Langsam ging sie darauf zu.
Jeder Schritt schwerer als der vorherige.
Ihre Hand streckte sich aus.
Zögerte.
Dann—
zog sie das Tuch weg.
Ein Spiegel.
Groß.
Breit.
Alt.
Ihr Spiegelbild starrte sie an.
Aber—
Britneys Atem stockte.
Etwas stimmte nicht.
Das Mädchen im Spiegel wirkte…
blasser.
Ihre Augen—tiefer. Dunkler.
Als hätte sie seit Tagen nicht geschlafen.
Britney beugte sich näher.
Ihr Herzschlag beschleunigte sich.
„Bin das… ich?“
Langsam hob sie die Hand und bewegte sie vorsichtig auf das Glas zu.
Nur um sicherzugehen.
Nur um zu prüfen,
ob ihr Gesicht wirklich so aussah.
Ob sie wirklich so aussah.
„HEY!“
Britney zuckte zusammen und drehte sich ruckartig um.
Ihr Stiefbruder stand unten an der Treppe und grinste wie ein Idiot.
„Oh, du kleines—!“
„Dad sagt, du sollst dein Gepäck hochtragen“, sagte er locker und kam näher. Dann fiel sein Blick auf den Spiegel. „Wow… der ist riesig.“
Britney drehte sich zurück.
Ihr Spiegelbild starrte sie an.
Normal.
Farbe zurück in ihrer Haut.
Augen wie immer.
Alles… in Ordnung.
Sie blinzelte.
Verwirrt.
„Das war seltsam…“
„Was war seltsam?“, fragte er.
Sie zögerte.
Dann schüttelte sie den Kopf.
„Wahrscheinlich nichts.“
Langsam legte sie das Tuch wieder über den Spiegel—aber nicht ganz.
Ein kleiner Teil des Glases blieb frei.
Beobachtend.
Wartend.
„Komm, Dickkopf“, sagte sie und stupste ihn leicht an, als sie an ihm vorbeiging. „Gehen wir.“
Als sie die Treppe hinaufgingen, bemerkte keiner von ihnen—
den Spiegel.
Oder das Mädchen darin.
Reglos.
Nicht folgend.
Nicht blinzelnd.
Einfach nur…
beobachtend.








