Kapitel 1: Kaffee, Kitsch und Katastrophen
Mein Leben ist eigentlich gerade ziemlich sortiert. „Sortiert“ bedeutet in meinem Fall: Der Kühlschrank ist voll mit Energydrinks, die Miete für mein Loft in Berlin-Kreuzberg ist bezahlt und mein Herz ist hinter einer Mauer aus Beton, Stacheldraht und Sarkasmus sicher verwahrt. Keine Gefühle, keine Probleme. Nur meine Tastatur und ich gegen den Rest der Welt. Wer braucht schon Romantik, wenn man eine scharfe Zunge und genug Koffein im Blut hat?
Und dann klingelt es. Nicht dieses freundliche Postboten-Klingeln. Es ist ein forderndes, ungeduldiges Hämmern, das mir sagt: Hier will jemand etwas, das ihm nicht gehört.
Ich reiße die Tür auf, bereit, dem Zeugen Jehovas oder dem nervigen Nachbarn den Kopf abzureißen. Doch mein Atem stockt. Mein Herz macht einen hässlichen, unkoordinierten Stolperer. In meinem Kopf schreit alles „Gefahr“, aber meine Beine fühlen sich plötzlich an wie Wackelpudding.
„Vici“, sagt er.
Marc.
Zehn Jahre sind eine verdammt lange Zeit. Lange genug, um zu glauben, man hätte die Geister der Vergangenheit endgültig im Keller vergraben. Aber da steht er. In einem viel zu teuren dunklen Mantel, die Haare etwas kürzer als früher, aber mit diesem verdammten Blick, der mir schon mit siebzehn die Beine weich geschmolzen hat. Er riecht nach teurem Leder und diesem einen Parfüm, das ich jahrelang in jeder Drogerie hasserfüllt ignoriert habe. Er sieht aus wie die personifizierte Sünde, verpackt in maßgeschneiderten Stoff.
„Verpiss dich, Marc“, sage ich. Meine Stimme ist fest. Stolz auf mich. Ich verschränke die Arme, um das Zittern meiner Finger zu verbergen.
Er bewegt keinen Muskel. Er taxiert mich, scannt mein Gesicht, als würde er nach der Vici suchen, die ihm damals weinend hinterhergelaufen ist. Pech gehabt, Kumpel. Die ist tot. Die habe ich eigenhändig beerdigt, direkt neben meinem Vertrauen in die Männerwelt. Ich trage jetzt Schwarz, innerlich wie äußerlich, und ich tanze auf den Trümmern meiner Naivität.
„Ich brauche deine Hilfe“, sagt er einfach.
Ich lache laut auf. Ein hohles, hässliches Geräusch, das im Treppenhaus widerhallt. „Meine Hilfe? Hast du deine letzte Million beim Poker verzockt oder hat dich deine Model-Freundin wegen eines Jüngeren verlassen? Marc, ich würde dir nicht mal über die Straße helfen, wenn ein LKW auf dich zurast.“
Er verzieht keine Miene. Das war schon immer sein Ding. Er ist ein Eisberg. Und ich? Ich bin das verdammte Schiff, das damals daran zerschellt ist. Nur dass ich dieses Mal die Eisberge zum Schmelzen bringe – oder sie einfach sprenge.
„Es geht um das alte Haus deines Vaters. Die Gris -Villa“, sagt er leise.
In meinem Kopf explodiert eine Bombe. Das Haus. Der einzige Ort, an dem wir jemals glücklich waren. Und der Ort, an dem er alles zerstört hat. Er weiß genau, welche Knöpfe er drücken muss. Er spielt nicht fair. Er hat nie fair gespielt. Die Erinnerungen an staubige Dachböden und verbotene Küsse stechen wie Nadeln in mein Gehirn.
„Was ist damit?“, zische ich. Ich merke, wie meine Finger anfangen zu zittern. Ich verschränke die Arme noch fester vor der Brust.
„Die Bank will es abreißen. Nächste Woche. Es sei denn, wir unterschreiben beide.“
„Wir?“, ich spucke das Wort förmlich aus. „Es gibt kein Wir mehr, Marc. Seit zehn Jahren nicht. Gris ist für mich eine Leiche im Schrank, und ich habe nicht vor, sie auszugraben.“
Er macht einen Schritt auf mich zu. Der Flur ist eng. Plötzlich ist da viel zu viel Marc in meinem Raum. Ich spüre die Hitze, die von ihm ausgeht. Mein Körper erinnert sich an Dinge, die mein Verstand längst gelöscht haben will. Das ist die pure Provokation. Er dringt in meine Sicherheitszone ein, als hätte er immer noch eine Dauerkarte für mein Leben.
„Lass mich rein, Vici. Nur zehn Minuten. Dann bin ich wieder weg. Versprochen.“
Ich schaue in seine Augen. Sie sind dunkel, fast schwarz im fahlen Licht des Hausflurs. Er lügt. Ich weiß, dass er lügt. Er wird nicht nach zehn Minuten weg sein. Er wird sich in mein Leben bohren wie ein Splitter unter den Fingernagel. Aber das Haus meines Vaters... ich kann es nicht einfach sterben lassen. Nicht durch eine Abrissbirne.
„Zehn Minuten“, sage ich und trete beiseite. „Und wenn du versuchst, mich anzufassen, zeige ich dir, wie sich ein Knie in den Eiern anfühlt. Ich habe im Boxverein gelernt, wie man Typen wie dich flachlegt ... und zwar nicht auf die nette Art.“
Er zieht die Mundwinkel ein Stück hoch. Kein Lächeln, eher ein mieses Grinsen. „Schön zu sehen, dass du deinen Biss nicht verloren hast. Ich hatte schon Angst, Berlin hätte dich weichgekocht.“
Er geht an mir vorbei in mein Wohnzimmer. Er wirkt hier drin wie ein Fremdkörper. Alles bei mir ist Chaos, Kunst und Leidenschaft. Er ist Perfektion, Kontrolle und unterdrückte Gewalt. Er setzt sich auf mein Sofa, als gehöre es ihm. Seine bloße Anwesenheit saugt den Sauerstoff aus dem Raum.
„Kaffee?“, frage ich, nur um irgendetwas zu tun zu haben. Meine Hände brauchen eine Aufgabe, sonst landen sie entweder an seinem Hals oder in seinem Haar. Beides wäre eine Katastrophe.
„Schwarz. Wie deine Seele“, antwortet er ohne hinzusehen.
Ich gehe in die Küche und ramme die Kaffeekapsel in die Maschine. Das Geräusch ist viel zu leise für den Lärm in meinem Kopf. Was will er wirklich? Das Haus ist ein Vorwand. Marc tut nichts ohne Plan. Er ist der Typ, der drei Züge im Voraus denkt, während ich noch das Brett umschmeiße. Er will mich zurück in Gris haben. Zurück in der Falle.
Zweite Chance? Das hier fühlt sich eher wie eine zweite Hinrichtung an.
Ich bringe ihm den Kaffee. Er nimmt die Tasse, seine Finger streifen meine. Es ist nur ein Bruchteil einer Sekunde, aber es fühlt sich an wie ein Stromschlag. Ich ziehe die Hand weg, als hätte ich mich verbrannt. Mein ganzer Körper steht unter Spannung, als hätte jemand den Schalter auf „Aktion“ umgelegt.
„Die Unterlagen“, sage ich barsch und deute auf die Mappe, die er aus seinem Mantel gezogen hat. „Zeig her und dann verschwinde.“
Er legt die Papiere auf den Tisch. Aber er schaut nicht auf die Dokumente. Er schaut mich an. Intensiv. Dreckig. Ehrlich. Er sieht die Augenringe, den Schmerz hinter dem Trotz, die Frau, die er erschaffen hat, als er das Mädchen verließ.
„Du hast dich verändert“, murmelt er. Seine Stimme ist jetzt tiefer, gefährlicher.
„Man nennt es erwachsen werden. Du solltest es auch mal versuchen“, schieße ich zurück. Ich setze mich auf die Kante meines Schreibtisches, weit weg von ihm, aber nah genug, um die Provokation zu spüren. „Was ist die Klausel? Warum reicht eine Unterschrift per Mail nicht?“
„Weil dein Vater ein misstrauischer Hund war, Vici. Er wollte, dass wir uns gegenüberstehen. Der Notar in Gris händigt die Titel nur aus, wenn wir beide persönlich erscheinen. Drei Tage. Das ist alles.“
Drei Tage mit Marc. Eingesperrt in einer Kleinstadt, in der jeder Tratsch schneller wandert als das Internet. Eingesperrt in der Villa, die unsere Sünden atmet.
Er steht auf. Langsam. Wie ein Panther, der seine Beute in die Enge treibt. Ich weiche nicht zurück. Ich bin Vici. Ich lebe, ich schreibe, ich provoziere. Wenn er Krieg will, kann er ihn haben. Ich brauche keinen Schutz, ich brauche nur Munition.
„Ich bin nicht hier, um über die Vergangenheit zu reden“, sagt er und steht jetzt direkt vor mir. „Ich bin hier, weil ich dich nicht vergessen konnte. Keine einzige verdammte Sekunde. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich dein Gesicht. Jedes Mal, wenn ich eine Frau berührte, wollte ich, dass sie du bist.“
Lüge. Pure, schmutzige Lüge. Ein Drehbuch-Satz für jemanden, der glaubt, ich wäre immer noch das naive Kind von damals. Aber mein Herz, dieses verräterische Miststück, schlägt plötzlich gegen meine Rippen wie ein Wahnsinniger.
„Unterschreib einfach, Marc. Und dann geh“, sage ich, aber meine Stimme bricht ganz leicht.
Er nimmt den Stift, legt ihn aber nicht auf das Papier. Er hält ihn an meine Wange. Die kühle Plastikhülle streift meine Haut, wandert runter zu meinem Kinn, zwingt mich, ihn anzusehen. Sein Blick brennt sich in meinen.
„Zweite Chancen gibt es nicht, Vici. Es gibt nur das, was wir uns nehmen.“
Er beugt sich vor. Sein Atem riecht nach Kaffee und Gefahr. Die Luft zwischen uns ist so dick, dass man sie mit einem Messer zerschneiden könnte. Ich sollte ihn wegstoßen. Ich sollte schreien. Ich sollte ihn aus der Wohnung werfen und die Schlösser austauschen.
Stattdessen tue ich das Einzige, was ich immer tue, wenn es brenzlig wird. Ich gehe aufs Ganze. Wenn er das Feuer will, soll er die Verbrennungen spüren.
Ich greife seine Krawatte, ziehe ihn hart zu mir runter, bis unsere Lippen sich fast berühren, und flüstere gegen seinen Mund: „Wenn du glaubst, dass ein bisschen Nostalgie reicht, um mich flachzulegen, hast du dich geschnitten. Ich bin teurer geworden, Marc. Viel teurer. Und dieses Mal zahlst du den Preis mit Geld oder mit deinem Blut.“
Ich lasse ihn los, so plötzlich, dass er fast das Gleichgewicht verliert. Ich grinse ihn an, ein böses, siegreiches Lächeln.
„Morgen früh um sechs. Ich warte unten. Bring genug Kaffee mit. Wir haben eine Menge zu klären, bevor ich diese Unterschrift unter deinen Untergang setze.“
Marc starrt mich an, sichtlich überrascht von meiner Härte. Dann nickt er langsam.








