Prologe - Fenryls erster Sucher

Vor einhundert Elfenjahren in Sekeshio, der leuchtenden Kristallwelt. Wir standen auf dem Danketsu no Ba, dem Platz der Einheit, wo der Boden selbst aus geschliffenem Quarz zu bestehen schien.
Alle fünfzig Jahre versammelten sich die vier Reiche zu einem Kriegsrat, eine Tradition, die so alt war wie die Sterne selbst. Die Königsfamilien waren vollzählig erschienen: Imperia aus dem stolzen Fenryl, Lumia aus dem weisen Ashat, die kriegerischen Tameda aus Talyn und Kahfa aus Jinkat. Selbst die sechs mächtigsten Elementargötter wohnten dem Rat bei, ihre Präsenz wie ein schweres Gewitter in der Luft. Doch die heutige Einberufung trug eine dunklere Note als üblich.
Das ferne Licht brach sich in den gigantischen Kristallsäulen am Ufer, als die Stimme der Dryade Shinra, der Sprecherin des Weltenbaums Shinha, über den Platz hallte. Ihr Kleid aus lebendigem Laub raschelte, obwohl kein Wind ging.
„Götter der Elemente, Herrscher der vier Reiche“, begann sie, und ihre Stimme klang wie das Knacken alten Holzes und das Rieseln von Wasser zugleich. „Wir sind heute hier, um den Ur-Kristall, der vor zweihundertfünfzig Jahren in einer Nacht des Chaos zerstört wurde, wieder zu vereinen. Seine Splitter sind über die ganze Welt verstreut, und die Zeit der Heilung ist gekommen. Jedes Reich wird einen Sucher ernennen, der im Dienste des Weltenbaums stehen wird.“
Shinha blickte ernst in die Runde. Ihre grünen Augen schienen die Seele jedes Anwesenden zu prüfen. „Wählt mit Bedacht. Die auserwählten Familien werden über Generationen hinweg an diese Last gebunden sein. Stirbt ein Sucher, muss der nächste Angehörige seinen Platz einnehmen, sobald er das achtzehnte Lebensjahr erreicht. Diese Pflicht endet erst, wenn der Kristall vollkommen ist. Ihr habt bis zur zweiten Morgendämmerung Zeit.“
Eine bleierne Stille folgte ihren Worten. Ich spürte, wie die Kälte des Platzes durch meine Stiefel kroch. Ich blickte über die Schulter zu Kaito, meinem Leibwächter und engsten Vertrauten. Er stand wie eine unerschütterliche Statue aus Eisen und Pflichtgefühl hinter mir. Sein Blick war auf den Horizont gerichtet, während die anderen Herrscher bereits begannen, sich in ihre provisorischen Palastzelte zurückzuziehen, als könnten sie der Verantwortung durch Eile entkommen.
„Takuto, wir müssen uns beraten“, flüsterte Kaito mir zu. Die Vertrautheit in seiner Stimme war der einzige Anker in diesem Sturm. Ich nickte knapp. Wir brachen sofort auf. Der Rückweg nach Fenryl fühlte sich länger an als sonst, als würde die Last der kommenden Jahre bereits auf unseren Schultern lasten.
Fenryl – Im Thronsaal
„Verwalter! Ruft den Rat zusammen. Jede Sekunde zählt!“, herrschte ich den Diener an, sobald wir die schweren Flügeltüren des Schlosses durchschritten hatten. Der Mann verbeugte sich tief, bevor er davonstürmte.
Eine Stunde später war der Saal gefüllt mit dem Rascheln von Seide und dem unterdrückten Flüstern der Lords. Ich stand vor ihnen, das Licht der magischen Fackeln warf lange Schatten an die Wände. Eigentlich sollte ich diese Männer respektieren, doch heute sah ich nur die Gier und die Feigheit in ihren Augen.
„Ich komme sogleich zur Sache“, begann ich, und meine Stimme hallte autoritär von den hohen Gewölben wider. „Dies ist ein gefährliches Unterfangen. Wer sich meldet, bindet nicht nur sein eigenes Leben, sondern sein gesamtes Blut an diese Suche. Doch ich frage euch: Wer ist bereit, alles für Fenryl zu geben? Demjenigen verspreche ich den Status eines Elfenfürsten und die ewige Versorgung der Krone für sein Haus.“
Ich gab ihnen zwei Stunden. Eine Ewigkeit des Schweigens. Ich saß auf meinem Thron, die Finger fest in das kühle Gold der Armlehnen vergraben, und beobachtete ihr feiges Tuscheln. Als die Zeit um war, wagte keiner, mir in die Augen zu sehen. Die Unentschlossenheit im Raum war fast greifbar, ein ekelhafter Dunst aus Angst.
Die Wut stieg in mir auf wie eine brennende Flut. Ich schlug mit der Faust auf den Beratungstisch, dass das schwere Eichenholz unter der Wucht ächzte. Alle fuhren zusammen.
„Wie ich sehe, besteht mein Rat aus Schatten und hohlen Worten!“, brüllte ich. „Keiner von euch hat den Mut, seinem Land zu dienen? Gut. Dann wähle ich. Du! Lord Varen, du wirst gehen.“ Der Lord wurde bleich, seine Knie gaben nach, als wäre er aus Stroh. „Ich flehe Euch an, mein König! Meine Töchter … meine Frau verstarb erst im Winter … ich kann sie nicht allein lassen!“
„Dann eben du, Lord Elian!“, zeigte ich auf den Nächsten. Doch das Bild war dasselbe. Er warf sich in den Staub, wimmerte und bettelte um Gnade. Es widert mich an. Einer nach dem anderen krochen sie vor mir, Männer, die sich sonst mit ihren Heldentaten brüsteten.
„Es reicht!“, meine Stimme war nun leiser, aber gefährlicher. „Da keiner von euch Mut im Leib hat, werde ich selbst gehen. Ich werde als König von Fenryl die Reise antreten!“
Ein entsetztes Raunen ging durch den Saal. Ein König auf der Suche? Das war beispiellos. Doch in diesem Moment löste sich Kaito aus dem Schatten hinter meinem Thron. Er trat vor und kniete nieder. Augenblicklich verstummten die Lords.
„Mein König … bitte gewährt mir die Ehre, diesen Weg an Eurer Stelle zu gehen.“ Er senkte demütig das Haupt, doch ich sah die Entschlossenheit in der Spannung seiner Schultern. Er meinte es todernst.
„Wie kann ein einfacher Soldat mehr Ehre im Leib haben als mein gesamter Adel?“, fragte ich bitter in die Runde. Mein Blick brannte sich in die Köpfe der Ratsmitglieder, die es nicht wagten, aufzublicken. „Ich bin zutiefst enttäuscht. Kaito, ich nehme dein Opfer an. Ab heute bist du der Held von Fenryl und Lord von Aryen. Und ihr? Geht nach Hause zu euren Familien! Ihr seid entlassen!“
Als die schweren Türen ins Schloss fielen und die Stille in den Saal zurückkehrte, sah ich ihn an. Meine Augen brannten. „Warum, Kaito? Wir hätten einen anderen Weg gefunden. Du weißt, was das bedeutet.“
„An wen hättet Ihr gedacht?“, fragte er ruhig und erhob sich. Er sah mir direkt in die Augen, ohne die übliche Distanz eines Untergebenen. „Wie könnte ich zulassen, dass Ihr Euch opfert? Ihr seid das Herz dieses Reiches. Ich würde für Euch durch das ewige Feuer des Feudahl gehen, das wisst Ihr.“
Ich trat auf ihn zu und zog ihn in eine feste Umarmung. „Ich habe dir gesagt, du sollst die Höflichkeiten weglassen, wenn wir allein sind.“ „Verzeih mir, Takuto … ich vergesse es immer wieder.“ Er lächelte wehmütig, doch dann erlosch der Glanz in seinen Augen. „Aber wenn ich dich um eines bitten dürfte …“
„Alles. Sag es mir.“ „Kümmere dich um meinen Sohn. Er ist noch so klein. Seine Mutter starb bei seiner Geburt … er hat nur noch mich. Und bald … bald hat er niemanden mehr.“
Ein Kloß bildete sich in meinem Hals. Ich rief den Verwalter, ohne Kaito loszulassen. „Lasst seinen Sohn sofort herbeibringen!“, befehligte ich. „Ab heute habe ich zwei Söhne. Ich verspreche dir bei meinem Leben und meiner Krone: Er wird an meiner Seite aufwachsen. Er wird mein eigenes Fleisch und Blut sein.“
Kaito atmete schwer aus, als fiele eine gewaltige Last von seinen Schultern. „Ich danke dir, Takuto.“
Draußen am Horizont vertrieb das erste Licht die Dunkelheit der Nacht. Ein blasses Violett mischte sich in das Schwarz. Die Morgendämmerung war da – der Beginn einer Suche, die unsere Welt für immer verändern sollte. „Es wird Zeit“, sagte ich leise. Wir traten gemeinsam hinaus in das kalte Licht der neuen Welt.








