Chapter 1
Ich wache schweißgebadet auf, wie mittlerweile jeden Morgen. Der Wecker rettet mich wieder aus diesem Albtraum. Vielleicht sind es aber auch Erinnerungen, die ich tief in mir vergraben habe, weil sie zu schmerzhaft sind, um sie zu ertragen. Ich sehe Flammen, die sich gierig durch die Dunkelheit fressen, und spüre die Hitze auf meiner Haut. Dann höre ich Schreie. Schreie, die mir vertraut vorkommen. Doch egal, wie sehr ich mich bemühe, ich erreiche sie nicht. Ich kann ihnen nicht helfen. Ich kann sie nicht retten. Und dann wache ich auf. In meinem kleinen Studentenzimmer. Der Geruch von Rauch verschwindet. Die Schreie verstummen. Doch das Gefühl von Schuld bleibt zurück, weil ich ihnen nicht helfen konnte. Nach ein paar Minuten zwinge ich mich schließlich aus dem Bett. Mein Blick fällt auf die Zahlen meines Weckers. 08:30 Uhr. Ich bin zu spät.
“Verdammt", murmele ich und verschwinde unter die Dusche, in der Hoffnung, mir den Albtraum dieser Nacht vom Körper zu waschen. Zum Genießen bleibt keine Zeit, denn heute übernimmt der neue Professor den Kurs für englische Literatur und ich hatte eigentlich vor, keinen katastrophalen ersten Eindruck zu hinterlassen. Zumindest nicht direkt am ersten Tag. Beim Versuch, gleichzeitig nach dem Handtuch zu greifen und die Dusche abzustellen, rutsche ich beinahe auf den nassen Fliesen aus. Literaturwissenschaft klingt in der Theorie deutlich romantischer, als sie morgens um acht tatsächlich ist.
Mein Handy vibriert.
Lucan:
Wenn du in fünf Minuten nicht unten bist, fahre ich ohne dich.
Ein Grinsen huscht über mein Gesicht, während ich mir hastig die Kleidung überstreife. Er würde niemals ohne mich fahren. Tatsächlich bin ich exakt fünf Minuten später unten und stecke mir im Gehen die Haare hoch.
„Bin da", sage ich und reiße die Beifahrertür auf. Ich wohne nur zehn Minuten zu Fuß vom Hauptgebäude entfernt, laufen wäre also kein Problem. Aber Lucan hat eine Wohnung außerhalb des Campus und meistens sammelt er mich ein, weil ich es mit Pünktlichkeit in letzter Zeit nicht so habe. Ich lasse mich auf den Sitz fallen und ziehe mir den Gurt über die Schulter, während Lucan den Wagen noch nicht startet. Sein Blick liegt schon auf mir, bevor ich überhaupt etwas sagen kann.
„Du hast schon wieder einen dieser Albträume gehabt."
Ich seufze leise. „Guten Morgen, Lucan."
„Octavia." Mein Name reicht aus, um mich still werden zu lassen. Lucan nennt mich immer nur V. Nicht mehr und nicht weniger. Octavia ist mir zu altbacken und erinnert mich an ein Leben, das scheinbar nicht für mich bestimmt war.
„Es ist nichts."
„Das sagst du mir jetzt mittlerweile jeden Morgen." Die Sorge, die in den Worten mitschwingt, ist nicht zu überhören. Ich lehne mich zurück und verschränke die Arme. „Ich sollte vor dem Schlafen vielleicht nicht so düstere Literatur lesen."
Ein kurzer Blick von ihm. „Das ist nicht lustig."
„Sollte es auch nicht sein", murmele ich.
Er sieht mich noch einen Augenblick zu lange an, dann startet er aber den Motor. Lucan weiß genau, wann es nichts mehr bringt, dafür kennt er mich mittlerweile viel zu gut.
Die Fahrt zum Campus dauert nicht lange. Fünf Minuten später parken wir bereits vor dem Hauptgebäude. „Vielleicht schaffe ich es doch noch pünktlich." Ein skeptischer Blick von ihm auf die Uhr und er schüttelt leicht den Kopf.
„Sorry. Die Dusche war dringend nötig. Sonst hättest du mich bestimmt laufen lassen."
Er verdreht die Augen und steigt aus dem Wagen. Ich tue es ihm gleich.
„Bibliothek danach?", fragt Lucan, als ich mir die Tasche umhänge.
Ich nicke. „Ja. Ich brauche noch ein paar Infos für meine Arbeit."
„Bis später", sagt er noch und verschwindet in die entgegengesetzte Richtung. Ich sehe ihm noch einen Moment nach, schiebe die Gedanken an die Nacht beiseite und mache mich auf dem Weg zur Vorlesung. Englische Literatur – zumindest ein Fach, das mich heute ablenken sollte.
Als die Vorlesung endet, packe ich meine Sachen zusammen und strecke mich kurz. Der neue Professor ist wirklich gut – endlich jemand, der das Ganze spannend verpacken kann. Die anderen Studenten stürmen bereits aus dem Hörsaal, als ich mich ihnen anschließen will, höre ich meinen Namen.
„Miss Valemont."
Überrascht blicke ich zum Professor. Normalerweise können sich Dozenten am ersten Tag weder Namen noch Gesichter ihrer Studenten merken.
„Äh, ja?"
Er lächelt entschuldigend. „Ich will Sie gar nicht lange aufhalten. Aber Professor Stevens hat mir, bevor er in den Ruhestand gegangen ist, von seinen Lieblingsstudenten erzählt."
„Oh. Ähm. Das höre ich gerne", erwidere ich und streiche mir eine Strähne hinters Ohr. „Ich hoffe ich kann weiterhin auf Ihre gute Mitarbeit zählen. So ein Kurs lebt von guten Diskussionen und starken Meinungen."
Ich nicke. „Natürlich."
„Dann wünsche ich ihnen noch einen erfolgreichen Tag."
„Danke Professor."
Bevor ich gehe, werfe ich ihm noch einen letzten Blick zu. Sein Blick liegt immer noch auf mir. Schließlich verlasse ich den Hörsaal und werde sofort von den Stimmen auf dem Gang verschluckt. Ich weiß nicht, warum, aber diese Begegnung war eigenartig oder ich werde langsam wirklich verrückt.
Der Weg zur Bibliothek ist kurz. Ich gehe durch den Innenhof, vorbei an den alten Steingebäuden, die durch den Efeu noch älter wirken. Studenten sitzen auf den Bänken, lachen und trinken einen Kaffee. Den könnte ich übrigens auch dringend gebrauchen. Und wie aufs Stichwort steht Lucan mit einem Becher Kaffee vor der Bibliothek. Mein Grinsen wird breiter. Er lehnt wie selbstverständlich an der Mauer neben dem Eingang. Nur die Straße trennt uns noch voneinander. Aber plötzlich verschwimmt mir die Sicht. Ein Schrei hallt in meinen Ohren. Ich höre nichts mehr außer diesen Schrei. Eine Frau, die meinen Namen ruft. Dann das Feuer, alles brennt. Und diesmal fühlt es sich nicht wie ein Traum an sondern, als wäre ich wirklich dort. Ich kann mich weder bewegen, noch bekomme ich ein Wort heraus. Ich bin wie gelähmt, gefangen in den Flammen und in dem Leid.
„Octavia", höre ich wieder eine Stimme. Sie klingt vertrauter, aber ich weiß nicht, wer es ist, noch wo ich bin. Dann greift plötzlich eine Hand nach mir und zieht mich zurück. Ein Auto rauscht an mir vorbei und plötzlich bin ich wieder hier. Mein Herz schlägt viel zu schnell. Ich blinzle hastig, weil ich wieder vor der Bibliothek stehe und nicht mehr in den Flammen. Lucan lässt mich nicht los.
„V. Ist alles okay?"
Ich nicke leicht, obwohl ich mir da nicht sicher bin. Das war einer dieser Albträume – nur habe ich nicht geschlafen, sondern bin Mitten auf der Straße stehen geblieben.
„Das war knapp", sagt er leise.
„Ich hab das Auto nicht gesehen ..."
„Das habe ich gemerkt", murmelt er. „Soll ich dich lieber nach Hause bringen?"
Langsam löse ich mich aus seinem Griff. „Nicht nötig."
„Aber ..." Noch bevor er weitersprechen kann, unterbreche ich ihn sanft.
„Es ist alles in Ordnung. Ich hab schlecht geschlafen und hatte noch keinen Kaffee", versuche ich diesen Vorfall zu erklären, der gar nicht zu erklären ist. „Und du kennst mich gut genug und hast mir einen mitgebracht."
Seufzend hält er mir den Becher hin. „V. wir müssen nicht."
„Doch. Ich muss sogar unbedingt, weil ich meine Arbeit morgen abgeben muss."
Ich überquere die Straße, werfe dabei aber sicherheitshalber mehr Blicke auf die Fahrbahn als wahrscheinlich nötig wären. Lucan folgt mir wortlos in die Bibliothek.
Ich weiß nicht, wie lange wir dort so sitzen, aber irgendwann meldet Lucan sich.
„Weißt du ... erst diese Träume und jetzt das." Er scheint nach den richtigen Worten zu suchen.
Ich zucke mit den Schultern. „Vielleicht ist es nur der Stress." Mit dem Stift kritzele ich auf meinen Notizen. „Und vielleicht hat es auch etwas mit meiner Vergangenheit zu tun, von der ich – wie du ja weißt – nicht besonders viel kenne."
Sein Blick wird sanfter, als hätte er Mitleid.
„Sieh mich nicht so an", murmele ich.
„Wie denn?"
„Als hättest du Mitleid. Ich bin zwar adoptiert, aber meine Adoptiveltern waren immer für mich da. Und nur durch die sie, kann ich überhaupt hier sitzen und studieren."
Er nickt. „Aber-"
Ich hebe sofort die Hand. „Lucan. Bitte. Mach daraus kein großes Ding. Sobald ich alles erledigt habe, kann ich wieder etwas durchatmen. Dann hört das bestimmt auf." Ich lächle leicht. „Außerdem würde ich mein einundzwanzigsten Geburtstag gerne bei klarem Verstand feiern." Ich zwinkere ihm zu und widme mich wieder meinem Buch. Aber ich merke, dass sein Blick noch auf mir ruht. Er macht sich Sorgen und dafür bin ich ihm auch dankbar. Aber ich kann es mir ja nicht einmal selbst erklären. Diese Träume haben vor ein paar Wochen ganz plötzlich angefangen und jetzt - eine Woche vor meinem Geburtstag - passiert mir auch noch dieser Tagtraum oder was auch immer das vorhin gewesen ist. Wir verbringen tatsächlich den ganzen Tag in der Bibliothek. Nur einmal machen wir eine kurze Pause und lassen uns Pizza auf den Campus liefern, bevor wir uns wieder zwischen Büchern und Notizen setzen. Seufzend stoße ich die Tür auf und strecke mich, als wir hinaus in die Dunkelheit treten.
„Ich bin froh, wenn wir mit allem durch sind", sagt Lucan.
Ich grinse. „Ich könnte mir definitiv etwas Besseres vorstellen, als bis spät in die Nacht in der Bibliothek zu hocken."
Als wir sein Auto erreiche, öffnet er mir die Beifahrertür. „Steig ein."
„Nicht nötig. Ich hab doch nur zehn Minuten Fußweg."
„Okay", sagt er ruhig. „Aber lass es mich so ausdrücken – ich vertraue deinem Körper heute nicht besonders." Mit diesen Worten deutet er erneut auf den Beifahrersitz.
Ich zögere. Nicht, weil ich sauer bin. Er hat schließlich recht. Sondern weil ich wieder diesen verzweifelten Schrei höre. Die Stimme, die meinen Namen gerufen hat. So vertraut und gleichzeitig fremd.
„Alles okay?", fragt Lucan sofort.
Jetzt hab ich es sowieso schon verbockt, allein nach Hause gehen zu wollen. Also steige ich mit einem Nicken in den Wagen. Ein zufriedenes Lächeln legt sich auf seine Lippen, bevor er die Tür schließt und selbst auf der Fahrerseite einsteigt. Der Motor heult leise auf und wir fahren los. Keine fünf Minuten später hält er vor meinem Wohnheim.
„Danke. Ab hier komm ich alleine klar", sage ich und versuche dabei deutlich überzeugter zu klingen, als ich mich fühle. Doch Lucan reagiert nicht.
„Ähm, Lucan?", frage ich und steige langsam aus dem Wagen. Wieder keine Reaktion. Er sitzt noch immer regungslos da und blickt aufmerksam die dunkle Straße entlang, als würde er auf etwas warten.
Verunsichert schlage ich die Autotür zu und beuge mich leicht zum offenen Fenster hinunter. Das Geräusch scheint ihn abrupt zurückzuholen.
„V. Steig wieder den Wagen."
Ich blinzle überrascht. „Wie bitte?"
„Steig. In. Den. Wagen." Das ist neu. Einen Befehlston aus seinem Mund ist mir fremd. „Was ist los-" Weiter komme ich nicht. Plötzlich werde ich brutal nach hinten gerissen. Ein Schrei entfährt mir, während ein scharfer Schmerz durch meine Kopfhaut zieht. Panisch reiße ich den Blick herum, doch ich erkenne kaum mehr als eine dunkle Gestalt hinter mir.
„Nicht", höre ich eine Frau rufen. Im nächsten Augenblick lässt mich die Person abrupt los. Noch bevor ich überhaupt reagieren kann, steht Lucan zwischen uns. Schützend. Sein Körper ist angespannt.
„Verschwindet", sagt er scharf.
Erst jetzt erkenne ich den Mann richtig, der mich gerade vom Wagen weggezogen hat. Für einen kurzen Moment glaube ich, etwas Schwarzes unter seiner Haut pulsieren zu sehen. Seine Hände zittern unkontrolliert und seine Augen leuchten in einem unnatürlichen violetten Ton.
Die Frau nähert sich uns langsam und hilft ihm vorsichtig auf. „Er wollte nicht", sagt sie hastig und sieht dabei direkt mich an. „Es tut mir leid."
„Ich hab gesagt, ihr sollt verschwinden." Lucans Stimme ist erschreckend hart.
Ich weiß nicht, wieso. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass der Mann mich nicht wirklich verletzen wollte. Er sieht nicht böse aus. Er sieht krank aus. Die Frau richtet ihren Blick erneut auf mich und plötzlich liegt etwas Hoffnungsvolles darin.
„Er braucht nicht viel", sagt sie leise. Ihre Worte gelten eindeutig mir. Ich verstehe überhaupt nichts.
„Was-?"
Noch bevor ich den Satz beenden kann, verändert sich der Ausdruck des Mannes schlagartig. Als würde etwas an ihm zerren. Sein Körper spannt sich an. Seine Finger krümmen sich und sein Blick richtet sich plötzlich direkt auf meinen Hals. Das violette Pulsieren in seinen Augen wird stärker. Als würde irgendetwas in ihm auf mich reagieren.
„Nicht hinsehen", sagt Lucan scharf. Doch es ist bereits zu spät. Im nächsten Moment passiert alles ganz schnell. Der Mann bewegt sich mit einer Geschwindigkeit auf mich zu, die nicht menschlich sein kann. Ich schrecke zurück, spüre plötzlich Lucans Arm um mich, während er mich hinter sich zieht. Ein grelles Licht flackert durch die Dunkelheit und ich höre etwas gegen die Hauswand krachen. Die Frau ergibt einen erstickten Schrei von sich. „Wir wollten ihr doch nicht wehtun."
Mein Herz hämmert so laut, dass ich kaum noch etwas anderes höre. Der Mann krümmt sich inzwischen am Boden, als hätte er dieser Lichtstrahl ihm schmerzen verursacht. Schwarze Adern ziehen sich seinen Hals hinauf, während er schwer atmet. Die Frau kniet sofort neben ihm. Neben mir hebt Lucan wieder die Hand und das grelle Licht um seine Finger wird heller. Ich starre ihn ungläubig an. Neben mir steht mein bester Freund und in seiner Hand flackert ein Licht, wie eine lebendige Flamme.








