Kapitel 1
Blutmond über Eisenwald
Werwölfe vergessen nicht.
Kapitel 1 – Das Heulen
Der Wald begann dort, wo die Straße endete – und etwas anderes anfing. Und niemand stellte Fragen, warum. Früher hatte es ein Schild gegeben.
Betreten verboten. Forstgebiet.
Es stand noch immer da, schief, vom Wetter zerfressen, die Schrift kaum lesbar. Doch jeder in Eisenwald wusste, dass dieses Schild nie der wahre Grund gewesen war, fernzubleiben. Die Wahrheit hatte keinen Namen. Nur Geschichten. Und Schweigen.
Eisenwald lag verborgen in den östlichen Karpaten, in einem abgelegenen Tal nahe der rumänisch-ukrainischen Grenze, wo die Berge noch wild und die Dörfer wie aus einer anderen Zeit wirkten. Hier endeten die asphaltierten Wege bereits nach dem letzten Ort, und selbst die Forstarbeiter mieden den dichten, urtümlichen Wald, den die Einheimischen nur, „Pădurea“ (der Wald) nannten. Die Region war geprägt von steilen Hängen, jahrhundertealten Fichten und Tannen sowie tiefen Schluchten, in denen der Nebel tagelang hängen blieb. Auf modernen Karten war dieser Teil kaum mehr verzeichnet – als hätte die Welt beschlossen, ihn zu vergessen. Hier lebten noch die alten Geschichten von Wölfen, die keine Wölfe waren, und von Menschen die in den Wald gingen und nie wieder herauskamen.
Der Wind, der hier entlangstrich, klang anders als auf den Feldern vor dem Dorf. Er verfing sich in den zerborstenen Kanten des Schildes und ließ ein leises, klagendes Pfeifen entstehen - ein dünner, zittriger Ton, der mal hoch und fast gläsern klang, dann wieder rau und heiser wurde, als würde Metall unter zu viel Kälte ächzen. Manchmal zog sich das Pfeifen in die Länge, langgezogen und schwermütig, wie der ferne Laut eines Zuges in der Nacht. Dann brach es plötzlich ab oder kippte in ein kurzes, scharfes Kreischen, das für einen Moment durch die Stille schnitt. Ein Ton, der sich kaum wahrnehmen ließ, solange man nicht still genug wurde. Manchmal schwoll dieses Pfeifen für einen kurzen Augenblick an, wurde heller und schärfer, bevor es wieder in der Dunkelheit des Waldes verschwand, als hätte etwas Unsichtbares direkt hinter den Bäumen geatmet. Dazwischen lag immer wieder eine beklemmende Stille, in der selbst der nächste Windstoß zu spät zu kommen schien. Der Geruch des Waldes lag bereits hier in der Luft. Feuchte Erde. Kaltes Moos. Verrottetes Laub, das seit Jahren keinen Sonnenstrahl mehr gesehen hatte. Mit jedem Windstoß kroch dieser schwere Duft ein Stück weiter aus den Bäumen hinaus auf die Straße, als würde der Wald selbst atmen. Hoch hoben bewegten sich die Kronen der Fichten langsam im Wind und erzeugten ein tiefes, rauschendes Flüstern, das klang, als würden dutzende Stimmen gleichzeitig sprechen – zu leise, um einzelne Worte zu erkennen. Hin und wieder knackte irgendwo zwischen den Stämmen ein Ast, dumpf und plötzlich, nur um sofort wieder vom endlosen Rauschen verschluckt zu werden. Früher hatte Jonas immer behauptet, das Schild würde flüstern. Lea hatte gelacht. Jetzt nicht mehr.
Und wenn man lange genug zuhörte, klang es nicht mehr wie Wind. Sondern wie Worte, die genau dann verstummten, wenn man versuchte, sie zu verstehen.
Lea hatte sich geschworen, nie wieder hierher zurückzukehren. Sie hatte diesen Ort seit Jahren gemieden. Nicht bewusst. Es war eher ein stilles Einverständnis zwischen ihr und dem Dorf gewesen: Man sprach nicht darüber, und man ging nicht dorthin. Nicht nach jener Nacht vor zehn Jahren. Nicht nach dem was sie gesehen hatte – oder glaubte gesehen zu haben. Damals war sie fünfzehn gewesen. Alt genug, um sich an alles zu erinnern. Zu jung, um zu verstehen, was es bedeutete. Der Wald hatte ihren Bruder verschluckt. Jonas. Und das Dorf hatte so getan, als wäre nichts passiert. Als hätte Eisenwald beschlossen, einen Teil seiner selbst zu vergessen. Oder als hätte das Dorf Angst, dass dieser Teil zurückkommt, wenn man sich erinnert.
Manchmal, in den Jahren danach, hatte sie nachts geglaubt, Schritte vor dem Haus zu hören. Ein leises Knirschen auf Kies. Drei Schritte. Pause. Dann wieder Drei. Genau wie damals, als Jonas spät abends noch hinausgeschlichen war. Sie hatte nie nachgesehen.
Einmal hatte sie es doch fast getan. Ihre Hand lag schon auf der Klinke. Und genau in diesem Moment hatte das Geräusch aufgehört. Nicht langsam. Nicht verhallend. Einfach – weg. Als wäre es nie da gewesen. Als hätte es nur darauf gewartet, dass sie reagiert.
Doch jetzt stand sie hier.
Die alte Landstraße hinter ihr war leer, die Straßenlaterne flackerte schwach im Wind, als würde sie gegen die Dunkelheit kämpfen – und verlieren. Vor ihr erhob sich der Wald wie eine schwarze Wand. Kein Licht drang zwischen die Bäume. Kein Geräusch, außer dem leisen Tropfen des Regens, der noch von den Ästen fiel. Der Nebel hing tief zwischen den Stämmen und bewegte sich träge über den Boden, als würde selbst er zögern, tiefer in den Wald vorzudringen. Die Dunkelheit dort wirkte nicht natürlich – dichter als normale Nacht. Schwerer. Das fahle Licht der Straßenlaterne reichte nur wenige Meter weit, bevor es vollständig von den Bäumen verschluckt wurde. Irgendwo knackte Holz. Langsam. Trocken. Nicht laut genug, um sicher sagen zu können, woher das Geräusch gekommen war.
Lea zog ihre Jacke enger um sich. In der einsamen stille war das leise knistern von Papier zu hören, jenes Briefes den sie in ihrer Hand hielt.
Der Regen hatte den Asphalt dunkel glänzend gemacht, und irgendwo sammelte sich Wasser in einer flachen Senke, in der sich das flackernde Licht der Laterne brach. Für einen Moment wirkte es, als würde sich dort etwas bewegen – als würde die Dunkelheit selbst atmen. Lea blinzelte, und es war verschwunden.
Doch das Gefühl blieb. Dieses unangenehme Ziehen im Nacken. Beobachtet zu werden – nicht von etwas vor ihr. Sondern von etwas hinter ihr. Auf der Straße. Dort, wo sie grade noch sicher gewesen war.
Der Brief hatte alles verändert. Er war vor drei Tagen angekommen. Kein Absender. Kein Stempel. Kein Datum. Nur ihr Name – in einer Handschrift, die sie sofort erkannt hatte. Jonas. Sie hatte ihn bestimmt schon zwanzig Mal gelesen, aber die Worte hatten nichts von ihrer Schwere verloren. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.
Das Papier roch seltsam. Nicht nach Staub oder altem Holz, wie man es erwarten würde. Es hatte diesen schwachen, metallischen Geruch – denselben, der jetzt in der Luft lag. Damals hatte sie gedacht, sie bilde sich das ein.
Jetzt wusste sie: Ihr Körper hatte es damals schon verstanden. Nur ihr Verstand hatte sich geweigert, nachzuziehen.
„Wenn du das liest, bin ich entweder tot... oder schlimmer.“
Sie hatte ihn nicht sofort geöffnet. Stundenlang hatte er auf dem Küchentisch gelegen, als würde er sie beobachten. Als würde er warten. Als sie ihn schließlich doch aufriss, hatte sie sich gewünscht, es nicht getan zu haben. Weil in dem Moment, in dem das Papier aufriss, etwas anderes begann. Nicht draußen. In ihr.
„Lea,
wenn du das liest, bedeutet das, dass ich es nicht geschafft habe zurückzukommen.
Oder das ich es nicht mehr darf.
Komm nicht in den Wald.
Egal, was du hörst.
Egal, wer dich ruft.
Es ist nicht mehr das, was du kennst.
Und ich...
bin es auch nicht mehr.“
Darunter stand nur ein Wort:
Es tut mir leid.
Das passte so gar nicht zu ihm. Ihr Bruder war nie jemand gewesen, der dramatische Worte benutzte. Jonas war praktisch gewesen. Ruhig. Derjenige, der Dinge reparierte, statt sie zu hinterfragen. Und dann war er verschwunden. Einfach so. Vor 10 Jahren. Ohne Abschied. Ohne Spur. Zu schnell. Lea ballte die Hand um den Brief. Das Papier war mittlerweile weich geworden, die Kanten ausgefranst. Sie erinnert sich noch genau an den Moment, als er angekommen war – als hätte ihn jemand lautlos dort abgelegt. Oder etwas.
Ein dumpfes Geräusch hatte sie damals aufsehen lassen. Kein Klopfen. Kein Klingeln. Eher wie... etwas, das von innen gegen das Holz der Tür gedrückt wurde. Als sie geöffnet hatte, war niemand da gewesen. Nur der Brief. Und ein feuchter Abdruck auf der Schwelle, der aussah wie ein verwischter Fußabdruck – zu lang, zu schmal. Lea hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Und am Morgen war sie losgefahren. Ohne Plan. Ohne jemandem Bescheid zu sagen. Als hätte etwas in ihr entschieden, bevor sie es selbst konnte. Jetzt stand
sie hier. Wieder.
Ein leises Knacken ließ sie zusammenzucken. Sie hob den Kopf. Der Wald antwortete nicht. Zu still. Das war das Erste, was ihr auffiel. Der Wind hatte sich gelegt. Zu plötzlich. Die Stille war falsch. Lea kannte Wälder. Sie war hier aufgewachsen. Sie wusste, wie sie klangen – lebendig, voller kleiner Geräusche. Tiere, die sich bewegten. Blätter die raschelten. Leben. Doch hier war nichts.Nicht friedlich. Nicht leer. Sondern gespannt. Erwartungsvoll. Lea kannte Wälder – sie wusste, wie sie normalerweise klangen. Raschelnde Blätter. Kleine Tiere im Unterholz. Das Knacken alter Äste im Wind. Doch hier fehlte all das. Es war, als hätte der gesamte Wald plötzlich beschlossen, still zu werden. Als würde etwas dafür sorgen, dass nichts mehr Geräusche machte. Nicht einmal ihr eigener Atem schien richtig zu klingen. Es war, als würde der Wald den Atem anhalten. Und dann - ein fernes Tropfen – nicht von Wasser. Zu unregelmäßig. Dicker. Schwerer. Als würde etwas von Ast zu Ast fallen, ohne je den Boden zu erreichen.
Und plötzlich fragte sie sich, wie lange dieses Tropfen schon da war. Ob es erst jetzt begonnen hatte – oder ob sie es vorher einfach nicht hören durfte. Ein kalter Wind strich plötzlich zwischen den Bäumen hindurch und ließ die hohen Äste über ihr langsam knarren. Für einen kurzen Moment bewegten sich die Schatten zwischen den Stämmen schneller als der Wind selbst. Lea spürte, wie sich die feinen Haare in ihrem Nacken aufstellten. Irgendwo weit oben flatterte hektisch etwas durch die Baumkronen – dann war wieder Stille.
Eine falsche Stille.
Als würde der Wald den Atem anhalten.
Ein Heulen.
Langgezogen. Tief. Nicht weit entfernt. Leas Herz setzte einen Schlag aus. Das war kein Hund. Kein Wolf, wie man ihn aus Dokumentationen kannte. Dieses Geräusch hatte etwas... anderes. Etwas, das sich in ihrem Inneren festsetze und dort eine uralte Angst weckte, die sie nie gekannt hatte – und doch sofort verstand.
Für einen flüchtigen Moment glaubte sie, ihren Namen darin zu hören. Kein klares Wort. Mehr ein Klang, der sich formte und wieder zerfiel. L...ea. Einbildung. Musste es sein.
Oder Erinnerung. Etwas, das schon einmal genau so geklungen hatte.
Geh nicht in den Wald.
Zu spät.
Der Gedanke kam nicht von ihr. Und das war das Schlimme daran.
Ihre Füße bewegten sich, bevor ihr Verstand sie aufhalten konnte. Sie machte einen Schritt nach vorn. Der Boden gab weich nach. Noch einen. Und die Dunkelheit schluckte das letzte Licht der Straße hinter ihr. Mit jedem Meter verschwand die Welt hinter ihr ein Stück mehr. Und dann war sie drin. Der Boden war weich und feucht, gab unter ihren Schuhen leicht nach. Sofort änderte sich die Luft. Schwerer. Feuchter. Kälter. Lea sog scharf die Luft ein. Der Geruch von Erde und nassem Holz lag schwer in der Luft. Es roch nach Erde. Nach verrottetem Holz. Und nach etwas anderem. Doch darunter lag noch etwas anders. Ein süßlich-metallischer Geruch, der sich auf ihre Zunge legte und mit jedem Atemzug stärker wurde. Die Luft war feucht und kalt, aber gleichzeitig stickig, als würde der Wald die Wärme festhalten. Zwischen den Wurzeln hing der Duft von nassem Fell und altem Wasser, das zu lange irgendwo gestanden hatte. Der etwas nach Metallischem riechende Unterton, ließ sie einfach nichtlos. Fast wie... Blut. Sie schüttelte den Kopf. Der Geruch setzte sich in ihrer Kehle fest. Metallisch. Süßlich. Falsch. Und egal wie flach sie atmete – er wurde stärker.
Unter ihren Schritten gab der Waldboden nach wie etwas, das zu lange unberührt war. Nicht nur weich – nachgiebig. Als würde sie nicht auf Erde laufen, sondern auf einer Schicht aus etwas, das sich erinnerte. Und mit jedem Schritt hatte sie das Gefühl, etwas zu wecken.
„Reiß dich zusammen“, murmelte sie.
Doch ihre Stimme klang gedämpft, als würde der Wald sie verschlucken, bevor sie sich ausbreiten konnte. Oder als würde er entscheiden, was gehört werden durfte. Es war, als würden die Bäume jedes Geräusch verschlucken, bevor es sich ausbreiten konnte. Selbst ihre Schritte wirkten fern und seltsam stumpf. Der Wald hatte eine eigene Akustik – als würde man sich unter Wasser bewegen.
Lea versuchte, sich zu orientieren, aber der Wald sah überall gleich aus. Die Bäume standen dicht, ihre Stämme wie Säulen, die den Himmel verdeckten. Manche Stämme wirkten so breit und alt, dass Lea sich unwillkürlich fragte, wie lange sie schon hier standen. Einige waren von dunklem Moos überzogen, das im schwachen Licht beinahe schwarz wirkte. Ihre knorrigen Wurzeln ragten aus der Erde wie erstarrte Finger. Immer wieder glaubte sie aus dem Augenwinkel Bewegungen zu sehen – langsame Verlagerungen zwischen den Bäumen, die verschwanden, sobald sie direkt hinsah. Wie hatte Jonas sich hier zurechtgefunden? Doch plötzlich knackte ein Ast. Irgendwo rechts von ihr. Lea erstarrte. Langsam drehte sie den Kopf. Nichts. Nur Bäume. Zu viele Bäume. Zu nah. Ein weiterer Schritt. Dann - zu nah. Das Wort blieb hängen. Als hätte es Gewicht. Als wäre es nicht nur eine Beschreibung, sondern eine Warnung. Sie blinzelte – und für einen Sekundenbruchteil hatte sie das Gefühl, die Bäume hätten sich verschoben. Nicht viel. Nur ein paar Zentimeter. Aber genug, dass der Raum enger wirkte. Als würde der Wald sie nicht hineinlassen... sondern festhalten.
Ein Geruch, plötzlich stärker. Warm. Frisch. Nicht alt wie verrottetes Holz. Etwas Lebendiges. oder grade erst Gestorbenes. Er legte sich auf ihre Zunge. Metallisch. Dick. Die schluckte – und hatte das Gefühl, etwas mit zu schlucken, das dort nicht hingehörte. Und dann war da dieser Gedanke. Kurz. Fremd. Nicht von ihr: Zu spät.
Ein Heulen.
Es schnitt erneut durch die Nacht wie eine Klinge. Lang. Tief. Unnatürlich. Lea fühlte, wie sich ihr der Magen zusammenzog. Das war definitiv kein gewöhnlicher Laut. Er vibrierte in ihrem Brustkorb, kroch unter ihre Haut, lies ihre Muskeln sich anspannen, als hätte ihr Körper entschieden, bevor ihr Verstand folgen konnte:
Gefahr.
Ihr Herz stolperte. Nicht schneller – falsch. Ein Schlag zu viel. Dann einer zu wenig. Ihr Atem setzte aus, setzte neu an. Zu flach. Zu hektisch. Und irgendwo zwischen zwei Herzschlägen war sie sich plötzlich sich: Dieses Geräusch kam nicht nur von draußen.
Ein zweites Heulen antwortete. Weiter entfernt. Dann ein drittes. Ein Muster. Kommunikation. Leas Herz begann zu rasen. Ihre Hände waren inzwischen so kalt, dass ihre Finger leicht zitterten. Gleichzeitig lief ihr Schweiß den Rücken hinab, obwohl die Luft eisig war. Ihr Körper wusste längst, was ihr Verstand noch nicht akzeptieren wollte: Hier stimmte etwas grundlegend nicht.
Nicht zufällig. Nicht chaotisch. Das war kein Rudel, das rief. Das war etwas, das sich verständigte. Über sie.
Links von ihr bewegte sich etwas zwischen den Stämmen. Kein Körper. Nur ein Schatten, der sich einen Moment zu spät an die Bewegung anpasste. Als würde er nicht ganz zu dem gehören, was ihn warf.
Lea kniff die Augen zusammen.
Der Schatten blieb stehen.
Die Bäume nicht.
„Okay...“ flüsterte sie. „Okay, das sind Wölfe. Einfach nur Wölfe.“ Doch sie glaubte sich selbst nicht. Nicht wirklich. Denn etwas daran war falsch. Zu koordiniert. Zu bewusst.
Und vor allem:
Zu ruhig davor.
Sie ging schneller. Zu schnell. Ein Fehler. Ihr Fuß blieb an einer Wurzel hängen, und sie stolperte nach vorne, fing sich gerade noch an einem Baumstamm. Ihre Handfläche brannte. Sie sah hinunter. Ein schmaler Schnitt. Blut. Ein Tropfen fiel auf den Boden. Und in diesem Moment veränderte sich etwas. Die Stille brach. Nicht laut. Nicht sichtbar. Aber spürbar. Wie ein Atemzug, der angehalten worden war – und nun langsam wieder einsetzte.
Für einen Moment geschah gar nichts. Nur das leise tropfen von Wasser irgendwo zwischen den Ästen. Ruhig. Gleichmäßig. Lea merkte plötzlich, wie laut ihr eigener Atem war. Wie hektisch. Sie zwang sich langsamer zu Atmen. Der Wald wirkte plötzlich fast normal. Fast. Ein schwacher Wind strich durch die Baumkronen und bewegte das dunkle Moos an den Stämmen. Irgendwo rieselte Erde von einer Wurzel. Sonst nichts.
Lea schluckte. Vielleicht hatte sie sich wirklich nur hineingesteigert. Möglicherweise waren die Geschichten genau das geblieben – Geschichten. Dann bemerkte sie, dass seit mehreren Sekunden kein einziges Geräusch von Insekten mehr kam.
Lea hob den Kopf und sah es. Zwischen den Bäumen. Augen. Mehrere. Gelb. Glühend. Unbeweglich. Sie starrten sie an. Nicht neugierig. Nicht vorsichtig. Sondern Hungrig. Sie blinkten nicht. Kein einziges Mal. Die Augen lagen regungslos zwischen den Stämmen und wirkten dadurch unnatürlich ruhig. Nicht tierisch. Eher wie etwas, das geduldig wartete. Beobachtete. Lernte. Leas Körper erstarrte. Sie wusste, sie sollte sich nicht bewegen. Nicht rennen. Nicht schreien. Doch ihr Herz hämmerte so laut, dass sie sicher war, alles im Wald konnte es hören. Sie machte einen Schritt, ganz vorsichtig. Die Augen, bewegten sich mit ihr. Sie machte noch ein Schritt. Dann – ein donnerndes Knurren. Tief. Warnend. Zu nah.
Der Tropfen Blut am Boden verschwand.
Nicht, weil er einsickerte.
Sondern weil etwas ihn nahm.
Ein leises Schmatzen war zu hören. Als würde jemand – oder etwas – den Geruch ihres Blutes kosten, lange bevor es sie erreichte.
Leas Finger zuckten. Nicht freiwillig. Als würde ihr Körper versuchen zu testen, ob sie sich noch bewegen durfte.
Das Knurren verstummte plötzlich. Nicht langsam. Nicht entfernt. Einfach weg. Lea blieb regungslos stehen. Ihr Herz schlug noch immer viel zu schnell, doch der Wald um sie herum lag wieder still zwischen den hohen Stämmen. Der Nebel kroch langsam über den Boden. Und wickelte sich um die Wurzeln wie kalter Atem. Für einen flüchtigen Moment glaubte sie sogar, die Spannung würde nachlassen. Dann merkte sie, dass die Augen zwischen den Bäumen nicht verschwunden waren. Sie hatten nur aufgehört zu Blinzeln.
„Du solltest nicht hier sein.“
Die Stimme war direkt hinter ihr. Lea fuhr blitzartig herum und prallte fast gegen ihn. Er war einfach da. Er roch nach Regen, Rauch und Wald. Nicht nach frischer Luft oder feuchtem Holz – sondern nach etwas Wilderem. Nach kalter Erde, nassem Fell und Nächten ohne Feuer. Seine Nähe brachte Wärme mit sich, aber keine beruhigende. Eher die gefährliche Wärme eines Feuers, das jederzeit außer Kontrolle geraten konnte. Für einen flüchtigen Moment glaubte Lea sogar, Blut zu riechen. Alt. Metallisch. Fast verborgen unter allem andern. Kein Geräusch. Kein Hinweis. Als hätte er schon die ganze Zeit dort gestanden. Zu nah. Viel zu nah. Lea wich sofort zurück. Ihr Herz raste noch schneller.
Zu schnell.
Zu nah.
Zu plötzlich.
Er wich nicht zurück.
Nicht einmal einen Zentimeter.
Und während sie versuchte, Abstand zu schaffen, merkte sie:
Er ließ ihn nicht größer werden.
Aber auch nicht kleiner.
Und genau das war das Erste, was nicht stimmte.
Und das schlimmste daran war nicht, das er da war. Sondern, dass ein Teil von ihr das Gefühl hatte, dass er schon länger da gewesen war. Für einen Sekundenbruchteil glaubte sie, hinter ihm noch eine zweite Silhouette zu sehen – größer, verzerrt. Sie blinzelte. Da war nichts mehr.
Aber sein Schatten lag falsch.
Das Licht traf ihn von vorne.
Der Schatten fiel zur Seite.
Doch ihr Körper reagierte trotzdem.
Ein kalter Schauer, der nichts mit der Temperatur zu tun hatte.
„Verdammt!“ entfuhr es ihr. „Bist du wahnsinnig?!“ Der Mann reagierte kaum, sein Blick glitt kurz über sie, prüfend. Dann zu den Augen im Wald. Dann wieder zu ihr. „Du blutest.“
Der Geruch traf Elias sofort. Blut. Nicht viel. Nur ein schmaler Schnitt. Trotzdem spannte sich etwas in ihm an. Schneller, als es Sinn ergab und schneller, als ihm lieb war. Er hasste es. Sie war ein Mensch. Eine Fremde. Eigentlich hätte ihr Geruch ihm nichts bedeuten dürfen. Und doch konnte er plötzlich jedes Detail wahrnehmen. Den schnellen Herzschlag. Die Angst. Die Wärme ihrer Haut. Etwas in ihm wollte näher. Elias drängte den Impuls sofort zurück.
Seine Stimme war ruhig.
Zu ruhig.
Als wäre das hier nichts Neues für ihn. Lea zog instinktiv die Hand zurück. „Das geht dich nichts an.“ Ein winziger Moment später, dann trat er einen halben Schritt näher. Lea spannte sich an.
Sie hätte zurückweichen können.
Tat es aber nicht.
„Doch“, sagte er leise. „Hier schon.“
Sie sollte verschwinden. Sofort. Noch bevor das Rudel ihren Geruch aufnahm. Noch bevor der Wald entschied, was er mit ihr anfangen wollte. Noch bevor er selbst herausfinden müsste, warum sein Blick wieder zu ihr zurückkehrte. Sie war doch nur Jonas kleine Schwester, mit der er nie was zu tun hatte. Er hatte sie seit 10 Jahren nicht gesehen, nicht seit jener Nacht. Bis er vor einigen Wochen im Supermarkt Besorgungen für das Rudel machte. Dort lief sie an ihm vorbei und seit jenem Tag, zieht es ihn immer wieder in ihre Nähe. Es ergab keinen Sinn. Er kannte sie nicht. Und trotzdem fühlte sich ihre Anwesenheit falsch vertraut an.
Seine Augen trafen plötzliche ihre und für einen Moment war da etwas – etwas intensives. Etwas Gefährliches. Nicht nur Angst. Etwas anderes. Etwas, das sie nicht ein ordnen konnte.
Er blinzelte nicht. Nicht ein einziges Mal. Nicht einmal, als der Wind ihm feuchte Haarsträhnen ins Gesicht wehte. Sein Blick blieb vollkommen ruhig auf ihr liegen – zu ruhig. Menschen bewegten sich ständig, selbst unbewusst. Kleine Zuckungen. Blinzeln. Muskelbewegungen. Bei ihm fehlte all das für einen Moment völlig.
Und obwohl ihr Instinkt schrie, den Blickkontakt zu brechen... tat sie es nicht.
Verdammt! Sie hätte wegsehen sollen. Menschen sahen weg. Sie spürten instinktiv, wenn etwas nicht stimmte. Doch sie hielt seinem Blick stand. Und etwas daran brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Nicht Angst. Nicht Mut. Etwas anderes. Etwas, das er nicht benennen konnte.
„Wer bist du?“, fragte sie. „Jemand, der dich lebend hier raus bringen kann“.
Lebend.
Er hatte das Wort nicht betont.
Und genau deshalb blieb es hängen.
„Und warum sollte ich dir glauben?“ Ein schwaches, fast müdes lächeln, umspielte seinen Mund. „Solltest du nicht.“
Da war es wieder.
Dieses Gefühl.
Nicht Erleichterung.
Nicht Vertrauen.
Etwas Gefährlicheres.
Als würde ein Teil von ihr sagen:
Zu spät, du tust es sowieso.
Das Knurren wurde lauter. Kam näher. Die Augen rückten vor. Lea sah es jetzt klarer. Wölfe. Groß. Eigentlich viel zu groß für einen Wolf, aber es waren ganz klar Wölfe. Ihr Atem stockte. „Was... sind das für Wölfe?“ Der Mann antwortete nicht sofort, stattdessen sagte er: „Warum bist du hier?“ Lea blickte immer wieder im wechsel zu dem Mann und den Wölfen, als sie wieder den Mann anschaut sagt sie: „Ich habe dir zuerst eine Frage gestellt.“ Der Mann sagt kurz und knapp: „Und ich habe dir gerade vielleicht das Leben gerettet.“
Plötzlich kamen die Wölfe einen weiteren Schritt näher und Lea konnte nun ihre Umrisse genau erkennen. Muskeln unter dichtem Fell. Lange Gliedmaßen. Zu lang. Zu Falsch. Alles in dieser Situation wirkte irgendwie nicht richtig. Der Wind änderte plötzlich seine Richtung und trug ihren Geruch direkt tiefer zwischen die Bäume hinein. Sofort spannte sich etwas in der Dunkelheit an. Lea hörte leises Scharren im feuchten Waldboden. Schweres Atmen. Das kaum hörbare An einander schaben von Krallen auf Stein.
Zwischen den Stämmen bewegten sich Schatten. Langsam. Kreisend.
Der Geruch von nassem Fell wurde stärker. Wärmer. Wilder.
Dann wieder stille.
Kurz.
„Ich suche meinen Bruder“, sagte sie schließlich. Seine Reaktion war minimal, aber da. Ein Zucken im Blick. „Name.“ „Jonas.“ Stille. Schwer. Dicht. Der Wald selbst schien zuzuhören. „Du bist zu spät“, sagt er schließlich. Leas Herz zog sich zusammen. „Was heißt das?“ Keine Antwort. Nur ein Blick. Und in diesem Blick lag etwas, das ihr mehr Angst machte als alles andere bisher. Mitleid. Das Knurren brach jetzt vollständig durch die Stille. Einer der Wölfe trat ins schwache Mondlicht. Lea sog scharf die Luft ein. So groß. Die Hinterbeine stärker ausgeprägt. Die Schultern breit. Der Kopf... wolfartig. Aber die Augen – wirkten anders... zu intelligent... zu bewusst... zu hungrig. „Nicht bewegen“, flüsterte der Mann. Lea hörte jetzt ihr Atmen. Tief. Rau. Nass. Viel zu nah. Zwischen den dunklen Stämmen bewegten sich gewaltige Schatten lautlos durch das Unterholz. Das leise Knirschen ihrer Schritte wirkte beinahe vorsichtig – als würden sie genau wissen, wann sie gehört werden wollten und wann nicht. Lea gehorchte, ohne zu überlegen. Etwas an seiner Stimme ließ keinen Widerspruch zu. Der Wolf machte einen Schritt näher. Schnupperte. Sein Blick blieb an Lea hängen. Dann – abruptes Zucken. Der Mann fluchte leise. „Verdammt... sie haben dich gewittert“, flüsterte er ihr leise zu.
„Was...“, begann Lea den Satz. Wurde jedoch ruckartig unterbrochen, als er plötzlich ihr Handgelenk fest packte. Zu fest. Lea keuchte auf.
Sein Griff war warm.
Unnatürlich warm.
Und er ließ nicht sofort los.
„Hey! Lass mich...“, doch er unterbrach ihren Satz erneut. „Wenn du jetzt nicht läufst“, sagte er, und seine Stimme hatte sich verändert – dunkler, gefährlicher... Lauf. Bitte lauf. Entfern dich von mir. Von diesem Wald. Von allem, was hier lauert. Der Gedanke traf ihn so unerwartet, dass er selbst darüber erschrak. Denn während ein Teil von ihm sie fortschicken wollte, kämpfte ein anderer mit aller Kraft gegen den Drang, sie nicht mehr loszulassen. Er verstand es nicht. Sie war niemand für ihn. Sollte niemand für ihn sein. Und doch fühlte sich der Gedanke, sie jetzt aus den Augen zu verlieren, schlimmer an als die Wölfe hinter ihnen.
„stirbst du.“
Keine Panik in seiner Stimme.
Keine Unsicherheit.
Nicht einmal Zweifel.
Er sagte es wie etwas, das er schon gesehen hatte.
Für einen kurzen Augenblick wirkte alles seltsam fern. Das Heulen. Die Bäume. Selbst die Angst. Lea nahm plötzlich kleine Dinge wahr, die vorher untergegangen waren: den feinen Regen auf ihrer Haut, den Geruch von Harz, das leise Knirschen von Stoff, wenn Elias sich bewegte. Viel zu nah. Sie konnte seine Wärme spüren, obwohl die Nacht eisig war. Und irgendwo tief in ihr entstand ein schrecklicher Gedanke: Wenn hier draußen wirklich Monster existieren.... warum fühlte sich seine Nähe dann sicherer an als der Wald?
In dem Moment wo er das aussprach, trafen sich ihre Blicke. Ganz nah. Zu nah. Und für einen Moment war da kein Wald. Keine Wölfe. Nur dieser fremde Mann. Und etwas, das sich anfühlte wie – Vertrauen?
Nein.
Es musste etwas Gefährlicheres sein.
Weil Vertrauen nicht so schnell entsteht.
Und sich nicht so falsch anfühlte.
„Wer bist du?“, flüsterte sie. Ihr Herz kloppte ganz wild, ein Herzschlag und noch einer... dann neigte er den Kopf ganz nah an ihr Ohr und flüsterte: „Elias.“ Dabei streifte sein Atem ihren Hals, Lea hielt für einen Augenblick den Atem an, ein wohliger Schauer lief ihr über den Körper.
Ihr Körper reagierte schneller als ihr Verstand.
Und das machte ihr mehr Angst als alles andere hier draußen.
Dieser Moment endete jäh, als das Knurren explodierte und die Wölfe sich in Bewegung setzten. Ihre Bewegungen waren verdammt schnell. Viel zu schnell. Niemand bewegte sich. Nicht Lea. Nicht der Fremde. Nicht einmal die Wölfe. Der Wald wirkte eingefroren. Als hätte die Nacht selbst entschieden zu warten. Lea hörte nur ihren Herzschlag und irgendwo hoch oben das langsame Knarren einer Baumkrone im Wind. Der Geruch von feuchter Erde wurde schwerer. Wärmer. Langsam senkte ein Wolf den Kopf. Nicht bedrohlich. Fast neugierig. Und genau das macht es schlimmer. Als plötzlich einer der Wölfe die Hinterläufe an spannte. Lea sah, wie sich Muskeln unter dem dunklen Fell bewegten. Langsam. Kraftvoll. Bereit zum Sprung. Das Knurren wurde tiefer und vibrierte im Boden unter ihren Füßen. Im selben Moment riss Elias sie mit sich.
„LAUF!“
Und diesmal war es nicht nur ein Befehl.
Es war ein Urteil.
Hinter ihnen brach sofort hektisches Rascheln durch die Dunkelheit. Äste knackten. Schwer. Schnell. Für einen kurzen Moment glaubte Lea, dass sich der Wald selbst bewegte. Dass die Bäume näher rückten, um ihnen den Weg abzuschneiden.








