Chapter 1
Levi
Es gibt Menschen, die sich an ihren ersten Kuss erinnern.
An ihr erstes gebrochenes Herz.
An ihren ersten Schultag.
Ich erinnere mich an meine erste Kamera.
Ich war zwölf, als mein Großvater mir seine alte Spiegelreflexkamera schenkte. Das Ding war verkratzt, schwer und wahrscheinlich älter als ich selbst.
Ich liebte sie sofort.
Während andere Kinder Football spielten oder Videospiele zockten, lief ich durch die Gegend und fotografierte alles, was mir vor die Linse kam.
Sonnenuntergänge.
Verlassene Häuser.
Menschen.
Besonders Menschen.
Weil ein Foto oft mehr über jemanden verriet als tausend Worte.
Ein Lächeln konnte gespielt sein.
Ein Blick nicht.
Vielleicht wurde die Fotografie deshalb irgendwann mehr als nur ein Hobby für mich.
Sie wurde meine Art, die Welt zu verstehen.
Und genau deshalb landete ich Jahre später bei einer der größten Agenturen des Landes.
Nicht als Model.
Nicht als Influencer.
Sondern hinter der Kamera.
Dort, wo ich immer sein wollte.
Mein Handy vibrierte auf dem Schreibtisch.
Adam.
Natürlich.
Ich nahm den Anruf an.
„Wenn du wieder fragst, ob ich heute Abend mit in irgendeinen Club komme, ist die Antwort nein.”
„Wow. Guten Morgen auch für dich.”
Ich grinste.
„Was willst du?”
„Mason hat Grillen angekündigt.”
„Heute?”
„Ja.”
„Dann bin ich dabei.”
„Siehst du? Du liebst uns.”
„Ich ertrage euch.”
Adam lachte.
„Bis später, Prinzessin.”
Ich legte auf.
Manchmal fragte ich mich ernsthaft, warum Adam Reed einer meiner besten Freunde war.
Dann erinnerte ich mich daran, dass wir uns seit der Highschool kannten.
Er war laut.
Ich war ruhig.
Er flirtete mit allem, was einen Puls hatte. Ich sprach lieber mit meiner Kamera. Irgendwie funktionierte es trotzdem.
Genauso wie mit Mason. Mason war schon immer der Typ gewesen, dem alles zuflog.
Talent.
Beliebtheit.
Frauen.
Und trotzdem hatte er nie so gewirkt, als würde er es ausnutzen.
Nicht wirklich.
Vor allem nicht, als Ellie in sein Leben trat. Ich lehnte mich in meinem Stuhl zurück.
Ellie.
Ein leichtes Lächeln erschien auf meinem Gesicht.
Als Mason sie uns damals vorgestellt hatte, war mir sofort aufgefallen, wie wunderschön sie war.
Jeder Mann mit funktionierenden Augen hätte das bemerkt. Aber genauso schnell hatte ich verstanden, dass sie und Mason zusammengehörten.
Manche Menschen passten einfach. Wie zwei Puzzleteile. Deshalb war Ellie für mich nie mehr als eine Freundin geworden.
Eine verdammt gute Freundin.
Die Art von Freundin, die immer für andere da war. Die jeden Raum heller machte.
Die einem Cupcakes vorbeibrachte, wenn man einen schlechten Tag hatte.
Die sich mehr Sorgen um andere machte als um sich selbst.
Deshalb hatte es uns alle zerstört, sie im Krankenhaus zu sehen.
Regungslos.
Blass.
An Maschinen angeschlossen.
Ich schluckte.
Noch heute zog sich etwas in meiner Brust zusammen, wenn ich daran dachte.
Wochenlang hatten wir nicht gewusst, ob sie jemals wieder aufwachen würde. Mason hatte das Krankenhaus kaum verlassen. Adam hatte plötzlich aufgehört, Witze zu machen.
Und ich…
Ich hatte Fotos gelöscht.
Hunderte Fotos. Weil ich ihren Anblick auf der Intensivstation nicht ertragen konnte.
Meine beste Freundin lag im Koma. Und alles hatte mit Scarlett Hayes begonnen. Allein ihr Name reichte aus, um meinen Kiefer anzuspannen.
Scarlett.
Das Mädchen, das immer alles gehabt hatte.
Geld.
Aufmerksamkeit.
Bewunderung.
Und dem das nie gereicht hatte.
Sie hatte Ellie verraten. Immer wieder. Jahrelang. Manipuliert. Gelogen. Und als die Wahrheit schließlich ans Licht gekommen war, hatte sie auch noch Mason geküsst.
Den Mann ihrer besten Freundin.
Ich konnte bis heute nicht begreifen, wie man jemandem, den man angeblich liebte, so etwas antun konnte.
Danach war Scarlett verschwunden.
Einfach weg. Keiner von uns hatte sie gesehen. Keiner hatte versucht, Kontakt aufzunehmen.
Und ganz ehrlich?
Mir hatte sie kein bisschen gefehlt. Für mich war sie genau dort, wo sie hingehörte.
In der Vergangenheit.
Und genau dort würde sie auch bleiben. Zumindest glaubte ich das damals noch. Denn manchmal reicht ein einziger Moment aus, um alles zu verändern.
Und ich hatte keine Ahnung, dass dieser Moment bereits auf dem Weg zu mir war.
Die Sonne stand bereits tief, als ich bei Mason ankam.
Schon von der Einfahrt aus hörte ich Adams Stimme.
„Das zählt nicht! Das war Betrug!”
Ich verdrehte die Augen.
Keine fünf Sekunden hier und Adam schrie bereits herum.
Neuer Rekord.
Im Garten standen Mason und Adam vor einem kleinen Plastik-Basketballkorb.
Adam hatte offensichtlich verloren.
Wieder.
„Du bist zwei Meter groß!”, beschwerte er sich.
Mason hob eine Augenbraue.
„Ich bin eins achtundachtzig.”
„Für normale Menschen ist das zwei Meter.”
„Du bist einfach schlecht.”
„Ich bin nicht schlecht!”
Der Ball flog durch die Luft.
Klatsch.
Direkt gegen Adams Gesicht.
Ich brach in Gelächter aus. Adam starrte uns empört an.
„Habt ihr das gesehen?”
„Ja”, sagte Mason trocken.
„Und?”
„War lustig.”
Adam zeigte ihm den Mittelfinger.
„Ihr seid beide schreckliche Freunde.”
„Und trotzdem kommst du immer wieder.”
„Weil ich euch liebe.”
„Das ist traurig.”
„Halt die Klappe, Levi.”
Ich nahm mir ein Bier vom Tisch. Genau in diesem Moment kam Ellie aus dem Haus. Mit einer riesigen Schüssel Nudelsalat.
„Wenn ihr heute wieder etwas kaputt macht, repariert ihr es selbst.”
„Wir haben noch nie etwas kaputt gemacht”, sagte Adam.
Ellie blieb stehen.
„Adam.”
„Ja?”
„Vor drei Monaten hast du versucht, auf dem Gartentisch zu tanzen.”
„Das war Kunst.”
„Du bist durch den Tisch gebrochen.”
„Der Tisch war schwach.”
Mason verschluckte sich fast vor Lachen. Ellie stellte den Salat ab.
„Und letztes mal?”
Adam runzelte die Stirn.
„Was war letztes mal?”
„Die Hüpfburg.”
Sein Gesicht wurde blass.
„Darüber reden wir nicht.”
Jetzt lachten wir alle. Sogar Mason. Die Hüpfburg-Geschichte würde Adam vermutlich bis an sein Lebensende verfolgen.
„Zur Erinnerung”, sagte Ellie grinsend. „Du dachtest, du könntest einen Rückwärtssalto.”
„Konnte ich auch.”
„Du bist direkt durch die Seitenwand geflogen.”
„Technisch gesehen habe ich den Salto geschafft.”
„Technisch gesehen lagst du danach im Rosenbeet.”
Adam deutete auf Ellie.
„Weißt du, warum ich dich früher mochte?”
„Früher?”
„Bevor du angefangen hast, meine Fehler zu dokumentieren.”
Ellie grinste.
„Zu spät.”
Für einen Moment wurde ich still. Es war gut, sie so zu sehen.
Lachend.
Gesund.
Glücklich.
Noch vor wenigen Monaten hatten wir nicht gewusst, ob wir dieses Lächeln jemals wiedersehen würden.
Offensichtlich dachte Mason dasselbe. Sein Blick ruhte auf ihr.
Warm.
Liebevoll.
Verdammt verliebt.
Ellie bemerkte es natürlich sofort.
„Was?”
„Nichts.”
„Mason.”
„Gar nichts.”
„Du starrst.”
„Darf ich meine Freundin nicht ansehen?”
Adam würgte laut.
„Oh Gott.”
„Was?”
„Ihr seid widerlich.”
Ellie lachte.
„Du bist nur neidisch.”
„Natürlich bin ich neidisch. Die Frau, mit der ich letzte Woche ausgegangen bin, hat mich verlassen, weil ich angeblich emotional nicht verfügbar bin.”
„Bist du aber”, sagte ich.
„Danke für die Unterstützung.”
„Immer wieder gern.”
Adam seufzte schwer.
„Eines Tages werde ich bessere Freunde finden.”
„Nein wirst du nicht”, sagte Mason.
„Warum?”
„Weil niemand sonst dich erträgt.”
Diesmal flog ein Brötchen nach Mason.
Und traf stattdessen Ellie.
Stille.
Absolute Stille.
Adam erstarrte.
„Oh nein.”
Ellie hob langsam das Brötchen auf.
„Adam.”
„Ja?”
„Lauf.”
Adam rannte los. Ellie direkt hinterher. Wir lachten uns halb tot, während die beiden quer durch den Garten jagten.
Vielleicht war genau das der Grund, warum ich diese Menschen so mochte.
Mit ihnen wurde es niemals langweilig. Nicht einmal für eine Sekunde.
Und während Adam um sein Leben rannte und Ellie ihm drohte, ihn umzubringen, hatte ich keine Ahnung, dass sich mein eigenes Leben schon bald komplett verändern würde.
Wegen einer Person, an die ich seit Monaten keinen Gedanken mehr verschwendet hatte.
Scarlett Hayes.








